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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 14.06.2014

KZ-Überlebender"Auschwitz war ein seltsamer Ort"

Erinnerung eines ehemaligen Häftlings an die Zeit im Vernichtungslager

Jozef Paczynski im Gespräch mit Margarete Wohlan

(Deutschlandradio - Margarete Wohlan)
Das Eingangstor zum Konzentrationslager Auschwitz I mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei". (Deutschlandradio - Margarete Wohlan)

Sie sterben aus - die, die Auschwitz überlebt haben. Und erzählen können, wie es war. Der heute 94-jährige Jozef Paczynski war während des Zweiten Weltkriegs politischer Häftling in Auschwitz. Im Tacheles-Gespräch erinnert er sich - auch an die Zeit als Friseur des KZ-Kommandanten Rudolf Höß.

Margarete Wohlan hat Paczynski in seiner Krakauer Wohnung besucht und ihn befragt: Nach seinem Verhältnis zu Höß, dem täglichen Überlebenskampf im Vernichtungslager, und was er über Deutschland denkt.

Deutschlandradio Kultur: Heute mit Margarete Wohlan – und zwar aus Krakau. Aus einer Wohnung in der Altstadt, zu Gast bei Jozef Paczynski. Guten Tag – Dzien dobry, Pan Paczynski.

Jozef Paczynski: Dzien dobry. Guten Tag.

Deutschlandradio Kultur: Sie sind  94 Jahre alt. Einer der letzten Auschwitz-Überlebenden. Was empfinden Sie, wenn Sie auf Deutsch für ein deutsches Medium – das Deutschlandradio Kultur – interviewt werden?

Jozef Paczynski: Wissen Sie, ich habe in der Schule Deutsch gelernt, konnte also ein bisschen die Sprache, als ich nach Auschwitz kam, aber nicht viel. Das kam dann dort von ganz allein: Kaufen, wie viel wird sein? Dort habe ich das, was man im Alltag brauchte, gelernt. Sie fragen, was ich empfinde. Es ist in der Tat die Sprache der Mörder, leider. Aber nicht nur, es gab auch andere. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: in Auschwitz gab es zwei Ärzte, beide haben vor dem Krieg an der Medizinischen Hochschule in Posen studiert – jetzt trug der eine die SS-Offiziersuniform und der andere war Häftling. So war’s! Also: ich finde es nicht seltsam, deutsch zu hören.  

Deutschlandradio Kultur: Sie waren erst 19 Jahre alt, als Sie im Juni 1940 nach Auschwitz kamen – als politischer Häftling, der für ein freies Polen kämpfte. Das war der Grund. Sie bekamen die Nummer 121 – gehörten also zu den ersten KZ-Häftlingen dort. Wie war die Ankunft?

Es gibt nur einen Weg hier raus: den Schornstein des Krematoriums

Jozef Paczynski: Es war ungefähr drei Uhr früh, als der Zug, in dem wir fuhren, anhielt. Ein kleiner Bahnhof, an der Wand stand in gotischen Buchstaben "Auschwitz". Alles raus, alles raus! Die SS-Männer warfen uns aus dem Zug, traten oder schlugen zu, wenn ihnen danach war. Ihnen zur Seite standen ungefähr 30 Helfer, Zivilisten, starke, große Männer. Die hatte – wie wir später erfuhren – Höß aus dem KZ Sachsenhausen nach Auschwitz gebracht. Das waren deutsche Berufsverbrecher, die zwar Häftlinge blieben, aber Aufseher-Funktionen übernahmen. Sogenannte Kapos. Wir waren 728 Häftlinge. Mussten uns aufstellen, und dann begrüßte uns ein SS-Offizier. Ich stand in der ersten Reihe. Und er sagte Folgendes, wirklich, Wort für Wort!! "Ihr seid hier nicht in ein Sanatorium gekommen, sondern in ein deutsches Konzentrationslager. Hier lebt man längstens drei Monate. Falls es Geistliche oder Juden gibt – und die gab es -, dann können sie sechs Wochen leben. Es gibt für einen Häftling nur einen Weg hier raus: durch den Schornstein des Krematoriums." Tja, es gab eine Absicht hinter dieser Ansprache: man wollte uns psychisch brechen.

Deutschlandradio Kultur: Wie hat es auf Sie gewirkt, Herr Paczynski, diese Rede von Fritzsch?

(Deutschlandradio - Margarete Wohlan)Jozef Paczynski hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. (Deutschlandradio - Margarete Wohlan)

Jozef Paczynski: Wissen Sie, das ist seltsam – aber keiner von uns konnte sich vorstellen, was das soll. Wir konnten nicht glauben, was er da sagte, dieser Lagerführer Karl Firtzsch. Er war der Stellvertreter des Kommandanten – und derjenige, der uns so "geschmackvoll" begrüßt hat.

Deutschlandradio Kultur: Herr Paczynski, Sie "sind nicht durch den Kamin gegangen" – wie Karl Fritzsch es zynisch nannte. Sondern Sie sind geblieben und waren bis Januar 1945 im KZ Auschwitz. Kann man sagen, dass das Friseur-Handwerk Sie gerettet hat?

Jozef Paczynski: Moment, nicht so schnell! Zunächst: ich war kein Friseur. Mir hat aber einer von den Berufsverbrechern geholfen, ein Kapo – Otto Kiesel. Er war im Arbeitsdienst, und er war total in Ordnung. Größer als ich, immer lächelnd. Er hat mich ausgesucht, damit ich im SS-Revier arbeite. Das war ein Gebäude neben dem Krematorium, wo die Lagerleitung saß. Und da gab es im Erdgeschoss einen Friseur- und Kosmetikladen, daneben eine Apotheke, eine Zahnarzt-Praxis, links eine Kantine und im ersten Stock eine Krankenstation – das alles natürlich nur für die SS!!! Ich fing in dem Friseurladen an. Und arbeitete gut! Später durfte ich dann den SS-Männern auch mal die Haare schneiden!

Deutschlandradio Kultur: Herr Paczynski, hatten Sie durch Ihren Friseur-Job Privilegien?

Jozef Paczynski: Prosze Pania, das Privileg bestand darin, dass ich ein Dach überm Kopf hatte während der Arbeit, dass es warm war und sauber. Aber auch wir arbeiteten unter der Aufsicht der SS! Und es gab überall diese Zettel an der Wand, mit der Aufschrift: "Feind hört mit". Man musste immer aufpassen.

Deutschlandradio Kultur: Ihr erstes Weihnachtsfest im KZ Auschwitz 1940 – Sie sind Pole, Katholik, wollen dieses Fest unbedingt feiern, nehme ich an. Ist es Ihnen gelungen?

Wo kamen all die Instrumente her?

Jozef Paczynski: Dieser erste Heiligabend war ein Tag wie jeder andere, zunächst. Wir gingen zur Arbeit, kamen zurück, es gab den Abendappell, danach hatte man frei. Ich ging auf die Wiese, es wurde langsam dunkel. Und dann hörte ich sie plötzlich spielen, und singen. Ich ging dem Gesang nach. Vor der Küche stand ein Weihnachtsbaum – die Nazis hatten erlaubt, ihn aufzustellen. Mit Lichtern, wunderschön. Am Baum zwei Männer, die auf einer Ziehharmonika spielen, und um sie herum eine Gruppe Häftlinge, die dazu singt. Wir waren zu der Zeit etwa 8000 Häftlinge in Auschwitz. Nur Polen. Sie spielten also polnische Weihnachtslieder, und wir sangen alle mit! Als die SS-Leute das hörten – sie waren im Block direkt neben dem Eingang, wo "Arbeit macht frei" steht –, kamen sie raus und zu uns rüber, vor den Weihnachtsbaum. Blieben stehen, störten uns nicht. Aber am nächsten Tag haben sie es dem Lagerführer Fritzsch gemeldet. Und wissen Sie was? Das Problem war nicht, dass wir gespielt und gesungen haben! Das Problem war, dass wir es geschafft hatten, die beiden Ziehharmonikas ins Lager zu schaffen. Trotz des doppelten Stacheldrahts, der hohen Stromspannung, einem einzigen Tor, Kontrollen und Leibesvisitationen!! Woher kamen diese Instrumente?! 

Deutschlandradio Kultur: Das hat die SS-Leute beschäftigt?

Jozef Paczynski: Ja! Es war ihnen unheimlich! Nach dem Weihnachtsfest gab Karl Fritzsch bekannt: alle Häftlinge, die zuhause ein Instrument haben, sollen nach Hause schreiben und bitten, dass man es ihnen schickt. Man würde ein Orchester gründen und alle, die ein Instrument haben, könnten da mitmachen. Die Instrumente kamen, es kamen auch immer mehr Musiker, man fand auch einen Kapellmeister – den Häftling Franz Nierychlo, ein Kapo aus der Küche, und vor dem Krieg Kapellmeister im Krakauer Post-Orchester. Er hat das Orchester organisiert und geleitet Und das spielte sooo schön Die Musiker waren hervorragend! Viele von ihnen hatten ja am Konservatorium studiert! In Paris, Wien, Warschau! Und alle haben sich für das Orchester gemeldet.

Deutschlandradio Kultur: War das Orchester für die SS-Leute oder für die Gefangenen, für die Häftlinge? Für wen spielte das Orchester?

Jozef Paczynski: Das Orchester spielte uns jeden Morgen, wenn wir zur Arbeit gingen, einen Marsch. Und wenn wir von der Arbeit zurückkamen auch. Aber für uns klang es unterschiedlich: morgens waren wir stark und gesund – abends waren viele Toten dabei, ermordet oder aus Schwäche gestorben. Und das Orchester spielte! Schöne Märsche, Fanfaren, den Einzug der Gladiatoren, Alte Kameraden, den Radetzky-Marsch – wirklich beeindruckend. Auch symphonische Werke. Ich habe nie wieder danach so schöne Musik gehört wie bei unserem Orchester. Den Kalifen von Bagdad. Auf einem Persischen Markt. Sie glauben nicht, welche wunderschönen Werke gespielt wurden – für uns! Tja, uns – am Sonntag, wenn das Wetter schön war, da gingen alle Musiker mit ihren Instrumenten zur Villa des Lagerkommandanten Höß und gaben für ihn ein Konzert. Und wir hörten es auch. Tja, das KZ Auschwitz war schon ein seltsamer Ort: hier mordeten sie – und nebenan spielte das Orchester, mitten im Blumenbeet.

Deutschlandradio Kultur: Können Sie heute diese Konzerte, diese Musik hören – oder geht das nicht mehr, nachdem, was in Auschwitz war? 

Jozef Paczynski: Nein, nein! Ich höre heute sehr gern zum Beispiel das Neujahrskonzert aus Wien und bemühe mich, es nicht zu verpassen. Ach, das war ein schönes Orchester dort – was für Stücke! Das Orchester spielt, spielt, wird immer leiser – und plötzlich, irgendwo aus der hintersten Lagerbaracke, ertönt eine Trompete, weit entfernt, wie ein Echo. Ein Häftling, der spontan mitmachte – so schön!

Deutschlandradio Kultur: Wie kann man das, Herr Paczynski, wie kann man da leben? In dieser Schizophrenie? In dem, dass da so etwas Schönes ist – und Sie haben gerade wirklich Tränen in den Augen gehabt, als Sie das beschrieben – und gleichzeitig daneben die Gaskammer?! Wie kann man das miteinander versöhnen und in dieser Schizophrenie auch überleben?

Der Mensch gewöhnt sich an alles

Jozef Paczynski: Ich sage Ihnen: der Mensch gewöhnt sich an alles! An alles! Sie haben meinen Freund erschossen, ich habe ihn im Krematorium gesehen – aber danach ging es weiter! Hier lagen Leichen herum – und das Orchester spielte. So etwas erlebt man sonst im Leben nicht. Einfach nur schrecklich!

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie je an Flucht gedacht?

Jozef Paczynski: Wissen Sie, das mit der Flucht war so eine Sache  - das war nicht so einfach! Die erste Flucht war die von Wyjewski – das hatte für uns Konsequenzen. Es wurden einige erschossen. Wenn einer floh, dann haben sie dafür die Mutter geholt, die Schwester. Da gab es zum Beispiel im Juli 1941 einen Appell – wir mussten alle antreten, 16.000 Häftlinge waren wir zu der Zeit im KZ! Einer fehlte – die Zahl stimmte nicht! Wir standen und warteten. Der besagte Lagerführer Karl Fritzsch und seine Leute gingen zur Baracke 14, denn dort fehlte der Häftling. Aber sie fanden ihn nicht. Fritzsch wählte zehn Häftlinge aus und ließ sie erschießen, einfach so, willkürlich, ohne Grund!!

Deutschlandradio Kultur: 1942 wurden Sie der persönliche Friseur von Rudolf Höß, dem ersten Kommandanten des KZ Auschwitz. Wie kam es dazu?

Jozef Paczynski: Prosze Pani, zu unserem Friseurladen kam eines Tages ein Unteroffizier der SS und sagte zum Kapo, dass der kleine Pole zum Kommandanten kommen sollte. Der kleine Pole  – das war ich! Es gab zehn Friseure dort – zehn!! –, die das Handwerk sehr gut konnten. Und dann soll ich dem Kommandanten Höß die Haare schneiden? Aber: Befehl ist Befehl!

Deutschlandradio Kultur: Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie dorthin mussten – in die Villa Höß?

(Deutschlandradio - Margarete Wohlan)Zeichnung des Künstlers Mieczysław Kościelniak, Überlebender des KZ Auschwitz, zu sehen im Museum Auschwitz. Aus dem Zyklus "Tag eines Häftlings" - die Rückkehr. (Deutschlandradio - Margarete Wohlan)

Jozef Paczynski: Ich weiß das auswendig! Ich ging mit diesem Unteroffizier den Weg entlang, vom Friseurladen waren es 200 Meter zur Villa von Höß. Die steht ja heute noch da! In der Haustür stand die Ehefrau von Rudolf Höß. Sie bedankte sich beim Unteroffizier und führte mich durch das Haus. Ich hatte totale Angst. Überall Flure. Wir gingen in den ersten Stock, ins Bad. Spiegel, Waschbecken, ein Stuhl. Und dann kam Höß herein. Im Anzug. Kein Wort. Ich hatte zu der Zeit schon eineinhalb Jahre in dem Friseurladen gearbeitet, hatte den anderen zugesehen, wie sie ihm die Haare schneiden – und das machte ich jetzt auch. Das war keine große Kunst! Meine Hände zitterten, aber ich machte weiter. Dann war ich fertig, sagte: Dankeschön. Und Höß: kein Wort! Und anscheinend hatte ich es gut gemacht, denn seitdem kam ich einmal die Woche zu ihm, wurde vom Unteroffizier abgeholt, zur Villa Höß gebracht, immer denselben Weg lang, immer im selben Badezimmer, ich sagte immer Danke schön – und er: kein Wort! Wissen Sie, ich rede viel mit Deutschen, mit jungen Leuten, und die fragen mich oft: was war Höß für ein Mensch? Wie hat der getickt? So ein Massenmörder? Wenn es im KZ nicht bekannt gewesen wäre, dass Höß dahinter steckt, wäre niemand drauf gekommen! Niemand! Er war etwas größer als ich, schlank, schweigsam, ein strenger Vater und Ehemann. Er hat niemanden geschlagen.

Deutschlandradio Kultur: Er hatte seine Leute.

Dem Kommandanten die Haare schneiden

Jozef Paczynski: Dazu komme ich gleich, warten Sie. Er hat nur sehr scharf seine Befehle erteilt und hat sehr genau darauf geachtet, dass sie ausgeführt werden. Dazu hatte er sich aus dem KZ Sachsenhausen, wo er vorher Lagerführer gewesen war, diese 30 Berufsverbrecher geholt. Ich habe sie alle gekannt! Und sie haben mich auch gut gekannt! Gut. Also: Ich war lange der Friseur von Höß: über drei Jahre! Denn auch als Höß im Herbst 1943 nach Berlin ging, blieb seine Familie im KZ, in der Villa. Hier hatten sie es gut: keine Bomben, gutes Essen, waren versorgt! Und er kam sehr oft zu Besuch nach Auschwitz, zu seiner Familie – und dann haben sie mich immer gerufen, damit ich dem Kommandanten die Haare schneide! So war das!

Deutschlandradio Kultur: Sie hören Deutschlandradio Kultur mit der Sendung "Tacheles" – heute zu Gast bei Jozef Paczynski, einem Auschwitz-Überlebenden und Friseur von Rudolf Höß, dem ersten Kommandanten des KZ Auschwitz. Herr Paczynski, Rudolf Höß steht wie kaum ein anderer für den Holocaust, berüchtigt dafür, dass er ein unbedeutendes Straflager umgewandelt hat in eine neuzeitliche Tötungsfabrik, in ein Vernichtungslager! Als Sie ihn frisierten und rasierten – Sie und er allein im Bad – haben Sie je daran gedacht, ihn umzubringen?

Jozef Paczynski: Ja, das hätte ich tun können. Aber zum einen bin ich kein Mörder! Und zum zweiten: ich war mir immer bewusst, dass und welche Konsequenzen es geben würde. Sie würden meine Familie holen, das halbe Lager hätten sie ermordet! Und sie hätten für ihn sofort einen guten Ersatz gefunden!

Deutschlandradio Kultur: Herr Paczynski, wie kann man in der Unsicherheit, wo man täglich die Willkür der SS-Leute merkt und erlebt – wie kann man da überleben?

Jozef Paczynski: Wie man überleben kann? Der Mensch ist – entschuldigen Sie den Ausdruck – eine Bestie, die sich an alles gewöhnt. Wir haben damit gelebt. Ich weiß nicht, ob es dieses Gefühl der Angst gab. Ob ich es hatte. Wovor sollte ich? Letztlich waren wir doch alle gleich da. Aber ich würde dort heute nicht mehr arbeiten wollen. Ich wundere mich über die, die dort arbeiten und die Touristen herumführen. Wenn ich dort bin, dann sehe ich nicht das, was heute ist, sondern habe das vor Augen, was damals war.

Deutschlandradio Kultur: Gab es so etwas wie eine Verrohung des eigenen Verhaltens, Denkens und Fühlens? Das was Sie gerade beschreiben, ist ja ein Hinweis darauf, dass man überleben wollte, dass nur das eigene Überleben zählte.

Jozef Paczynski: Ich muss Ihnen sagen, dass es verschiedene Sorten von Häftlingen gab. Das größte Verbrechen war, wenn ein Häftling dem anderen sein Brot klaute. Und es gab solche Häftlinge! Wissen Sie, zu mir kam oft ein Häftling – an den erinnere ich mich gut! Ein älterer Mensch aus Warschau. Der sagte zu mir: Wenn du mir jeden Tag etwas zu Essen zusteckst – eine Schüssel Suppe oder so –, gebe ich dir eins von meinen zwei Häusern, die ich habe, in Warschau und in den Bergen. Und da sagte ich ihm: Lieber Freund, ob ich morgen überhaupt noch lebe? Komm morgen – wenn ich da bin und was habe, gebe ich dir was ab. So hat einer dem anderen geholfen.

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie gesehen, wie die Häftlinge vergast wurden?

Jozef Paczynski: Prosze Pania, ob ich die Vergasungen sah? Nur eine kleine Geschichte: Dort, wo ich arbeitete, war gegenüber das kleine Krematorium. Eines Nachmittags sah ich eine Gruppe Juden vorbeigehen. Sie gingen ins Krematorium, das von einem blickdichten, hohen Zaun umgeben war. Ich kletterte auf den Dachboden und hob einen Dachziegel mit der Hand hoch. Und von dort aus sah ich alles, was auf dem Hof geschah. Alles! Die SS forderte diese Menschen auf, sich auszuziehen, alles in ruhigem Ton. Sie legten ihre Sachen an der Wand ab. Sie gingen ins Gebäude, die Türen knallten zu. Ein SS-Mann stieg auf das flache Dach des Krematoriums und streute etwas durch die Luke. Ich kannte den SS-Mann, er war ein Schlesier und hieß Tojer. Nachdem er was auch immer reingeworfen hatte, gab es einen lauten Schrei – ich hörte das, obwohl die Mauern dick waren! Das war nachmittags gegen 3. Und dieser Schrei wurde immer leiser, immer schwächer, 15 Minuten, 20 Minuten. Dann war Stille. Das habe ich selbst gesehen – nur die Vorbereitung dafür habe ich nicht gesehen.

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie gewusst, dass die Menschen tot sind?

Jozef Paczynski: Ja!!! Denn der Kapo im Krematorium war Maciej Morowak, ein Freund, und der hat mir das erzählt.

Deutschlandradio Kultur: Gab es für Sie dennoch so was wie Hoffnung?

Ein Zigeuner sagte voraus, dass er raus kommt

Jozef Paczynski: Für mich? Ein Zigeuner hat mir die Karten gelegt und hat vorausgesagt, dass ich rauskomme. Ein Zigeuner im KZ.

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie das geglaubt?

Jozef Paczynski: Wissen Sie, das war total dämlich, er sagte nämlich: Mach dir keine Sorgen, du kommst raus aus dem KZ! Ja, dieser Zigeuner! Er wurde vergast – und mir sagte er die Freiheit voraus!

Deutschlandradio Kultur: Der Zigeuner hatte Recht, Herr Paczynski, denn Sie sind tatsächlich aus dem KZ entkommen. Sie haben in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1945 das KZ Auschwitz verlassen müssen – auf dem letzten Todesmarsch, der Sie von dort ins KZ Mauthausen brachte. Wie war das letzte Bild, was Sie von Auschwitz hatten? Wie sah es dort aus? Wie war Ihr eigener Zustand?

Jozef Paczynski: Es war Nacht und die Lichter waren aus. Nur zwei große Feuer brannten – ein Feuer vor der politischen Abteilung, und das andere vor der Krankenstation. Ansonsten war alles dunkel! Alles raus, alles raus! Ich also raus. Man konnte bereits alles mitnehmen, was man tragen konnte. Ich hatte Konserven eingesteckt, Brot, Margarinewürfel. Und hatte mir gute Schuhe besorgt. War also gewappnet! Es war Frost, Schnee, Kälte. Ich ging am äußersten Schluss. Hinter uns – nicht alle waren gut zu Fuß, so wie ich; die Älteren sagten: Ich kann nicht mehr, soll doch geschehen, was will! Einer sackte zusammen, unter einem Baum – ich sah das mit eigenen Augen – hinter uns: drei SS-Männer mit Pistolen – und die schossen auf alle, die zurückblieben, also auch auf diesen Mann. Neben mir ging Malysz, ein Unterscharfführer aus dem polnischen Bielsko, war Fahrer im Lager. Der sagte zu mir: Josef, wenn die Russen kommen, gibst du mir deine Klamotten? Frau Margarete, das war so Gibst du mir deine Kleidung?! Ich sagte zu ihm: Lass uns nicht auf die Russen warten – machen wir es jetzt! Wenn es nach dem gegangen wäre, hätte es mich nicht mehr gegeben!! Schluss. Ich könnte noch viel erzählen, aber, meine Liebe, ich kann nicht. Mir kommen die Tränen. Es ist nicht so, dass mir das leicht fällt.

Deutschlandradio Kultur: Ich weiß, dass das nicht leicht ist und das sieht man immer wieder, dass Sie sehr berührt sind.

Jozef Paczynski: Was wollen Sie noch wissen?

Deutschlandradio Kultur: Die Zeit im KZ Mauthausen ist voller Geschichten und dazu bräuchte man noch eine Tacheles-Sendung, um die Geschichten alle zu erzählen. Auf jeden Fall wurde das KZ Mauthausen im Mai 1945 von den Amerikanern befreit. Sie kamen nach Polen zurück, studierten an der Polytechnischen Hochschule in Krakau, haben in einer Tabakfabrik gearbeitet und waren später Direktor des Verbands der elektrotechnischen Schulen in Brzesk. Sie haben auch geheiratet, Kinder bekommen – es hört sich nach einem Happy End an, Herr Paczynski?!! 

"Ich verließ das KZ mit einer sauberen Weste!"

Jozef Paczynski: Liebe Frau, ich verließ das KZ mit einer sauberen Weste – das als erstes! Ich habe mir nichts vorzuwerfen! Ich habe vielen geholfen, ich war immer und überall anständig. Mir kann keiner was! Aber es ist schon interessant – das, wonach Sie fragen, werde ich oft von Deutschen gefragt: Ich bin jetzt fast 95 Jahre alt – woher kommt diese Lebensfähigkeit?! Tja, sage ich dann immer: Ich war das ganze Leben ein anständiger Mensch und habe immer ehrlich gearbeitet!

Deutschlandradio Kultur: Wenn man Sie heute so sieht: Ihre Augen strahlen, Sie haben Humor, Sie haben Lebenskraft – man wundert sich! Dass wenn man das KZ Auschwitz überlebt hat, danach die 70 Jahre, dass Sie immer noch so lebendig und so voller Lebensgefühl, voller Lebenskraft sind. Wie kommt das?

Jozef Paczynski: Ich antworte mit einem Wort: Glück! Verstehen Sie? Glück.

Deutschlandradio Kultur: Im heutigen Europa greift in vielen Ländern der Nationalismus wieder um sich – in West- wie Osteuropa, auch in Polen. Was empfinden Sie dabei, wenn Sie davon hören?

Jozef Paczynski: Wissen Sie, die Nationalisten gab es und es wird sie weiter geben. Sie haben sich heute nur etwas angepasst. Erinnern Sie sich an die Diebe, die das Schild "Arbeit macht frei" vor einem Jahr gestohlen hatten? Schwedische Nationalisten haben polnische Diebe dafür bezahlt! Ich persönlich freue mich sehr über die deutsch-polnische Freundschaft, wirklich sehr Sie können sich nicht mehr erinnern, aber im Sozialismus hatten sie uns hier gegen die Deutschen aufgewiegelt! Ich finde, wir sollten nicht ewig kämpfen. Sehen Sie sich das kleine Norwegen an – wie gut es ihm geht! Oder das ehemalige Imperium Österreich-Ungarn – heute geht es den Österreichern gut! Und auch den Deutschen geht es gut! Man muss nur in Frieden miteinander leben!!

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie Angst, dass das wiederkommt?

Jozef Paczynski: Nein, ich habe keine Angst. Ich wundere mich nur! Wissen Sie, diese Nationalisten haben das nicht erlebt, was wir erlitten haben. Es gibt ja auch in Polen Nationalisten, wie Sie wissen. Im Fernsehen habe ich eine Abgeordnete der Kaczynski-Partei "Recht und Gerechtigkeit" gesehen. Sie sagte, dass sie täglich betet, damit die EU sich auflöst.

Deutschlandradio Kultur: Und was sagen Sie?

Jozef Paczynski: Ich? Na, das ist menschliche Dummheit, was sonst?!!!! Und dabei ist sie eine Professorin! Jeder soll jedem helfen – so bin ich durchs leben gekommen!

Deutschlandradio Kultur: Herr Paczynski, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

Jozef Paczynski: No, dobrze.

Deutschlandradio Kultur: Sie hörten Tacheles, heute mit Jozef Paczynski, einem Auschwitz-Überlebenden und dem persönlichen Friseur von Rudolf Höß, dem ersten Kommandanten des KZ Auschwitz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Tacheles

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