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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 14.06.2012

Kurzes Leben mit starker Wirkung

175. Todestag des italienischen Dichters Giacomo Leopardi

Von Maike Albath

Der schwermütig-romantische Dichter Giacomo Leopardi in einer zeitgenössischen Darstellung. (picture alliance / dpa)
Der schwermütig-romantische Dichter Giacomo Leopardi in einer zeitgenössischen Darstellung. (picture alliance / dpa)

Giacomo Leopardi gilt als einer der bedeutendsten Dichter der italienischen Literatur und großer Erneuerer der italienischen Sprache. Sein Leben war kurz und unglücklich, aber die Wirkung seiner Gedichte und Essays hält bis heute an. Vor 175 Jahren ist er im Alter von 39 Jahren gestorben.

Lieb war mir stets hier der verlassne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr – wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da beschleicht die Seele
ein leises Graun.


So beginnt eines der berühmtesten Gedichte der italienischen Literaturgeschichte: L'infinito, Das Unendliche von Giacomo Leopardi, entstanden 1819. Ein in sich selbst versunkenes Ich lässt den Blick über die Landschaft schweifen, aus der alles Göttliche längst gewichen ist.

Und wenn des Windes Rauschen
durch diese Bäume geht, halt ich die Stimme
dem Schweigen, dem unendlichen entgegen,
ihm zum Vergleich: des Ewigen gedenk ich,
der toten Zeiten und der einen,
die heute lebt und tönt. Und so versinken
im Unermesslichen mir die Gedanken,
und Schiffbruch ist mir süß in diesem Meere.


1798 als Sohn eines zutiefst reaktionären Grafen in Recanati geboren, wurde der hochbegabte Giacomo Leopardi streng katholisch erzogen und war schon als Heranwachsender von eindrucksvoller Gelehrsamkeit. Durch die väterliche Bibliothek mit den Philosophen der Antike vertraut, entwickelte er sich zu einem herausragenden Übersetzer und Philologen. Seine intellektuelle Brillanz, die ab 1815 auch in Essays und Gedichten zum Ausdruck kam, stand in einem krassen Gegensatz zu seiner schwachen körperlichen Konstitution. Doch mehr noch als unter seinen Krankheiten litt Leopardi unter den Einschränkungen der adeligen Gesellschaft und dem mangelnden Austausch mit Gleichgesinnten. Gegen den Willen seiner verarmten Familie flüchtete er sich nach Rom, Florenz und Neapel und schlug sich ohne Mäzen und ohne Vermögen als einfacher Gelehrter durch. In Neapel lernte er den deutschen Dichter August von Platen kennen. Von Platen beschreibt den italienischen Kollegen in seinem Tagebuch:

"Leopardi ist klein und bucklicht, sein Gesicht bleich und leidend, und er vermehrt noch durch seine Lebensart, da er den Tag zur Nacht macht und umgekehrt, seine Übelstände. Ohne Bewegung und ohne sich, bei dem Zustand seiner Nerven, beschäftigen zu können, führt er allerdings ein trauriges Leben. Bei näherer Bekanntschaft verschwindet jedoch alles, was seinem Äußeren einen unangenehmen Anstrich geben könnte, die Feinheit seiner klassischen Bildung und das Gemütliche seines Wesens nehmen für ihn ein."

Auf der Apenninen-Halbinsel blockierten Fremdherrschaft und das morsche Feudalsystem die politische Entwicklung. Leopardi trat für eine kulturelle Erneuerung ein und betrieb mit seinen herausragenden Kleinen moralischen Werken, die 1827 erschienen, den Anschluss an die europäische Literatur. Dem Fortschrittsglauben, der durch die beginnende Industrialisierung Nordeuropa ergriff, stand er allerdings skeptisch gegenüber. Die Moderne, so sagte er voraus, bedeute eine "Entzauberung der Welt", die erst die Natur und dann den Menschen zerstöre. Schutz böte nur die Erkenntnis des Wahren.

"Das Wahre ist gewiss nicht schön; aber es befriedigt doch auch die Seele, oder rührt sie irgendwie an, und zweifellos wird durch die Wahrheit, die Erkenntnis des Wahren eine freudige Empfindung geweckt, die der Mensch noch genießt, wenn das Wahre erbärmlich, hässlich und schrecklich ist."

Unermüdlich arbeitete Leopardi an seinen Schriften. Einzige Zufluchtsstätte seines gleißenden Pessimismus blieb immer die Fantasie:

"Es scheint widersinnig und ist doch völlig wahr: Da alles Wirkliche ein Nichts ist, gibt es nichts Wirkliches, nichts, was Bestand hat auf dieser Welt, als die Einbildungen."

Von Geldnöten und Krankheit schwer gezeichnet, kehrte Giacomo Leopardi 1837 aus Florenz nach Neapel zurück, wo er am 14. Juni mit nur neununddreißig Jahren starb. Sein 3800-seitiges Tagebuch Zibaldone kam 1897 heraus. In dem mittlerweile vereinigten Italien fand Leopardis zukunftsweisendes Denken erst dann seinen Widerhall.

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