Sonntag, 21. September 2014MESZ06:06 Uhr

Lesart

SelbstbefragungZeilenschinderei um einen Teppich
Eines der Flugzeuge steuert auf den noch unversehrten Turm des World Trade Centers in New York zu. 

Jean-Charles Wall hatte sich 1991 einen afghanischen Kriegs- und Propagandateppich gekauft. Darauf Flugzeuge, Schriftzeichen und die Skyline von Manhattan. Der Autor klöppelt daraus eine belanglose Story zum 11. September zusammen.Mehr

Wie Kriege endenDer Friedensvertrag hat ausgedient
Ein Kind trägt am Potsdamer Platz in Berlin ein Plakat mit einer Friedenstaube

Friedensabschlüsse haben die Welt geprägt. Der Autor Stephan Elbern zeigt, wie in der Geschichte militärische Konflikte durch Verhandlungen und Verträge beendet wurden. Mit Blick auf die Kriege der Gegenwart kommt er zu einem düsteren Schluss.Mehr

Afghanistan in BildernLobeshymnen auf zwei Fotobände
 Blick über Wälder der südafghanischen Provinz Urusgan auf die Berge des Hindukusch. 

Vor den Kriegen war Afghanistan bettelarm, aber fröhlich. Das ist auf den Fotos von Luke Powell in dem Band "Afghan Gold" zu sehen. Ebenfalls beeindruckend: die Sammlung "A Distant War" mit Arbeiten des "Time Magazin"-Fotografen Robert Nickelsberg.Mehr

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Buchkritik

RomanLiebe für Fortgeschrittene
Paar im Sonnenuntergang am Strand (dpa / picture alliance / Zhang Jie)

In seinem Buch "Verlangen und Melancholie" stellt Bodo Kirchhoff die Frage, wie gut man den Menschen kennt, mit dem man Tisch und Bett teilt. Ein Roman, der alles bietet: Hingabe, Treue, Eifersucht, Verrat, Seitensprung und - natürlich Liebe.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.07.2012

Kurz und kritisch

William Hastings Burke: "Wer war Albert Göring"; Sonya Winterberg: "Wir sind die Wolfskinder - Verlassen in Ostpreußen"; Bora Coic: "Frühstück im Majestic"

Buchseiten
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Wer war Albert Göring" zeigt, dass Brüder kaum unterschiedlicher sein können. "Wir sind die Wolfskinder" stellt dar, wie Tausende Kinder von ihren Familien in Ostpreußen getrennt wurden. In "Frühstück im Majestic" geht es um das Leben in der serbischen Hauptstadt Belgrad.

Wer war Albert Göring? William Hastings Burke über Hermanns Bruder
Aufbau Verlag Berlin

Cover: "Wer war Albert Göring?"Cover: "Wer war Albert Göring?" (Aufbau Verlag Berlin)Von Albert Göring hatte er zufällig erfahren, durch einen Dokumentarfilm über den jüngeren Bruder eines Mannes, den er aus dem Schulunterricht nur als Monster kannte. Doch gerade dessen, Hermanns Ruf war es, der dem Außenseiter der Familie half, sich dem NS-Regime zu widersetzen.

Alberts Geschichte faszinierte William Hastings Burke, Jahrgang 1983, so sehr, dass er sie selbst recherchieren wollte. Kaum hatte er sein Studium der Volkswirtschaftslehre im australischen Sydney beendet, reiste er durch Deutschland, Europa und die USA, um zu jobben und daneben Zeitzeugen zu befragen.

Charakterlich und auch politisch hatte Albert mit seinem Bruder Hermann wenig gemein. Burke beschreibt ein Kind, das zart, still, fleißig und musisch begabt war, und einen erwachsenen Mann, der als elegant, charmant, humorvoll und intelligent verehrt wurde. Er liebte das gesellschaftliche Leben in Wien, Prag oder Bukarest und mied das nationalsozialistische Klima Deutschlands.

Aus dieser Aversion heraus unterstützte er Menschen, die politisch bedrängt und verfolgt wurden - mit viel Chuzpe. Erst in der Nachkriegszeit verlies ihn der Mut, wurde er verbittert, weil der Name Göring ihm jetzt schadete, dagegen seine guten Taten nur bei jenen 34 Personen zählten, denen er geholfen hatte.

Wir sind die Wolfskinder - Verlassen in Ostpreußen, nacherzählt von Sonya Winterberg
Piper Verlag München

Cover: "Sonya Winterberg: Wir sind die Wolfskinder"Cover: "Sonya Winterberg: Wir sind die Wolfskinder" (Piper Verlag München)Oft saßen sie eine ganze Weile still im Auto, bevor sie weiterfahren oder wieder reden konnten. So tief bewegten die Journalistin Sonya Winterberg und ihre Fotografin Claudia Heinermann, was ihnen alte Menschen schilderten, die sich selbst als "Wolfskinder" bezeichnen.

In den Wirren von Krieg und Flucht, unter Bomben, Strapazen und Hunger verloren sie Wohnung und Heimat, sahen Mütter und Geschwister sterben oder wurden von ihren Familien durch allerlei Umstände getrennt. Verlassen und auf sich gestellt blieben die "kleinen Deutschen" in Ostpreußen zurück, als es von den Russen besetzt wurde.

Monatelang, manchmal auch jahrelang irrten sie allein oder in Gruppen durch die Gegend - obdachlos und bettelnd. Tausende wurden schließlich mit Sammeltransporten in ostdeutsche Kinderheime geschickt. Vielleicht 800 blieben und fanden im benachbarten Litauen Pflegeeltern, die hilfsbereit waren, obschon es unter Strafe stand.

Erst seit Litauen unabhängig ist, wagen sie, offen über ihr Schicksal zu reden, suchen ihre Identität, fragen sich, warum sie all das erleben mussten, warum gerade sie als wehrlose Kinder Opfer des Hasses auf Deutsche und "Faschisten" wurden.

Frühstück im Majestic. Belgrader Erinnerungen von Bora Cosic
Carl Hanser Verlag München

Bora Cosic: "Frühstück im Majestic"Bora Cosic: "Frühstück im Majestic" (Carl Hanser Verlag)Bora Cosic erinnert sich an seine Kindheit. Er, der in Zagreb geboren wurde und heute in Berlin lebt, besuchte vor Jahren wieder einmal das Hotel Majestic im Zentrum Belgrads, das 1937 eingeweiht wurde, als er, fünf Jahre alt, mit seinen Eltern in die serbische Hauptstadt zog. Die Vier-Sterne-Herberge wirbt mittlerweile mit einer Melange aus Tradition, Komfort und Moderne.

Und dass diese Moderne durchaus schon damals – in den Zwanziger-, Dreißigerjahren – die serbische Hauptstadt erreichte, davon will der Schriftsteller erzählen - auf seine, auf literarische Weise. Historische Figuren lässt er im Geiste durch die Flure des Hotels wandeln oder im Cafe sitzen. Er selbst bewegt sich als Flaneur durch die Innenstadt. Plätze und Straßen, Häuser und Architektur inspirieren ihn, in sich alte Bilder zu beleben - gesehen mit dem Blick des Kindes und beschrieben mit dem Wissen des Erwachsenen.

Die Moderne kehrte surrealistisch in Belgrad ein - offenkundig mit jenen Literaten, die alles "dada" fanden, deshalb so redeten und schrieben, mit schrägen, zuweilen lebensgefährlichen Aktionen auf sich aufmerksam machten.

Als surrealistisch, als antifamiliär beschreibt Bora Cosić auch den Alltag der Kleinbürger, die in der Küche saßen, weil die Zimmer keinen Platz ließen, da sie voll gestellt mit Möbeln waren, auch mit einem Klavier, das niemand spielte. Surrealismus mache eben kund, dass das Normale unnormal geworden sei.