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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.05.2010

Kurz und kritisch

Tom Schimmeck: "Am besten nichts Neues", Lutz Walther (Hrsg.): "Antike Mythen und ihre Rezeption", Jörg Schönbohm: "Wilde Schwermut"

Jörg Schönbohm erinnert sich. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Jörg Schönbohm erinnert sich. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

In "Am besten nichts neues" beklagt Tom Schimmeck die Verflachung der Medienlandschaft. Lutz Walther erklärt in "Antike Mythen und ihre Rezeption" die Wirkungsgeschichte antiker Mythen. Und in "Wilde Schwermut" erzählt CDU-Politiker Jörg Schönbohm seine preußische Familiengeschichte.

Tom Schimmeck: Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache
Westend Verlag

Tom Schimmecks Buch ist eine Abrechnung aus enttäuschter Liebe. Der Journalist, der die taz mitgründete, für Tempo und Spiegel arbeitete, beschreibt die traurigen Reste seiner ehemals stolzen Profession. Der Journalismus heute sei "gehetzter, eitler, oberflächlicher, normierter". Die Medien lieferten vor allem Masse. "Die Fülle", meint Schimmeck, "umtost uns wie ein Tornado. Die Relevanz stürzt in dessen stillem Auge steil gegen null."

Cover: "Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache" (Westend Verlag)Cover: "Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache" (Westend Verlag)Der Autor sucht nach Gründen für diese Verflachung. Voller Verachtung schreibt er über das Zusammenrücken einer Journalisten-Elite, die vor allem wichtig, nicht kritisch sein will. Über Verleger, die plötzlich Anzüge tragen und sich Verlagsmanager nennen. Die sonntags die tragende Rolle der Presse in der Demokratie loben und werktags Redakteursstellen abbauen, weil sie glauben, sonst Opfer der Medienkrise zu werden - "Selbstmord aus Angst vor dem Tod". Es ist richtig und wichtig, dass einer diese Entwicklung kritisiert. Noch besser, wenn es jemand in solch gefeilter, pointierter Sprache tut. Ein kleines Defizit: Schimmecks Text fehlt es manchmal an Stringenz. Dennoch eine äußerst lesenswerte Analyse.


Lutz Walther (Hrsg.): Antike Mythen und ihre Rezeption. Ein Lexikon
Reclam Verlag

Lexika sind meist dick, manchmal zu Recht. Manchmal aber wünscht man sich doch ein übersichtliches Format: Etwa, wenn man Grundlegendes über die Wirkungsgeschichte antiker Mythen erfahren will, ohne gleich ganze Bibliotheken zu durchkämmen. Der Literaturwissenschaftler Lutz Walther präsentiert auf weniger als 300 Seiten einen Kosmos der Rezeptionsgeschichte der literarisch wirkungsmächtigsten Götter, Halbgötter und Helden beiderlei Geschlechts.

Cover: "Antike Mythen und ihre Rezeption" (Reclam Verlag)Cover: "Antike Mythen und ihre Rezeption" (Reclam Verlag)Die hier versammelten Beiträge von Fachautoren lesen sich nicht nur gut, sie vermitteln vor allem, wie stark antike Gestalten und Mythen über die Jahrhunderte bis heute als inspirierende Bezugspunkte wirken, auch wenn sich je nach Epoche die Kontexte veränderten. Hier erschließt sich, warum gerade Literatur und Philosophie immer wieder aus diesem reichen Fundus schöpfen. Aber eben auch andere Disziplinen; denken wir nur daran, dass kein Psychoanalytiker an Ödipus oder Antigone vorbeikommt. Zu vielen Gestalten gibt es eine Liste weiterführender Publikationen, das macht Lust auf mehr Stoff:


Jörg Schönbohm: Wilde Schwermut. Erinnerungen eines Unpolitischen
Landt Verlag

Er liebt den Widerspruch und ist dabei häufig angeeckt – als Bundeswehr-Offizier, als Senator in Berlin, als Minister und CDU-Vorsitzender in Brandenburg. Die Kritik daran verwandelt Jörg Schönbohm in ein Attribut: Dann sei er eben "unpolitisch", wenn er unbequeme Wahrheiten ausspreche, obschon andere Leute lieber schweigen würden.

Cover: "Wilde Schwermut. Erinnerungen eines Unpolitischen“ (Landt Verlag)Cover: "Wilde Schwermut. Erinnerungen eines Unpolitischen“ (Landt Verlag)Wie Ernst Jünger befällt ihn bei seinen Erinnerungen eine wilde Schwermut. Den Brandenburgern wirft er vor, ihnen seien nicht erst in der DDR der Bürgersinn und der gesellschaftliche Mittelstand abhanden gekommen. Wenn er politischen Gegnern etwas verübelte, dann waren es mangelhaftes Gespür für Recht und Gesetz sowie schlechter Stil. Und diesen hält er zuweilen selbst den Parteifreunden vor. Ein echter Konservativer will Jörg Schönbohm sein.

Allerdings: nach der Lektüre dieses Buches nimmt man ihn genauso als Liberalen und als Bildungsbürger wahr. Seine Familie machte über Generationen hinweg viel durch. War man aus dem Gröbsten erst wieder heraus, kaufte man alsbald ein Klavier und spielte es auch. Beeindruckendes Panorama einer preußischen Familie.

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