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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.01.2010

Kurz und kritisch

Hüther: "Männer - Das schwache Geschlecht und sein Gehirn", Seemann: "Artenschutz für Männer"; Ensslin: "Notstandsgesetze von Deiner Hand"

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Gerald Hüther räumt in "Männer - Das schwache Geschlecht und sein Gehirn" mit Vorurteilen auf. Hanne Seemann plädiert in "Artenschutz für Männer" für viel Gleichmut. "Notstandsgesetze Deiner Hand" von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper handelt vom Fluch der Vergangenheit.

Gerald Hüther: Männer - Das schwache Geschlecht und sein Gehirn Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.

Der Porsche als Potenzsurrogat, der moderne Mann als Höhlenmensch: Viele Ratgeber rund um die Geschlechter sind angefüllt mit Klischees und deterministischen Scheinerklärungen aus der Genetik. Ähnliches könnte man befürchten, wenn ein Neurologe über Männer schreibt. Aber falsch gedacht: Gerald Hüther räumt in "Das schwache Geschlecht und sein Gehirn" mit Vorurteilen und falschen Kausalitäten auf.

Er erklärt, warum das männliche Gehirn anders arbeitet als das weibliche: Dahinter stehe eben kein genetischer Code. Vielmehr entwickele sich das Gehirn durch die Art und Weise seiner Benutzung. Dass viele Männer "typisch männlich" denken, sei also weder angeboren noch beigebracht, sondern aktiv erlernt. Dieser Gedanke ist keine Kleinigkeit, hebelt der Naturwissenschaftler damit doch jeden Determinismus aus – und gibt Anregungen, wie Mann sein Gehirn weiterentwickeln kann. Lesenswert:


Hanne Seemann: Artenschutz für Männer. Die Wiederentdeckung des Männlichen. Klett-Cotta.

Ja, Männer haben's irgendwie schwer, das hat sich herumgesprochen. Alte Rollenbilder taugen nichts mehr, und neue funktionieren mehr schlecht als recht. Schuld daran, meint Hanne Seemann, ist eine Gleichmacherei unter den Geschlechtern. Im richtigen Bemühen um Gleichberechtigung würden die Unterschiede ignoriert. Männer dürften nicht mehr männlich sein, und deshalb seien sie "heruntergekommen".

Schluss damit, fordert die Autorin. Unterschiede sind gut, sagt sie, und plädiert für viel Gleichmut im Umgang mit Männern, Jungs, und ihren Macken. Das und noch viel mehr schreibt sie in plauderndem Tonfall. Persönliche Erlebnisse werden verallgemeinert. Anekdötchen reiht sich an Anekdötchen. Dabei ist längst nicht immer klar, was sie eigentlich illustrieren sollen. Mehr als 200 geschwätzige Seiten, die Hälfte hätte wohl genügt.


Gudrun Ensslin, Bernward Vesper: Notstandsgesetze von Deiner Hand: Briefe 1968/1969
Suhrkamp Verlag

Die große, die tödliche Liebe, Mord und Selbstmord, Einsamkeit und Verzweiflung, die große Trägödie also - gibt es die heute noch? Im Zeitalter der flüchtigen Begegnungen, von Facebook und iPod? Ist das alles nicht längst Vorgeschichte und Fiktion? Hauptmann und Ibsen, Schiller und Shakespeare, Aischylos, Sophokles, Euripides, alles tempi passati? Ach, wenn es doch nur so wäre, wird so mancher sagen, der die wunderschönen, liebeswunden Briefe von Gudrun und Bernward liest, besonders die von Bernward.

Sie waren ein Paar, jung und schön, und sie hatten einen Jungen. Denn nannten sie voller Erwartung Felix. Er muss ein hinreißend freundliches und schönes Kind gewesen sein. Sie liebten sich und sie liebten ihr Kind. Dann – man kann es nicht anders sagen - schlug das Schicksal zu, der Fluch der Götter. Die Vergangenheit ihrer Väter holte sie ein. Indem sie sich gegen den Fluch dieser Vergangenheit auflehnten, vollstreckten sie ihn. Genau so wie es in den griechischen Dramen vorgeführt worden war. Die Briefe, die sich Bernward Vesper und Gudrun Ensslin schrieben, zeigen den tragischen, den blutigen Boden, aus dem das Bewusstsein der 68er erwuchs.

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