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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.04.2015

Kurz und kritischWenn der Krieg im Frieden fortlebt

Von Ute-Christine Krupp

Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geht auf Verfügungen des damaligen tschechoslowakischen Staatsoberhaupts Edvard Benes (1884-1948) zurück. Die etwa 150 von Benes zwischen 1940 und 1945 erlassenen Dekrete gehören zu den umstrittensten europäischen Rechtsakten. Auf der Grundlage der Verfügungen wurden etwa drei Millionen Deutsche sowie die vorwiegend in der Slowakei lebende ungarische Minderheit ihrer Rechte und ihres Eigentums beraubt. (picture alliance / dpa / CTK_Photo)
Sudetendeutsche verlassen im Juli 1946 mit Sack und Pack ein Lager in Liberec (Reichenberg) in Nordböhmen in Richtung Deutschland. (picture alliance / dpa / CTK_Photo)

Die Mutter von Jens Orback erzählt ihm über das Grauen, das ihr während des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist. Und anhand von Lebensgeschichten zeigen Michael Scheider und Joachim Süss, wie der Zweite Weltkrieg die natürliche Ordnung zwischen den Generationen zerstört hat.

Immer wieder erzählt die Mutter vom Zweiten Weltkrieg. Und immer wieder stockt ihre Rede, wenn es um einen bestimmten Märztag im Jahr 1945 geht. Jens Orback wurde in Stockholm geboren. Er ist sozialdemokratischer Politiker und Generalsekretär der Olof-Palme-Stiftung. Gleich zu Beginn seines Buches erinnert er einen Morgen, an dem er aufwacht mit einem unangenehmen Gefühl, das sich in Panik steigert und mit dem klaren Gedanken verbindet, seine Mutter verschweige etwas.

Cover: "Schatten auf meiner Seele" von Jens Orback (Herder Verlag)Cover: "Schatten auf meiner Seele" von Jens Orback (Herder Verlag)Er ahnt, dass sie in zwei Welten lebt: In der Gegenwart, in der sie funktioniert – und in einer Vergangenheit, die sie vor den anderen verheimlicht. Erzählt hat sie ihm von den Kiefernwäldern und Sanddünen ihrer Heimat im heutigen Polen. Vom schönen Porzellan der Großmutter, das alle anschauen, aber nicht anfassen durften.

1949 wanderte sie nach Schweden aus, fand Arbeit als Haushaltshilfe. Keiner stellte ihr in diesem Land Fragen über die vergangenen Jahre. Vieles blieb so verborgen, aber nicht vergessen. Eines Tages sieht er zusammen mit seiner Mutter eine Reportage über den Balkankrieg, über Frauen, die in diesem Krieg vergewaltigt wurden. Ich weiß, wie solche Frauen sich fühlen, sagt seine Mutter beiläufig. Ihm gelingt es dann, sie zum Sprechen zu bringen. Im März 1945 stürmten russische Soldaten das Haus der Großeltern in Pommern. Es ist nicht eine Geschichte, die seine Mutter ihm erzählt, es sind viele kurze Passagen aus ihrem Leben. Sie fügen sich zu einem Mosaik, spiegeln das Grauen des Zweiten Weltkriegs.

Spannend, detailliert und einfühlsam erzählt der Autor die Geschichte seiner Eltern und Großeltern.

Jens Orback: Schatten auf meiner Seele.
Ein Kriegsenkel entdeckt die Geschichte seiner Familie

Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
Herder Verlag, Freiburg 2015
272 Seiten, 19,99 Euro

Man sagt: Großes Unrecht, das Menschen widerfahren ist, großer Schmerz, der ihnen von anderen zugefügt wurde, braucht vier Generationen, um zu heilen. Der Zweite Weltkrieg war so ein Unrecht. Er hat, so die These von Michael Schneider und Joachim Süss, die natürliche Ordnung zwischen Großeltern, Eltern und Enkeln zerstört. Sie fragen, welchen Einfluss das Kriegsschicksal der Großeltern und Eltern auf das Leben der Enkel hat? Anhand vieler Lebensgeschichten bewegen sie sich durch den Tiefenraum der deutschen Geschichte und filtern dabei typische Erfahrungen der Kriegsgenerationen heraus: Heimatlosigkeit, Verlust naher Angehöriger, körperliche Gewalt.

Cover: "Nebelkinder" von Michael Schneider und Joachim Süss (Europaverlag/ Berlin)Cover: "Nebelkinder" von Michael Schneider und Joachim Süss (Europaverlag/ Berlin)Diese traumatischen Erlebnisse haben sich oft im Stoffwechsel verkörperlicht, sind zu festgefügten Verhaltensmustern, Ängsten oder Minderwertigkeitsgefühlen erstarrt. Die Enkelgeneration, gemeint sind die Jahrgänge 1960 bis 1975, wuchs mit den seelischen Verletzungen der Eltern auf und lebte gleichzeitig in einer neuen Zeit. Die Kriegsenkel haben häufig eine bessere Ausbildung als ihre Eltern. Individualität ist ein wichtiges Wort in ihrem Leben.

Sie haben ein größeres Spektrum an Lebensformen geschaffen. Und immer wieder waren und sind sie konfrontiert mit den verschwiegenen oder ausgesprochenen Dramen ihrer Vorfahren. Es sei zu ihrer Aufgabe geworden, das Geschehene mit zu verarbeiten und einzuordnen, um so das Kriegserbe hinter sich zu lassen und aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten. Sie seien die Brückenbauer zur nächsten Generation, die den Krieg nur aus Büchern und Filmen kenne.

Ein kluges Buch darüber, wie das Schicksal der Vorfahren zur Prägekraft der eigenen Biografie wird.

Michael Schneider und Joachim Süss (Hg.): Nebelkinder.
Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte
Europa Verlag,
384 Seiten, 19,99 Euro

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