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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.04.2011

Kunst im Transit

Die marokkanische Künstlerin Yto Barrada

Von Anette Selg

Die marokkanische Künstlerin Yto Barrada (Benoît Peverelli /  © Yto Barrada)
Die marokkanische Künstlerin Yto Barrada (Benoît Peverelli / © Yto Barrada)

Yto Barrada ist im marokkanischen Tanger aufgewachsen und lebt dort heute wieder. In ihrer Kunst verbinden sich Poesie und Politik, Film und Literatur. In ihrer Heimatstadt betreibt sie ein Kino als kulturellen Treffpunkt.

Die Museumsräume liegen im Halbdunkel. Die großformatigen Bilder lehnen noch an den Wänden: sie zeigen einen weitverzweigten Feigenbaum, ein graues Fundament am Strand oder das marokkanische Rifgebirge - grün und geschwungen. Die gestochen scharfen Aufnahmen im Deutsche Guggenheim in Berlin muten dokumentarisch an und sind zugleich einfühlend, fast meditativ.

Yto Barrada: "Der Baum ist ein wiederkehrendes Motiv. Der Titel der Ausstellung RIFFS kommt aus der Musik und steht für eine Wiederholung, wie ein Refrain. Es finden sich Palmen: als exotische Kunstprodukte, aber auch als Symbole der Macht. Es gibt den Stammbaum. Und in RIFFS steckt auch Rififi: ein französisches Slangwort für Chaos; der Titel eines Films von Jules Dassin; der Rifkrieg, gegen den die Surrealisten protestiert haben und in dem die Guerillataktik erfunden wurde. All das gibt einen Einblick in meine Welt."

In Yto Barradas Kunst verbinden sich Poesie und Politik, Film und Literatur. Die 40-jährige Künstlerin setzt sich in ihren Arbeiten seit Langem mit ihrer marokkanischen Heimat auseinander. Mit der besonderen Lage ihrer Heimatstadt Tanger an der Meerenge zwischen Afrika und Europa.

"In Marokko bin ich zuhause, hier lebt meine Familie, meine Freunde sind hier, und eine Freundin hat einmal gesagt, die Stadt sei voller Irrgäste - das ist ein Begriff aus der Ornithologie für Vögel, die nur für ein paar Wochen kommen und dann einfach bleiben -, und es gibt sehr viele dieser Irrgäste in Tanger."

Barrada ist in Frankreich zur Welt gekommen und in Tanger aufgewachsen, sie hat in Paris studiert, in Jerusalem und New York gelebt und ist nach zehn Jahren im Ausland wieder in die Stadt ihrer Kindheit zurückgekehrt.

2005 hat sie dort, gemeinsam mit Freunden und Mitstreitern, die Cinémathèque de Tanger gegründet: ein Film- und Kulturzentrum in einem alten Kino. Die Cinémathèque ist der intellektuelle Treffpunkt der Stadt, ein Zentrum aktueller Debatten.

"Es gibt nichts Schlimmeres als Stillstand. Ich interessiere mich sehr für Politik, und jetzt, da es am Esstisch wieder um Politik geht, in jedem Haus, in jeder Familie, ist das ein erster Schritt hin zur Mitbestimmung. Und es geht quer durch alle Generationen, du diskutierst mit dem Taxifahrer, dem Gemüseverkäufer, deine Großmutter hat ihre Meinung und deine Eltern wissen auch Bescheid."

Yto Barrada fährt sich über die dunklen Haare, zögert, spricht dann diplomatisch und zurückhaltend über die jüngsten Geschehnisse in der arabischen Welt, über mögliche Auswirkungen auf ihr Land.

"Es ist kompliziert. Es gibt ein Davor und ein Danach, vor Tunesien und Ägypten. Es gibt enorme Erwartungen, eine enorm hohe Arbeitslosigkeit und sehr viele Probleme, die uns mit anderen arabischen Ländern verbinden. Wir leben also in einer sehr interessanten Zeit. Und wir haben noch nichts geschafft, wir haben noch nicht einmal angefangen."

Massenproteste wie in den Nachbarländern haben in Marokko bisher nicht stattgefunden. Doch gibt es eine breite Schicht in der Bevölkerung, die sich nach Veränderungen sehnt. Immer mehr Leute engagieren sich in sozialen Projekten. Kulturinitiativen werden gegründet. Yto Barrada hat Hoffnung. Und setzt auf Gelder aus Europa.

"Zum Glück kommen wir aus der arabischen Welt und unsere Botschaft lautet: Leute, wir brauchen dringend Unterstützung bei unserer Kulturarbeit, und die kulturelle Entwicklung geht einher mit der sozialen und ist von großer Bedeutung. Vor allem da die europäischen Grenzen dicht sind für junge Marokkaner, von denen 25 Prozent ohne Arbeit sind. Wenn ihr diese jungen Menschen also nicht an euren Grenzen wollt und wenn ihr nicht allzu viel Geld für die Sicherheit ausgeben wollt, dann investiert! Und zwar jetzt!"

2011 ist Yto Barrada von der Deutschen Bank als "Künstlerin des Jahres" ausgezeichnet worden. Auf die Ausstellung in Berlin folgt ihre Teilnahme an der Biennale in Venedig. Und auch wenn ihre Tage oft zu kurz sind ...

"Hey, ich hab ein eigenes Kino, ich kann alle Filme sehen, die ich will. Ich muss mich am Abend nicht um die Fernbedienung streiten."

Hinweis:
Die Ausstellung "Yto Barrada: Riffs" ist vom 15.4. bis 19.6. 2011 in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Klassische Verkörperung der kulturellen Opposition

Externe Links:

Deutsche Guggenheim Berlin

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