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Thema / Archiv | Beitrag vom 22.03.2011

Kulturwissenschaftler: Heutige Arbeitswelt macht krank

Claus Leggewie sieht gesellschaftliche Ursachen für Burn-Out

Claus Leggewie im Gespräch mit Britta Bürger

"Menschen fühlen sich oft wie Apparate, sie haben keine Freiräume mehr", sagt Claus Leggewie. (Stock.XCHNG / Dan Norder)
"Menschen fühlen sich oft wie Apparate, sie haben keine Freiräume mehr", sagt Claus Leggewie. (Stock.XCHNG / Dan Norder)

Dass die Fälle von Burn-out und Depressionen zunehmen, liegt zum Teil auch an den Bedingungen in der heutigen Arbeitswelt, sagt der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. Hier helfe den Betroffenen, "wenn sie Teil wären von etwas in ihrem Arbeitsprozess, für das es sich lohnt, tätig zu sein".

Britta Bürger: Volkskrankheit Depression – mehr als fünf Millionen Deutsche geraten mittlerweile in seelische Krisen, viele von ihnen leiden unter dem sogenannten Burn-out-Syndrom. Auf der Suche nach Ursachen werden Untersuchungen aus der Genetik und Hirnforschung immer wichtiger. In den Hintergrund treten sozialwissenschaftliche Ansätze. Interessant also, dass sich die Veranstalter des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der morgen in Essen beginnt, zur Eröffnung den Kulturwissenschaftler Claus Leggewie eingeladen haben. Die Psychozunft öffnet sich dem Blick von außen. Schönen guten Tag, Herr Leggewie.

Claus Leggewie: Guten Tag!

Bürger: Immer mehr Menschen nehmen Psychopharmaka, sind über lange Zeit krankgeschrieben oder gar nicht mehr arbeitsfähig. Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass die seelischen Erkrankungen so drastisch zunehmen?

Leggewie: Ich glaube, dass es untern anderem daran liegt, dass wir es mit einer Arbeitsorganisation zu tun haben, die sich auf die Bedürfnisse der Menschen, ihre Talente zu entfalten, ihre Potenziale auch tatsächlich anzuwenden, in der Arbeit nicht mehr einstellen. Menschen fühlen sich oft wie Apparate, sie haben keine Freiräume mehr, und ohne dass das jetzt eine Klagemauer werden soll, es ist eben exakt das, was sich in vielen Therapien auch spiegelt.

Die Menschen kommen mit sogenannten Anpassungsstörungen, zum Beispiel Müdigkeit, Antriebslosigkeit am Morgen, Schwindelgefühle, öffnen sich mit ihren seelischen Krankheiten, weil es ja nun auch berühmte Fälle von Depression gibt. Und dann werden sie sozusagen wieder widerstandsfähiger gemacht, kommen in den Arbeitsprozess zurück und finden eigentlich exakt die Verhältnisse wieder vor, die sie krank gemacht haben.

Bürger: Im Grußwort zum Deutschen Psychosomatik-Kongress, da heißt es: "Die deutliche Zunahme psychosozialer Krisen durch gesellschaftliche Belastungen, das wird zu einer anwachsenden Bedrohung für Gesellschaft und Wirtschaft." Heißt das, dass man jetzt, wo das Problem ein wirtschaftlich messbarer Faktor wird, erkennt, dass es sich möglicherweise doch um einen Systemfehler handelt?

Leggewie: Ja, ja, das ist die Sprache, die man versteht. Auch Unternehmen gehen jetzt dazu über, für Anfällige unter ihrer Belegschaft bestimmte vorbeugende Maßnahmen, verbesserte Arbeitsbedingungen anzubieten. Ja, in der Tat, für viele Unternehmen wird es zu einem wirtschaftlichen Problem. Man verliert hoch qualifizierte Mitarbeiter in die Depression und muss von daher dann auch etwas tun.

Ich glaube, dass vieles in dieser Richtung hilfreich ist, auch natürlich zur Therapie zu gehen, sich seinem Arbeitgeber anvertrauen zu können, ist sehr wichtig. Aber, wie gesagt, es ist kein bloß individuelles Problem. Und ich glaube auch, dass die Lösung weder einzig und allein in Antidepressiva oder in einer dann eben doch meinetwegen 50-Stunden-Therapie liegt, sondern dass viele Menschen auch Hoffnung schöpfen könnten, wenn sie Teil wären von etwas in ihrem Arbeitsprozess, für das es sich lohnt, tätig zu sein.

Bürger: Aber man kann doch innerhalb der Therapie sicher davon ausgehen, dass ein depressiver Patient oder jemand, der unter Burn-out leidet, tatsächlich auch seine sozialen Probleme im Umfeld überdenkt – die Doppel- und Dreifachbelastung am Arbeitsplatz und in der Familie, Mobbing im Betrieb, Konkurrenz und all diese Probleme. Das ist doch ziemlich unrealistisch aber, dass sich jemand, der sich ohnehin gerade schwach fühlt, dann auch noch mit seinem Chef anlegt.

Leggewie: Es geht nicht darum, die Menschen jetzt gewissermaßen in ein freiwilliges ökologisches oder soziales Jahr zu schicken und zu sagen, daraus könnt ihr wieder Motivation schöpfen, überhaupt nicht. Es geht darum, sie nicht nur widerstandsfähiger, sondern auch widerständiger zu machen gegen Verhältnisse, die sie immer wieder krank machen werden.

Das betrifft übrigens auch durchaus therapeutische Einrichtungen, Kliniken selbst. Es ist ein bemerkenswerter Umstand, dass in den Kliniken auch eine hohe Zahl von Burn-out- und Depressionsfällen zu vermelden sind, das heißt, die Einrichtungen, die eigentlich heilen sollen, die seelisch Kranke eigentlich heilen sollen, sind selber von der Krankheit betroffen, von der da geheilt werden soll.

Bürger: Sie beschreiben im Grunde, dass wir in einer Gesellschaft leben, die uns überfordert, aber das ist ja schon ein Tabu an sich. Man darf in der heutigen Arbeitswelt nicht zeigen, dass man überfordert ist.

Leggewie: Ich glaube, da hat sich etwas geändert. Ich glaube, die prominenten Fälle, mit denen wir es zu tun hatten, beispielsweise der Fußballtorwart Robert Enke und viele andere, haben uns gezeigt, dass man darüber reden kann, dass man darüber reden darf, dass man darüber reden muss. Und es geht jetzt nicht darum, das in der großen Öffentlichkeit an die große Glocke zu hängen, es geht darum, diese Erfahrung, die man hier macht, Erlebniskatastrophen, die man da hat, nicht zu verheimlichen und es dadurch immer schlimmer zu machen, sondern in der Tat sich da, wo man ein Vertrauensverhältnis hat – in der Familie, in der Nachbarschaft, unter Freunden, aber auch unter Arbeitskolleginnen und -kollegen – sich auch zu öffnen.

Ich glaube, hier ist tatsächlich etwas geschehen in den letzten zwei, drei Jahren. Wir reden ja relativ offen über Burn-out, und diese Krankheit ist ja nicht so sehr von dem Odium behaftet, dass man da etwas ganz Schlimmes hat, sondern es ist ja so, dass man sagen kann, ich hab mich halt besonders eingesetzt, und daran bin ich halt eben ausgebrannt.

Ich glaube, dass Kommunikation sehr viel hilft, da, wo man vertrauensvolle Verhältnisse findet, dass sie aber nicht hilft, wo man auf ein entweder familiäres Verhältnis oder ein Arbeitsverhältnis stößt, was einfach nur in einer ganz brutalen Weise repressiv ist. Hier muss man dann auch Wege finden, sich zu wehren, herauszugehen, eine Alternative zu finden.

Bürger: Vom "Seeleninfarkt durch gesellschaftliche Belastungen" spricht der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie hier bei uns im Deutschlandradio Kultur, und damit bezieht er sich auf aktuelle Tendenzen, Depressionen und Burn-out mehr und mehr als genetisch bedingte Krankheiten zu behandeln. Eine Reihe von Studien haben aber tatsächlich ein sogenanntes Depressions-Gen belegt, das allerdings nur dann zu einer Erkrankung führt, wenn es auf andere, schwere seelische Vorbelastungen trifft, also eine Kombination dieser beiden Faktoren ausgemacht werden kann. Das lässt sich ja nicht einfach vom Tisch fegen, Herr Leggewie. Halten Sie diese Forschungsergebnisse dennoch für überbewertet?

Leggewie: Nein, überhaupt nicht, man muss sie nur zusammen sehen, wie Sie es gerade schon gesagt haben. Auch diese Anlagen, genetischen Anlagen, werden natürlich nur unter einer bestimmten Disposition sozusagen von unserem Körper, von unserer Seele abgerufen.

Die Psychosomatik hat eben sehr differenzierte Methoden und auch Diagnosen und Therapien entwickelt, um beides miteinander zu vereinbaren. Und ich glaube, man muss sehr viel stärker, als dass in einem bestimmten Strang der Forschung passiert, hier interdisziplinär denken, auch in der Ausbildung von Ärzten.

Das war für einen Psychosomatiker wie Alexander Mitscherlich in den 50er-, 60er-Jahren völlig selbstverständlich, auch von sozialen Krankheiten zu reden, also von Dispositionen, die in bestimmten gesellschaftlichen Situationen besonders kritisch, besonders katastrophal geworden sind, und dies nicht auf den jeweils individuell Leidenden zurückzuführen, sondern auch der Gesellschaft zu spiegeln.

Bürger: Wie ist es denn dazu gekommen, dass diese sozialwissenschaftlichen Ansätze in der Psychologie immer weiter in den Hintergrund gerückt sind?

Claus Leggewie (Stiftung Mercator, Essen)Claus Leggewie (Stiftung Mercator, Essen)Leggewie: Ich glaube, das hängt mit dem Zeitgeist der 80er-, 90er-Jahre zusammen und mit einem bestimmten Ideal oder Leitbild, was man uns vorgestellt hat. Ein berühmter französischer Kollege, Ehrenberg, hat mal vom erschöpften Selbst gesprochen, und er meinte damit eigentlich die Müdigkeit, man selbst sein zu müssen.

Während man also früher oft unter seelischen Erkrankungen gelitten hat, die dadurch entstanden sind, weil einem Möglichkeiten verwehrt blieben, ist es heute so, dass wir die Illusion ertragen müssen, dass uns alles möglich ist. Unter diesem Druck fallen dann viele Menschen empfindungslos in sich zusammen oder explodieren geradezu in einer Sucht nach Reizen, nach Drogen, nach Pharmaka.

Ich glaube, wir haben auch in den 90er-Jahren sehr stark umgestellt von einer Arbeitswelt, in der es klare Hierarchien, klare Lebenswege, klare Berufswege gegeben hat, zu einer Situation des unternehmerischen, des Arbeitnehmer-Unternehmers, der gewissermaßen seine Biografie selber erfinden muss. Und unter diesem Druck, der besonders in der Kreativitätswirtschaft, in der IT-Branche eine Rolle spielt, diese Selbsterfindung, die kann eben auch sehr stark überfordern.

Und mein Ansatz wäre, jetzt nicht zurückzugehen in starre Hierarchien, vorgefertigte berufliche Karrieren, sondern die Energien, die im Unternehmerischen selbst ja drin sind, also kreativ zu sein, eine fast romantische Idee, sein Leben selbst entwerfen zu können, diese nun auch gemeinschaftlichen Zielen unterzuordnen und zu sagen, lass uns gemeinsam kooperieren für Ziele, die nicht nur unserem individuellen Fortkommen oder der Vermehrung unseres Wohlstands dienen, sondern die auch der Reparatur einer verbesserungswürdigen Welt dienen können.

Bürger: Aber das ist ja ein Appell, der sich nicht in erster Linie an Mediziner und Therapeuten richtet.

Leggewie: Aber auch. Ich glaube, dass es für die Psychosomatik in ihrer ursprünglichen Fassung, da, wo sie die Gesellschaft kritisch in den Blick genommen hat und sich selbst als Teil einer kritischen Gesellschaftstheorie verstanden hat, es absolut evident war, dass man auch über solche gesellschaftlichen Probleme redet.

Erst die sehr paradoxe Individualisierung, die ich eben versucht habe zu schildern, hat auch dann die Therapeuten im Grunde genommen in eine Richtung gebracht, wo man sich im Grunde genommen über das jeweilige Individuum, den jeweiligen Fall verständigt, aber dessen soziale Kontexte nicht mehr so stark reflektiert.

Bürger: Dazu kommt natürlich auch, dass Ärzte und Therapeuten Teil eines Gesundheitssystems sind, was ja selbst im Grunde auf Effizienz ausgerichtet ist.

Leggewie: Ja, das ist die größte Gefahr eigentlich für dieses Gesundheitssystem. Wenn Sie sich den Alltag einer Klinik, wenn Sie sich den Rationalisierungsdruck im Gesundheitssystem insgesamt ansehen, wenn Sie sich die Arbeitsbelastungen, denen Ärzte, Pfleger, Therapeuten oft ausgesetzt sind, wenn Sie sich die anschauen, ist dies ein System, was man selber in einem objektiven Sinne als krank bezeichnen kann. Und deswegen diese hohe Zahl von Erkrankungen in diesem System selbst – es soll heilen, ist aber selber krank.

Bürger: Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie diagnostiziert den Seeleninfarkt durch gesellschaftliche Belastungen und fordert ein Umdenken. Morgen eröffnet er mit seinen Thesen den Deutschen Psychosomatik-Kongress in Essen. Danke Ihnen, Herr Leggewie, für das Gespräch.

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