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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.09.2010

Kulturoffensive am Ural

Perm versucht mit dem "European Accents Festival" den Imagewechsel

Von Martin Burkert

Der Hafen von Duisburg: Auch aus der deutschen Partnerstadt kamen Künstler nach Perm. (Mandy Schielke)
Der Hafen von Duisburg: Auch aus der deutschen Partnerstadt kamen Künstler nach Perm. (Mandy Schielke)

Perm ist weithin als die russische Waffenschmiede bekannt. Nun möchte sich die Millionenstadt am Ural mit Kunst und Kultur profilieren und brachte mit einem "Bottom-Up"-Künstler-Netzwerk junge Kulturschaffende aus der freien Szene Europas zusammen.

Die Stadt Perm am Ural war zu Zeiten der Sowjetunion eine für Ausländer verbotene Stadt. Hier war der Produktionsort der Rüstungsindustrie. Das war eine Folge des Zweiten Weltkriegs, weil die Waffenproduktion vor der deutschen Armee in Richtung Osten verlagert wurde und nach dem Krieg dort blieb. Heute gibt es nur noch wenige Firmen, die für die Armee arbeiten, aber das Image der Stadt als Waffenschmiede ist erhalten geblieben.

Seit einigen Jahren versucht die Stadt, über Kunst und Kultur ein neues Image zu gewinnen. Dazu soll jetzt ein Kulturereignis beitragen, das "European Accents Festival", das am Wochenende erstmals stattfand.

Die Musikperformance-Band "Cechov-Drugs", zu deutsch "Freunde Tschechows", eröffnete ein neues ungewöhnliches Festival in der östlichsten Millionenstadt Europas. Perm am Ural versucht, sich in den letzten Jahren als Kulturmetropole zu profilieren. Dazu wurden woodstockähnliche Festivals veranstaltet, ein experimentelles Theater und ein hochkarätiges Museum für zeitgenössische Kunst neu gegründet. In Letzterem werden ungestraft Werke gezeigt, für die in Moskau Künstler verurteilt wurden.

"European Accents" ist eine Art Verlängerung dieser Kulturoffensive in die freie Szene und auf die europäische Ebene. Dabei wird eine Idee aufgegriffen, die im Umfeld der Ruhr.2010 erdacht wurde, ein internationales "Bottom-Up"-Künstler-Netzwerk. Das soll "unten" verwurzelt sein und nach oben wachsen.

In diesem Sinne begegneten sich etwa 60, meist jüngere Kulturschaffende aus der freien Szene von Perm, dessen deutscher Partnerstadt Duisburg und aus Pécs, der europäischen Kulturhauptstadt Ungarns. Sie hatten innerhalb des letzten Jahres drei Treffen in Perm und entwickelten vor Ort und danach über E-Mail und Internet acht tri-nationale Projekte aus Sparten wie Theater, Fotografie und bildender Kunst.

Teil der "European Accents" war auch die künstlerische und handwerkliche Gestaltung eines für Russland ziemlich neuartigen sozio-kulturellen Zentrums, genannt Mufu. Das heißt auf neu-russisch "Multifunctional Centre". Dazu wurden zwei heruntergekommene, lange leer stehende Häuser der Straßenbahnverwaltung mit viel Phantasie, bunten Farben, Hammer und Pinsel umgestaltet. Federführend für diese Entwicklungshilfe waren ungarische Teilnehmer, die auf eine ähnliche Erfahrung aus Pécs zurückgreifen konnten. Márton Szuhay erläutert:

"Ja, wir haben schon ein solches Projekt in Pecs gemacht, das haben wir 2007 angefangen und das heißt Labor. Da haben wir einen multifunktionalen Raum aufgebaut und das lief bis 2009 und dieses Modell oder diese Erfahrung möchten wir hier übergeben für die Teilnehmer in Russland in Perm."

Neben dem Mufu wurde der traditionelle Markt zum Ort von Performances. Der bildende Künstler Rüdiger Eichholtz:

"Als wir zum ersten Mal hier waren, sind wir mehr durch Zufall auf dem Markt gelandet und haben gleich gemerkt, dass man hier so eine Art Seele der Stadt erleben kann."

Rüdiger Eichholtz arbeitete auf dem Markt mit einer Gruppe von Schmieden aus Perm, etwa Yuri Chirkov. Der fertigte Münzen oder Nägel, behängte damit einen eisernen Baum oder verschenkte sie - mit russischem Gefühl:

"Ich fertige diese Sachen, wie zum Beispiel einen Nagel mit meiner Seele an und wenn ich dies den Menschen schenk, und ich schenke es diesen Leuten, dann schenke ich ihnen auch ein Stück von meiner Seele."

Zum Ort der Seele bildete dann eine Theaterperformance einen harten Kontrast. "A Farewell to Arms" spielte im Freilicht-Militärmuseum. Hier stellt eine Rüstungsfirma martialische Panzer, Militärfahrzeuge aller Art und sogar intekontinetale Raketen aus, die an die Hochrüstungszeiten der Sowjetunion erinnern.

28 Beteiligte in verfremdeten Militärklamotten tanzen, rennen, klettern auf, zwischen und über das bizarre Waffenarsenal. Dazu schreitet eine komplett weiß geschminkte Figur, die an den Tod oder staubbedeckte Soldaten aus dem Schützengraben erinnert. Choreografische Arrangements mit Masken und Puzzles zitieren Picassos Guernica, den sozialistischen Realismus oder Weihnachtsfeiern über die Front hinweg.

Honorare bekommen die Künstler keine. Nur Flüge, Unterkunft und ein kleiner Spesensatz werden bezahlt, zum größten Teil aus Mitteln der EU. Leider ist dieses Austauschprogramm in Gefahr. Brüssel fordert von der russischen Regierung, dass sie sich ab 2012 finanziell beteiligt.

Aus Moskau kommt bisher aber noch keine positive Rückmeldung. Auch Stadt und Region Perm haben sich noch nicht festlegen wollen, ob sie diese freien Aktivitäten auf Dauer fördern. Eigentlich müssten sie es, um sich als kulturoffene Stadt zu profilieren. Das Festival "European Accents" war bunt, einfallsreich, manchmal chaotisch, an einigen Stellen unausgereift, aber immer optimistisch und kreativ.

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