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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.04.2015

Kulturgeschichte der DummheitGebrechen des Kopfes

Von Peter Zaun

Für Immanuel Kant ist die Dummheit ein "Gebrechen des Kopfes". (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)
Für Immanuel Kant ist die Dummheit ein "Gebrechen des Kopfes". (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag)

Dummheit ist ein zeitloses Charakteristikum des Menschseins, der vielleicht facettenreichste Begriff der Kulturgeschichte. Für Immanuel Kant ist sie ein "Gebrechen des Kopfes", eine Konsequenz des "biegsamen Herzens".

Was versteht man unter Dummheit? Wo tritt sie auf?

Dummheit: Ein zeitloses Charakteristikum des Menschseins, der vielleicht facettenreichste Begriff der Kulturgeschichte. Zahlreiche Modi der Dummheit finden Erwähnung: Intelligente Dummheit, anerzogene Dummheit, kollektive Verblödung … - Die Dummheit: Aber auch eine Triebkraft der Evolution menschlicher Kultur, vielleicht ein Dynamo der Zivilisation?

Der Dichter Horaz geißelte schon vor Christi Geburt die Dummheit ausschweifender Lebensführung. Der wohlstandsverwahrloste Konsument, der infantile, dumme Kunde als wiederkehrende Figur der Kulturgeschichte … - seit über 2000 Jahren?

Definitionen des Dummen, Beschreibungen der Dummheit und ihrer Ursachen und Folgen sind zahlreich.

Für Henri Bergson etwa – den Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1927 – besteht eine Ursache der Dummheit in unangemessener Betonung des Ökonomischen.

Ferner wurde von gelehrter Dummheit gesprochen, dem Beharren auf manchmal phantasievollen Ideen. In der Wissenschaft oft mit Autoritätsansprüchen verknüpft. Das häufig erwähnte Paradebeispiel: Lange Zeit glaubte man, Fossilien seien Produkte eines schöpferischen Modellierers im Innern des Erdbodens.

Dann wurde Dummheit definiert als Unfähigkeit, Folgen des eigenen Handels einzuordnen.

Und damit zusammenhängend – die nach André Glucksmann gravierendste Form der Dummheit. Sie manifestiert sich in der Weigerung:

"einen möglichen Widerspruch in Betracht zu ziehen".

Lied "Bett-Philosophie" - Tim Fischer singt Georg Kreisler:

Wie sagte schon Kant - oder war es Voltaire?

Hätte das Leben den mindesten Sinn, dann wäre das Sterben für uns ein Gewinn.

Und unsere Angst vor dem Sterben wäre nichts als eine Chimäre, weil ja das Sterben kein Sterben eigentlich wäre - sondern Permutation: Ein Erfolg der Natur, ein Streben nach mehr. Das wusste schon Kant - oder war es Voltaire?

Es war Kant, der den Widerspruch einkalkulierte. Durch das Streben nach mehr. Verbunden mit dem Wunsch des Menschen, den biologischen Zerfall mit der Akrobatik des Verstandes zu überlisten. Das vermag nicht jeder. Und der Königsberger Philosoph notierte dementsprechend auch:

"Der Dumme ist ein stumpfer und eingeschränkter Kopf, dem es an nichts als an gehörigem Grade des Verstehens mangelt."

Der eingeschränkte Kopf saß dann häufig auf Duckmäusern, Knechten – Menschen, welche der Freiheit keinen Wert beimaßen. Zum Beispiel von Georg Büchner skizziert. Und Heinrich Heine reflektierte:

"Der Knecht singt gern ein Freiheitslied

Des Abends in der Schenke

Das fördert die Verdauungskraft

Und würzet die Getränke."

Ein Fehler, noch innerhalb der normalen "Seelenthätigkeit"

Am Ende des 19.Jahrhunderts wurde die Dummheit des Menschen im Lexikon wie folgt definiert:

"Dummheit, die mangelnde Fähigkeit, aus Wahrnehmungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Dummheit ist ein Fehler, der noch innerhalb der Grenzen der normalen 'Seelenthätigkeit' liegt und deshalb von der krankhaften Geistesschwäche oder dem ausgesprochenen Mangel an richtiger Gedankenverknüpfung, wie er der Idiotie und dem Blödsinn zukommt, unterschieden werden muß."

Weitere 100 Jahre später scheint die Dummheit aus dem Reservoir der normalen Seelenaktivität ausgebrochen zu sein – sich mehr dem Blödsinn angedient zu haben.

"Die sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit."

Das war Alexander Mitscherlichs "anerzogenen Dummheit" – eine Form der kollektiven Scharlatanerie, die heute auch in Bereichen der Bildungs- und Ausbildungskultur zu finden ist. Diese Form der Dummheit berührt die gepriesene Wissensgesellschaft. Hier bündeln sich häufig didaktische Moden und sinnleere Aktivitäten. Moden, die ihren ökonomischen Aspekt nicht verleugnen können, und die ihre Präsentation durch ein spezifisches Vokabular gestalten:

Kinder – Yoga, Frühenglisch, selbstgesteuertes Lernen, Teamfähigkeit: Alles Merkmale sogenannter Kompetenztechnologien!  Kompetenztechnologie, die einfachste Form des Denkens offenbart sich immer als Gemeinplatz, als Phrase. In unserer phrasengesättigten Zeit sind dies Begriffe, welche in aller Munde sind.

Indikatoren der Dummheit – anerzogener Dummheit.

Und damit öffnet sich dann die kulturpolitische Partitur der Moderne, in der das brillante Allegro der Zeit dokumentiert ist. Es wird immer schneller im Namen dieser Dummheit gespielt.

Doch eine spezifische Form der Dummheit könnte bisher sogar vorteilhaft für den einzelnen Menschen oder die Lobby gewesen sein.

Dummheit als evolutiver Vorteil! Dummheit als Auszeichnung! Nicolaus Rescher stellt in seinem Buch: "Warum sind wir nicht klüger" die Hypothese in den Raum, "eine Beimischung von Dummheit" stütze unsere evolutionäre Instinktsicherheit.

Eine seltsam anmutende Überlegung geht von der Behauptung aus, der Instinkt und eine Art natürlicher Dummheit könnte den Menschen in seine Grenzen verweisen. Um schließlich in Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit zum sozialen Wesen zu reifen, zum kooperativen Mitglied der Gesellschaft.

Eins ist unstrittig: Als Plädoyer für diese individuelle Dummheit fungiert das bekannte Sprichwort: Wer erntet die dicksten Kartoffeln? Der Instinktsichere!

Doch die "sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit" scheint heute zu überwiegen.

In Symbiose mit der Ökonomisierung des Denkens tummeln sich Gaukler als Makler von Scheinqualifikationen. Sie erfinden Studiengänge, die niemand braucht. Ein Heer von zertifizierten Meistern der Binsenweisheiten – sogenannte Master of Business Administrations – verlassen jährlich diverse Schulen. Der Dumme verleiht sich selbst die Mitgliedschaft einer ökonomischen Elite. Die nun vielleicht bald zerfällt. Doch immer noch erfüllt das sogenannte "Zukunftskonzept" in unterschiedlicher Ausprägung die Kriterien der Dummheit.

Es ist ein Vorurteil wider die Tragkraft älterer Erkenntnisse und eine widerspruchshemmende Ideologie zugleich, wenn hohle Begriffe wie etwa "Innovationsmanagement" zum Faszinosum Kulturverantwortlicher werden.

Dummheit: Der eingeschränkte Kopf versucht Halt zu gewinnen und sieht sich immer weiteren Dimensionen der Verblendung ausgesetzt.

Wie sehen die psychologischen Wurzeln der Verblendung aus? Was hängt damit zusammen?

Der erste Punkt.

Für viele stellt heute das sogenannte politisch korrekte Verhalten eine zivilisatorische Errungenschaft dar. Zum Beispiel in Form der Kommunikation mit Hilfe einer alles nivellierenden, verharmlosenden, toleranzgesättigten Begriffswelt. Einer gezielten Phrasenauswahl. Das klare Wort ist nicht salonfähig. Immanuel Kant bemerkte zu dieser Problematik:

"Die Art des gütigen Gefühls, welches zwar schön und liebenswürdig, aber noch nicht die Grundlage einer wahren Tugend ist, ist die Gefälligkeit, eine Neigung, anderen durch Freundlichkeit, durch Einwilligung in ihr Verlangen und durch Gleichförmigkeit unseres Betragens mit ihren Gesinnungen angenehm zu werden. Dieser Grund einer reizenden Geselligkeit ist schön und die Biegsamkeit eines solchen Herzens gutartig. Allein sie ist so gar keine Tugend, dass, wo nicht höhere Grundsätze ihr Schranken setzen und sie schwächen, alle Laster daraus entspringen können."

Alle Laster als Konsequenz des biegsamen Herzens. Nachgiebigkeit ist eine Form der Dummheit, wenn sie im Sinn der Definition einen Widerspruch in vorauseilendem Gehorsam abblockt.

Die Kantschen – heute verschwundenen – Charaktere!

Der Philosoph unterscheidet:

Der Abgeschmackte, der Narr, der Läppische, der Abenteuerliche, der Geckige und als Gipfel seiner Missbilligung: Die Fratze!

"Kasteiungen, Gelübde und andere Mönchstugenden sind Fratzen. Heilige Knochen, heiliges Holz und aller dergleichen Plunder, den heiligen Stuhlgang des großen Lama von Tibet nicht ausgeschlossen, sind Fratzen."

Klare Worte! Heute wären dies sogenannte populistische, verbale Entgleisungen – viel zu präzise im verschleimten, verbalen Konsensbrei.

Ich sag mal so, es ist angesagt, es gilt zu verorten, ich stelle auf den Prüfstand, lasst uns das abnicken, bin gut aufgestellt …

Flüchtiges Geplapper, Schrottworte, verbogene Begriffe

Das austauschbare, flüchtige Geplapper mit Schrottworten, mit inhaltlich verbogenen Begriffen. Auch das Exzellenz – Geschwafel gehört dazu! Exzellenz als ästhetisches Kriterium? Nein! Als marktschreierische Animation für einen akademischen Fördergelder-Poker. Exzellenz als Handel mit Zukunftskonzepten – wie die Kritik anmerkte.

Auch Arthur Schopenhauer geißelte die verbalen Schaumschläger. Klare Worte.

"Seht daher, wie sie schwelgen in der Sprachverhunzung, diese edeln Söhne der 'Jetztzeit'. Seht sie nur an! Kahle Köpfe, lange Bärte, Brillen statt der Augen, als Surrogat der Gedanken ein Cigarro im tierischen Maul, einen Sack auf dem Rücken statt des Rocks; Herumtreiben statt des Fleißes, Arroganz statt der Kenntnisse, Frechheit und Kameraderie statt der Verdienste".

Die Veränderung der Begriffs – und Kommunikationswelt und der anhaltende Trend, immer wieder neue Formen des Trivialen zu kreieren, ist ein Indikator der kollektiv akzeptierten Dummheit. Noch einmal Schopenhauer:

"Wer nachlässig schreibt, legt dadurch zunächst das Bekenntnis ab, dass er selbst seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt. Denn nur aus der Überzeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit unserer Gedanken entspringt die Begeisterung, welche erforderlich ist, um mit unermüdlicher Ausdauer überall auf den deutlichsten, schönsten und kräftigsten Ausdruck derselben bedacht zu sein."

Das Königswort subtiler Sklaverei heißt heute: Herausforderung! Die zivilisationsverschüttete Sehnsucht nach einem Duell treibt viele – ohnehin schon Kopflose – um.

"Ach, wenn die Dummen sprechen könnten", klagte Gustave Flaubert.

Sie können es heute! Sie huldigen der relativierenden Dummheit: Es gibt Linguisten in Deutschland, welche die Verteidigung der Hochsprache als Diskriminierung bildungsferner Schichten verdammen. Sprachregeln werden als Luxus diffamiert.

Dies ist relativierende Dummheit im Namen des Kotaus vor einer globalen Nivellierung.

Der Kant–Schüler Johann Gottfried von Herder, dessen frühes, preisgekröntes Standardwerk "Über den Ursprung der Sprache" heute vergessen ist, notierte:

"Wer richtig, rein, angemessen, kraftvoll, herzlich sprechen kann und darf, der kann nicht anders, als wohl denken."

So fühlte auch Friedrich Hegel. Worte aus seiner Antrittsvorlesung in Berlin aus dem Jahr 1818:

"So ist das, was von jeher für das Schmählichste und Unwürdigste gegolten hat, der Erkenntnis der Wahrheit zu entsagen, von unseren Zeiten zum höchsten Triumph des Geistes erhoben worden."

Das Zwischenfazit lautet: Kein kultureller Fortschritt in Bezug auf die Pflege des deutlichen, kräftigen Ausdrucks. Wie es zum Beispiel Helmut Schmidt formulierte:

"Trotzdem klagen viele über ihre Rente. Das finde ich zum Kotzen."

Bemerkte er im Jahr 2003 – im Zusammenhang mit steigenden Renten in Ostdeutschland. Und, wer erinnert sich? Vor 40 Jahren rief Herbert Marcuse:

"Politische Linguistik ist Schutzpanzer des Establishments."

Kreisler-Lied "Der Euro": "Was braucht ein moderner Mensch Literatur, auch von Philharmonikern keine Spur. Nur der Euro bleibt stark, den legt niemand in' Sarg. Hast du Euro hast du Kultur, der kann Kunst imitier'n, der kann die Politiker schmier'n, der baut Banken bis zu den Sternen, baut McDonalds, baut Kasernen, der schmückt's Fernsehen mit einem Glorienschein. Man ist stolz, Europäer zu sein. Für den Eurostern die Poeten und zum Euro lernt man beten: Euro unser, der du bist – und dann merkt auch der letzte Tourist, was Europa ist."

Es ist die Frage, ob die hier besungene, ewige Existenz dieses Geldes nicht auch schon bald Vergangenheit sein wird. Keine Frage ist dagegen, dass jede Diskussion um Ausprägungen moderner Dummheit das Narrenspiel der Ökonomie beleuchten muss.

Immanuel Kants Überlegungen dazu klingen ein wenig kompliziert. Im folgenden Text überlegte er: Was passiert, wenn mehr Geld, künstliches Geld, ohne Warengegenwert geschaffen wird?

"Denn wäre es leichter, den Stoff, der Geld heißt, als die Ware anzuschaffen, so käme mehr Geld zu Markte als Ware feil steht, und weil der Verkäufer mehr Fleiß auf seine Ware verwenden müsste als der Käufer, dem das Geld schneller zuströmt: so würde der Fleiß in Verfertigung der Ware und so das Gewerbe überhaupt mit dem Erwerbsfleiß, der den öffentlichen Reichtum zu Folge hat, zugleich schwinden und verkürzt werden. Daher können Banknoten und Assignaten nicht für Geld angesehen werden."

Weil es kaum der Arbeit bedarf, sie herzustellen. Was sich bei den sehr schnell entwerteten Assignaten – dem Papiergeld der französischen Revolution – zuerst bestätigte.

Geld ist für Kant das Äquivalent zur Arbeit. Aber, wenn dies Gleichgewicht gestört ist, wenn der Wert der Arbeit "sich bloß auf die Meinung der fernen Fortdauer der bisher gelungenen Umsetzung derselben in Barschaft gründet", dann sind wir im ökonomischen Zirkus von Heute – mit allen riskanten Trapeznummern. Das sogenannte "Schuldenrollen", die Verschiebung von Staatschulden in die Zukunft etwa, die Optionswetten und vieles mehr. Dies ist eine Kultur, die dem "Prinzip der uneingelösten Versprechen" – wie es genannt wurde – huldigt. Sie ähnelt der, die mit Konzepten handelt.

Und damit erfüllt auch sie das Kriterium dumm, weil nicht zu erfüllende Versprechen logischerweise Widersprüche ausschließen.

Und, dahinter steht die Hoffnung auf eine Disziplinlosigkeit im Wortsinn. Weil – getreu der Verheißung des uneingelösten Versprechens – die Einzeldisziplinen, etwa der Handel oder die Optionswette, die ganze Bandbreite der Spekulation austauschbar, nicht unterscheidbar werden. Und das heißt: Es gibt keinen Unterschied zwischen realer und fiktiver Welt.

In einer Kultur, in der reale und fiktive Welt ineinander aufgehen, spielt die Realität des Erfahrungswissens eine immer kleinere Rolle. Von einer "Gesellschaft des Verschwindens" sprach schon Stefan Breuer Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals noch ohne Kenntnis der bisher höchsten Form menschlicher Selbstentfremdung durch das Internet.

Erst die häufig synchrone, globale Spekulation mit Hilfe dieser technischen Krücke schuf die Voraussetzung der letzten ökonomischen Krise. Erst der algorithmengestützte Terminhandel – Future Optionen in Echtzeit.

Und die Technik produziert immer neue Varianten "anerzogener Dummheit".

- Medienkompetenz … Medienkompetenz …

- Ihr seid die "pathfinder" - gesegnet euer multimedialer Geist …

- Seid online-affin, crossmedial … verankert im Netz … betet digital …

Medienkompetenz: Dieser zentrale Begriff in der Welt der Qualifikationen und Verheißungen, der geisttötenden Anforderungsprofile - ein ambivalenter Begriff.

Weil er auch von den Botschaften, die von einer fassbaren, realen Welt ausgehen, abstrahiert, weil dahinter das Training für Propagandatechniken steht - jener Techniken, nichteinzulösende Versprechungen zu produzieren und zu vermarkten.

"Wissen und Erkenntnis lassen sich immer weniger von ihrer öffentlichen Präsentation trennen. Die medienvermittelte Erscheinung des Gedankens ist inzwischen zur neuen Ideologie eines angeblich ideologiefreien Medienzeitalters geworden."

Schrieb Oskar Negt.

Wer den Ursachen dieses Zerfallsprozesses nachspürt, wird feststellen, dass die Selbstzerstörungsdynamik der Kultur längst im Detail analysiert wurde. Von Paul Virilio zum Beispiel, der die Fusion von Macht und Geschwindigkeit in den Blick nahm.

"Die technische Zeit ist die tote Zeit."

Nun aber ist die Landkarte des Planeten auf dem Handy zusammengeschoben. Der geographische Raum, mit dem die Empfindung von Zeit und Zeitdifferenzen verbunden war, existiert nicht mehr.

Und das Internet offenbart sich als Vernichtungsmaschine der Identität.

Im Sinn des alten Prinzips: Destruktion durch Konstruktion.

Das Beispiel: Die Destruktion der Persönlichkeit durch das konstruierte Netzwerk.

In der Beilage einer renommierten, überregionalen Tageszeitung erschien folgende Anleitung, um – wie es hieß – "unverwechselbar zu werden":

"Schärfen Sie Ihr Profil im Internet. Zwar kann es ein ganzes Wochenende kosten, auf den einschlägigen Plattformen wie Xing, Twitter oder Yasni Seiten anzulegen und mit Inhalten zu füllen. Doch die Zeit ist gut investiert. Findet man Sie dort mit Foto und Wohnort, identifiziert man Sie leichter. Hilfreich ist es auch, die Profile zu verlinken, weil das zu einer besseren Platzierung in Suchmaschinen beiträgt."

Destruktion durch Konstruktion! Entlarvend dumm – nicht nur, weil auch hier wieder als Indikator geistiger Ohnmacht, der Quasselimperativ, die Phrase: "Schärfen sie Ihr Profil", auftaucht. Auch nicht, weil Datenschützer vor so viel freiwilliger Infantilität, sich als Ziel krimineller Datenausbeuter zu präsentieren, warnen, nein vor allem, weil selbstgewählte Mediensklaverei – gekoppelt an Technik-Fanatismus – nur noch auf die Umwelt reagieren, sie aber nicht mehr gestalten kann. Es läuft auf ein Umhertappen in der geschrumpften Welt hinaus. Technik als negative Dialektik, die in der Selbstzerstörung endet, wie schon Friedrich Georg Jünger vermutete.

Und wie lautete noch Hegels Zeitdiagnose?

So ist das, was von jeher für das Schmählichste und Unwürdigste gegolten hat, der Erkenntnis der Wahrheit zu entsagen, von unseren Zeiten zum höchsten Triumph des Geistes erhoben worden.

Die Erkenntnis der Wahrheit ignorieren! Mediale Gewalt von Bildschirmmedien! Die Wahrheit zu Gunsten der Ökonomie unter allen Umständen unter den Teppich kehren.

Beispiele für anerzogene Dummheit

Die vielfach bewiesene Kausalität zwischen optischem Gewaltkonsum und Gewaltkriminalität bei Jugendlichen wird beharrlich geleugnet oder relativiert – ergänzt durch Untersuchungen, die darauf abzielen, diese Kausalität zu verneinen.

Noch ein Beispiel für anerzogene Dummheit – für nahezu alle hier erwähnten Facetten der Dummheit. Gegen die der Verein "Sichtwechsel" seit vielen Jahren erfolglos kämpft.

Jugendschutz kontra Marktgesetz gleich Ohnmacht der Wahrheit!

"Der höchste Triumph des Geistes."

Die Politik verlangt Beweise für die Wahrheit!

Und in den Wirtschaftsgazetten werden die Produzenten von Kriegs- und Gewaltspielen als Unternehmerpersönlichkeiten vorgestellt!

"Was wollen diese Menschen auf der Welt? Sie sind nur eine Störung, ein Hemmnis, ein aus Böswilligkeit oder Dummheit auf die Schienen gelegter Stein ",

notierte der alte Theodor Fontane Ende des vorletzten Jahrhunderts in einem Brief.

Damit sprach Fontane vom Adel und dessen ewig gestriger militaristischer Fantasie.

Und heute – die neue Zeit? Sie sollte sich dagegen sträuben, das Überflüssige als Variante der Freiheit zu verstehen. Nur dies, dies wenige, es wäre ein Zivilisationsimpuls! Das Überflüssige in der Kultur: "Wir haben noch nicht verstanden, was Technik ist", notierte zum Beispiel vor einem Vierteljahrhundert Carl Friedrich von Weizsäcker. "Technik ist Mittel zu Zwecken." Zu Zwecken des zivilisatorischen Fortschritts, nicht als Basis einer Wachstumsideologie gegen den Menschen.

Ein weiteres Fazit:

In der Verdrängung oder bewussten Ignoranz der Erkenntnisse der Kulturgeschichte besteht das Geschäftsmodell der Moderne. Die scheint für viele Kulturmodi zu gelten. Auch für die Wissenschaftspolitik, zum Beispiel mit ihrer Bologna–Reform.. "Die Professorenschaft mutiert zur Horde stumpfsinniger Evaluierer", schrieb der Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Karlsruhe mit Blick auf den übervollen Prüfungsalltag.

Ausnahmen sind die Naturwissenschaften in ihrer Substanz. Und die Musikkultur kann sich in vielen Bereichen der Kritik entziehen.

Führen Wege aus der Falle der Dummheit? Der Maler, Zeichner und Karikaturist George Grosz meinte 1924:

"Gegen das brutale Mittelalter und die Dummheit der Menschen in unserer Zeit kann die Zeichenkunst eine wirksame Waffe sein."

Stefan Breuer empfahl nach Kantschem Vorbild eine "Umänderung der Denkart". Vielleicht würde man "mehr begreifen", mehr von den Verhängnissen der Kultur verstehen, wenn man Wissenschaft und Technik nicht länger auf die Verfügungsgewalt des Menschen reduziert. Und Oskar Negt betonte:

"Philosophische Renaissancen sind unabdingbar, um der modernistischen Ideologie beschleunigter Entwertungen Widerstand entgegenzubringen, und im Vergangenen vielleicht doch Wahrheitsgehalte wieder aufzudecken."

Vielleicht liegt in der kreativen, individuellen Freizeitgestaltung der Zauber-Schlüssel, welcher neue kulturelle Räume der Vernunft aufschließt.

(Wdh. v. 14.04. 2010)

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