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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.03.2016

Küstenschutz an der Nordsee Wenn das Wasser kommt

Von Dietrich Mohaupt

Schafe sind für die Deichsicherheit unverzichtbar. Entlang der Küstenstraße "Am Tiefen Fahrwasser" bei Wilhelmshaven weiden fast überall Schafe. Etwa 270 Schäfereien tragen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein zum Erhalt der Deiche und damit zum Schutz einer Landesfläche von insgesamt 4700 km² bei. Die Schafe halten das Gras kurz und treten auch den Boden fest. Löcher durch Maulwürfe oder Wühlmäuse werden von den Schafen zugetreten. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)
Höhere Deiche können den Anstieg des Meeres eine Zeitlang auffangen. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

Jährlich steigt der Meeresspiegel an der Nordseeküste um 1,6 Millimeter. Mit immer massiveren Deichen soll das Wasser aufgehalten werden. Doch ewig werden diese Bollwerke nicht ausreichen.

Das Städtchen Bredstedt, ein paar Kilometer nördlich von Husum am Rand des schleswig-holsteinischen Geestrückens gelegen, ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Fahrt in die nordfriesischen Köge. Auf schmalen Straßen geht es gemütlich erst ein paar Kilometer nach Westen, dann immer am Nordseedeich entlang Richtung Nordwest. Es ist eine Art Zeitreise – mit einem etwas überraschenden geographischen Aspekt: je näher wir der Nordsee kommen, desto höher liegt das Land. Der Sylter Meeresbiologe Karsten Reise kennt sich hier bestens aus.

"Die erste Generation dieser Köge, die ist schon aus dem 16. Jahrhundert. Da hat man Vorland, Salzwiesen eingedeicht, um dann ungestört von Salzwasserüberflutungen Ackerbau betreiben zu können. Aber das war nur ein ganz kleiner Koog. Jetzt sind wir über den alten Deich rübergefahren und kommen in die nächste Generation – das ist dann das Niveau vom 18. Jahrhundert, das sind die Reußenköge, die liegen schon knapp einen halben Meter höher, als der von dem 16. Jahrhundert."

Kurz darauf führt die schmale Straße wieder über eine alte Deichlinie – vom 18. geht es direkt ins 20. Jahrhundert, in den Sönke-Nissen-Koog. Eingedeicht wurde der in den 1920er-Jahren – und auch hier liegt das Land wieder ein Stück höher.

"Dieser Sönke-Nissen-Koog liegt gut einen bis eineinhalb Meter höher als die ältesten Köge, die noch auf dem Niveau des 16. Jahrhunderts sind, denn seitdem ist der Meeresspiegel um gut einen Meter gestiegen und entsprechend dann auch die Auflandung, die Salzwiesen, die vor den Deichen gewachsen sind. Also – das ist eine Küstenentwicklung, die zu einer… ja… verdrehten Konfiguration führt. Das Hinterland liegt viel tiefer als die Köge, die unmittelbar direkt am Wattenmeer dran liegen."

Karsten Reise ist jetzt ganz in seinem Element – genau hier, in den Kögen an der nordfriesischen Küste, wird schnell deutlich, wie der Deichbau in den vergangenen Jahrhunderten die Nordseeküste verändert hat, wie er dem fließenden Übergang zwischen Marsch, Watt und Meer ein Ende bereitet hat. Dafür müssen wir wieder ein Stück zurück reisen in der Zeit.

"Wir sind ja jetzt im Sönke-Nissen-Koog nach Norden Richtung Schlüttsiel gefahren und kommen nun wieder vom 20. Jahrhundert durch ein ehemaliges Deichsiel, durch ein Deichtor durch gefahren, wieder zurück ins 16. Jahrhundert. Denn dies ist eine Hallig, die im 16. Jahrhundert eingedeicht worden ist, die ehemalige Hallig Ockholm."

Mit der Fahrt durch das angesprochene ehemalige Deichsiel geht es nicht nur wieder zurück in die Vergangenheit – es geht auch wieder… abwärts, und zwar etwa einen Meter.

"Wir sehen Bauerngehöfte, die stehen auf solchen Warften, künstlichen Wohnhügeln. Das ist noch aus der Zeit, wo dieses Land regelmäßig vor dem Deichbau überflutet worden ist – dann kamen eben auch immer noch neue Sedimente hinzu, so dass dieses Marschenland mit dem Anstieg der Nordsee in die Höhe gewachsen ist. Aber nach dem Deichbau war dann Schluss damit – keine Salzwasserüberflutung mehr, aber eben auch keine neuen Sedimente mehr."

Dazu noch die Entwässerung der Gebiete hinter dem Deich, damit auf den neu gewonnen Flächen intensiv Landwirtschaft betrieben werden konnte, und bis heute betrieben werden kann – die Bewohner der Küstenregion stehen inzwischen vor einem ziemlichen Dilemma, meint Karsten Reise. Seit mehr als 40 Jahren befasst er sich mit den Veränderungen im Wattenmeer – vor drei Jahren ging er als Leiter der Wattenmeer-Forschungsstation des Alfred-Wegner-Instituts auf Sylt in den Ruhestand. Das hält ihn aber nicht davon ab, immer wieder einen "Kurswechsel Küste" anzumahnen.

"Das Land sinkt, das Meer steigt – da kann man eine Zeit lang das noch mit einem immer höheren, massiveren Deichbollwerk auffangen, aber nicht auf ewig. Und dann muss man irgendwas anderes machen – deswegen Kurswechsel Küste. Wir müssen uns wohl irgendwie mit diesem Meeresanstieg anders arrangieren."

Von diesem Kurswechsel ist an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste bisher noch nicht viel zu spüren – und schon gar nicht zu sehen. Beim Thema Küstenschutz gilt – auf die Deiche bezogen – weiter die Devise: höher und größer = besser.

Bau des ersten "Klimadeiches"

Rückblende – im August 2013 begann der Landesbetrieb Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, kurz LKN, auf der Insel Nordstrand mit den Bauarbeiten für den ersten sogenannten "Klimadeich" des Landes. Dietmar Wienholt vom LKN erläuterte damals an der Baustelle die Eckdaten für diese Deichverstärkung: Aufstocken der Deichkrone um 70 Zentimeter auf acht Meter 70 – und vor allem ein ganz neues Profil.

"Ganz entscheidend ist, dass wir breiter und flacher bauen. Wir haben sonst in den vergangenen Jahrzehnten die Deiche nur erhöht und sind bei der gleichen Deichbasis geblieben. Dieses Mal bauen wir die Deichbasis 20 Meter breiter, flachen die Böschung auf 1:10 ab – 1:10 heißt: der Deich steigt auf 10 Meter 1 Meter an – und machen eine doppelt so breite Krone."

Mit großen Bulldozern wird das neue Deichprofil gestaltet, die schweren Maschinen verarbeiten dafür Unmengen von Sand und Erde. Mit Abschluss der Bauarbeiten im kommenden Jahr wird die Deichkrone fünf statt bisher "nur" zweieinhalb Meter breit sein, an der Basis 150 Meter – eben ein echtes Bollwerk. Und zwar eines mit Zukunft – nicht umsonst trägt das Projekt ja den Namen "Klimadeich".

"Also – ich glaube, mit der Art und Weise, wie wir heute bauen, sind wir für die nächsten einhundert Jahre auf der sicheren Seite. Das hat einfach damit zu tun, dass wir nicht nur jetzt ein bisschen mehr Reserven einbauen, dadurch dass die Böschungen flacher werden, sondern auch damit zu tun, dass man sehr einfach noch einmal nachbauen kann, so dass Generationen nach uns erst einmal eine sichere Basis haben, auf der sie aufsetzen können."

Kein radikaler Kurswechsel also, allenfalls ein etwas weiter in die Zukunft gerichtetes Denken, das aber doch in den alten Bahnen bleibt, eben höher und größer = besser und vor allem ausreichend. Der Chef des LKN, Johannes Oelerich, formuliert das so:

"Deiche werden heute schon mit einem Klimazuschlag von 50 Zentimetern versehen, obwohl wir heute erst in der Größenordnung 20 Zentimeter pro Jahrhundert an Meeresspiegelanstieg messen. Diese Bemessung wird weiter geführt hin zu einem Konzept des sogenannten Klimadeiches, wo wir glauben, Vorsorge zu tragen für einen noch stärkeren Anstieg des Meeresspiegels. Das heißt also, wir bauen einen Deich heute so, dass zukünftige Generationen durch einen verhältnismäßig geringen Aufwand bis zu einem Meter Meeresspiegelanstieg mehr dann werden bewältigen können."

Klare Aussage: bis zum Jahr 2100 werde man mit technischen Mitteln den Küstenschutz gewährleisten können – davon ist Johannes Oelerich überzeugt. Aber:

"Ein wesentlicher Bestandteil des Küstenschutzes ist auch der flächenhafte Küstenschutz. Und insofern machen wir uns Gedanken darüber, wie wird sich wohl das Wattenmeer mit seinen Flachwasserbereichen, mit den Salzwiesen in der Zukunft entwickeln, wird es die Funktion noch aufrechterhalten können für den Küstenschutz, die wir heute wahrnehmen. Und wenn wir von den Herausforderungen stehen, dass es diese Funktion in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht mehr in dem Maße wird wahrnehmen können, dann muss man sich über Anpassungsoptionen Gedanken machen."

Im Klartext: das Wattenmeer mit den vorgelagerten Inseln ist als Wellenbrecher unabdingbar für einen funktionierenden Küstenschutz. Das Problem ist, dass verschiedene Szenarien von einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als einen Meter in den nächsten 100 Jahren ausgehen – und das wiederum hätte fatale Folgen für das Wattenmeer, erläutert  Jannes Fröhlich vom WWF in Husum.

"Für das Wattenmeer bedeutet das zunächst einmal, dass es sein könnte, dass Wattflächen verschwinden, Wattflächen erodieren, Inselufer abbrechen, Halligufer – das ist ein mögliches Szenario für einen Anstieg bis zu einem Meter zum Ende des Jahrhunderts. Plakativ gesprochen kann man sagen, dass das Wattenmeer zum Ende des Jahrhunderts droht zu ertrinken." 

Kurswechsel beim Thema Küstenschutz

Deshalb drängt der Wattenmeerexperte – ähnlich wie Karsten Reise – auf einen Kurswechsel beim Thema Küstenschutz. Der Blick über den Tellerrand – in diesem Fall über die Deichkrone – werde immer wichtiger betont Jannes Fröhlich.

"Die Küste wird heute vor allem natürlich durch Deiche, durch Steine und Beton geschützt, und wir sind der Überzeugung, dass in Zukunft eben naturverträglichere Ansätze zum Tragen kommen müssen. Und da ist das Thema Sand, Küstenschutz mit Sand, eines unter anderen."

Neu ist diese Idee nicht – Sand wird bereits seit Jahrzehnten für den Schutz der vorgelagerten Inseln im nordfriesischen Wattenmeer eingesetzt, Jahr für Jahr werden z.B. große Mengen Sand an der Westküste von Sylt aufgespült, um die natürliche Erosion der sandigen Insel auszugleichen. Dicke Rohre speien dabei die Sand-Wasser-Mischung auf den Strand, mit schweren Kettenfahrzeugen wird das Material anschließend verteilt.

"Was wir im Moment glauben, ist, dass dieser Sand, der dort vorgespült wird, dem Wattenmeer auch langfristig zu Gute kommt. Das heißt: Man kann solche Sandvorspülungen auch als strategische Anpassungsmaßnahmen sehen, weil sie dem Defizit, das zukünftig im Wattenmeer entstehen könnte durch den Meeresspiegelanstieg, also ein Sedimentdefizit, ein Mangel an Sand, dass man diesem dann sozusagen ausgleichend entgegenwirkt." 

Sandaufschüttung am Hauptstrand von Sylt (picture alliance / dpa / Foto: Stephan Persch)Sandaufschüttung am Hauptstrand von Sylt 2012. (picture alliance / dpa / Foto: Stephan Persch)
Aber – einfach so Sand ins Meer vor der nordfriesischen Küste kippen, das ist nicht die Lösung. Das Wattenmeer ist schließlich ein Nationalpark – da sind Eingriffe, auch wenn sie zu seinem Schutz erfolgen, ein heikles Thema. Außerdem herrschen in diesem Gebiet komplexe Strömungsverhältnisse – man muss also schon ziemlich genau wissen, wo man Sand hinbringt, damit er sich wie gewünscht im Wattenmeer verteilt, betont LKN-Chef Johannes Oelerich. Mit genau dieser Fragestellung befasst sich seine Behörde schon seit einigen Jahren.

"Wir haben die Vermessungsdaten seit 1930 in etwa aufgearbeitet – das heißt, wir haben eine Vorstellung davon, wie sich das Wattenmeer in der Vergangenheit bei den sich verändernden Grunddaten – Meeresspiegelanstieg, Seegangs-Veränderungen, Sturmfluten haben sich verändert – tatsächlich verhalten hat. Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir uns jetzt auf den Weg gemacht, ein Wattenmeer-Modell aufzubauen." 

In dieses Modell werden jetzt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Klimawandel eingebaut. So wolle man Eindrücke gewinnen von den möglichen weiteren Veränderungen im Wattenmeer bis in die Jahre 2050 bzw. 2100, erläutert Johannes Oelerich.

"Wenn wir dann weiterhin einsetzen können, modelltechnisch einsetzen können, dass wir Materialien an bestimmten Stellen vor dem Wattenmeer z.B. einbringen, dann erhoffen wir uns, dass wir dort Entscheidungshilfen bekommen aus den Ergebnissen heraus, die uns sagen: An dieser Stelle solltet ihr so und so viel an Material einsetzen und das würde sich dann wie folgt verteilen."

Behutsames und vor allem exakt gesteuertes einbringen von Sand in die Nordsee, damit das Wattenmeer mit dem Meeresspiegelanstieg mitwachsen kann und auch künftig als Wellenbrecher für das Festland funktioniert – die Küstenschützer denken also inzwischen tatsächlich über den Tellerrand – bzw. die Deichkrone – hinaus. Aber eben nur in eine Richtung, in Richtung Nordsee.

"Also – wir haben ausdrücklich gesagt, dass die erste Deichlinie entlang der Festlandküste für uns die Grenze des Betrachtungsraumes ist. Weil wir uns als Ingenieure sicher sind, dass wir mit den Maßnahmen, die wir jetzt schon ergreifen, den Küstenschutz für die dahinter liegenden Niederungen bis zum Jahr 2100 werden gewährleisten können, wenn wir die angenommenen Entwicklungen – Meeresspiegelanstieg 50 Zentimeter bis 1 Meter 50 – bekommen werden."

Und genau hier geht Karsten Reise einen Schritt weiter – er bezieht auch die immer weiter absackenden Köge hinter dem Deich mit in seine Überlegungen ein, wenn er vom Kurswechsel Küste spricht. Als ein Beispiel für seine Ideen hat sich der ehemalige Leiter der Sylter Wattenmeerstation den Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland ausgesucht. Dieser um 1959 fertiggestellte Koog ist in erster Linie als Speicherbecken konzipiert worden.

"Die tiefliegenden Marschen liefen bei kräftigen Regenfällen voll Wasser, und dieses Wasser bekam man nicht schnell genug in die Nordsee, wenn der Wasserstand bei starken Westwinden sehr hoch stand – und dann brauchte man irgendwo ein Zwischenlager für das viele Wasser. Und dazu wurde dieser Hauke-Haien-Koog als Eindeichung in das Wattenmeer hinein gebaut, und man benutzt nur die Hälfte für die Landwirtschaft, die andere Hälfte ist Speicherkoog als auch Naturschutzgebiet inzwischen – also es ist ein Eldorado für Gänse und andere Wasservögel geworden."

Der Hauke-Haien-Koog ist zwar über ein Siel mit der Nordsee verbunden – aber das ist eine Einbahnstraße: das Wasser darf hier nur vom Koog in die Nordsee strömen, auf keinen Fall soll Salzwasser in den Koog hinein gelangen. Hier muss der eigentliche Kurswechsel geschehen, fordert Karsten Reise.

"Wir müssen versuchen, diese tiefliegenden Köge irgendwie wieder auf Augenhöhe mit dem Meer zu kriegen. Sie brauchen neues Sediment von außen, und dazu könnten wir kontrollierte Flutungen durchführen, die Deichsiele, die bisher nur für die Entwässerung dienen, dass wir die auch für die Bewässerung, Bewässerung mit Nordseewasser aufmachen."

Vorschläge stoßen auf Widerstand

Deichsiele öffnen, Nordseewasser wieder ins Land hinein lassen – mit diesen Vorschlägen stößt Karsten Reise an der Küste auf massiven Widerstand. Natürlich habe man den steigenden Meeresspiegel im Blick, und man sei sich auch klar darüber, dass sich dieser Anstieg beschleunige – aber die Zahlen seien doch eindeutig, betont Matthias Reimers vom Deich- und Hauptsielverband Dithmarschen. Anstieg des Meeressspiegels um 50 Zentimeter, vielleicht um eineinhalb Meter bis 2100…

"Wenn wir das sehen, dann sprechen wir darüber, dass man sowas technisch beherrschen kann. Da bin ich von überzeugt – obwohl bei den Wasser- und Bodenverbänden originär nicht die Sicherung der ersten Deichlinie angesiedelt ist. Aber dafür sind wir Ingenieur genug, dass wir wissen, dass man das hinbekommen kann. Alles was darüber hinausgeht, welche Entwicklungen sich dann einstellen – das ist Spökenkiekerei." 

Und auch Hans-Rudolf Heinsohn vom Marschenverband Schleswig-Holstein hat für Ideen á la Karsten Reise keinerlei Verständnis. Über Jahrhunderte habe man sich schließlich bemüht, die Nordsee auszusperren – und jetzt solle man sie wieder herein lassen?

"Das sehe ich aus heutiger Sicht nicht so. Also – bis zum Jahr 2100 würde ich mir um solche Vorstellungen keine Gedanken machen. Da ist kein Bedarf – und es ist auch nicht umsetzbar, das muss man ganz deutlich sehen."

Karsten Reise kennt diese Aussagen zur Genüge, dieses unerschütterliche Vertrauen in die technische Machbarkeit von Küstenschutz durch immer höhere und mächtigere Deiche. Aber ebenso unerschütterlich hält auch er an seinen Ideen fest – mehr Meer wagen, die Nordsee auch mal wieder hinter die Deiche lassen, das bedeute für die Küstenbewohner eben nicht den Verlust ihrer Lebensgrundlage.

"Es ist einfach nicht wahr, dass man mit einem nassen, salzigen Land nichts mehr verdienen kann. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich mehr mit dem Wasser zu arrangieren – wir haben nur in diese Richtung nie gedacht. Und ich meine ja nicht, dass wir sofort das Meer wieder in die Landschaft hinein lassen sollen. Aber wir sollen uns nach und nach mit diesem Gedanken beschäftigen und dann kommen wir vielleicht auf Ideen, wie wir es so einrichten können, dass es sich tatsächlich auch lohnt, nicht nur um mit dem Meer mitzuwachsen, sondern dass wir auch wirtschaftlich darin eine neue Chance finden."

Eine Zukunft mit dem Wasser

Sich mit dem Wasser arrangieren – das ist der Grundgedanke, den Karsten Reise immer wieder ins Spiel bringt. Und dabei lässt er seiner Fantasie gerne mal freien Lauf – manchmal scheint es, als habe er eine völlig neue Landschaft an der Küste schon ganz konkret vor Augen, während er den Blick vom Deich bei Schlüttsiel über den Hauke-Haien-Koog schweifen lässt.

"Wir können schwimmende Gärten haben, wir können schwimmende Gewächshäuser haben, wir können Wasserbüffel haben – es lässt sich so viel machen. Die schönsten Freizeitgelegenheiten bieten sich in so einer Landschaft, die Ebbe und Flut hat. Wenn wir die Häuser dann noch wieder auf die traditionellen Warften, diese künstlichen Wohnhügel, setzen, oder wir können sie auch ganz modern auf hydraulische Pfähle setzen und dann fahren wir sie eben hoch, wenn das nötig ist. Noch besser wären schwimmende Häuser oder Häuser die aufschwimmen können, wenn da zu viel Wasser ist."

Vor allem die Idee mit den schwimmenden Häusern hat es dem Meeresbiologen offenbar richtig angetan – er verweist auf Beispiele in den Niederlanden, die in den vergangenen Jahren schon einen Schritt weiter gegangen sind bei dem Versuch, das Leben der Menschen an den niedrig liegenden Küstenregionen am mehr Wasser anzupassen.

"Da hat man in der Tat schon einzelne Deichbereiche geöffnet und Ringdeiche um Gehöfte gemacht oder auch Gehöfte höher gesetzt – oder direkt in der Flusslandschaft sind aufschwimmbare Häuer. Das sind ja auch reizvolle Wohnanlagen, das ist sehr begehrt – also da sehe ich eine echte Chance für diese Küste." 

Wie gesagt – Karsten Reise kann sich, einmal in Fahrt gekommen, so richtig für seine Ideen begeistern. Aber er weiß auch ganz genau, dass er damit an einem Tabu rüttelt.

"Also – diese Idee mit dem Kurswechsel, sich anders dem Meer gegenüber verhalten, die stößt auf sehr heftigen Widerstand. Weil ja jeder auch nur daran denkt: Wenn wir da jetzt auf einmal Salzwasser hinter den Deich lassen, dann säuft uns ja die Landwirtschaft ab, dann saufen uns die Häuser ab – aber das passiert ja nur, wenn man gar keinen Plan hat."

Deshalb müsse jetzt möglichst bald ein solcher Plan her. Und wenn Karsten Reise "Plan" sagt, dann meint er eben einen echten Kurswechsel, der sich auch wirklich in den Köpfen der Menschen abspielt. Denn – auch wenn das mit den immer höheren und mächtigeren Deichen wohl noch eine Zeitlang gut gehen werde…

"Es ist nun die richtige Zeit, etwas zu tun, wo die Enkelgeneration nicht den Kopf drüber schüttelt. Und da müssen wir in den Schulen anfangen, da muss auch eine alte Geschichte, die in den Schulen immer noch erzählt wird, vom Kampf der aufrechten Friesen gegen die heimtückische See, damit muss man mal aufräumen. So ist es ja gar nicht gewesen, sondern dass das Land so sackt und tiefer gerät als der Meeresspiegel, das haben wir uns selber eingebrockt – und dazu müssen wir jetzt auch stehen und entsprechend danach handeln."

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