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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2014

KünstlerkolonieDer Liebende von der Mathildenhöhe

Retrospektive zum Maler, Jugendstilkünstler und Designer Hans Christiansen

Von Ludger Fittkau

Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg mit der Ausstellung "Titel für die Zeitschrift "Jugend" - Nr.14 des Künstlers Hans Christiansen aus dem Jahre 1897.  (picture-alliance / dpa / Museum Für Kunst Und Gewerbe Hamburg)
Titelbild der Zeitschrift Jugend des Künstlers Hans Christiansen aus dem Jahre 1897 (picture-alliance / dpa / Museum Für Kunst Und Gewerbe Hamburg)

Er war einer der Pioniere der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. Hans Christiansen prägte den Jugendstil, die moderne Architektur und das Industriedesign. Seine Kunst wirkt wie eine Liebeserklärung an seine Frau Claire. Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe zeigt seine Werke.

Claire Christiansen ist überall. Ob nackt oder mit üppigen, purpurroten Textilien und gold-glänzenden Broschen ausstaffiert: auf Gemälden, Plakaten, in Glasfenstern. Zumindest ihr Geist auch im Geschirr, den Möbeln und all den anderen Alltagsdingen, die nach Jugendstil-Entwürfen ihres Ehemanns Hans an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert produziert wurden. Kein Wunder, dass der Maler und Designer Hans Christiansen 1933 lieber seine Karriere aufgibt als seine jüdische Frau Claire, geborene Guggenheim, die er vor der Jahrhundertwende in Paris kennengelernt hatte. Philipp Gutbrod, Kurator der Darmstädter Ausstellung:

"1933 kriegt er einen Brief und da heißt es ganz klar: Wenn er sich nicht scheiden lässt von seiner jüdischen Frau wird er ausgeschlossen aus der Reichskulturkammer und er kann nicht mehr ausstellen und nicht mehr publizieren. Und er schreibt kurz zurück: Geschieden wird nicht. Also er ist ganz klar, dass er zu seiner Frau hält. Das ist seine große Liebe seit der Pariser Zeit. Das ist seine Identität."

Das Paar zieht noch vor Anbruch des 20. Jahrhunderts von Paris nach Darmstadt, in die neugegründete Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Die Christiansens sind die ersten Bewohner der Gemeinschaft, noch vor Peter Behrens oder Joseph Maria Olbrich, dem Architekten des Gebäudes der Wiener Secession. Die Maxime der Künstlergemeinschaft lautet: Alle Dinge, die uns umgeben, sollen künstlerisch geformt sein. Auch für den Bauhaus-Vordenker Peter Behrens beginnt das Corporate Design im Jugendstil, unterstreicht Phillipp Gutbrod:

"Und das ist hier wirklich wunderbar zu verstehen. Hier ging es drum, das alles einen Guss haben sollte, alles sollte ästhetisch durchdrungen sein. Und nichts anderes macht das Bauhaus dann."

Hans Christiansen macht den Weg zum Bauhaus jedoch nicht mit. Er beharrt auf seinen ästhetischen Wurzeln: Floraler Jugendstil reinsten Wassers, reich an Ornamenten und fließenden Formen. Verschnörkelt. Erotisch. Für diese durch die naturverliebte Lebensreform geprägte Spielart des Jugendstils ist spätestens Mitte des 20. Jahrhundert kein Platz mehr. Christiansen, ein reiner Jugendstil-Künstler, wird im Gegensatz zu Peter Behrens vergessen. Zu Unrecht, glaubt Kurator Philipp Gutbrod:

"Da denke ich einfach, dass Jugendstil noch nicht den Stellenwert und das Verständnis erreicht hat, den er irgendwann mal haben wird. Es ist der Anfang von so vielen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Otto Dix fing an mit Jugendstil-Ornamenten. Ernst Ludwig Kirchner war Architekt, der Jugendstil-Häuser entworfen hat."

Nicht der größte Kreative

Wie eben Hans Christiansen. Der verlässt allerdings sehr früh die Darmstädter Künstlerkolonie in Richtung der mondänen Kurstadt Wiesbaden. Während Ex-Kollege Behrens den Werkbund gründet und Design- und Architekturgeschichte schreibt, ernährt sich Christiansen in den 20er-Jahren mit Jugendstil-Plakaten für Weinfeste. Er versucht sich ziemlich glücklos als Philosoph, will wie zuvor der Biologe und Bestseller-Autor Ernst Haeckel „Welträtsel" durch Naturbeobachtung lösen. Gleichzeitig gestaltet Hans Christiansen in seiner Wiesbadener Wohnung einen sogenannten schwarzen Salon und im Nebenraum daneben einen Goldenen: eine skurrile Kombination aus Barock und Designermöbeln. Ein Highlight der Ausstellung.

"Er bleibt weiter dieser Vorstellung treu, er will Räume komplett ästhetisch gestalten. Und im nächsten Raum war eben der schwarze Salon, viel strenger, eher so in einem Wiener Jugendstil gehalten. Also die Gegensätze – das muss ganz phantastisch ausgesehen haben."

Was bleibt von Christiansen? Auf jeden Fall die mehr als 100 Jahre alten Plakate. Zeitlos modern. Motive und Farben erinnern an Pop Art oder Graffiti der letzten Jahrzehnte. Ein solches Plakat hat Kurator Phillipp Gutbrod ins Zentrum der ersten umfassenden Christiansen-Werkschau in Darmstadt gestellt:

"Es gibt jetzt eines, was hier ganz zentral an der Wand hängt, das erinnert mich immer wieder an Keith Haring oder Andy Warhol. Das ist in der Abstraktion schon so weit. Und das sie ein Feuerwerk in Keith Haring-Linien sehen können. Und die Farben sind in einem neon- grün und einem hellen violett. Also starke, kontrastreiche Zusammenstellungen."

Kontrastreich auch seine Vasen aus der Zeit der Künstlerkolonie. Geschaffen für die erste internationale Bauausstellung in Darmstadt im Jahr 1901. Objekte, die Ornamentales und Abstraktes perfekt kombinieren und die sicher auch eine Liebeserklärung an Claire waren. Eine der wenigen Jüdinnen, die in Wiesbaden die Nazizeit überlebten. Nicht zuletzt dank ihres Ehemannes Hans Christiansen, der sie versteckte und 1945 völlig verarmt in Wiesbaden starb. Seine Frau überlebte ihn. Christiansen: Sicher nicht der größte Kreative aus der Pionierzeit der Mathildenhöhe, aber wahrscheinlich der größte Liebende. Wiederentdeckt in einer sehr gelungenen Werkschau.

 

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