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Kompressor | Beitrag vom 23.12.2014

Künstlerin Martina Minette Dreier Wir lieben phrasenweise

Von Tabea Grzeszyk

Sogenannte "Liebesschlösser" hängen am Geländer der Fußgängerbrücke "Eiserner Steg" in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa)
Machen uns Liebesrituale wirklich glücklich oder rennen wir nur einem vermuteten Gefühl hinterher? - "Liebesschlösser" in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa)

Seit mehr als 15 Jahren sammelt die Berliner Künstlerin Martina Minette Dreier alles über die Liebe. Zum Beispiel Sätze aus Frauenzeitschriften. Sie findet, viele Liebesrituale - wie das gemeinsame Frühstück im Bett - sind eine Illusion.

Minette Dreier: "Liebe geht durch die Hände. Liebe geht durch den Magen. Liebe ist ein Menschenrecht. Liebe kennt keine Grenzen. Was haben wir noch?"

Autorin: "Liebe im Urlaub kann zum Verhängnis werden. Liebe ist gefährlicher als kolumbianisches Kokain."

Dreier: "Und so weiter. Wie du siehst ist hier schon ziemlich viel zusammengekommen und ich habe noch mehr dazu gesammelt, das ist so eine kleine Begeisterung meinerseits. Das mache ich über die Jahre, Klischees zu dem Thema oder Synonyme zum Sich-verlieben. Also diese ganzen 'Schmetterlinge im Bauch', 'Flugzeuge im Bauch', 'es hat Zoom gemacht', 'es hat Boing gemacht', 'es hat Zack gemacht'."

Auf der Suche nach dem Gefühl aus dem Film

Seit über 15 Jahren schneidet die Berliner Künstlerin Martina Minette Dreier Sätze über die Liebe aus Frauenzeitschriften aus, die sie mit Tesafilm verstärkt in einem Einmachglas aufbewahrt. Die besten Titel landen thematisch sortiert in einem Briefmarkenalbum mit kirschrotem Ledereinband – eine Phrasologie der romantischen Liebe über das "gewisse Etwas" oder "Momente der Zweisamkeit".

"Also gemeinsames Frühstück im Bett, weil man das irgendwo mal gesehen hat und so schön fand, so Sachen, wo ich manchmal denke: Naja, in der Realität ist das jetzt gar nicht so toll, da kleckert und krümelt und klempert immer irgendwas, man kann auch sehr schön am Tisch frühstücken. Aber es ist dann eben so ein Bild, was Menschen haben und wo sie denken, das soll jetzt zusammen umgesetzt werden und mal sehen, was ich dann fühle. Vielleicht ist dann alles ganz toll. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, was wir für Filme sehen und für Bücher lesen, und was so in uns implantiert ist an Vorstellungen von 'so sieht ein glückliches Leben' und 'so sieht eine glückliche Beziehung' aus".

Autorin: "Also dass es im Prinzip umgedreht wird, nicht man ist verknallt und frühstückt im Bett, sondern man frühstückt im Bett, um verknallt zu sein?"

Dreier: "Naja, bevor man im Bett frühstückt, ist ja schon was anderes passiert, aber ja, ich kann mir so was vorstellen. Irgendwie dieser Wunsch, ein bestimmtes Gefühl und eine bestimmte Situation zusammen zu haben. Und zu denken: Wenn ich das mache mit der Person, dann empfinde ich vielleicht das Glück, das ich in dem Film gesehen habe oder was ich dachte, was die Protagonisten empfunden haben."

Ein Porträt mit dem Titel "I love you, but I've chosen Disco"

Romantische Liebe als Zitat? Als Aufbrühen bekannter Szenen und Wörter, die wir gehört oder gesehen haben? Bei ihrer Recherche stößt Martina Minette Dreier immer wieder auf die gleichen Vorstellungen. Vielleicht interessiert sie sich deshalb in ihrer künstlerischen Arbeit vor allem für Menschen, die eine andere Liebesgeschichte erzählen – wie Moira, den Martina Minette Dreier kürzlich in einem Bild als Faun porträtiert hat. Ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock, der in der römischen Mythologie als lüsterner Waldgott bekannt ist.

"Am Ende hat das Bild dann diesen Titel bekommen, 'I love you, but I’ve chosen Disco', auch ein Vorschlag von Moira. Ich habe mich sehr amüsiert über den Titel, eben weil 'I love you' so die drei großen heiligen Worte sind, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite kenne ich die aus dem amerikanischen Sprachgebrauch eher als Synonym für 'bis später dann, wir sehen uns'. Aber in dieser Satzkonstruktion zu sagen 'I love you', aber am Ende möchte ich dann jetzt doch lieber das wilde Leben haben. Ich geh mal noch ein bisschen Feiern, nichts für ungut, wir sehen uns dann später wieder."

Dreier: "Es wird bunter vielleicht"

"I love you, but I’ve chosen Disco" schmückt den Jahreskalender "Queer Pin-ups 2015" des Hamburger Magazins "Hugs and Kisses". Queer, zu deutsch: seltsam, verrückt“ oder auch gefälscht, als Selbstbezeichnung von Gruppen und Menschen verwendet, die von der einstigen Norm abweichen - der "einen, heterosexuellen Liebe für immer", dem Märchen vom Prinzen und der Prinzessin, das schon in der Epoche der Romantik selten gut ausging? Die Künstlerin Martina Minette Dreier überlegt einen Moment, zuckt die Schultern.

"Ich kenne seit Jahrzehnten funktionierende offene Beziehungen und ich kenne schnell zerbrechende offene Beziehungen. Und ich kenne das eben auch bei homosexuellen oder heterosexuellen monogamen Beziehungen, die funktionieren oder nicht. Am Ende sind es immer Menschen mit ähnlichen Features und Wünschen und Grundausstattungen.

Autorin: "Es wird nicht einfacher?"

Dreier: "Nein, ich glaube nicht. Aber bunter vielleicht."

Mehr zum Thema:

Serie "Zwischen Algorithmus und Sehnsucht" - Wo ist die wahre Liebe?
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 22.12.2014)

Intersexualität - Liebe kennt keine Norm
(Deutschlandradio Kultur, Echtzeit, 20.12.2014)

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