Seit 15:30 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:30 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2011

Krieg gegen die Gewalt

Neu im Kino: "Tyrannosaur"

Von Hannelore Heider

Joseph (Peter Mullen) lässt seine Aggression beim Holzhacken raus. (Kino Kontrovers / Jack English)
Joseph (Peter Mullen) lässt seine Aggression beim Holzhacken raus. (Kino Kontrovers / Jack English)

Der Choleriker Joseph findet Zuflucht bei der ganz und gar warmherzigen Hannah - und öffnet sich langsam auch sich selbst. Doch auch Hannah ist in einer Gewaltspirale gefangen. Regiedebütant Paddy Considine wurde für diese Liebes- und Überlebensgeschichte beim Sundance Festival mit Preisen überhäuft.

Es gibt nicht mehr viele Filme, die den Zugang für Zuschauer erst ab 16 Jahren erlauben. Das international mehrfach preisgekrönte Regiedebüt des britischen Schauspielers und Kurzfilmregisseurs Paddy Considine erzählt eine Tragödie und hat vom deutschen Verleih den Untertitel "Eine Liebesgeschichte" zugefügt bekommen, was so verständlich wie gerechtfertigt ist. Denn bei aller eruptiver Gewalt, der wir zusehen müssen, ist es die ergreifende Liebesgeschichte zweier Menschen, die in tiefster Zerstörung aufeinander treffen.

Joseph (Peter Mullan) erwehrt sich den Zumutungen seiner jämmerlichen Existenz in einem verwahrlosten Arbeiterviertel von Leeds mit Alkohol und Wutausbrüchen. Dass sich dahinter kein hirnloser Gewalttäter verbirgt, sondern ein zu Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeitssinn fähiger Mensch, sieht man in den Beziehungen zu einem todkranken Freund und einem einsamen kleinen Jungen.

Es sind Ausgesetzte, für die es keine Hoffnung zu geben scheint und doch passiert sie Joseph. Er findet Zuflucht bei Hannah (Olivia Colman). In ihrem Second-Hand-Laden können Bedürftige einkaufen und Trost finden - wie Joseph, der durch ihre so vorurteils-, wie selbstlose Nächstenliebe Gesundung zu finden scheint. Dann sieht man, dass Hannah selbst ein Martyrium erleidet.

In diesem Film mit nur wenigen Dialogen kommt alles auf die Kraft der Darsteller an. Nicht nur der wie immer grandiose Peter Mullan, auch Olivia Colman können allein mit Gesten und Blicken die tiefen Verletzungen glaubwürdig machen und die große Hoffnung, die die beiden Menschen erfasst. Es gibt sie, die Momente der Erleichterung und des Glück, auch in dieser Umgebung.

Paddy Considines realistisch erzählter Film ist keine simple Sozialstudie des Lebens einer Unterschicht. Die Differenziertheit der Charaktere zielt weiter. Denn Demütigung und Gewalt dominieren auch Hannahs bürgerliche Ehe mit einem Mann (Eddie Marsan), der sein eigenes Ungenügen in abscheulicher Gewalt gegen das einzige Wesens abreagiert, dessen er habhaft werden kann.

Joseph und Hannah haben keine andere Chance, als dagegen in den Krieg zu ziehen. Dass das nicht gut ausgehen kann, fürchtet der Zuschauer. Aber auch unsere Furcht beim Zusehen gehört in diese schockierende Liebes-, und Überlebensgeschichte.

Kompromisslos in seiner humanistischen Intention, ergreifend gespielt und am Ende doch mit großer Hoffnung ist der Film ein Meisterwerk und wurde zurecht auf dem Filmfestival von Sundance mit dem Preis für den Besten Film, die Beste Regie und den Darstellerpreisen für Peter Mullan und Olivia Colman ausgezeichnet.

Großbritannien 2011. Originaltitel: Tyrannosaur. Regie: Paddy Considine. Darsteller: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan, Paul Popplewell, Ned Dennehy, Samuel Bottomley, Sally Carman. Ab 16 Jahren, 89 Minuten.

Filmhomepage "Tyrannosaur"

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Filmhomepage "Tyrannosaur"

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDisziplinverstöße oder Schlimmeres
Die Statur des nackten Donald Trump, die von Aktivisten an mehreren Standorten in den USA aufgestellt wurden, darunter Los Angeles, California, USA (EPA)

Die "FAZ" hadert mit Menschen, die sich an der falschen Stelle zurückhalten. Und die "Welt" nimmt die Gemeinsamkeiten Donald Trumps und Theodore Roosevelts unter die Lupe. Dabei findet das Blatt - zum Glück - einen ziemlich deutlichen Unterschied.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

62. Verleihung der Goethe-MedaillenMigration als Motor
Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi  (Emeka Okereke)

"Migration der Kulturen - Kulturen der Migration" - dies war das Motto der 62. Verleihung der Goethe-Medaillen. Ausgezeichnet wurden der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der Fotograf Akinbode Akinbiyi und der Direktor des georgischen Nationalmuseums David Lordkipanidze.Mehr

Dokumentarfilm über Immobilienboom"Ein System der Gier"
Zahlreiche Baukrähne sind in Berlin zu sehen - vor allem bezahlbare neue Wohnungen werden gebraucht. (dpa / Jörg Carstensen)

"Muss ein Hartz-IV-Empfänger am Potsdamer Platz wohnen?", fragt einer der Protagonisten im Dokumentarfilm "Die Stadt als Beute". Filmemacher Andreas Wilcke hat vier Jahre lang den Immobilienboom in Berlin beobachtet - und zeigt eindringlich, wie Wohnraum zur Ware verkommt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur