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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.01.2010

Krankenkassen-Chefin warnt vor Kopfpauschale

Birgit Fischer: 60 Prozent der Bevölkerung wäre auf Steuerzuschuss angewiesen

Hanns Ostermann im Gespräch mit Birgit Fischer

Stethoskop (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Stethoskop (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Vorstandsvorsitzende der fusionierten Barmer GEK Krankenkasse, Birgit Fischer, wendet sich gegen die Einführung einer Kopfpauschale. Ein einkommensunabhängiger Krankenkassenbeitrag könne die Finanzprobleme des Gesundheitssystems nicht lösen.

Hanns Ostermann: Wann haben Sie sich das letzte Mal krank gemeldet? – Ich kenne eine ganze Reihe von Kollegen, die können sich daran nicht mehr erinnern, es liegt zu lange zurück. Der Krankenstand in deutschen Betrieben ist insgesamt gering, doch daraus den Schluss zu ziehen, auch dem Gesundheitswesen ginge es demnächst besser, das wäre natürlich grundlegend falsch. Das Gegenteil ist der Fall und deshalb soll eine Reformkommission bis zum Sommer dieses Jahres neue Vorschläge zur Finanzierung erarbeiten. Ein gewichtiges Wort dürfte dabei auch die neuerdings größte deutsche Krankenkasse mitsprechen, die Barmer - GEK. Sie ist aus der Fusion von Barmer und Gmünder Ersatzkasse hervorgegangen. Die Vorsitzende des neuen Marktführers ist Birgit Fischer, früher Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen. Guten Morgen, Frau Fischer.

Birgit Fischer: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Was tun Sie, um fit und gesund zu bleiben?

Fischer: Oh, das ist der tägliche Kampf zwischen guten Vorsätzen einerseits und andererseits natürlich Zeit, die man dafür aufbringen muss. Also ich versuche, wenigstens die Möglichkeiten zu nutzen, zu laufen, zu schwimmen, Fahrrad zu fahren. Das sind alles Dinge, die man zwischendurch machen kann, und jedes Mal merke ich, es tut eigentlich wirklich gut, und mein Vorsatz wirklich ist fürs neue Jahr, das stärker umzusetzen, denn es hilft schon, fit zu bleiben.

Ostermann: Vorsätze gab es ja auch immer wieder, eines der besten medizinischen Systeme effektiver, kostengünstiger zu gestalten. Warum gelingt das nicht?

Fischer: Ja, es gibt sehr, sehr viele Interessengruppen im Gesundheitswesen und es ist unglaublich schwer, die jeweiligen Interessen so einzudämmen und so aber auch auf die Interessen der Patienten auszurichten, dass doch immer wieder die Kosten aus dem Ruder laufen. Natürlich gibt es auch viele neue Innovationen, es gibt viele Weiterentwicklungen in der Medizin. Heute ist vieles möglich, was früher gar nicht möglich war. Von daher sind dies auch Kosten, die real wirklich durch die Entwicklung bedingt sind und die ja auch zum Nutzen aller sind.

Ostermann: Frau Fischer, aber wo sind die entscheidenden Stellschrauben? Woran scheitert zum Beispiel – darüber wird ja schon seit Jahren diskutiert – eine bessere Verzahnung von Haus- und Fachärzten und Krankenhäusern?

Fischer: Meines Erachtens liegen da ganz wichtige Stellschrauben. Wir haben eine fachärztliche Entwicklung gehabt, die ist exzellent in Deutschland. Das führt aber gleichzeitig dazu, dass das Zusammenspiel der unterschiedlichsten Ärzte, Hausärzte, der verschiedenen Fachärzte, der Krankenhäuser und Reha-Einrichtungen, dass das nicht so ganz optimal gelingt. Aber wir haben viele chronisch Kranke, wir haben mehrfach erkrankte Menschen und da ist dieses Zusammenspiel der unterschiedlichsten Experten eigentlich existenziell und es ist für die Qualität der Versorgung wichtig. Gelänge dies, könnten Krankenhausaufenthalte vermieden werden, könnte ein weiteres Fortschreiten einer Krankheit herausgezögert werden. Das wäre zum Vorteil jedes Einzelnen und es wäre wirtschaftlicher, es könnten Kosten gespart werden. Darum muss alles daran gesetzt werden, dieses Ziel auch über Qualitätssteigerung und Wirtschaftlichkeit zu erreichen.

Ostermann: Aber diese Möglichkeit hatten Sie doch auch schon als Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen. Woran scheitert das?

Fischer: Na ja, ich glaub die Möglichkeiten … Es gibt verschiedene Dinge. Integrierte Versorgung, das ist genau die Integration dieser verschiedenen Bereiche. Es gibt erste Ansätze, dazu brauchen aber beispielsweise Krankenkassen die Möglichkeit, Verträge abzuschließen. Man kann nicht alles zentral vorgeben, was in einem Gesundheitswesen geschieht, sondern es muss die Möglichkeit geben, dass sich Akteure zusammenschließen, dass man über Verträge versucht, wirklich dann Versorgungskonzepte auch umzusetzen, und darauf drängen wir auch als Krankenkasse, dass wir größere gesetzliche Freiheiten und Spielräume bekommen, mit den Akteuren im Gesundheitswesen, also mit den Partnern im Gesundheitswesen auch zusammenzuarbeiten.

Ostermann: Wo kann gespart werden? Das ist ja auch der Ansatz des neuen Gesundheitsministers. Philipp Rösler will die Zuschüsse der Arbeitgeber einfrieren. Außerdem möchte er den einkommensunabhängigen Krankenkassenbeitrag. Ist das der richtige Weg?

Fischer: Ich sehe den Weg sehr kritisch, aus zwei Gründen. Wenn man den Blick nur auf die Finanzen und auf das Finanzierungssystem richtet, dann lässt man genau diese Möglichkeiten, die Sie gerade angesprochen haben, eigentlich außer Acht: welche Möglichkeiten gibt es in der Versorgung, zu besseren Ergebnissen zu kommen, qualitativ und finanziell. Zweitens glaube ich, dass eine Kopfpauschale das Problem nicht lösen kann, sondern dann zahlt jeder keinen prozentualen Beitrag, sondern einen festen Beitrag. Das heißt, aber auch derjenige, der ein hohes Einkommen hat, bezahlt genauso wenig wie derjenige, der ein geringes Einkommen hat. Ausgeglichen werden müsste dies gleichzeitig über einen hohen Sozialzuschuss, über Steuern. Das heißt, diejenigen, die den Krankenkassenbeitrag dann nicht zahlen könnten – und das wären über 60 Prozent der gesamten Bevölkerung -, wären auf einen Steuerzuschuss angewiesen. Das in Zeiten, wo der Finanzminister natürlich die Steuerzuschüsse in den Sozialversicherungssystemen zurückfahren will. Das kann nicht gut gehen, das ist im Grunde eine Entwicklung, die sehr, sehr unsicher ist. Man kann solche Wege gehen, aber eigentlich nicht in Zeiten, wo einfach die Ampeln in eine ganz andere Richtung leuchten. Das wäre außerordentlich problematisch, weil es keine sichere Basis wäre. Die heutige Finanzierung ist da vom Grundsatz her sicherer.

Ostermann: Frau Fischer, wie lange wird Ihre Kasse noch ohne Zusatzbeiträge auskommen, die ja von allen eigentlich jetzt hinlänglich diskutiert werden und die im Raume stehen?

Fischer: Ja, wir sind Gott sei Dank sehr froh darüber, dass wir akut jetzt überhaupt kein Problem haben, darüber zu diskutieren, wie es mit einem Zusatzbeitrag aussieht. Das heißt aber akut. Auf Sicht werden alle Krankenkassen einen Zusatzbeitrag erheben. Wir haben die Möglichkeit, über die Fusion auch mit der GEK und der Barmer jetzt eine Situation zu haben, die sehr stabil läuft. Das heißt aber, auf Sicht werden alle Kassen trotzdem einen Zusatzbeitrag erheben müssen. So ist das jetzige System angelegt.

Ostermann: Birgit Fischer, die Vorsitzende der größten deutschen Krankenkasse, der Barmer – GEK. Frau Fischer, danke Ihnen für das Gespräch und einen schönen Tag.

Fischer: Herzlichen Dank, Herr Ostermann.

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