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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.11.2015

Konferenz zur StadtentwicklungTübingen hat genauso viele Baugruppen wie Berlin

Von Ludger Fittkau

Die Altstadt von Tübingen am Neckar in Baden-Württemberg am Neckar, links der Hölderlinturm: Bei der Stadtentwicklung setzt man auf Baugemeinschaften. (picture alliance / dpa)
Die Altstadt von Tübingen am Neckar in Baden-Württemberg am Neckar, links der Hölderlinturm. (picture alliance / dpa)

Gemeinschaftliches Wohnen hat Chancen, wenn es gefördert wird. So leben im kleinen Tübingen mit 90.000 Einwohnern genauso viele Menschen in Wohnprojekten wie in der Metropole Berlin. Die Tübinger Kommunalpolitiker halten Baugruppen für ein "Instrument des Städtebaus".

Ob Städte gute Orte für kollektive Wohnformen sind, hängt ganz stark von den Rathäusern ab. Von Kommunalpolitikern, die Formen gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens fördern oder eben nicht. Etwa mit bezahlbaren Grundstücken. Aber zum Glück der Gemeinschaftsbauer können auch öffentliche Wohnungsbaugesellschaften beitragen, indem sie noch unbebaute Flächen für Bau-Kollektive zur Verfügung stellen. Oder sanierungsbedürftige Wohnblocks gemeinsam mit Baugruppen umgestalten und deren eigenen Wünsche bei der Modernisierung berücksichtigen. 

Wenn solche Rahmenbedingungen stimmen, haben Bauen und Wohnen gerade in kleinen Gemeinschaften in Größenordnungen von drei bis 40 Leuten eine gute Zukunft, glaubt auch Peter Cachole Schmal. Er ist Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, das die Tagung zu den Perspektiven gemeinschaftlichen Wohnens veranstaltete:

"Es handelt sich um einen Impuls in einer Art erweiterte WG. Nicht im Sinne von: Ich will mit allen zusammenwohnen. Sondern ich habe meine Wohnung mit anderen in einer Gemeinschaft und lebe ein selbstbestimmtes, gemeinschaftliches Leben mit den anderen."

Baugemeinschaften boomen in Berlin

Berlin ist seit Jahren eine Hochburg solcher gemeinschaftlicher Bauprojekte. Jedoch fast genauso viele Projekte wie in der Hauptstadt – um die 200 nämlich – sind im vergleichsweise kleinen Tübingen entstanden. Dort sind seit knapp zwei Jahrzehnten die politischen Rahmenbedingungen für Baugruppen besser als sonstwo in der Republik. Rund 7000 Menschen leben in der 90.000 Einwohner-Stadt inzwischen in Baugemeinschaften. Es sind längst nicht mehr nur grün wählende Lehrer oder Psychologen, die sich dort zusammentun, stellt der Tübinger Bau-Bürgermeister Cord Söhlke fest:

"Das sind ganz unterschiedliche Projekte. Das kann auch die türkische Baugemeinschaft sein oder die Baugemeinschaft mit Migrationshintergrund, von denen es einige gibt. Das können hoch ambitionierte Projekte wie Null-Energie-Häuser oder Plus-Energiehäuser sein. Das können auch Projekte sein, die bewusst Gewerbe zum Thema machen oder bewusst Architektur zum Thema machen."

Für die Stadt sei diese Ausdifferenzierung der Baugruppen hoch interessant, weil  in bestimmten Quartieren sehr unterschiedliche Architekturen nebeneinander entstünden, so der Tübinger Bau-Bürgermeister. Im Gegensatz zu US-amerikanischen Städten wie Los Angeles, wo Wohnen, Arbeiten und Shopping meist getrennt stattfindet, sei für ihn  immer die "europäische Stadt" das Vorbild für die Stadtentwicklung gewesen. Eine lebendige Mischung von Wohnen, Gewerbe und öffentlichen Plätzen, so Cord Söhlke: 

"Unsere Überzeugung ist immer gewesen, dass Baugemeinschaften nicht nur ein Selbstzweck ist den man macht, damit man schöne gemeinschaftliche Projekte hat, sondern das Baugemeinschaften Instrument für Städtebau sein können und sind. Und deswegen ist es natürlich wichtig, sich zu fragen, was will man städtebaulich überhaupt."

Wohnprojekte wollen Migranten und Sozialschwache integrieren

Keine Ghettobildung – dafür plädierten mehr oder weniger alle Teilnehmer der Tagung angesichts der städtebaulichen Herausforderung, die jetzt noch einmal mit der Integration der Flüchtlinge ansteht. Die oft von recht wohlhabenden Akademikern getragenen gemeinschaftlichen Bauprojekte öffnen sich zur Zeit mehr und mehr für die Integration von Menschen, die auf Sozialwohnungen angewiesen sind. Das sei etwa in Berlin am Anfang anders gewesen, stellte Rainer Nagel von der Bundes-Stiftung Baukultur fest:

"Es gab so eine Fruchtfolge, dass in die Gründerzeit-Quartiere aufgrund von Leerständen anfangs Kreative zogen, die dort arbeiteten. Später zogen die Baugemeinschaften nach und im Sinne einer Karawane durch die Stadt haben sie immer gemachte Standorte aufgesucht."

Inzwischen planen jedoch immer mehr Baugemeinschaften auch Sozialwohnungen oder Räume für Flüchtlinge ein, wenn sie den Behörden ein Projekt vorstellen.

Peter Cachole Schmal vom Deutschen Architekturmuseum kann sich dennoch nicht so recht vorstellen, selbst in eine Baugemeinschaft einzusteigen:

"Ich habe böse Erfahrungen aus den selbstbestimmten Kinderladenzeiten, als darüber diskutiert wurde, das selbstverständlich die Eltern alle mitkochen müssen."

Kollektive Wohnformen im Rhein-Main-Gebiet unterentwickelt

Ob Gruppendruck beim Kochdienst oder nicht: Im Vergleich zu Berlin oder Tübingen gibt es im Rhein-Main-Gebiet einigen Nachholbedarf beim Thema der kollektiven Bau- und Wohnformen, das wurde bei der Tagung am Frankfurter Museums-Ufer deutlich. Die Gründe: Hohe Grundstückspreise, wenig verfügbare kommunale Flächen und eine Politik, die lange Zeit Flächen an den Meistbietenden verkaufte. Doch inzwischen wandelt sich das politische Klima am Main. Dafür steht etwa die Nassauische Heimstätte, ein Wohnungsbau-Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung des Landes Hessen. Das Unternehmen besitzt in Hessen und Thüringen 60.000 Wohnungen. Das erste Baugruppen-Projekt ist in Vorbereitung, so die Unternehmensfachfrau Marion Schmitz-Stadtfeld:

"Wir haben schon seit vielen Jahren unsere Siedlungen auf Grundstücke, die sich dafür eignen untersucht, wir haben schon ein kleines Portfolio von Grundstücken, die sich für Wohngruppen eignen."

Denkbar also, dass Rhein-Main beim gemeinschaftlichen Bauen irgendwann die große Lücke zu Berlin schließen kann. Und zu Tübingen!

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