Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 19.10.2012

Kolumbien: Rohstoffausbeutung ist kein Thema bei Friedensverhandlungen

Zivilgesellschaft dringt auf Beteiligung

Stephan Suhner im Gespräch mit Nana Brink

Im Hafen Puerto Bolivar wird Steinkohle verladen. Kolumbien ist einer der wichtigsten Lieferanten von Deutschland (AP)
Im Hafen Puerto Bolivar wird Steinkohle verladen. Kolumbien ist einer der wichtigsten Lieferanten von Deutschland (AP)

Ein halbes Jahrhundert tobte der Bürgerkrieg in Kolumbien, jetzt sollen Friedensverhandlungen zwischen Guerilla und Regierung stattfinden. Kolumbien ist reich an Rohstoffen wie Kohle. Doch der Abbau und die Verteilung der Gewinne spielen bei den Verhandlungen keine Rolle. Für die Zivilgesellschaft steht dies aber ganz oben auf der Agenda.

Nana Brink: Ein halbes Jahrhundert tobte der Bürgerkrieg in Kolumbien. Jetzt scheinen die älteste Guerilla-Bewegung, die Farc, und die kolumbianische Regierung bereit zu Friedensverhandlungen. Seit gestern wird in Oslo verhandelt und es wird wahrscheinlich ein mühsamer Prozess. Schätzungsweise 600.000 Opfer belasten die Gespräche ebenso wie zahlreiche spektakuläre Entführungsfälle wie die der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Betancourt, die sechs Jahre lang gefangen gehalten worden ist. Am Telefon ist jetzt Stephan Suhner, Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien. Das ist eine Nichtregierungsorganisation, die seit 25 Jahren arbeitet. Schönen guten Morgen, Herr Suhner!

Stephan Suhner: Guten Morgen!

Nana Brink: Wie sind denn Ihre Aussichten auf diese Verhandlungen?

Suhner: Wir denken, so als Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, dass die Chancen, dieses Mal zu einem Abkommen zu kommen, besser sind als in der Vergangenheit. Dies unter anderem vor dem Hintergrund, dass einerseits die Guerilla das auch gemerkt hat, dass sie militärisch keine Chance hat, im Krieg etwas herauszuholen, das für den Verhandlungstisch noch von großem Vorteil wäre. Der Staat hat aber ebenso merken müssen, dass die finanziellen Aufwendungen, die menschlichen Verluste der intensivierten Kriegsführung unter Álvaro Uribe, dem Vorgänger von Präsident Santos, einen so hohen Preis hatten, dass es für den Staat längerfristig nicht mehr tragbar ist. So gesehen sind, sagen wir, beide in einer Pattsituation gelandet, wo eigentlich der Krieg für beide immer mehr zu einer Hypothek wird.

Nana Brink: Und vielleicht gibt das ja auch Hoffnung oder nährt das Hoffnung, dass es dann Frieden gibt, und dann hilft das ja manchmal, genauer hinzusehen auf das Land Kolumbien, wo wir ja viele Klischees im Kopf haben, zum Beispiel den Drogenanbau. Und was viele aber nicht wissen: Kolumbien, das ist eines der zehntgrößten Kohleproduzenten der Welt und einer der wichtigsten Kohlelieferanten für Deutschland. Wichtiger also noch als der Drogenanbau ist die Kohle. Ist das auch eine der Hauptfinanzquellen der Guerilla?

Suhner: Also, der Bergbau ist ganz sicher ein wichtiger Finanzier des Krieges, nicht nur für die Guerilla, auch für die rechtsextremen Paramilitärs. Sie betreiben zum Beispiel illegale Goldminen, es werden große formelle Minen von internationalen Konzernen im Bereich Kohle, aber auch der Erdölausbeutung, die wird besteuert, zwangsbesteuert in diesen Kriegsgebieten. In dem Sinne, sicher, für eine Bereinigung des Konfliktes notwendig, dass auch diese Ressourcen nicht mehr dazu beitragen, den Krieg zu alimentieren. Wie das genau erreicht werden soll, ist eine relativ schwierige Frage.

Es ist auch tatsächlich so, dass das Bild Kolumbiens in den letzten, sagen wir, zehn Jahren sich gewandelt hat. Vor zehn Jahren war das Land auch irgendwie moralisch am Boden, nach dem damals gescheiterten Friedensprozess. Die Leute hatten die Hoffnung in die Zukunft verloren. Was man sagen muss: Präsident Uribe von 2002 bis 2010 hat es geschafft, hier eine Wende hinzukriegen, hat dem Land wieder Hoffnung gegeben. Wobei das Bild von einem sicheren Land, das auf nachhaltigen Wohlstand zugeht, eigentlich krass überzeichnet ist. In vielen Regionen ist der Konflikt weiter in aller Schärfe am Laufen, es gibt täglich Opfer, die Zivilbevölkerung leidet enorm darunter.

Was man aber sieht, dass die Investitionen gerade auch im Bergbausektor enorm zugenommen haben. Es wurden Millionen von Hektaren Land zur Ausbeutung der Rohstoffe freigegeben und nicht zuletzt Länder wie Deutschland hatten sehr große Interessen an einer sicheren Lieferung von beispielsweise Kohle, aber zum Beispiel auch von Agrotreibstoffen und anderen Gütern.

Nana Brink: Weil wir ja auch die Kohle hier in Deutschland brauchen, um die Energiewende dann auch voranzubringen. Bleiben wir noch mal bei den Rohstoffen: Wer beutet die denn aus, das kann doch Kolumbien eigentlich nicht alleine machen nach diesen Kämpfen auch?

Suhner: Nein. Also eigentlich ist Kolumbien noch ganz am Anfang der Ausbeutung, es gibt erst sehr wenige große Minen, dies vor allem im Kohlensektor. Da sind es einerseits US-Konzerne wie Drummond oder auch europäische Konzerne wie Xstrata, Anglo American und auch der große Rohstoffhändler Glencore aus der Schweiz, aus dem Steuerparadies Zug. Im Goldsektor sind es insbesondere ganz, ganz viele kanadische Firmen.

Nana Brink: Sie haben also den Rohstoff Kohle erwähnt, aber auch Gold. Was gibt es denn noch alles an Rohstoffen? Das klingt, als ob es ein wahres Paradies wäre, auch für Investoren?

Suhner: Ja, es gibt auch Erdgas, Erdöl. Dann gibt es nebst Gold Nickel, es gibt sehr viel Kupfer, Molybdän, seltene Erden, Uran, also eigentlich fast die ganze Palette.

Nana Brink: Das klingt eigentlich ja auch geradezu danach, dass dieses Land ja auch sehr wohlhabend sein könnte?

Suhner: Ja, das ist so. Ich meine, Kolumbien ist kein armes Land, es gibt eine sehr reiche Oberschicht, es gibt eigentlich ein ansprechendes Wirtschaftswachstum. Einziges Problem ist, dass die Verteilung hier sehr ungleich ist, Landverteilung ist krass ungerecht, es gibt ein paar wenige Hundert Großgrundbesitzer, die den größten Teil des fruchtbaren Landes haben, während sich Millionen von Kleinbauern auf Parzellen von ein, zwei Hektaren abrackern. Immer noch ein sehr tiefes Lohnniveau, viele Leute haben keine formellen Jobs, leben von der Hand in den Mund tagtäglich.

Und ich denke, das wird auch mit einem Friedensschluss nichts von heute auf morgen einfach so ändern. Und es ist ja auch die Frage, inwieweit diese Verhandlungen jetzt zwischen der Farc und der Regierung überhaupt strukturelle Reformen anstreben und auch ermöglichen werden.

Nana Brink: Das wäre meine Frage auch: Welchen Einfluss haben denn die Friedensverhandlungen auf diese Ausbeute der Rohstoffe? Und kann denn die Bevölkerung dann auch wirklich davon profitieren?

Suhner: Also, die Rohstoffausbeute ist eines der umstrittenen Themen, kommt aber eigentlich in der Agenda zwischen Farc und Regierung nicht vor, ist aber ganz weit oben auf der Agenda der Zivilbevölkerung, der Zivilgesellschaft, der Friedensbewegung, der Kleinbauernvereinigungen, der Gewerkschaften, der Indigenen. Diese fordern, auch an den Gesprächen beteiligt zu werden, angehört, ernst genommen zu werden.

Leider ist es bisher so, dass überhaupt nicht klar ist, wie die Zivilgesellschaft in diesem Friedensprozess angehört werden wird, und es sieht etwas danach aus, dass es vor allem ein kalter Frieden werden soll, ein Frieden zwischen den Kriegsakteuren, aber dass erst nachher und mit großen Ungewissheiten allenfalls gewisse soziale Transformationen gestartet werden könnten.

Nana Brink: Stephan Suhner war das, Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, einer Nichtregierungsorganisation. Herr Suhner, herzlichen Dank für das Gespräch!

Suhner: Vielen Dank an Sie, danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Hoffnung auf Frieden für Kolumbien

Interview

Mensch und NaturIst Artensterben wirklich schlecht?
Giraffenweibchen Gaia im Giraffenhaus im Zoo in Dresden (Sachsen) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Dass einzelne Tierarten aussterben, habe es immer gegeben und sei nicht gravierend, meint der Biologe Josef Settele. Derzeit finde allerdings ein vom Menschen verschuldetes Massenartensterben statt, das dem Menschen auch selbst schade.Mehr

Mariä EmpfängnisVom Mythos Jungfrau im 21. Jahrhundert
Bildnis von Maria, die Jesus die Brust gibt. (Imago / robertharding)

Geht der Jungfräulichkeitsmythos auf einen Übersetzungsfehler zurück? Am 8. Dezember feiern Katholiken Mariä Empfängnis. Kulturwissenschaftlerin Anke Bernau erklärt die Hintergründe und warum Jungfräulichkeit vor allem in patriarchalischen Kulturen wichtig ist.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur