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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.03.2016

Kolumbien: eine lateinamerikanische GeschichteGroßgrundbesitzer, Guerilleros und die Suche nach einem Ausweg

Von Étienne Roeder

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Soldaten im kolumbianischen Bürgerkrieg (dpa / picture alliance / Nestor Silva)
Soldaten im kolumbianischen Bürgerkrieg (dpa / picture alliance / Nestor Silva)

Harte gesellschaftliche Gegensätze, Armut und Ausbeutung der Bevölkerung, eine scheinbar endlose Spirale der Gewalt: Die Geschichte Kolumbiens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ähnlich geprägt, wie die der meisten Länder Lateinamerikas.

"Auf den Bergen Marias, ihr Leute, trug es sich einmal zu.
Da fand ein weinendes Kind  über seine Klagen keine Ruh.
Was weinst Du, mein Kind, was schmerzt Dich gar so?
Gestorben ist mir die Mutter und so wird‘ ich nimmer froh."

Untröstliches Kolumbien. Die verstorbene Mutter, die Petrona Martínez hier besingt, das ist die Aussicht auf eine friedliche Zukunft. Aus der einstigen Hoffnung auf ein freies und gerechtes Amerika wurde in 200 Jahren Einsamkeit ein zerrissenes Land. Seit der Unabhängigkeit reiht sich ein Bruderkrieg an den nächsten. Kaum eine kolumbianische Familie konnte der Gewalt entfliehen. Auf den Montes de María, den Bergen Marias, weit im Landesinneren, beweint auch heute noch das Kind seine Mutter. Gibt es Hoffnung auf Frieden in diesem Land, in dem die Menschen ein so schönes Leben haben könnten?

Als sich die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC, 1964 gründeten, waren sie nur eine unter vielen Guerillaorganisationen, die in Lateinamerika für die Verbesserung der Lebensverhältnisse kämpften. Doch während in anderen Ländern der Guerillakampf längst der Vergangenheit angehört, sind die Probleme in Kolumbien bis heute nicht gelöst. Durch Entführungen und Drogenhandel haben die FARC als revolutionäre Bewegung in der Bevölkerung längst an Glaubwürdigkeit verloren.

Gemeinsame Politik: Unvorstellbar

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Seit 30 Jahren schicken die Drogenkartelle eine Armada an Auftragsmördern durch das Land. Paramilitärische Todesschwadronen haben in den 90er Jahren Massaker mit unsäglicher Brutalität verübt. Oft wurden sie von der kolumbianischen Armee gedeckt. Die hat über Jahre hinweg Unschuldige ermordet und als Guerillakämpfer ausgegeben, um Kopfgeldprämien zu kassieren. Die politischen Vertreter haben durch Allianzen mit dem Drogenhandel oder mit den Paramilitärs das Vertrauen in den Staat verspielt. Und dessen Institutionen sind Spielball regionaler Oligarchen und Großgrundbesitzer. Die allseitig herrschende Korruption höhlt das Vertrauen in staatliche Organe zusätzlich aus. Seit den 80er Jahren wurden mehrere Präsidentschaftskandidaten der verschiedenen Parteien und Tausende Aktivisten ermordet. Kolumbiens politische Landschaft ist geprägt von Gewalt.

"Kolumbien: Das Land wird in Nord- Südrichtung von drei Andenkordilleren durchzogen. Die massiven Bergkämme der Anden verhindern oft den Ost-West Kontakt zwischen benachbarten Regionen. Dazwischen fließen die mächtigen Flüsse Magdalena und Cauca Richtung Norden ins karibische Meer. Die Bewohner der Karibik- und Pazifikküste sind durch den Anbau von Tabak, Zucker und Kakao seit jeher auf den Außen- und Freihandel angewiesen. Im Hochland der Anden ist die Lebensweise auf Land- und Viehwirtschaft ausgerichtet. In niederen Lagen entwickelt sich die Kaffeewirtschaft. Südöstlich der Anden beginnt das Amazonasbecken, das weite Teile des Staatsgebietes bedeckt. Dort gibt es wenige Straßen, nur über die Flüsse erreicht man sein Ziel. Verwaltet wird das Land von der 2.600 Meter hoch gelegenen Stadt Bogotá."

Die Topografie führt seit Jahrhunderten zur politischen Desintegration. Es entstanden isolierte Gebiete mit lokalen, gegen die Kräfte der Hauptstadt gerichteten Machtzentren. Die Verwaltung des gesamten Staatsgebietes oder gar eine gemeinsame Politik: nahezu unvorstellbar in diesem Land, das ungefähr doppelt so groß ist wie Frankreich.

"Kolumbien unterscheidet sich von den anderen südamerikanischen Staaten dahingehend, dass es seit seiner Unabhängigkeit eine Demokratie war. Das heißt: seit 1849 gab es in regelmäßigen Abständen relativ freie Wahlen."

Sagt der deutsche Politologe Jan Boesten. Kolumbien teilte nicht das Schicksal nahezu aller Länder Lateinamerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts: brutale und langanhaltende Militärjuntas wie in Argentinien, Brasilien oder Mexiko. Aber: 5 Millionen Binnenvertriebene hat das Land heute, Ergebnis eines ungelösten Konflikts. Während Staaten wie Ecuador, Bolivien oder Venezuela zum Ende des 20. Jahrhunderts ihren Weg zum Sozialismus propagierten, war die kolumbianische Linke so schwach, dass sie es nicht einmal in die demokratische Legitimität geschafft hatte, sondern buchstäblich noch immer im Busch hockte.

Auftragsmörder und Drogenkartelle mordeten sich durch die Städte

Bereits vor 30 Jahren schien der Weg aus dem Dschungel hinein ins Parlament für die Guerilleros greifbarer denn je. Die Regierung verhandelte einen Friedensschluss und die FARC verfolgten den Weg der Politik ohne Waffen. Sie gründeten die Unión Patriotica, die patriotische Union. Die Partei war ein Zusammenschluss der Kommunistischen Partei, verschiedener linker Aktivisten und demobilisierter Guerillagruppen der FARC. In der Bevölkerung genoss die UP großen Rückhalt.      

"Das war eine enorme politische Kraft. Und das gab dem Land Hoffnung."

Die kolumbianische Anthropologin Sara Hernández hat sich mit der Geschichte der sozialen Bewegungen in Kolumbien beschäftigt.

"Die Leute glaubten an das Projekt Union Patriotica und ihre Führer. Und das in einer Zeit, die unglaublich gewalttätig war. In den 80er Jahren gab es in Bogotá täglich Bombenangriffe. Ich erinnere mich noch an das erste Wort meines kleinen Bruders: Es war das Wort: Bombe."

Auftragsmörder der Drogenkartelle, sogenannte Sicarios, mordeten sich durch die Städte und kämpften um Einfluss im lukrativen Drogengeschäft. Der Staat antwortete mit Gewalt und war gleichzeitig machtlos gegenüber den Drogenbossen, so Jan Boesten:

"Politiker, die sich gegen die Gewaltexzesse der Drogenkartelle stellten, die sich in den ländlichen Gegenden vor allem für die Belange der campesinos einbrachten, wurden reihenweise und zu Tausenden tatsächlich von Drogenbossen und ihren kleine Privatarmeen umgebracht."

Der vielversprechende Friedensprozess mit den FARC, der Union Patriotica - kurz: UP -, wurde schließlich zum Trauma. Die UP wurde buchstäblich ausgelöscht. Insgesamt zählte man mehr als 3.000 Tote. Die Täter: Paramilitärs, Drogenbanden und Ultras der Armee.

Furchen des Schmerzes

"Systematisch wurden sie ausgeschaltet, einer nach dem anderen. Zwei Präsidentschaftskandidaten, acht Kongressabgeordnete, 13 Parlamentarier, 70 Gemeinderäte. Es war ein regelrechter Genozid. Und viele der demobilisierten FARC-Kämpfer sagten: "Basta, so nicht!", nahmen ihr Gewehr und gingen zurück in die Berge. 1988, zwei Jahre nach der Gründung der UP, ziehen sich die FARC aus dem politischen Projekt zurück. Eine Überlebensstrategie und das Ende der Hoffnung."

"Viele politische Führer der Union Patriotica gingen ins Exil. Und in Kolumbien erstarkte wieder die Guerilla. Sie brachte große Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Man konnte nicht mehr angstfrei durch das Land reisen, weil man ständig Gefahr lief, entführt zu werden. Die 90er Jahre waren brutal."

2002 verschärft Präsident Álvaro Uríbe mit Hilfe der USA den Krieg gegen den Terror. Das heißt: gegen die Guerilla, die mit Entführungen, Erpressungen und Straßensperren das Land in Atem halten. Kolumbien wird wieder ein wenig sicherer. Gleichzeitig demobilisieren sich die Paramilitärs. Doch die Allianz der Eliten des Landes mit den Paramilitärs, die Parapolitica, bestimmt weiter die Geschicke des Landes. Der kolumbianische Anthropologe Fabio Silva Vallejo:

"Der Paramilitarismus gehört zur Alltagskultur. Er erstarkt Ende der Siebziger Jahre, als sich die Großgrundbesitzer von den Guerillagruppen bedroht fühlen und ihre eigenen Armeen aufstellen. Ursache dafür ist also der ineffektive Staat und seine Institutionen. Doch der Paramilitarismus ist damit kein Phänomen des 20. Jahrhunderts, sondern ein integraler Bestandteil der Geschichte Kolumbiens seit seiner Unabhängigkeit."

"Oh unvergänglicher Ruhm! Oh ew'ger Jubel! In den Furchen des Schmerzes keimt bald das Gute."

Die Furchen des Schmerzes durchziehen die kolumbianische Geschichte. Schon die Unabhängigkeit von Spanien im 19. Jahrhundert galt nur für einen Teil der Gesellschaft. Für die amerikanischen Ureinwohner wurde sie zur kulturellen Katastrophe. Ihre Reservate wurden aufgelöst und der gemeinschaftliche Besitz wurde in individuelle Parzellen aufgeteilt. Die Ureinwohner waren zwar nicht mehr der Willkür der spanischen Konquistadoren ausgesetzt, dafür machten sich die neuen Machthaber, die Kreolen, in Amerika geborene Nachfahren der Spanier, schnell daran, die besten Ländereien untereinander aufzuteilen. Eine massive Landkonzentration in den Händen der neuen Herren war die Folge. Es sollte nicht die einzige bleiben.

Ein Bürgerkrieg nach dem anderen

"Die Ketten verhinderten die Flucht. Mit ihren gefesselten Füßen konnten die Sklaven nur kleine Schritte gehen. Aus den kleinen Schritten entwickelte sich die Cumbia. Die Trommeln, tambores, geben den Rhythmus vor. Der Rhythmus hat den Ozean überquert, damit man heute in Kolumbien Cumbia tanzt."

Die Befreiung der Sklaven ändert die Besitzverhältnisse nicht. Landlose Indios und die Nachfahren der Sklaven arbeiten weiterhin für die Weißen auf den Tabakplantagen. Von Anfang an klafft in Kolumbien eine große Lücke zwischen dem Anspruch der Gleichheit und der Wirklichkeit kolonialer Strukturen.

Mitte des 19. Jahrhunderts gründen sich die Liberale und die Konservative Partei: Die Liberalen setzen auf den gesellschaftlichen Wandel und orientieren sich an den Ideen der Gedankenfreiheit, individueller Fähigkeit und wirtschaftlicher Freizügigkeit. Die Konservativen halten an den Werten der spanischen Tradition, an einer auf Autorität beruhenden Gesellschaft fest und weisen der katholischen Kirche eine herausragende Rolle zu. Trotzdem sind sich beide Parteien relativ ähnlich, so der Politologe Jan Boesten:

"Das heißt, dass vor allem in der Führung der beiden Parteien schon immer die Oberschicht vertreten war. Dass aber in beiden Parteien auch Campesinos, Arbeiter und die Unterschicht zu finden war. Das hatte zur Folge, dass, wenn Kolumbien in eine Situation kam, in der die ökonomische Entwicklung stagnierte, dass diese Parteien nicht mehr ihre gesamte Gefolgschaft befriedigen konnten."

Die Grenze verlief dann nicht mehr zwischen den Parteien, sondern zwischen oben und unten. Immer wieder kam das Zweiparteiensystem in die Krise. Die Folge: ein Bürgerkrieg nach dem anderen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts enteigneten die Liberalen zwar unrentablen Großgrundbesitz religiöser Korporationen. Doch nur wenige Handwerker oder Kleinbauern konnten die Ländereien vom Staat erwerben. Das Ergebnis war erneut eine Landbesitzkonzentration in der Oberschicht.

"¡Oh gloria inmarcesible! ¡Oh júbilo inmortal!"

Geschwächtes Land bleibt verwüstet zurück

1886 formt der konservative Präsident Rafael Núñez Kolumbien zu einer autoritären Republik um. Der Föderalismus wird abgeschafft und die Liberalen werden fast vollständig aus der Politik gedrängt. Weitere Bürgerkriege sind vorprogrammiert. Der kolumbianische Anthropologe Fabio Silva Vallejo sieht in der Verfassung von 1896 den Kern der Gewalt des aufkommenden 20. Jahrhunderts.

"Die Verfassung von 1886 definiert einen Zentralstaat, dem jedoch sehr starke aristokratische Kräfte in den einzelnen Regionen gegenüber stehen. Außerdem definiert sie eine Aufteilung in ein liberales und ein konservatives Lager. Das wird sich im Verlauf der Geschichte als fatal erweisen. Politik wird von nun an ein schwieriges Unterfangen, mit ungeheuerlicher Gewalt der Anhänger beider Lager. Diese Gewalt mündet dann schließlich im Epilog des kriegerischen 20. Jahrhunderts: Dem Krieg der Tausend Tage."

Der Krieg der Tausend Tage kostet 100.000 Kolumbianern das Leben. Bei einer Bevölkerung von nur vier Millionen. Außerdem werden im Krieg gegen Guerillagruppen der Liberalen die Kräfte des Heeres verbraucht, die nötig gewesen wären, um die Abspaltung Panamas zu verhindern. Unter dem Schutz und dem Einfluss der USA erklärt Panama seine Unabhängigkeit von Kolumbien. Kolumbien jedoch verliert im Tausend-Tage-Krieg einen wichtigen Teil seines Staatsgebietes und das wirtschaftlich geschwächte Land bleibt verwüstet zurück.

Die soziale Frage ist in Kolumbien seit jeher mit der Landfrage verbunden.

"Das Epizentrum des Tausend-Tage-Krieges und das Epizentrum aller Bürgerkriege im 19. und im 20. Jahrhundert liegt auf dem Land. Seien es nun Bürgerwehren oder Bauernverbände im 19. oder Guerillas und paramilitärische Gruppen im 20. Jahrhundert. 95 Prozent aller Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen finden auf dem Land statt."

Das Land, von dem viele Kleinbauern zu Beginn des 20. Jahrhunderts träumen, ist der Regierung zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt. Diese Unkenntnis der urbanen Eliten, das Desinteresse und die Unfähigkeit staatlicher Institutionen, in entlegenen Regionen präsent zu sein, sind die Grundlage für den Fortbestand der alten, kolonialen Strukturen auf dem Land. Dort ist die bäuerliche Bevölkerung in ein vielschichtiges Verhältnis von Ausbeutung und Paternalismus eingebunden. Gewählt wird, was dem patron zu Gute kommt. Der benutzt die besten Böden für die Viehwirtschaft. Den Bauern, Indigenen oder Wanderarbeitern bleiben leere Flächen. So werden die guten Böden verschwendet. Die soziale Frage ist in Kolumbien seit jeher mit der Landfrage verbunden.

"Alle auf den Boden! Schrie der General. Die ersten Reihen waren dem Befehl schon gefolgt, dahin gemetzelt von den Gewehrsalven. Die Überlebenden bewegten sich wie der Schwanz eines Drachen in Richtung des Platzes und in ihrer Panik stießen sie mit dem anderen Drachenschwanz zusammen, der von der gegenüberliegenden Straße in Richtung Platz strömte. Auch dort mähten die Gewehre ununterbrochen die Arbeiter nieder."

Gabriel García Márquez hat in seinem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" das Massaker an den Bananenarbeitern verewigt. 1928 streiken 30.000 von ihnen und fordern die Anerkennung weitreichender Arbeitsrechte wie Unfall- und Krankenversicherung, hygienische Behausungen, den Bau von Krankenhäusern, das Ende der Ausbeutung durch die US-amerikanische Firma United Fruit Company. Das Militär reagiert mit unglaublicher Gewalt und schießt in die Menge der Streikenden. Die genaue Zahl der Toten bleibt bis heute ungeklärt.

La Violencia

In den 1930er Jahren verfolgt der liberale Präsident Pumarejo eine kolumbianische Version des New Deal, die revolución en marcha, und versucht mit der Gründung einer nationalen Gewerkschaft, einer zaghaften Landreform und einer Reform des Bildungswesens die ländlichen und urbanen Unterschichten einzubeziehen. Doch die Macht im Kongress haben die Oberschicht und die Großgrundbesitzer - und die sind nicht bereit, die sozialen Reformen zu unterstützen. Pumarejo gibt sein Reformprogramm auf und hinterlässt im Volk die Frustration einer gescheiterten Revolution.

"Yo no soy un hombre, soy un pueblo" - ich bin kein Mann, ich bin das Volk, ruft der liberale Populist Jorge Eliécer Gaitán bei Massenveranstaltungen in die Menge. Er propagiert nach dem Scheitern Pumarejos die Idee von einem Volk, das breite Schichten umfasst: von den Arbeitslosen, Arbeitern, Kleinbürgern bis zu Industriellen. Kurz: alle gesellschaftlichen Gruppen außer der Oligarchie. Am 9. April 1948 um 12 Uhr mittags treffen ihn in Bogotá bei einer Kundgebung fünf Kugeln, er stirbt noch am Ort des Attentats. Politologe Jan Boesten:

"Der 9. April 1948 ist eigentlich eines der einschneidendsten Daten in Kolumbiens Geschichte. Und das sorgte direkt für drei Tage absolutes Chaos in Bogotá, der sogenannte Bogotázo. Und dieser Gewaltexzess breitete sich langsam, aber sicher aufs gesamte Land aus, vor allem auf ländliche Gegenden. Und hier stellte es sich dann heraus, dass sich die Anhänger der jeweiligen Partei gegenseitig – ja, man muss es so sagen – massakrierten. Höchst gewaltexzessiv auch umbrachten mit durchaus sadistischen Methoden. Und diese Epoche der Gewalt heißt in Kolumbien einfach nur Die Gewalt: La Violencia."

Insgesamt fordert die Violencia etwa genauso viele Tote wie die Mexikanische Revolution, sozialrevolutionäre Impulse jedoch hat sie nicht. Es ist ein sinnloses Blutvergießen. Allein 1950 gibt es über 50.000 Tote, in der Mehrzahl Bauern. Vor allem in den ländlichen kaffeeproduzierenden Gebieten zerstört die Violencia von Grund auf die Organisation der bäuerlichen Bevölkerung.

"In ihrem Essay über die Unmenschlichkeit argumentiert Maria Victoria Uríbe, dass die massakrierten Leiber Botschaften für die Überlebenden trugen. Indem Macheten und Äxte die Körper  verstümmelten, wurde die alte Ordnung zu Grabe getragen. Die nach dem Tod willkürlich arrangierten Körperteile symbolisieren die neue Ordnung. Doch die neue Ordnung stellt sich mit Blut geschrieben nicht ein."

"Um einen Kolumbianer zu töten, fragt niemand um Erlaubnis"

1957 unterzeichnen die Vertreter der Liberalen und Konservativen Partei das Abkommen zum Frente Nacional. Zwischen 1958 und 1974 werden von Stadträten über Departement-Verwaltungen bis hin zum Kongress alle Sitze nach einem festen Verteilungsschlüssel aufgeteilt. Es ist eine de facto-Diktatur der beiden Parteien, deren Präsidenten sich in der Regierung abwechseln. Alternative politische Kräfte müssen sich nun entweder innerhalb der beiden Parteien oder jenseits der Legalität organisieren. Unter dem Einfluss der kubanischen Revolution 1959 gründen sich 1964 das nationale Befreiungsheer, kurz ELN, und die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, FARC. Daneben organisieren sich die Bauern auf dem Land in mehr oder weniger radikalen Organisationen. Das Landproblem bleibt akut.

Das Kolumbianische Institut zur Agrarreform INCORA verteilt zwischen 1962 und 1979 rund zwei Millionen Hektar staatliches Land an über 250.000 bäuerliche Familien. Doch den Großgrundbesitz tastet die Reform nicht an. Die Landfrage ist das archetypische Erbe aller lateinamerikanischen Staaten. Doch in anderen Staaten brechen sich in den 70er Jahren die politischen Kräfte von rechts und links Bahn. Militärdiktaturen wie in Argentinien oder linke Experimente wie in Chile sind typisch für die Hemisphäre: ideologisch aufgeladene, blutige Kämpfe um gesellschaftliche Veränderung. In Kolumbien fordert die Spirale von nackter Gewalt und Rache zur gleichen Zeit Unmengen an Blut, ohne dass sich die Verhältnisse ändern.  

Der Musiker Nelson Martinez brachte das Drama Kolumbiens beim Festival des Vallenato 1997 auf den Punkt. Um ein Schwein zu schlachten – so singt er - braucht man eine Genehmigung. Doch um einen Kolumbianer zu töten, fragt niemand um Erlaubnis. Und er fragt weiter:

"Wie schön könnte es doch sein, diese Erde zu bearbeiten und in Frieden zu leben? Warum setzen sich nicht alle bewaffneten Gruppen an einen Tisch und sprechen miteinander?”

Wie groß ist der Friedenswille?

Seit 2012 verhandelt die Regierung unter Juan Manuel Santos wieder mit den FARC: In Havanna und mit Begleitung durch Norwegen und Cuba. Militärisch ist der Konflikt nicht zu lösen. Das wissen beide Seiten. So scheint der Friede heute als einziger Ausweg. Über die Fragen einer möglichen Landreform und einer Übergangsjustiz besteht weitgehend Einigkeit zwischen Regierung und Guerilla. Auch der Kampf gegen den Drogenhandel, die politische Partizipation der Kämpfer und die Entschädigung der Opfer wird kein Hindernis sein. Doch kurz vor der Unterzeichnung stocken die Gespräche. Streitpunkte: Wo genau und nach welchem Prozedere die Waffen abzugeben seien. Die Anthropologin Sara Hernández ist skeptisch über den Ausgang der Gespräche.

"Den Frieden macht man nicht am Verhandlungstisch, sondern im alltäglichen Leben. Denn, wenn die strukturellen Probleme nicht angepackt werden, ist die Demobilisierung nichts wert. Es gibt Zonen, in denen ich gearbeitet habe, da sagen die Leute: Wenn die Guerilla geht, greifen wir zu den Waffen. Denn das ist in Kolumbien die einzige Möglichkeit, das Land und das Leben zu verteidigen."

Verhandlungschef der FARC in Havanna ist ein Mann, der unter dem Pseudonym "Iván Márquez” bekannt ist. Er ist ehemaliger Abgeordneter der Union Patriotica und ging Ende der 80er Jahre wieder in den Untergrund. In Oslo präsentiert er sich mit Olivenzweig in der Hand. Doch er erinnert auch daran, dass Kolumbien bei der Ungleichheit in der Welt den dritten Platz belegt. Ob sich die mehr als 7.000 bewaffneten Kämpfer wirklich entwaffnen lassen, hängt schließlich von zwei Dingen ab: Sicherheitsgarantien für die Guerilla und wirkliche Reformen in der Zukunft. Das Misstrauen ist übermächtig. Schon verdichten sich Gerüchte über eine Rache der Paramilitärs. Wieder sterben politische Aktivisten. Eine neue Politik ohne Waffen, das ist die größte Herausforderung für Kolumbien. Die Dialoge in Havanna und eine Feuerpause sind erste Schritte. Vielleicht haben Regierung und Rebellen schon mehr erreicht als alle Verhandlungen der letzten Jahre. Ein Scheitern des Friedensprozesses wäre fatal für alle Kolumbianer. Die entscheidende Frage ist, ob die Sehnsucht nach friedlichen Verhältnissen in Kolumbien ausreicht, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

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