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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.06.2009

Kohler: Die Leitungen nach Deutschland sind zu teuer

Energie-Experte kritisiert Wüstenstrom-Projekt

Stephan Kohler im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Kohler: Nicht eine Abhängigkeit mit einer anderen eintauschen.  (AP)
Kohler: Nicht eine Abhängigkeit mit einer anderen eintauschen. (AP)

Stephan Kohler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH, hat das Desertec-Konzept zur Produktion von Solarstrom kritisiert. Auch wenn er den möglichen Einstieg deutscher Konzerne in derartige Projekte begrüße, sollte der produzierte Strom am besten vor Ort verbraucht werden, so Kohler.

Jörg Degenhardt: Mit den Sonnenstrahlen den Energiehunger der Menschheit stillen und gleichzeitig das Weltklima retten, das klingt wie ein Märchen, aber warum sollte diese Alternative nicht gewagt werden. Schlaue Leute haben nämlich ausgerechnet, Solarkraftwerke auf nur drei Prozent der Fläche der Sahara könnten den derzeitigen Weltstrombedarf decken. 15 deutsche Unternehmen gehen es an. Sie wollen sich zu einem Konsortium zusammentun, um gemeinsam in Nordafrika Strom aus Sonne zu gewinnen. Das klingt alles so logisch und einfach, dass man sich fragt, warum eigentlich erst jetzt, oder hat die Geschichte doch einen Haken? – Mein Gesprächspartner kann uns da bestimmt weiterhelfen. Stephan Kohler ist der Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur, kurz dena. Das ist eine halbstaatliche Einrichtung zur Förderung der Energieeffizienz und regenerativer Energien. Guten Morgen, Herr Kohler.

Stephan Kohler: Guten Morgen, Herr Degenhardt!

Degenhardt: Folgt dieses Konsortium, was sich da bilden will, einer Fata Morgana?

Kohler: Nein, bestimmt nicht, wobei man das Thema natürlich zweiteilen muss. Auf der einen Seite – und wir sind da voll dafür – ist es gut, wenn deutsche Firmen gerade in Nordafrika oder Südeuropa in Solarkraftwerke investieren, also Solarkraftwerke bauen, um Strom zu erzeugen. Das befürworten wir, weil wir dadurch natürlich sauberen, auch klimafreundlichen Strom bekommen. Die zweite Frage: Wo wird der Strom verbraucht? Und hier haben wir ein bisschen eine kritische Position gegenüber dem Desertec-Projekt. Wir sind der Meinung, in den nächsten 20 Jahren, 30 Jahren kann der Strom, der in Solarkraftwerken dort erzeugt wird, auch in den Ländern verbraucht werden, weil dort ist ja auch ein Stromverbrauchszuwachs, und wir müssen nicht teure Leitungen über drei-, viertausend Kilometer bauen, um ihn zum Beispiel nach Deutschland zu transportieren.

Degenhardt: Aber Leitungen oder Rohstoffquellen, wenn wir die zum Beispiel aus der Ukraine holen wollen, wenn ich an die Pipelines denke oder an die Ostsee-Pipeline, das sind ja auch lange Wege und lange Leitungen, da gibt es ja auch Anfälligkeiten.

Kohler: Ja, natürlich. Aber wir dürfen nicht die eine Abhängigkeit jetzt argumentativ dafür verwenden, um eine andere Abhängigkeit hervorzurufen. Aber lassen Sie mich einfach mal ein paar Fakten nennen. In den nordafrikanischen Ländern wird der Stromverbrauch im Jahr 2020 ungefähr 53.000 Megawatt an Leistung aufweisen. Das Desertec-Projekt will bis zum Jahr 2020 ungefähr 10.000 Megawatt Solarkraftwerke aufbauen. An diesen Zahlen wird deutlich, dass wir den Strom vor Ort verwenden können, und wir sind ja - im November, Dezember ist ja in Kopenhagen die nächste Klimaschutzkonferenz – weltweit über einen Zertifikatshandel verbunden. Wenn deutsche Firmen dort unten investieren, können wir die CO2-Zertifikate uns hier gutschreiben. Wir tragen hiermit auch einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz.

Degenhardt: Es machen ja nicht alle großen Energieriesen mit bei diesem Projekt Desertec in Nordafrika. Der Chef von Vattenfall zum Beispiel hat heute in einem Interview erklärt, dass man das Projekt für nicht umsetzbar hält. Andere wie gesagt sind groß eingestiegen. Was steckt aus Ihrer Sicht in erster Linie dahinter? Ist das nicht das Streben nach mehr Gewinn?

Kohler: Das würde ich jetzt nicht unterstellen, weil bei diesem Projekt sehe ich den Gewinn noch nicht so sprudeln. Deshalb denke ich ist es kein Gewinnstreben. Aber ich würde mal was anderes sagen. Am 13. Juli gibt es ja das erste Gespräch zum Desertec-Projekt. So viel mir bekannt ist – und da sind auch Gesellschafter von der Deutschen Energieagentur mit dabei -, ist es ein erstes Gespräch und mir ist nicht bekannt, dass es schon Verträge gibt oder konkrete Absichten, sondern die Münchener Rückversicherung hat zu einem Gespräch eingeladen. Und ich würde mal vorschlagen, wir warten ab, ob die Unternehmen schon wirklich tief einsteigen oder erst mal erste Gespräche führen.

Degenhardt: Herr Kohler, wenn uns künftig mal die Wüstensonnenenergie wirklich in ausreichendem Maße zur Verfügung steht – und die Sonne hört ja so schnell nicht auf zu scheinen -, müssen wir uns dann umso weniger um die Energieeffizienz kümmern? Das ist ja auch ein Gedanke, der da eine Rolle spielen könnte.

Kohler: Nein, natürlich nicht. Natürlich müssen wir, und das ist weltweit anerkannt. Energieeffizienz ist eigentlich die Basis einer zukünftigen Energiestrategie. Die Internationale Energieagentur hat letztes Jahr den World Energy Outlook veröffentlicht, in dem sie nachweist, dass ungefähr 55 Prozent der Klimastrategie, um die Klimaziele einzuhalten, aus der Energieeffizienz kommen. Und deshalb: Energieeffizienz erste Priorität, zweite Priorität regenerative Energiewellen nutzen dort, wo sie am besten einsetzbar sind, aber – und das ist eben der wichtige Punkt – auch dort effizient nutzen und nicht über drei-, viertausend Kilometer zu transportieren, obwohl es nicht notwendig ist.

Degenhardt: Solange wir die Sonnenenergie noch nicht so nutzen können, wie wir das wollen, was machen wir bis dahin? Setzen wir also wieder verstärkt oder immer noch auf die Atomkraft?

Kohler: Nein! Auch dieses ist nicht die Alternative. Die Bundesrepublik Deutschland, also ein relativ sonnenarmes Land gegenüber den südeuropäischen Ländern, ist aufgezeigt mit Energieeffizienz, mit regenerativen Energiequellen, wobei wir ja schwerpunktmäßig in Deutschland auf Windenergie und Biomasse setzen, und mit effizienten, hoch effizienten neuen fossilen Kraftwerken können wir die Klimaschutzziele erreichen, Versorgungssicherheit erreichen und einen Strompreis, der Deutschland auch im internationalen Konzert – wir sind ein Industrieland – konkurrenzfähig macht.

Degenhardt: Stephan Kohler, der Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur. Vielen Dank, Herr Kohler, für das Gespräch!

Kohler: Herzlichen Dank!

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