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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.08.2015

Kölner KardinalWoelki: Flüchtlinge vom Westbalkan schnell abschieben

Rainer Maria Kardinal Woelki im Gespräch mit Nana Frick

Der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, reist mit einer Delegation der Caritas derzeit durch Albanien und Kosovo, um sich vor Ort einen Eindruck von der Lage zu machen. (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, fordert eine konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber aus Albanien und dem Kosovo. Es müsse aber ein deutsches Einwanderungsgesetz geben - und mehr Perspektiven in der Heimat.

Bei seiner Reise durch Albanien und Kosovo treffe er viele Menschen, die nicht glauben wollten, dass sie wenig Chance auf politisches Asyl in Deutschland hätten, sagte der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki. Viele Einheimische verwiesen auf das Beispiel von Familienangehörigen oder Nachbarn, die schon seit rund zehn Monaten in Deutschland seien. Es sei nötig, abgelehnte Asylbewerber zurückzusenden, damit in der Heimat erlebt werden könne, dass die Auskünfte einheimischer Hilfswerke wie der Caritas richtig seien, dass es geringe Chance auf einen Verbleib in Deutschland gebe.

"Wir können natürlich mit unserer Asylgesetzgebung im letzten nicht die Probleme des Kosovo oder Albaniens lösen", sagte Woelki, der derzeit mit einer Caritas-Delegation beide Länder besucht, am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur. Es müsse ein Einwanderungsgesetz und legale Zuwanderungsmöglichkeiten geben, um Menschen eine Perspektive zu bieten. Aber auch Hilfen seien nötig, um Kosovo und Albanien zu entwickeln.

Verwandte aus dem Ausland führen Wohlstand vor

"Hier im Kosovo leben 60 Prozent der Kosovaren im Ausland", sagte Woelki. Es gebe kaum jemanden, der sich nicht in der Heimat ein Haus baue. Die Verwandten in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien unterstützten häufig die Familien vor Ort. "Es sind hier wahnsinnig viele deutsche Autos gegenwärtig in den Ferien und zwar auch der gehobenen Marken", sagte der Kardinal. Die Menschen im Kosovo erlebten das und wollten mit Recht genauso leben und am Wohlstand teilnehmen.

"Deshalb müssen wir in diese Länder investieren, dass die Gründe wegfallen, überhaupt wegzugehen", sagte Woelki. In Albanien hätten seit 2013 rund 400.000 das Land verlassen und die Bevölkerung sei auf 2,8 Millionen Einwohner geschrumpft. "Das Problem ist, dass hier ein stark korruptes System an der Macht ist, dass die Menschen in ihren Lebenschancen stark eingeschränkt werden." So funktioniere beispielsweise das gesamte Gesundheitssystem nicht.

Depression und Hoffnungslosigkeit

Albanien sei ein Land mit Entwicklungschancen, aber die Menschen seien von großer Depression und Hoffnungslosigkeit befallen, weil sie keine persönlichen Perspektiven sähen. Deshalb brächen viele in andere Länder auf, weil sie dort bessere Lebensverhältnisse vorfänden. "Es kann nicht sein, dass die Europäische Union in irgendwelche Prestigeobjekte investiert, in große Autobahnbauten. Wir sind gestern über eine herrliche Autobahn von Albanien in den Kosovo gefahren. Nein, es muss systematisch in Menschen investiert werden", sagte Woelki.

 


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Eine ganze Woche nimmt er sich Zeit, Rainer Maria Kardinal Woelki, Kölner Erzbischof, und reist mit einer Delegation der Caritas durch Albanien und den Kosovo. Und natürlich gilt sein Augenmerk der katholischen Kirche dort, zehn Prozent der Bevölkerung in Albanien und drei Prozent im Kosovo sind katholisch. Aber in diesen Tagen, wo in Deutschland heftig über die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Balkan diskutiert wird, bekommt diese Reise natürlich eine besondere Brisanz. Albanien und der Kosovo sollen ja zu den sicheren Herkunftsländern gezählt werden und damit haben Anträge von Menschen aus diesen Ländern wenig Chancen auf Asyl in Deutschland. Guten Morgen, Kardinal Woelki!

Rainer Maria Woelki: Guten Morgen!

Brink: Wir erreichen Sie im Kosovo. Wie ist Ihr Eindruck vor Ort, welche Probleme haben die Menschen, denen Sie begegnen?

Woelki: Ich bin erst gestern Abend in den Kosovo eingereist, ich war zuvor in Albanien, heute ist mehr oder weniger der erste Tag, den ich im Kosovo verbringen kann. Sodass ich jetzt im Wesentlichen vor allen Dingen von Albanien sprechen kann. Ich muss zunächst einmal sagen, dass ich Albanien als ein landschaftlich sehr schönes Land erlebt habe, als ein Land, in dem reiche Bodenschätze gegeben sind. Und auch als ein Land, das über eine große Wasserversorgung verfügt. Es wäre zum Beispiel möglich, mit den großen Wassermengen, die dort sind, die gesamte Elektrizität über Wasserkraftwerke zu steuern. Also ein Land, das durchaus Entwicklungschancen hat. Aber zugleich erlebe ich Menschen, und zwar Menschen aller Altersgruppen, die von einer großen Depression befallen sind, von einer Hoffnungslosigkeit, weil sie der Überzeugung sind, dass sich in ihrem Land kaum Entwicklungschancen für sie ergeben, und sie sich deshalb in andere Länder aufmachen, wo sie glauben, dass sie besser leben können und bessere Lebensverhältnisse erfahren können.

Faire Verfahren müssen erhalten bleiben  

Brink: Ist den Menschen dort klar, dass sie fast keine Chancen auf Asyl in Deutschland haben?

Woelki: Zunächst einmal denke ich, dass klar sein muss, dass Asylsuchende aus diesen Staaten des westlichen Balkans weiterhin bei uns faire und unvoreingenommene Verfahren erhalten müssen. Und dass auch die Flüchtlingsgründe ernst genommen werden müssen. Alle unsere kirchlichen Gesprächspartner, aber auch die aus dem politischen Bereich haben uns aber insgesamt signalisiert, dass eben für viele in der Regel keine Chance bei uns auf Asyl gegeben ist, weil keine politische Verfolgung im Letzten, keine wirkliche politische Verfolgung gegeben ist. Sicherlich ist das bei dem einen oder anderen Roma nicht der Fall, da gibt es rassistische Gewalt und da, denke ich, muss auch unsere Asylgesetzgebung klar greifen. In der Tat, wir haben hier sehr deutlich gesagt – und auch alle kirchlichen Gesprächspartner haben das gesagt und äußern das auch öffentlich –, dass die Menschen hier in dem Land bleiben sollen.

In Albanien haben seit 2013 ungefähr 400.000 Menschen das Land verlassen und nicht zuletzt eben gerade auch die intellektuelle Schicht, sodass die Bevölkerungszahl von 3,2 Millionen auf 2,8 Millionen gesunken ist. Das Problem ist allerdings, dass hier ein stark korruptes System an der Macht ist, dass Menschen in ihren Lebenschancen stark eingeschränkt werden, dass zum Beispiel das gesamte Gesundheitssystem nicht richtig funktioniert. Man muss sich vorstellen, dass ich hier zum Arzt gehe, dann stundenlang nicht nur warten muss, sondern unter Umständen auch ich weiß nicht wie viel Geld bezahlen muss, damit der Arzt mich überhaupt erst einmal anschaut und annimmt. Ärzte sind zudem auch nicht immer gut ausgebildet. Wenn dann eine Krankheit in der Tat irgendwie diagnostiziert worden ist, dann kann es sein, dass ich wieder weggeschickt werde nach Stunden, um eine Medizin zu kaufen, die ich auch irgendwie auftreiben muss, um dann wieder erneut zum Arzt zu gehen, damit der etwa eine Spritze setzen kann. Das sind natürlich Verhältnisse, die Menschen einfach ermüden.

Ich habe hier mit einem Mann gesprochen, der sich auf den Weg nach Frankreich gemacht hat, weil sein Kind schwerstkrank ist. Dort in Frankreich ist sein Sohn achtmal operiert worden. Und er lebt wieder. Und welcher Vater, welche Mutter würde das nicht für sein Kind tun? Will sagen: Wir können natürlich mit unserer Asylgesetzgebung im Letzten nicht die Probleme des Kosovo oder auch eben Albaniens lösen. Aber wir müssen intensiv weiter in die Entwicklung dieser Länder investieren. Es wird vielleicht in der Tat so sein, dass wir die meisten nicht über unsere Asylpraxis aufnehmen können, deshalb muss es ein Einwanderungsgesetz geben, dazu muss es legale Zuwanderungsmöglichkeiten geben, um Menschen eine Perspektive in unserem Land zu geben. Aber auch alle möglichen Hilfen müssen hier angeboten werden, um diese Länder entsprechend zu entwickeln.

Es kann nicht nur sein, dass die Europäische Union in irgendwelche Prestigeobjekte investiert, in große Autobahnbauten. Wir sind gestern über eine herrliche Autobahn von Albanien in den Kosovo gefahren. Nein, es muss systematisch in Menschen investiert werden, es muss in Bildung investiert werden, es muss der Aufbau einer Mittelschicht gewährleistet sein, es muss investiert werden in den Aufbau von Handwerksberufen, von Dienstleistungen. Und es muss ein vernünftiges Gesundheitssystem aufgebaut werden und vor allem die Korruption, die muss bekämpft werden, die ist das Übel gewissermaßen durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch.

Bessere Aussichten auf Wohlstand locken ins Ausland  

Brink: Herr Kardinal, Sie haben aber sehr deutlich auch gefordert, nicht nur dass diese Flüchtlinge nicht kommen sollen, also keinen Asylgrund in Deutschland haben, sondern Sie haben auch gesagt, sie müssen konsequent abgeschoben, zurückgeschickt werden. Erzählen Sie das den Menschen auch dort vor Ort in dieser Deutlichkeit?

Woelki: Das haben wir auch so deutlich formuliert. Aber das Problem ist, dass sie es uns nicht glauben. Dass sie es weder uns als denen, die wir für einige Tage in dem Land sind, nicht glauben, und dass sie es auch etwa den kirchlichen Vertretern oder den Mitarbeitern der Caritas nicht glauben. Warum glauben Sie es nicht? Weil sie eben darum wissen, dass ihre Familie oder ihre Nachbarn jetzt schon seit acht, neun, zehn Monaten in Deutschland sind. Und wenn also in der Tat in Deutschland festgestellt worden ist, dass jemand nach der Asylgesetzgebung nicht berechtigt ist, dort in unserem Land zu bleiben, in Europa zu bleiben, in Deutschland oder in einem anderen Europastaat zu bleiben, dann muss auch dafür Sorge getragen werden, dass sie zurückgesandt werden und die Menschen hier erleben, ja, das stimmt, was da gesagt worden ist. So sind die oft der Ansicht, ja, das ist irgendwie, das wird einfach so daher gesagt, damit wir uns nicht auf den Weg machen.

Brink: Ist es dann auch Aufgabe der Kirche, das weiterhin deutlich so zu sagen, gerade auch vor Ort?

Woelki: Ja, wir sagen das auch so vor Ort und haben das auch so gesagt. Aber nochmals: Die glauben es nicht. Und vor allen Dingen, auch das muss man sich bewusst machen: Hier im Kosovo zum Beispiel leben 60 Prozent der Kosovaren im Ausland. Es gibt kaum einen, der sich nicht hier im Kosovo ein Haus baut. Die Vergleichbarkeit der Menschen, die wird denen dann natürlich vor Augen geführt. Dann sehen die, der ist in Deutschland, der ist in Frankreich oder sonst wo, in England, die unterstützen oft die Familien, dann sehen die, was sie hier für ein Auto fahren – es sind hier wahnsinnig viele deutsche Autos gegenwärtig – in den Ferien, und zwar auch der gehobeneren Marken. Die Leute arbeiten bei uns, ist ja alles total in Ordnung, alles korrekt, ich finde das super, dass die sich das leisten können. Aber die Menschen erleben das jetzt hier natürlich auch. Und wollen mit Recht genauso leben, wollen ähnliche Lebensverhältnisse haben. Also deshalb die Vergleichbarkeit, die sie wahrnehmen, und der Wunsch an Partizipation am Wohlstand, den sie haben wollen. Und deshalb müssen wir einfach hier in diese Länder investieren, dass die Gründe wegfallen, überhaupt wegzugehen.

Brink: Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln. Danke für das Gespräch, Herr Kardinal, und gute Reise weiterhin!

Woelki: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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