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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.05.2013

Klimaprojekt mit Langzeitwirkung

Polarforscher Arved Fuchs über den Nachhaltigkeitsgipfel der Weltjugend

Moderation: Gabi Wuttke

Der Polarforscher und Klima-Aktivist Arved Fuchs (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Der Polarforscher und Klima-Aktivist Arved Fuchs (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Weil Jugendliche die Entscheidungsträger von morgen sind, hält der Polarforscher Arved Fuchs den Gipfel in Berlin für sehr sinnvoll. Dass junge Menschen aus aller Welt Botschafter in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden, habe eine große Streuwirkung.

Gabi Wuttke: "Ich bau' uns eine neue Welt" – der Satz passt zu unserem nächsten Thema: Um 160 Jugendliche aus 30 Nationen reißen sich fast 30 Erwachsene, die Köchin Sarah Wiener, der längst pensionierte Umweltschützer Ernst Ulrich von Weizsäcker oder Jakob von Uexküll, der Stifter des Alternativen Nobelpreises. Warum? Die Jugendlichen sind handverlesene Klimabotschafter eines internationalen Projekts und bis zum 20. Mai beim sogenannten Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel in Berlin. Zu dem prominenten Referenten gehört auch Polarforscher Arved Fuchs. Jetzt ist er am Telefon – einen schönen guten Morgen!

Arved Fuchs: Schönen guten Morgen!

Wuttke: Was wollten die jungen Klimabotschafter von Ihnen über Nachhaltigkeit alles wissen? Oder war es einfach spannend, Ihnen zuzuhören, was Sie im Eis alles so erlebt haben?

Fuchs: Nein, sie kommen, glaube ich, mit einer großen Offenheit und einer großen Neugierde daher und hören natürlich erst mal zu, was man ihnen zu erzählen, hat. Aber dann geht es ja nach dem Vortrag in die offene Diskussion, und da, muss ich sagen, ist sehr gezielt nachgefragt worden. Nicht nur, was man jetzt an persönlichen Erlebnissen zu leisten hat, sondern wie man das selbst so mit der Nachhaltigkeit hält. Ob man Vegetarier ist oder nicht, und wie viel Fleisch man isst. Also es waren sehr gezielte, und mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragene Fragenkomplexe.

Wuttke: Andersrum: Wie viel Wissen liegt denn vor?

Fuchs: Es liegt eine Menge Wissen da vor. Und ich muss sagen, also dieser Nachhaltigkeitsgipfel ist keine Worthülse, sondern – und das ist das Tolle, wenn man mit Jugendlichen arbeitet, dass die dieser Worthülse Substanz geben. Es wird ja gerade in der Werbung, auch in der Politik, immer so leicht daher gesagt, und die hinterfragen eben all das, was gesagt wird. Also sie nehmen es nicht einfach nur hin wie so eine Art Frontalunterricht, wo man sagt, das, bitte sehr, habt zu glauben, sondern sie hinterfragen alles. Und das ist eigentlich eine gute Erfahrung, dass man merkt, dass gerade junge Leute dieses Thema sehr, sehr ernsthaft aufnehmen, und aber auch zugleich alles hinterfragen.

Wuttke: Und was hinterfragen Sie bei Ihrem eigenen Projekt, Herr Fuchs? In welche Richtung genau geht das, ist das, wir wollen verstehen, oder wir wollen was tun?

Fuchs: Na ja, ich glaube, Ausgangspunkt aller Initiatoren solcher Projekte, das gilt für das Berliner Projekt jetzt, den Nachhaltigkeitsgipfel, wie für das andere, ist der, dass man sagt, wir haben die Erfahrung gemacht, und wir müssen etwas machen. Auf politischer Ebene wird das Problem des Klimawandels, der Nachhaltigkeit verwaltet. Es geht hier um Legislaturperioden und Shareholders Value und andere Inhalte – das interessiert junge Leute aber überhaupt nicht, weil bei den jungen Leuten, bei Jugendlichen geht es um deren Zukunft. Und die sind da sehr viel wendiger und auch eigentlich viel kompromissloser dann in solchen Themenbereichen, dass man sie ganz schnell erreicht, und das nimmt dann eine Eigendynamik auf. Das sind die Entscheidungsträger von morgen, und insofern ist das, glaube ich, eine sehr, sehr sinnvolle Aktion, gerade mit jungen Menschen in dieser Hinsicht zusammenzuarbeiten.

Wuttke: Diese Konferenz jetzt in Berlin, die betrifft ja nur einen ziemlich kleinen – man möchte fast sagen, erlauchten Kreis. Sie sind auch ziemlich positiv gestimmt, aber die Frage stellt sich, ist das ein kleiner Ausschnitt der Gesamtgesellschaft – und wir sind ja jetzt auch noch mit 30 Nationen befasst –, oder ist es immer noch ein Minderheitenthema?

Fuchs: Na ja, es ist schon noch ein Minderheitenthema, aber man muss ja sehen, was man leisten kann. Also wenn jeder in seinem Bereich bereit ist, etwas zu leisten, dann wären wir, glaube ich, ein großes Stück weiter. Das, was dort in Berlin geleistet wird, ist enorm an ehrenamtlicher Tätigkeit. Wir selbst mit unserem kleinen Projekt wollen eben auch einen Beitrag leisten, und das ist das, was wir leisten können. Mehr geht so ohne Weiteres nicht.

Aber ich glaube, wenn jeder in seinem persönlichen Bereich bereit ist, etwas zu leisten – das muss ja nicht die Ausrichtung eines solchen internationalen Jugendprojektes sein –, dann wären wir ein gutes Stück weiter. Also ich glaube, darum geht es. Sich zu öffnen, diese Worthülse, von der ich sprach, Nachhaltigkeit wirklich mit Inhalten, mit Leben, zu bereichern, und sich eben auch wirklich der Diskussion zu stellen. Also so, wie die jungen Leute mich auch fragten: Wenn du auf Expedition bist, dann musst du ja auch hier fliegen, wie hältst du das mit Ausgleichszahlung und dergleichen?

Es geht hier um ganz konkrete Fragestellungen, und darum geht es auch, weil das wirklich zu einer Bewusstseinsfindung, gerade bei Jugendlichen, bei jungen Menschen, führt, und das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig, denn diese Auswirkungen des Klimawandels oder die Vermüllung der Meere, die Überfischung der Meere, all das, womit ich auf meinen Expeditionen ständig konfrontiert werde, das ist etwas, was man nicht einfach auf sich beruhen lassen kann, …

Wuttke: Aber Herr Fuchs, genau das ist doch auch schon Schulstoff, da muss ich jetzt ja mal den Finger in die Wunde legen.

Fuchs: Ja, aber ich glaube, Schulstoff, da wird es auch ein bisschen peripher angesprochen. Und natürlich ist die Schule dabei ein wichtiges Instrument, weil wie gesagt ja nicht jeder auf solchen Klimagipfeln oder Nachhaltigkeitsgipfeln mitwirken kann. Aber die jungen Menschen, die jetzt hier in Berlin dabei sind, die werden natürlich wirklich so als Klima- oder Nachhaltigkeitsbotschafter wieder zurück in ihr persönliches Umfeld gehen, in ihre Schulen, in ihrem Familien, in ihren Freundeskreis, und das weitertragen.

Und das ist etwas, was ich, glaube ich, aus eigener Erfahrung auch sagen kann, hat eine wirklich Langzeitwirkung. Viele der Jugendlichen, die bei uns auf den ersten Projekten mitgewirkt haben, sind heute wieder als junge Erwachsene, als Betreuer dabei. Also man bewirkt etwas bei den Jugendlichen, man hat nie 100 Prozent Streuwirkung, das wäre auch vermessen zu erreichen. Man muss, glaube ich, immer noch realistisch bleiben, was man erreichen kann, aber es hat eine große Streuwirkung. Wir alleine, auch nicht die Berliner, können dieses Problem lösen, aber es ist ein Baustein zum Ganzen, ein Mosaiksteinchen.

Wuttke: Sie sind so weit Realist, als dass Sie Ihren Vortrag "Raus aus der Bequemlichkeit" überschrieben hatten. Wie unbequem muss man denn leben wollen und können, wenn man sich an die junge Generation richtet? Welche Erfahrungen haben da junge Leute aus Europa? Unbequemlichkeit, das ist ja irgendwas sehr Fernes.

Fuchs: Na, unbequemlich sind doch zunächst mal wir Erwachsenen, weil wir irgendwie in festen Denkschemata drinhängen, weil wir ja so ein bisschen Versatzstücke brauchen, worüber wir unsere Bequemlichkeit oder unseren Lebenskomfort definieren. Ich glaube, junge Menschen sind da oftmals sehr viel wendiger und neugieriger vor allen Dingen. Also ich glaube, die Neugierde auf neue Themen, neue Inhalte, ist bei Jugendlichen viel stärker ausgeprägt als eben gerade bei uns Erwachsenen.

Wuttke: Dann haben Sie vielleicht die Bequemlichkeit an die Sponsoren gerichtet – das noch zum Schluss. Die großen Stiftungen in Deutschland, die Bundeskanzlerin, unterstützen diese Konferenz – und mal ganz geradeaus gefragt: Hält das auch die alteingesessenen Stiftungen jung, gehört das Thema Nachhaltigkeit zum guten Ton, auch und gerade weil politisch ja nicht allzu viel passiert?

Fuchs: Na ja, so lange, wie auf solchen Konferenzen der Begriff Nachhaltigkeit mit Inhalt gefüllt wird, hält es auch, glaube ich, alteingesessene Institutionen und Stiftungen jung, weil sie sich mit dieser Thematik auf einer neuen Ebene auseinandersetzen müssen und nicht immer nur im Rahmen von politischen Konferenzen.

Wuttke: Sagt der klimaschutzaktive Polarforscher Arved Fuchs im Deutschlandradio Kultur. Danke schön, schönen Tag!

Fuchs: Gleichfalls, danke, Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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