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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.11.2015

Klimagipfel in Paris"Vom Zwei-Grad-Ziel sind wir noch weit entfernt"

Andreas Löschel im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Nasa stellt Projektion zum Klimawandel ins Netz (dpa/pitcture-alliance/NaSA)
Eine Projektion der Nasa zum Klimawandel. (dpa/pitcture-alliance/NaSA)

Kommt die Staatengemeinschaft bei der UN-Klimakonferenz Ende November endlich einen Schritt weiter? Dass mehr als 150 Länder Zusagen zum Klimaschutz gemacht haben, wertet der Energieexperte Andreas Löschel als Erfolg. Doch auf dem Weg zum fair finanzierten Klimaschutz gebe es noch viel zu tun.

Der Energieexperte Andreas Löschel von der Universität Münster blickt mit Optimismus auf den bevorstehenden UN-Klimakonferenz in Paris. Ab 30. November streiten 196 Ländern zum 21. Mal im Namen der Vereinten Nationen um das Eingemachte: Wie viel Klimaschutz will die Politik sich leisten?

Löschel, Mikroökonom an der Universität Münster und Mitglied der Expertenkommission zur Energie der Zukunft der Bundesregierung, sagte dazu im Deutschlandradio Kultur:

"Wir haben ja jetzt schon von mehr als 150 Ländern Zusagen zum Klimaschutz mit einer Abdeckung von mehr als 90 Prozent der Emissionen, das heißt, ein politischer Erfolg wird das werden."

Wie bekommt man alle an einen Tisch?

Allerdings: "Ist es auch eine langfristige Weichenstellung? Es soll ja das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden und da sind wir doch noch weit von entfernt." 

Andreas Löschel treibt die Frage um, wie Industrie- und Schwellenländer für beide Seiten faire Vereinbarungen zur Finanzierung des Klimaschutzes vereinbaren könnten und wie alle gleichberechtigt miteingebunden werden könnten. Dabei spiele auch China eine immer größere Rolle. Es werde auf jeden Fall etwas passieren, doch vermutlich noch immer zu wenig.

"Es wird jetzt darum gehen, wie kann man Finanztransfers, Technologietransfers tatsächlich in einen solchen Kontext mobilisieren, um die anderen Staaten zu mehr anzuregen, um diese Ziele auch zu erreichen."

Untersuchungen, die er mit Kollegen durchgeführt habe, hätten gezeigt, dass Bürger bereit seien, Geld für den Klimaschutz auszugeben. Und:

"Es gibt ja in ganz vielen Ländern der Welt Bestrebungen, Emissionshandelsysteme einzuführen, CO2-Steuern einzuführen, die tatsächlich dann einen solchen einheitlichen Preis für Emissionen in den Ländern instrumentieren, und das ist eben ökonomisch vorteilhaft."

 Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz berichten wir über Maßnahmen und Strategien gegen den Klimawandel. Eine Übersicht finden Sie hier.

 



Das Interview im Wortlaut: 

Korbinian Frenzel: Den Kampf der Welt gegen den Klimawandel, den können Sie an vier Händen abzählen: 20. Auf diese Zahl kommt man, wenn man die bisherigen internationalen Klimakonferenzen der UNO zählt, nehmen Sie den Daumen dazu, dann sind wir bei der Nummer 21, die 21. Klimakonferenz, die Ende November in Paris beginnt. Ein Gipfel, der idealerweise das leisten könnte, was bisher nur die Nummer elf dieser Konferenzen vermochte, der Gipfel im japanischen Kyoto in den 90er-Jahren, aus dem das bekannte Kyoto-Protokoll hervorging, die bisher einzige verbindliche Grundlage zur Bekämpfung des Klimawandels. Deutschlandradio Kultur stellt im Vorfeld des Klimagipfels wichtige Anregungen und Ansätze zum Klimaschutz im Detail vor, heute Morgen mit Professor Andreas Löschel, Mikroökonom an der Universität Münster. Seit vier Jahren sitzt er der Expertenkommission zur Energie der Zukunft der Bundesregierung vor und hat am letzten Bericht des Weltklimarates mitgearbeitet. Zu Gast bei mir jetzt im Studio, guten Morgen, Herr Löschel!

Andreas Löschel: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Wenn wir an Paris denken in diesen Tagen, dann natürlich mit ganz anderen Gefühlen, mit ganz anderen Gedanken. Sehen Sie denn die Chance, dass dieser Klimagipfel der erhoffte, große Sprung sein kann im Klimaschutz? Also ein gutes Zeichen wieder aus Paris?

Löschel: Ja, ich denke, ein gutes Zeichen aus Paris. Wir haben ja jetzt schon von mehr als 150 Ländern Zusagen zum Klimaschutz mit einer Abdeckung von mehr als 90 Prozent der Emissionen, das heißt, ein politischer Erfolg wird das werden. Die Frage ist, wie Sie richtig sagen: Ist es auch eine langfristige Weichenstellung? Es soll ja das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden und da sind wir doch noch weit von entfernt.

Frenzel: Sie sagen es, es gibt freiwillige Erklärungen der Staaten, aber wir wissen auch, wie geduldig dieses Papier ist. Haben Sie denn Hoffnung, dass daran auch konkrete politische Ergebnisse oder verbindliche Verpflichtungen herauskommen?

Löschel: Ja, die Vorschläge, die jetzt auf dem Tisch sind, sind tatsächlich erst mal freiwillig, aber man muss im Hinterkopf behalten, dass natürlich viele Staaten auch ein ganz genuines Interesse haben, etwas zu tun gegen Luftverschmutzung, vielleicht auch für die Energiesicherheit. Es wird auf jeden Fall etwas passieren, aber ich habe gesagt, zu wenig, das heißt, es wird jetzt darum gehen, wie kann man Finanztransfers, Technologietransfers tatsächlich in einen solchen Kontext mobilisieren, um die anderen Staaten zu mehr anzuregen, um diese Ziele auch zu erreichen.

Verteilungsprobleme lösen

Frenzel: Und wie kann man das? Haben Sie Antworten?

Löschel: Ein ganz wichtiger Punkt, glaube ich, ist, man muss langfristig eine effiziente Klimapolitik betreiben, das heißt tatsächlich, alle verschiedenen Länder, alle Sektoren miteinbinden in diese Aufgabe. Aber um das zu tun, muss man eben auch ein großes Verteilungsproblem leisten, denn diese effiziente Lösung erfordert sehr viel Anstrengung insbesondere von ärmeren Ländern. Das heißt, es geht hier auch darum, wie kann man den Transfer von Ressourcen tatsächlich organisieren?

Frenzel: Ja, wie kann man das tun? Sie sagen Transfer organisieren, also, um es mal zu übersetzen: Es geht ums Geld, es geht darum, wer zahlt den ärmeren Ländern, die viel tun müssen für den Klimaschutz, den Schwellenländern diesen Klimaschutz?

Löschel: Ja, wir haben da verschiedene Untersuchungen gemacht, die zeigen, dass die Bürger bereit sind, tatsächlich auch Geld zu geben, wenn zum Beispiel alle etwas tun oder wenn eine Verteilung von solchen Lasten als fair empfunden wird. Also, eine Aufteilung, die als fair empfunden wird zwischen Produzenten oder Konsumenten, führt dazu, dass auch tatsächlich mehr gegeben wird. Und ähnliche Überlegungen zur Fairness müssen eben jetzt auch auf internationaler Ebene angestellt werden.

Frenzel: Wenn Sie fair sagen, muss ich gleich an die große Unfairness denken bei dem Klimaausstoß. Es ist noch immer so, dass die großen Klimaausstoßer, wir Europäer, die Amerikaner sind, wenn man es pro Kopf betrachtet. Wenn Chinesen Fairness sagen, dann sagen sie: Lasst uns erst mal bitte genauso viel CO2 ausstoßen, wie ihr es tut, denn anders können wir uns gar nicht entwickeln! Was antworten Sie denn darauf?

China spielt heute eine große Rolle

Löschel: Ich denke, Sie sagen das richtig. Pro Kopf sind wir natürlich immer noch weit vorne, aber absolut gesehen spielt heute natürlich China eine ganz große Rolle. Das heißt, man braucht tatsächlich eine Einbindung von allem, man braucht eine Verteilung, die auch von den Entwicklungs- und Schwellenländern als fair empfunden wird. Wir haben eine Befragung gemacht bei Klimaverhandlern, um herauszufinden, was ist denn so ein akzeptables Kriterium der Verteilung. Und was wir gesehen haben, ist, dass so ein Maß, was oft genannt wird, was sich eher an Verantwortlichkeit, an Schuld orientiert, eigentlich sehr kritisch diskutiert wird, dass historische Verantwortung vielleicht kein so ein guter Maßstab ist.

Aber dass Kriterien, die sich eher an den Bedürfnissen orientieren und auch an der Leistungsfähigkeit von Ländern, eigentlich eine sehr breite Akzeptanz bei den verschiedenen Ländern, also sowohl Industrieländern als auch Schwellenländern, genießen. Das heißt, man muss stärker wegkommen von Schuld und mehr hin zu eben Leistungsfähigkeit, wenn es darum geht, diese Lasten zu verteilen.

Frenzel: Es gibt ja viele Klimaökonomen, die sagen, der entscheidende Preis, den wir setzen müssen, ist der Preis für die Tonne CO2, also für den Ausstoß von Kohlendioxid. Wir haben in Europa ja ein System, den Emissionshandel, der jetzt nicht übermäßig gut funktioniert, aber dennoch ja ein System ist. Wäre das so ein Weg, wo Sie sagen würden, ja, das ist ein Anfang, da können wir global, fair einen Preis für die Tonne CO2-Ausstoß festlegen?

Löschel: Das ist sicher ein Anfang und es gibt ja in ganz vielen Ländern der Welt Bestrebungen, Emissionshandelsysteme einzuführen, CO2-Steuern einzuführen, die tatsächlich dann einen solchen einheitlichen Preis für Emissionen in den Ländern instrumentieren, und das ist eben ökonomisch vorteilhaft. Wir wissen, dass, wenn wir das nicht machen, die Kosten später sehr, sehr viel höher sein werden. Das heißt, wir müssen jetzt auch an diesen kostengünstigen Lösungen arbeiten: der Emissionshandel in Europa, aber  jetzt auch Emissionshandelssysteme in China, die Überlegung, wie kann man das zusammenbringen, wie kann man das verlinken. Ich möchte aber auch dazu sagen, es ist natürlich nicht ganz so einfach.

Denn was Sie gerade gesagt haben, der Emissionshandel hat einen Preis, das stimmt, aber wir haben in Europa mehr als 100 klimapolitische Instrumente, die wirken. Wir haben Effizienzinstrumente, wir haben erneuerbare Maßnahmen, das heißt ganz viele Dinge, die natürlich auch einen Preis haben. Und dann zu sagen, was eigentlich genau der Preis ist, den wir in Europa für Emissionen zahlen, das ist eben nicht klar, und auch da müssen wir jetzt Gewissheit bekommen.

Frenzel: Andreas Löschel, Professor an der Universität Münster und Vorsitzender der Expertenkommission zur Energie der Zukunft der Bundesregierung, vor dem Klimagipfel von Paris. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch hier im Studio!

Löschel: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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