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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.11.2015

Klimagipfel in ParisDie Bedeutsamkeit der Moore

Von Lutz Reidt

Mondaufgang im Goldenstedter Moor im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen. (imago/blickwinkel)
Mondaufgang im Goldenstedter Moor im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen. (imago/blickwinkel)

Schwermütig, dunkel, geheimnisvoll - in unserer Vorstellung sind Moore meist eine unheimliche und nutzlose Ödnis. Doch weit gefehlt. Moore sind wertvoll und schützenswert: als Trinkwasser- und CO2-Speicher, als Hochwasserschutz und Heimat für Tiere und Pflanzen.

Nasse Füße gehören dazu beim herbstlichen Gang über den tropfnassen Teppich aus sattgrünem Torfmoos. Der Braunschweiger Biologe Uwe Kirchberger deutet auf den See vor ihm, mit dem moorbraun gefärbten Wasser. Nebelschwaden ziehen darüber hinweg, schemenhaft sind Konturen von Birken am anderen Ufer zu erkennen, eingebettet in einem dichten Gürtel aus meterhohen Wollgräsern.

Schwermütig, dunkel, geheimnisvoll – ein Moor wie aus dem Bilderbuch. Und kaum zu glauben: Ein Moor aus zweiter Hand! Geschaffen von Uwe Kirchberger und seinen Mitstreitern vom NABU, dem Naturschutzbund Deutschland. Wo jetzt Nebelfetzen durchs kahle Geäst der Moorbirken wabern, war vor 20 Jahren noch alles topfeben. Und pechschwarz:

"Vorher war das hier einfach nur eine vegetationslose, abgetorfte Fläche; Moore sind ja Lebensräume, die sich in Jahrtausenden entwickeln. Also, dass man tatsächlich so viel erreichen kann, dass man wieder Torfmoos hat, was wächst, Wollgras aufkommt, das finde ich sehr beachtlich. Und alles von selber."

Die Rückkehr von Torfmoos und Wollgras ist das Sinnbild einer Erfolgsgeschichte. In einigen Jahren laufen die Nutzungsrechte der Torfindustrie aus. Dann schlägt die Stunde der Naturschützer:

"Dann werden wir versuchen, diese Fläche – weil sie auch im zentralen Bereich des Großen Moores liegt – wieder zu vernässen. Also im Randbereich sind noch Gräben, die gilt es dann zu schließen; noch weiter gibt es ein relativ großes Gewässer, der Moorkanal, den wollen wir dann ein bisschen weiter anstauen, um somit diese Flächen dann auch wieder richtig nass zu bekommen."

Im Naturschutzgebiet "Großes Moor" bei Neudorf-Platendorf, nördlich von Braunschweig, sollen viele hundert Hektar abgetorfter Flächen nach und nach wieder zu Hochmooren werden. Und das ist auch wichtig für das Weltklima. Denn Torfmoose speichern Unmengen von Kohlenstoff, der ansonsten als Kohlendioxid die Erde noch mehr ins Schwitzen brächte:

"Torfmoos zeichnet sich ja dadurch aus, dass es ein unendliches Wachstum hat. Das heißt, ich habe nicht den klassischen Aufbau einer Pflanze mit Stängel und oben sind Blätter und Blüte; sondern Torfmoos ist ein Stängel, der nach oben immer weiter wächst und unten abstirbt. Und der Bereich, der unten abstirbt, das bildet dann den späteren Torf."

Und dabei wächst der gesamte Torfkörper des Moores – sehr langsam zwar, aber stetig. Ungefähr einen Zentimeter in hundert Jahren.

Schmalblättriges Wollgras blüht in einer Moorlandschaft (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)Schmalblättriges Wollgras blüht in einer Moorlandschaft (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Intakte Hochmoore speichern weltweit in ihren meterdicken Torflagen bis zu 30 Prozent der gesamten Kohlenstoffvorräte aller Böden, obwohl sie nur drei Prozent der globalen Festlandsfläche bedecken. Moore binden dabei doppelt so viel Kohlenstoff wie sämtliche Wälder auf unserem Planeten.

Deswegen argumentiert der Geograf Stephan Glatzel von der Universität Wien: Wer den Klimakollaps vermeiden will, der sollte nicht nur Wälder schützen, sondern vor allem auch Moore: "Ja, auf jeden Fall. Vor allem, weil wir bei den Mooren sehr viel Kohlenstoff langfristig sichern können durch richtige Maßnahmen. Während wir in Wäldern ja lediglich von einigen Jahrzehnten bis 100 Jahren den Kohlenstoff sichern. Dann werden die Wälder, die Bäume in der Regel genutzt."

Anders verhält es sich, wenn die Moore nicht geschützt sondern entwässert, also "drainiert" werden: Sei es, um Torf zu gewinnen oder um die Böden als Acker- oder Grünland zu nutzen. Dann zersetzt sich der Torfkörper darunter – jedes Jahr ein bisschen mehr. Das Problem dabei: Zwangsläufig entweichen große Mengen Kohlendioxid und heizen das Treibhaus Erde weiter auf. Berechnungen zufolge gelangen aus den entwässerten deutschen Mooren jedes Jahr rund 40 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Das entspricht dem Gesamtausstoß des Flugverkehrs in Deutschland.

Für die Geoökologin Annette Freibauer vom Thünen-Institut für Agrarklimaschutz in Braunschweig steht fest: Entwässerte, also drainierte Moore sind die schlimmsten Quellen von Treibhausgasen in der Landwirtschaft:

"Ein Hektar emittiert im drainierten Zustand vielleicht 30 bis 50 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar und Jahr. Das ist vergleichbar mit den Emissionen, die drei bis fünf Bundesbürger pro Jahr haben. Das ist richtig viel, jede andere landwirtschaftliche Nutzfläche – und wird sie noch so intensiv gedüngt und mit Tieren bestanden – emittiert vielleicht in der Größenordnung von einer Tonne CO2-Äquivalente; also 30 bis 50 gegenüber einer – Moore sind wirklich Hotspots, wenn sie drainiert sind. Und man kann sie ungefähr auf diese eine Tonne reduzieren, wenn man sie wieder vernässt."

Deswegen plädiert Annette Freibauer dafür, möglichst viele ehemalige Moorstandorte wieder zu vernässen, auf denen heute noch Rinder grasen, Energie-Mais wächst oder wo sich die Torf-Industrie demnächst zurückzieht. So wie im Großen Moor nördlich von Braunschweig:

"In den letzten Jahren sehen wir verstärkte Wiedervernässungsmaßnahmen von Mooren, auch für den Klimaschutz. Wobei ehrlicherweise in den letzten 20 Jahren vielleicht 50.000 bis 60.000 Hektar Moore wiedervernässt wurden von den 1,8 Millionen Hektar, die wir haben. Also es handelt sich im Moment wirklich noch um sehr, sehr kleine Pilotprojekte der Wiedervernässung."

Aber immerhin. Ein Anfang ist gemacht.

Weltweit sind Hochmoore in einem Zeitraum von 11.000 Jahren nach der letzten Eiszeit entstanden. Die meisten von ihnen – rund 80 Prozent – befinden sich in der kalten Klimazone der Nordhalbkugel, so etwa in Kanada und Alaska, in Skandinavien und in Russland, dort vor allem in Westsibirien.

Ein kleiner Teil der russischen Moore machte weltweit Schlagzeilen, als im trocken-heißen Sommer 2010 bei Schwelbränden große Mengen des Treibhausgases CO2 in die Atmosphäre entwichen:

"Man weiß nicht, wieviel Kohlenstoff da jetzt genau freigesetzt wurde, aber von der Größenordnung müssen wir mit vielen Millionen Tonnen rechnen. Aktuell brennen immer noch Moore in Russland, aber viel weniger als in diesem heißen Sommer von 2010."

Hat sich der Torf in Hochmooren erst einmal entzündet, dann glimmt und kokelt er über Jahre hinweg. Metertief sind die Glutnester verborgen, so dass nur sehr lang andauernde Regenfälle die Schwelbrände löschen könnten.

Insgesamt hat Russland bislang etwa 180.000 Hektar seiner Hochmoore verloren – eine Fläche, doppelt so groß wie Berlin. Das ist ein herber Verlust. Doch entspricht dieser Schwund noch nicht einmal einem Tausendstel der gesamten Moorflächen in den Weiten Russlands. Stephan Glatzel möchte daher die Relationen gewahrt sehen:

"Auf globaler Ebene sind die meisten Moore der Welt immer noch weitgehend vom Menschen unbehelligt. Das sind die Moore, die großen Flächen in Russland und in Kanada vor allem. In den tropischen Mooren haben wir dramatische Entwicklungen erst in den letzten 30 Jahren festzustellen gehabt

Tropische Regenmoore gehen in rasantem Tempo verloren

In der weitläufigen Inselwelt Südostasiens gehen tropische Regenmoore in rasantem Tempo verloren. Schuld daran sind vor allem Großvorhaben wie das in den 1990er-Jahren begonnene Mega-Reis-Projekt in der indonesischen Provinz Kalimantan auf Borneo:

Kilometerlange Drainagegräben – fünf Meter tief, zig Meter breit – haben das Wasser aus den Mooren gezogen und den Torf trockengelegt. Niemand weiß, wie viele Millionen Tonnen Kohlendioxid dabei in die Atmosphäre entwichen sind und seitdem das Treibhaus Erde aufheizen.

Und dieser Trend der Moorzerstörung setzt sich weiter fort. In Indonesien, Malaysia und anderswo müssen tropische Moore eintönigen Palmölplantagen und anderen Agrarflächen weichen.

Rauchschwaden aus den brennenden Mooren von Sumatra verdunkeln den Himmel über Südostasien. Das Leben in der Industriemetropole Singapur ist dabei ebenso beeinträchtigt wie die Urlaubsfreuden der Touristen im thailändischen Ferienparadies von Phuket.

Stephan Glatzel beobachtet den gravierenden Moorschwund in Asien mit großer Sorge. Doch warnt er davor, den moralischen Zeigefinger zu erheben:

"Wir haben in Deutschland quasi keine Naturlandschaft mehr. Wir haben die Landschaft so in Wert gesetzt wie wir uns das vorstellen, und da sind wir natürlich in einer sehr schlechten Position, wenn wir nun den Menschen erzählen, wie sie ihr Land nutzen sollen. Andererseits sind wir erst in den letzten 20 Jahren vielleicht zu einem Bewusstsein gelangt, dass die Zerstörung der südostasiatischen Moore global negative Konsequenzen hat. Das heißt aber im Umkehrschluss auch, dass wir eine globale Verantwortung für diese Moore haben. Und dass wir den Indonesiern helfen sollten, ihre Moore zu schützen bzw. nicht weiter zu zerstören."

Im Grunde setzen die Menschen in Südostasien jenes Zerstörungswerk fort, das Europa bereits weitgehend hinter sich hat. Und – aller Schutzbemühungen zum Trotze – immer noch fortsetzt.

Uwe Kirchberger hat das idyllische "Moor aus zweiter Hand" verlassen. Auch der Morgennebel hat sich inzwischen gelichtet, die Herbstsonne gibt den Blick frei auf einen Bereich einige 100 Meter weiter östlich. Eine topfebene Wüste, pechschwarz und verlassen, ungefähr so groß wie 30 bis 40 Fußballfelder. Am Horizont dieser schier endlosen Einöde sind Birken und Kiefern zu erkennen:

"Im Großen Moor wird halt aktuell immer noch abgetorft, wobei früher war es ja das Torfstechen, das waren in erster Linie Handtorfstiche, später dann mit Maschinen. Wir haben hier das Frästorf-Verfahren: Die Oberfläche wird mit 'ner Fräse aufgekratzt, dann trocknet der Torf ab und wenn er abgetrocknet ist, wird er zusammengeschoben und dann zu großen Haufen zusammen gefahren und später abgefahren."

Uwe Kirchberger steht im Schatten eines solchen Haufens: Ein gigantischer Kegel aus Torf, ein pechschwarzer Fujiyama mitten im Großen Moor, mindestens 20 Meter hoch. Eine geballte Ladung Kohlenstoff, die darauf wartet, abgefahren zu werden, um ballenweise in den Schreber- und Hausgärten dieser Republik zu landen.

Auf diese Weise hat Deutschland ein Großteil seiner Hochmoore verloren. Besonders rasch war der Schwund in den vergangenen 50 Jahren. Heute sind zwar noch 1,8 Millionen Hektar Moorfläche übrig. Das entspricht der Fläche des Bundeslandes Sachsen. Doch allenfalls fünf Prozent dieser Moore gelten als halbwegs naturnah. Viele Bereiche sehen so aus wie hier, am Fuße des pechschwarzen Fujiyama.

Doch in wenigen Jahren werden sich die Bagger der Torfindustrie aus dem Großen Moor zurückziehen. Dann sollen viele hundert Hektar abgetorfte Flächen nach und nach wieder zu Mooren werden – was allerdings nicht so einfach ist wie es klingt. Es genügt nicht, kurzerhand eine pechschwarze Ebene einfach unter Wasser zu setzen und dann am Ufer eines zig Hektar großen Teiches darauf zu warten, dass sich im Laufe der Zeit mal ein Hochmoor entwickelt. René Hertwig und die anderen Naturfreunde vom NABU helfen gezielt nach:

"Wir versuchen halt in Teilbereichen, Initiale zu setzen durch Wollgräser, also hochmoortypische Pflanzen und auch Torfmoose auszusetzen; und ich würde sagen, wir gewinnen dadurch einen kleinen Entwicklungsvorsprung, so 20, 30 Jahre, die man dadurch gewinnt. Und wir haben die Beobachtung gemacht: Wenn wir jetzt Wollgräser pflanzen und die jetzt ziemlich dicht setzen, dass das schöne Rasen gibt; das gibt eine stabile Gesellschaft, die dann schon hochmoor-ähnlich ist, also in die Richtung geht."

Hochmoore nehmen das Treibhausgas Kohlendioxid auf

In den ersten Jahren und Jahrzehnten wird dieses Feuchtgebiet nicht nur vom Regen gespeist, sondern auch vom Grundwasser – per Definition ist das dann ein Niedermoor. Erst wenn die Torfmoose so weit in die Höhe gewachsen sind, dass der Kontakt zum Grundwasser abreißt und somit einzig die Niederschläge als Wasserquelle dienen, wird die Fläche zu einem Hochmoor.

Hochmoore sind Kohlenstoffsenken. Das bedeutet, dass sie mehr von dem Treibhausgas Kohlendioxid aufnehmen als sie an klimarelevanten Spurengasen abgeben. Stephan Glatzel von der Universität Wien schildert den Zusammenhang:

"Moore sind natürlicherweise CO2-Senken. Das heißt, sie speichern Kohlenstoff. Sie sind aber natürlicherweise auch Methanquellen. Das heißt, sie geben natürlicherweise, wenn sie funktionieren, immer etwas Methan ab."

Das Faulgas Methan wirkt als Treibhausgas 25-mal stärker als Kohlendioxid. Das klingt zwar viel, ist aber dennoch das kleinere Übel. Denn Messungen zeigen, dass ein trockengelegtes Moor im Vergleich zu einem intakten Hochmoor den Treibhauseffekt auf Jahre und Jahrzehnte zehnmal stärker anheizt. Moorschutz ist und bleibt Klimaschutz. Schade nur, dass dem Staat dafür das Geld fehlt, bedauert Annette Freibauer:

"Die öffentliche Hand ist völlig überfordert mit dem Umfang der Wiedervernässung oder insgesamt nasseren Moornutzung, die in Deutschland nötig wäre, um großflächig Klimaschutz zu machen."

Umso wichtiger ist es nach Ansicht der Forscherin, dass Privatpersonen und Wirtschaftsunternehmen in die Bresche springen. Das geht über Spenden. Oder über sogenannte CO2-Zertifikate. Damit könne jeder den persönlichen CO2-Ausstoß ganz oder zumindest anteilig kompensieren. Unternehmen können dies sogar in großem Stil angehen. Einzelne Bundesländer sind hier mittlerweile koordinierend tätig:

"Vorreiter war Mecklenburg-Vorpommern mit den sogenannte "Moor-Futures", wo man investieren kann in eine Wiedervernässungsmaßnahme und dann über einen Zeitraum von 50 Jahren der Klimaschutz auf der Fläche stattfindet, den man am Anfang auch bezahlt hat. Andere Bundesländer wie Brandenburg und Schleswig-Holstein kopieren dieses Modell. Weitere Bundesländer sind gerade dabei, ähnliche Zertifikate zu entwickeln. Das ist insofern eine sehr schöne Möglichkeit, transparent und vor Ort Klimaschutz zum Anfassen zu machen; auch eine sehr wirksame Maßnahme, um Wiedervernässungsmaßnahmen im großen Umfang zu finanzieren."

Kritiker sprechen hier von einem Ablasshandel, den vor allem große Wirtschaftsunternehmen nutzen könnten, um ihre Umweltsünden hinter einem grünen Feigenblatt zu verbergen. Dass dieser Einwand im Einzelfall durchaus berechtigt sein kann, zeigt sich ausgerechnet bei der Wiedervernässung des Großen Moores in Niedersachsen.

Dieses Vorzeige-Projekt des NABU hat nämlich vor allem Volkswagen finanziert – wie auch andere solcher Maßnahmen in Niedersachen. Mit mehr als einer Million Euro. Nach dem Abgasskandal des Autobauers fühlen sich die Naturschützer als "grünes Deckmäntelchen missbraucht", wie es NABU-Präsident Olaf Tschimpke ausdrückte. Ob der Ende des Jahres auslaufende Kooperationsvertrag verlängert wird, ist ungewiss. Der NABU hat sämtliche Verhandlungen darüber ausgesetzt und fordert "nachhaltige strukturelle und politische Veränderungen im Unternehmen".

Unstrittig bleibt jedoch, dass eine weitläufige Wiedervernässung von Mooren viel Nutzen bringt. Nicht nur für das Klima, auch für den Artenschutz und den Wasserhaushalt.

Das zeigt sich auch im Großen Moor, wo nach einem langen Winter die Frühjahrssonne die Tümpel und Teiche endlich vom Eis befreit hat und die Natur wieder erwacht ist.

Das Glucksen verrät die Schar der Paarungswilligen.

Als hätte jemand leere Flaschen ins Moor geworfen, aus denen nun langsam die Luft entweicht.

Und da sind sie auch schon, nicht weit vom Ufer, im moorbraunen Flachwasser des von Wollgräsern gesäumten Sees: Himmelblau die einen, eher violett die anderen: Moorfrösche. Die Männchen. Wie in jedem Frühling zur Paarungszeit haben sie ihre braune Färbung abgelegt, um auf Brautschau zu gehen.

Die Rückkehr dieser Moorfrösche ist das Sinnbild einer Erfolgsgeschichte. Vor 20 Jahren buddelten hier noch die Bagger den Torf aus der Tiefe, heute kann Uwe Kirchberger die Frühlingsstimmung in "seinem" Moor aus zweiter Hand genießen:

"Also, zu unseren Füßen direkt das Torfmoos, das wieder wächst – das Hellgrüne, kriegt sonst ein richtig schöne sattes Grün – das sieht man dann in einem hinteren Bereich mehr, wo es richtig tief dunkelgrün ist; und dahinter dann die aufkommenden Wollgräser, auch noch offene Wasserfläche, am Rand einige Binsen. Das schöne Blubbern der Moorfrösche und dann natürlich auch dieses nette Bild, weil sich die Männchen blau färben – das ist Moorlebensraum, wie man ihn sich vorstellt und wie wir ihnen auf weiteren Flächen gerne wieder hätten."

Moore speichern das Regenwasser in riesigen Mengen

Himmelblau und violett gefärbte Froschmänner im Paarungsfieber. Einige haben bereits ihre Weibchen gefunden und drücken sie vehement unter Wasser. Im Eifer des Gefechtes kann es schon mal ruppig zugehen. Metallisch glänzende Libellen surren darüber umher

Kein Zweifel: Dieses Moor ist ein El Dorado für seltene Tier- und Pflanzenarten geworden, die nach und nach zurückkehren:

"Wie Bekassine oder Ziegenmelker, oder in den Randbereichen Raubwürger, Schwarzkehlchen. Bei den Reptilien Kreuzottern und Schlingnattern; Vorkommen von der Großen Moosjungfer, einer Libellenart, die also hier auch noch gute Bestände hat; dann natürlich auch Tagfalter, Nachtfalter. Also, im Prinzip einmal durchs gesamte Tierreich gibt es speziell angepasste Arten, die auf solche nährstoffarmen Feuchtlebensräume angewiesen sind und davon haben wir hier noch eine große Vielzahl."

Moore sind aber nicht nur ein Refugium für seltene Arten, sie filtern und speichern auch das Regenwasser in riesigen Mengen. Deswegen ist jedes Moor Trinkwasservorrat und Hochwasserschutz zugleich:

"Die Torfmoose sind wie ein Schwamm. Die kann man ausdrücken, die bestehen zu großen Teilen aus Wasser. Das ist wichtig zum einen natürlich für die Hochwasserproblematik. Also, Wasser wird gespeichert und dann langsam wieder abgegeben und nicht rasch abgeführt; und es wirkt sich auch auf das Lokalklima günstig aus. Weil dadurch, dass wir eine große Fläche haben wo Feuchtigkeit an der Oberfläche steht, haben wir Verdunstungskälte und insofern insgesamt – lokal gesehen  ein etwas kühleres Klima."

Die Torfmoose sind das Herzstück einer natürlichen Klimaanlage. Nicht nur auf globaler Ebene für den gesamten Planeten, sondern auch auf regionaler Ebene, hier, bei Neudorf-Platendorf, in der Nähe von Braunschweig.

In dem Maße, wie der vielfältige ökologische Nutzen der Moore in den Blickpunkt rückt, schwindet die ökonomische Bedeutung der heimischen Torfindustrie. Abbaukonzessionen laufen aus und werden nicht mehr verlängert. Die Folge: Torf wird zunehmend importiert, vor allem aus Osteuropa. Doch für das Weltklima ist es unerheblich, ob der Torf in Deutschland oder im Baltikum gestochen wird. Die Zukunft könne daher nur Torfersatz-Produkten gehören, meint Annette Freibauer vom Thünen-Institut:

"Die Schweiz hat zum Beispiel Torfimporte verboten. Damit ist der ganze Schweizer Gartenbau auf Torfersatzsubstrate angewiesen. Und wenn man das nur stark genug möchte und gesellschaftlich das auch akzeptiert ist, dann gibt es durchaus Möglichkeiten, auf Torf als Gartenbausubstrat zu verzichten. Das ist dann nicht mehr so einfach und bequem, weil es bisher nicht möglich ist, Gartenbausubstrate in ähnlicher Qualität wie aus Torf zu produzieren; aber auch das funktioniert natürlich."

Einige Forscher haben die Zeichen der Zeit erkannt. Die Zukunft gehört der Torfmoos-Kultivierung. Der Hintergedanke dabei: Es wäre utopisch, sämtliche potenziellen Moorstandorte wiederzuvernässen und sich selbst zu überlassen. Nieder- und Hochmoore zu entwickeln ist zwar der Königsweg im Naturschutz. Doch eine weitere Option ist eine natur- und klimaverträgliche Form der Nutzung von Moorstandorten – durch eine "nasse" Landwirtschaft.  

Eine eisige Brise fegt über den lichtgrünen, nassen Pflanzen-Teppich. Doch Greta Gaudig stört das nicht. Die Biologin von der Universität Greifswald stapft über die Torfmoose auf einer Versuchsfläche im Hankhäuser Moor, nördlich von Oldenburg in Niedersachsen. Schneeschuhe an ihren Füßen sorgen dafür, dass die Forscherin nicht allzu tief einsackt. Sie bleibt stehen, bückt sich und pflückt ein Bündel Moose aus dem Wasser:

"Also, Torfmoose – ich drücke sie hier mal aus. Sie sehen: Hier kommt 'ne ganze Menge Wasser raus, die können bis zum 20- bis 30-fachen ihres Eigengewichtes speichern. Und das macht sie auch so attraktiv als Substratrohstoff im Gartenbau."

Der Gartenbau verwendet abgestorbene Torfmoose. Nämlich den Torf – über alle Maßen geschätzt als Humusquelle und Wasserspeicher. Greta Gaudig sucht nach Ersatz. Und sie hält ihn in der Hand: Frisch gepflückt  und hellgrün statt moorbraun

"Denn man muss wissen, dass dieser Torf eigentlich nichts anderes ist als Torfmoose, die aber schon etwas zersetzt sind. In pflanzenbaulichen Versuchen konnte gezeigt werden, dass sich die Torfmoos-Biomasse eigentlich genauso gut eignet wie der Weißtorf oder der etwas schwächer zersetzte Torf, so dass man hier durchaus einen Ersatzstoff entwickeln kann."

Natürlich müssen die jungen Pflanzen aufbereitet werden. Und da sie langsam wachsen, lohnt sich eine Ernte nur alle drei bis fünf Jahre. Doch sechs bis acht Tonnen Trockenmasse pro Hektar und Jahr seien möglich, sagt die Greifswalder Forscherin. Nun gilt es herauszufinden, welche der vielen Torfmoos-Varietäten für den Gartenbau am besten geeignet sind:

"Wir konnten für die Bereiche Zierpflanzenbau, aber auch für Jungpflanzenanzucht doch so einige Anwendungsbereiche zeigen, dass es eben möglich ist. Natürlich stehen wir noch ganz am Anfang und zukünftig wird es auch eine Aufgabe sein, hier weiter zu forschen, in welchen Bereichen Torfmoose noch Einsatz finden können."

Die Torfmooskulturfläche ist etwa 200 Meter lang und zehn Meter breit. Zu beiden Seiten stauen Gräben das Wasser an, damit es dem Moos nicht zu trocken wird. Hinter einem schnurgeraden Fahrdamm an der Längsseite der Kultur zieht sich der nächste Streifen durch die Ebene im Hankhäuser Moor. Wie viele davon wären wohl nötig, um den Torfhunger der deutschen Gartenfreunde zu decken?

"Wenn wir mal davon ausgehen, dass wir den Weißtorf, der hier in Deutschland jährlich verbraucht wird in einer Größenordnung von ungefähr drei Millionen Kubikmetern, ersetzen wollen durch Torfmoos-Biomasse und das auch 1:1 möglich ist, dann brauchen wir eine Fläche von circa 40.000 Hektar, auf der Torfmoos-Kultivierung umgesetzt wird."

Subventionen für effektiven Klimaschutz fehlen

40.000 Hektar. Das ist ein Drittel der Grünland-Fläche, auf der Niedersachsens Landwirte zurzeit vor allem Milchkühe und Mastrinder grasen lassen. Auch die Torfmoos-Kultur, auf der Greta Gaudig jetzt steht, war vor fünf Jahren noch eine Weide, so wie das ringsum im Hankhäuser Moor auch heute noch üblich ist. Schwarzbunte Milchkühe hier, dunkelbraune Mastrinder dort.

Doch wie lange noch werden sie hier grasen? Dieses Grünland mitten im Moor taugt nur deshalb für die Viehhaltung, weil unzählige Gräben das Wasser rausziehen. Und der Torf darunter, der zerfällt:

"Und zwar in einer Größenordnung von zwei, drei Zentimetern pro Jahr; also kann man sich vorstellen, wie schnell das hier eben absackt, und damit diese Flächen irgendwann auch diese Flächen für die Landwirtschaft verloren gehen. Man muss auch dazu sagen: Hier, wo wir hier stehen, befinden wir uns schon einen halben Meter unter Meeresspiegel-Oberfläche; also eigentlich sind das Flächen, die schon überflutet wären; und mit der weiteren Nutzung als Intensiv-Grünland würden diese Flächen noch weiter sacken. Und mit dieser Torfmoos-Kultivierung, halten wir diesen Prozess auf und können halt hier dafür sorgen, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen erhalten bleiben."

Und damit auch der Torf darunter, mit dem darin eingeschlossenen Kohlenstoff.

Die Torfmoos-Kultivierung zählt zu den sogenannten Paludikulturen, abgeleitet vom lateinischen Wort "Palus" für "Sumpf". Diese klimaschonende "nasse" Form der Landwirtschaft könnte auf Moorstandorten die klimaschädlichen, weil Torf zerstörenden Varianten wie Viehhaltung und Ackerbau ablösen. Doch die politischen Rahmenbedingungen dafür fehlen bislang. Die "Gemeinsame Agrarpolitik" der Europäischen Union hat die klimaschonenden Paludikulturen noch nicht für sich entdeckt, bedauert Annette Freibauer:

"Nicht-Nutzung und Paludikulturen sind im Moment nicht förderfähig. Nur, wenn sich jetzt in der nächsten Förderphase ab 2021 die Agrarförderung so ändert, dass man auch für den Klimaschutz Subventionen bekommt – wo sie ja sehr gut aufgehoben sind – erst dann hat man auch wirklich eine Chance, dass Landwirte mitmachen. In der Praxis sah das bisher so aus, dass die Flächen von den Akteuren der Wiedervernässung gekauft wurden.

Und das macht Moorschutz und somit auch effektiven Klimaschutz in der Landwirtschaft unnötig teuer. Wenn zum Beispiel ein Milchviehhalter seine unrentable Gründlandbeweidung auf schützenswerten Moorstandorten aufgeben möchte, um eine klimaschonende Paludikultur einzuführen, bekommt er dafür keine Fördergelder aus der sogenannten "Erste Säule" der EU-Agrarförderung. Die pumpt mehr als 300 Milliarden Euro Direktbeihilfen in die Landwirtschaft – verteilt auf einen Zeitraum von 2014 bis 2020:

"Genauso ist es. Die Flächenprämien aus der 'Ersten Säule' der Agrarförderung gibt es nur, wenn eine landwirtschaftliche Nutzung auch entsprechend stattfindet. Die Chance hat man sehenden Auges verpasst, das hätte man in den Verhandlungen zwischen 2010 und 2013 regeln können, hat es aber nicht gemacht, obwohl es genug Interessenverbände gab, die darauf hingewiesen haben, dass man so den Moorschutz letztendlich teurer macht und behindert."

Und so entweichen weiterhin die Treibhausgase aus entwässerten Mooren in die Atmosphäre – ungefähr so viel, wie die Flugzeuge über unseren Köpfen in die Luft pusten. Klimaschutz in der Landwirtschaft? Vielleicht beginnen wir ab 2021 damit. Wenn in Brüssel wieder über Flächenprämien und Direktbeihilfen für die Landwirtschaft verhandelt wird.

Bis zum Jahr 2021 möchte Greta Gaudig nicht warten, um ihre Torfmooskulturen in der Landwirtschaft salonfähig zu machen. Mittlerweile haben auch Torfproduzenten die Paludikultur für sich entdeckt. Einer der größten von ihnen kooperiert mit den Greifswalder Forschern im Hankhäuser Moor bei Oldenburg. Der Torf der Zukunft – so hat es den Anschein – wird nicht mehr gestochen, sondern geschält. Und zwar in weitläufigen lichtgrünen Torfmoos-Kulturen, die manchmal auch voller roter Punkte sind:

"Diese kleinen roten Punkte, das ist Sonnentau, der hier mit aufgewachsen ist, weil er das hier als Habitat annimmt und sich hier ansiedelt, ohne dass wir das jetzt gezielt gefördert hätten. Der Sonnentau auf diesen Torfmoos-Kultivierungsflächen nutzt das quasi als Ersatzhabitat. Eine positive Begleiterscheinung, die wir hier mit der Torfmoos-Kultivierung erreichen, dass sich hier auch seltene Moorarten ansiedeln, wie zum Beispiel der Sonnentau, aber wir haben hier auch andere seltene Pflanzen, aber auch seltene Tierarten."

Torfmooskulturen und wiedervernässte Moore – beides dient dem Artenschutz. Die Flächen speichern riesige Mengen Regen und bewahren so vor manchem Hochwasser. Und nicht zuletzt sind diese Feuchtgebiete die Klimaanlage des Planeten. Ob auf Sumatra in Indonesien oder hier im sturmerprobten Hankhäuser Moor bei Oldenburg, einen halben Meter unter dem Meeresspiegel.

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