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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.09.2013

Klimaforscher wirft Merkel Untätigkeit vor

Mojib Latif kritisiert die Klimapolitik der Bundesregierung

Deutschland kümmert sich zu wenig um den Klimaschutz, sagt Mojib Latif. (dpa / Helfried Weyer)
Deutschland kümmert sich zu wenig um den Klimaschutz, sagt Mojib Latif. (dpa / Helfried Weyer)

EU-Emissionshandel? Blockiert! Schärfere CO2-Grenzwerte für Autos? Abgelehnt! Der Klimaforscher Mojib Latif attestiert Angela Merkel schwere Versäumnisse bei der Klimapolitik. Deutschland verspiele damit seine internationale Glaubwürdigkeit.

Gabi Wuttke: Wohin auch immer es nach der Bundestagswahl geht, ob sich ein Koalitionspartner findet oder neu gewählt werden muss, Angela Merkel wird auch in den kommenden Jahren Deutschlands Klimapolitik maßgeblich bestimmen. Während die Kanzlerin sucht, stellt der Weltklimarat fest: Das Eis schmilzt und die Meeresspiegel steigen weiter. Ihr Wasser wird immer saurer und wärmer. Wieso? Weil der menschengemachte Ausstoß von Kohlendioxid in den vergangenen acht Jahren um knapp die Hälfte zugenommen hat. Gleichzeitig konstatieren die Forscher, die Temperaturen am Boden sind in den vergangenen 15 Jahren weltweit und durchschnittlich gerechnet, nicht gestiegen.

Wie erklärt sich das? Und was bedeutet das? Fragen an Professor Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Einen schönen guten Morgen!

Mojib Latif: Guten Morgen!

Wuttke: In welchen Zusammenhang stellen Sie die gute mit den vielen schlechten Nachrichten?

Latif: Die gute Nachricht ist eigentlich gar keine gute Nachricht. Es kann gar nicht sein, dass die Temperatur immer nur nach oben geht. Die Oberflächentemperatur, und um die geht es ja bei dieser Atempause, also dass es 15 Jahre lang nicht weiter wärmer geworden ist, das ist eine sehr hektische Größe. Die sagt eigentlich relativ wenig über den globalen Klimawandel aus. Da sind andere Größen wie beispielsweise der Meeresspiegel viel aussagekräftiger, und der zeigt eben diese Atempause nicht. Und deswegen lässt das IPCC, also der Weltklimarat auch überhaupt keinen Zweifel daran, dass der Klimawandel voranschreitet.

Wuttke: Es gibt noch etwas, was man für eine gute Nachricht halten könnte: Im letzten Report des Weltklimarats vor sechs Jahren wurde gewarnt, die Treibhausgase könnten zu einer Erderwärmung von bis zu 6,4 Grad führen. Da nun ein Maximalwert von fünf Grad genannt wird, fürchten Sie, dass die Politik sich darauf ausruht?

"Deutschland muss beim Klimaschutz ein Zeichen setzen"
Latif: Ich hoffe nicht, dass sie es tun, denn das sind Zahlen, die klingen für uns eigentlich so ein bisschen niedlich – fünf Grad, vier Grad. Es gibt ja das erklärte Ziel der Weltpolitik, eine Erwärmung von zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht zu überschreiten. Aber selbst zwei Grad, das ist ja gewissermaßen die beste aller Welten, die wir noch erreichen können, ist schon eine Erderwärmung, die wir Menschen noch nie erlebt haben.

Wuttke: Was würde denn Deutschland weltweit für ein Zeichen setzen, wenn wir noch lange von fossilen Brennstoffen abhängen, weil die Energiewende nicht vorankommt?

Latif: Das wäre natürlich katastrophal. Bei den Klimaverhandlungen – die nächste Klimakonferenz steht ja an in Polen Ende des Jahres – stehen sich praktisch zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite die Industrienationen, angeführt von den Amerikanern, und auf der anderen Seite die jetzt aufstrebenden Länder, angeführt von den Chinesen, und die blockieren sich gegenseitig. Und es wäre natürlich so wichtig, wenn ein Land zeigen könnte, dass man mit Nachhaltigkeit, mit sauberer Energiegewinnung tatsächlich auch ordentliches Wirtschaftswachstum garantieren kann. Und dann würde der ganze Prozess auch in Gang kommen. Und deswegen darf Deutschland eigentlich gar nicht nachlassen. Aber in den letzten Jahren ist eigentlich herzlich wenig passiert. Die Bundesregierung hat immer, wenn es darauf ankam, in Brüssel blockiert.

Wuttke: Sie meinen also, hoch erhobenen Hauptes Ende November beim 13. Weltklimagipfel anzutreten, das steht uns gar nicht zu?

Latif: Nein. Also, ich kann es nicht erkennen. Zwei Beispiele: Wir blockieren einen vernünftigen Emissionshandel auf europäischer Ebene, und, wann immer es um die Automobilindustrie geht, wenn es um schärfere Grenzwerte geht, legt die Bundesregierung auch immer ihr Veto ein, obwohl das EU-Parlament fraktionsübergreifend schon zugestimmt hatte. Also ich glaube, wir müssen aufpassen als Deutschland, dass wir nicht den Rest von Glaubwürdigkeit auch noch verspielen.

Wuttke: Sie vermuten ja, das Schneckentempo der Energiewende sei auch auf massive Lobbyarbeit von deutschen Stromkonzernen zurückzuführen. Woran machen Sie das fest?

""Nicht der Hauch einer Entwarnung""
Latif: Das liegt natürlich daran, dass bestimmte Kreise sehr viel zu verlieren haben, zumindest kurzfristig. Und unsere Wirtschaft ist nun mal auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgelegt, und wenn die Politik nicht fähig ist, die langfristigen Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sich das eben nicht lohnt, immer nur kurzfristig die Gewinne einzuführen, dann kann ich es ihnen letztendlich auch nicht verdenken, dass sie weiterhin auf konventionelle Energie, auf fossile Energie setzen, damit auf CO2-Ausstoß. Und dann hilft es natürlich, wenn man eben behauptet, dass es gar kein Klimaproblem gebe. Umso wichtiger finde ich das Signal des Weltklimarats, noch mal deutlich zu machen, es gibt ja überhaupt nicht den Hauch einer Entwarnung.

Wuttke: Was die Zahlen und Prognosen des Weltklimarats angeht, da gibt es ja zwei Lager. Das passt ja auch zu unserem Thema jetzt. Sie unterstützen den IPCC, andere lehnen ihn als apokalyptische Stimmungsmache ab. Wie ordnen Sie diese extreme Lagerbildung ein?

Latif: Also das IPCC hat ja eigentlich kein Eigeninteresse. Das IPCC, also der Bericht jetzt, das ist ja der Bericht der Arbeitsgruppe eins, die sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen beschäftigt. Das trägt nur die wissenschaftlichen Publikationen zusammen, die seit dem Erscheinen des letzten Berichts vor sechs Jahren in der Fachliteratur erschienen sind. Und insofern bewertet das IPCC gar nicht, sondern das ist – deswegen heißen die Berichte ja auch so - der Sachstand. Das sind Sachstandsberichte. Und insofern kann man das zwar anzweifeln, aber es macht keinen Sinn, praktisch gegen die Physik anzugehen, denn die Physik ist die Physik, und die können Sie nicht groß manipulieren. Und deswegen glaube ich, hier herrscht ein schiefes Bild in der Öffentlichkeit darüber, was das IPCC eigentlich ist. Also das IPCC macht keine eigene Forschung, sondern stellt nur den wissenschaftlichen Kenntnisstand zusammen.

Wuttke: Was also, um dieses Stichwort aufzugreifen, müsste für Sie die Physikerin Angela Merkel in der nächsten Legislaturperiode für die deutsche Energiewende leisten?

Latif: Also es muss vorangehen. Im Moment haben wir ja eine kleine Renaissance der Kohle. Das ist natürlich der völlig falsche Weg. Die Kohle ist ja der Klimakiller schlechthin. Und eines können Sie mir glauben: Die Physikerin Angela Merkel weiß ganz genau über das Klimaproblem Bescheid. Ich habe mehrere Vorträge von ihr gehört. Ich könnte es nicht besser formulieren, als sie es tut. Das heißt also, wir haben hier absolut kein Erkenntnisproblem. Wir haben einfach ein Umsetzungsproblem.

Wuttke: Sagt Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Ich danke Ihnen sehr! Einen schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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