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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.04.2013

Klein, aber fein

Casablanca entdeckt den Öko-Anbau

Von Stefanie Otto

Ein Gemeinschaftsgarten in Casablanca (Philipp Lemmerich)
Ein Gemeinschaftsgarten in Casablanca (Philipp Lemmerich)

In Casablanca, der größten Stadt Marokkos, wächst nicht nur die Einwohnerzahl, sondern auch der Bedarf an Bio-Produkten. Viele Zuzügler schließen sich daher zu Initiativen zusammen und bauen vor den Toren der Stadt Öko-Gemüse an.

Jeden Donnerstagnachmittag verwandelt sich Casablancas "Casa del Arte" in eine grüne Oase. Dann füllt sich der Innenhof des Kulturzentrums mit unzähligen Körben voller Gemüse. Während draußen die Rush Hour tobt und die Stadt am Atlantik in eine Abgaswolke hüllt, liegt hier der Duft von frischer Minze und Fenchel in der Luft. Mittendrin steht Bouchaïb Harris in Jeans und Karohemd und achtet darauf, dass alle Körbe gut gefüllt sind.

"Heute gibt es Kartoffeln, Erbsen, Mangold, Kräuter, Minze und Broccoli. Also wieder ein schön gemischter Korb!"

Bewerben muss der Bauer seine Produkte eigentlich nicht. Bouchaïbs Kunden haben das Bio-Gemüse für drei Monate im Voraus bezahlt. Diese Art von solidarischer Landwirtschaft nennt sich hier AMAP und bedeutet soviel wie "Versorgergemeinschaft zur Förderung von Kleinbauern". Die beteiligten Bauern kommen alle aus dem Dorf Dar Bouazza an der Peripherie von Casablanca. Allein von ihren Feldern konnten sie nicht überleben. Deshalb haben sie sich 2006 zusammengeschlossen, um ihr Land gemeinsam zu bewirtschaften. Die Ernte bringen sie jede Woche hier ins Kulturzentrum. Mittlerweile sind auch die ersten Abonnenten dort eingetroffen. Bouchaïb begrüßt eine von ihnen freudig und sucht nach dem Korb mit ihrem Namen. Dann überreicht er ihn, während er noch einen Strauß Kräuter obendrauf legt. Die Kundin lugt neugierig nach dem Inhalt darunter, denn der ist jedes Mal eine Überraschung. Schon vor anderthalb Jahren wurde sie auf die Bio-Körbe aufmerksam.

"Ich habe es in der Werbung gesehen. Da hab ich nachgefragt, bin hierher gekommen und hab den Korb abonniert. Ich bin sehr zufrieden. Es ist zwar etwas teurer, aber die Differenz zum Gemüse vom Markt ist nicht groß. Ich finde die Idee sehr interessant, auch für die Landwirte, denn wir helfen ihnen ja damit. Hier wissen wir, dass das Gemüse aus Dar Bouazza kommt, also aus der Region, und wir kennen die Bauern persönlich."

Gemüsekorb mit Bio-Produkten in Casablanca (Philipp Lemmerich)Gemüsekorb mit Bio-Produkten (Philipp Lemmerich)

Erfolgreich im Kollektiv

Zwischen den Kundengesprächen vermerkt Bouchaïb auf einem Zettel, wie viele Körbe schon abgeholt wurden. Etwa 70 Familien versorgen er und seine Kollegen jede Woche mit frischem Gemüse. Ein Korb wiegt 15 bis 20 Kilo und kostet 200 marokkanische Dirham, also ca. 18 Euro. Die Kunden sind Europäer und Marokkaner, die in Casablanca leben. Die Nachfrage ist groß, denn Bio-Gemüse aus der Region ist bei den Städtern gefragt. Das Angebot aus Dar Bouazza ist jedoch noch recht klein. Die beteiligten Landwirte besitzen jeder nur knapp ein Hektar Land. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Bodenpreise in und um die marokkanische Wirtschaftsmetropole ins Unermessliche steigen. Der Schlüssel für den Erfolg der Bauern sei die Arbeit im Kollektiv, erzählt Bouchaïb und deutet auf seine Kollegen. Denn nach ihrem System, der Touisa, hätten schon ihre Vorfahren große Aufgaben bewältigt.

"”Die ‚Touisa’ ist Teil unserer Tradition. Jeden Tag arbeiten wir im Garten eines anderen Bauern. So geht es reihum. Dabei sieht man auch, wie sich die anderen Gärten entwickeln. Man arbeitet und isst zusammen. Es bildet sich ein Gemeinschaftsgefühl. So haben es die kleinen Bauern schon früher gemacht und wir lassen diese Tradition wieder aufleben. Außerdem werden auch Entscheidungen gemeinsam getroffen. Jede Woche gibt es dafür eine Versammlung. Die Arbeit im Kollektiv - das ist unsere Stärke.""

Das Konzept des gemeinsamen und ökologischen Wirtschaftens überzeugt immer mehr Bauern in Dar Bouazza. Und auch in der Peripherie anderer Städte gibt es immer öfter Biobauernhöfe. Dieser Trend ist besonders dann erstaunlich, wenn man die Situation im Rest des Landes kennt. In den wärmeren Regionen im Süden bauen Unternehmer aus Marokko, Frankreich und Spanien Obst und Gemüse im großen Stil an. Die Folie, unter der die Früchte gedeihen, bedeckt dort ganze Landstriche. Aufgrund der Nachfrage aus Europa wurde der Agrarsektor seit den 80er-Jahren schrittweise liberalisiert. So ist Marokko zum weltweit zweitgrößten Exporteur von Citrusfrüchten aufgestiegen. In der kühlen Jahreszeit wird auch immer mehr Gemüse exportiert, zum Beispiel 400.000 Tonnen Tomaten. Das ist doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren und das Sechsfache der deutschen Produktion. Gemüse und Obst aus ökologischem Anbau machen mit 10.000 Tonnen pro Jahr nur einen verschwindend kleinen Anteil aus. Die Folgen der intensiven Bewirtschaftung sind jedoch verheerend. Ausgelaugte Böden und der sinkende Grundwasserspiegel zwingen viele Kleinbauern dazu, ihre Region zu verlassen und in den Städten nach anderer Arbeit zu suchen. In Dar Bouazza ist die Situation zwar besser, doch Bedrohungen für die Bio-Kooperative gibt es genug. Die sich ausbreitende Großstadt zählt heute schon vier Millionen Einwohner. In zehn Jahren werden zwei Drittel der Marokkaner in Städten leben. Und nicht nur Bouchaïbs Felder sind dann begehrtes Bauland.

"”Die Verantwortlichen denken, dass sie Häuser und Straßen bauen müssen, um das Land voranzubringen. Aber ich finde es nicht gut das Land so zuzupflastern. Damit töten sie die Böden. Besonders verheerend ist es in Küstenzonen wie die um Dar Bouazza. Die Böden dort waren schon immer für den Gemüseanbau bestimmt.""

Während Bouchaïb noch bis zum Abend damit beschäftigt ist, die Körbe an alle Abonnenten zu verteilen, geht die Arbeit in Dar Bouazza weiter. In einem speziell für den Lehrbetrieb angelegten Garten ist Allal Lali noch damit beschäftigt neue Stecklinge zu pflanzen. Zwischen den bunten Reihen von Gemüse, Kräutern und Blumen spenden Hecken Schutz vor Sonne und Wind. Die kühle Jahreszeit ist vorbei, nun wird langsam auf Sommergemüse umgestellt. Dabei achtet Allal immer auf die richtige Zusammenstellung der Sorten.

"Jede Pflanze hat einen bestimmten Effekt auf den Boden. Das haben wir bei der Ausbildung hier gelernt. Man muss die Pflanzen nur richtig kombinieren, um den Boden fruchtbarer zu machen. Und dann unterstützt eine Pflanze auch die andere. Durch ihren Geruch können sie zum Beispiel Schädlinge fernhalten. Und dadurch ist der Boden hier jetzt fruchtbarer."

Eine Lernfarm in Casablanca (Philipp Lemmerich)Die Lernfarm (Philipp Lemmerich)Allal Lali ist mit Ende 20 einer der jüngeren Landwirte. Er ist hier aufgewachsen, doch mit Gemüseanbau hatte seine Familie bisher nichts am Hut. Durch einen Freund kam Allal in die Ausbildung auf der Lernfarm von Dar Bouazza. Mittlerweile ist der junge Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht fest angestellt und bringt anderen bei, wie ökologischer Landbau funktioniert. Bei der nächsten Gelegenheit will sich auch Allal ein eigenes Stück Land pachten und darauf Bio-Gemüse anbauen. Er glaubt daran, dass der neue Zusammenhalt das Dorf weiterbringen wird.

"”Viele der Nachbarn hier sind dabei ihre Gärten auf ökologischen Anbau umzustellen. Sie wurden alle hier ausgebildet. Vorher haben sie nur Minze mit chemischen Hilfsmitteln angebaut. Jetzt sind sie von unserer Methode überzeugt. Und sie fühlen sich jetzt viel enger mit ihren Feldern verbunden. Das Projekt hier hat ihr Leben als Bauern verändert.""

Blühender Garten statt Brachland

Nur eine Viertelstunde von Dar Bouazza entfernt, im Nachbardorf Ouled Ahmed, wird heute nicht gearbeitet. In einem Festzelt sitzen Frauen und Männer der Gemeinde und lauschen einer Rednerin im langen bunten Kleid und Kopftuch. Daneben wartet schon ein großes Buffet mit Tee und marokkanischem Gebäck. Denn heute wird der neue Gemeinschaftsgarten von Ouled Ahmed offiziell an den örtlichen Frauenverein übergeben. Bisher beteiligten sich Wissenschaftler, Experten für Landwirtschaft und die lokale Verwaltung am Aufbau und nutzten das Projekt für Studien. So ist in kürzester Zeit aus einem Stück Brachland neben der Grundschule ein blühender Gemeinschaftsgarten entstanden.

Spätestens jetzt weiß die ganze Gemeinde, dass im Garten der Frauen gefeiert wird. Die offizielle Zeremonie ist zu Ende. Man geht zum Buffet über. Die Frauen in ihren festlich leuchtenden Kleidern sind glücklich und gerührt zugleich. Sie wissen, dass mit der Verantwortung für den Garten große Herausforderungen auf sie zukommen. Zwar haben sie den Garten mit angelegt, doch die Finanzierung und Planung wurde ihnen bisher abgenommen. Um nach außen hin als Gemeinschaft aufzutreten, haben die Frauen vor einem Jahr einen eigenen Verein gegründet. Das soll dazu beitragen, neue Förderungen zu erhalten. Zur Präsidentin des Vereins wurde Naima Addib gewählt. Die junge Frau mit Brille und Seidenkopftuch hat sich schon vorher in der Gemeinde engagiert und, sie ist eine der wenigen hier, die lesen und schreiben können.

"Ich will, dass dieser Garten so grün bleibt - im Winter wie im Sommer. Und wir wollen nun auch unsere Produkte verkaufen. Demnächst wird es die erste Werbe-Aktion dafür geben. Dann werden wir die ersten Broschüren im Gemeindehaus von Dar Bouazza verteilen. Alles, was wir bisher gemacht haben, werden wir dort präsentieren. Einerseits frisches Bio-Gemüse und Kräuter, die im Garten angebaut werden, aber auch selbstproduzierte Samen und Arganöl. "

Der Verein der Frauen von Ouled Ahmed habe viele Höhen und Tiefen durchlebt, erzählt Naima weiter. Landwirtschaft ist hier nicht sehr verbreitet, obwohl die Bewohner recht arm sind und Platz genug da wäre. Die Männer von Ouled Ahmed arbeiten meist in Casablanca und sehen sich als Stadtmenschen. Für die Frauen stehen die Chancen auf Arbeit jedoch schlecht. Denn es ist sozial nicht angesehen, wenn eine Frau zum Arbeiten nach Casablanca geht. Ohne den Zuverdienst kommen die Familien heute jedoch kaum noch aus. Mit diesen Sorgen wandten sich die Frauen an die Projektleitung und hatten Erfolg. Aus dem ursprünglich geplanten Schulgarten wurde ein Ort für die ganze Gemeinde. Die Frauen können hier wirtschaften, Nahrungsmittel produzieren und ihr Einkommen erhöhen. Die Kinder sind oft dabei und lernen das Gärtnern ganz spielerisch. Das Handwerkszeug haben sie von Aicha Krombi. Sie hat die Frauen im ökologischen Anbau ausgebildet und ist heute auch unter den Gästen.

"”Etwa eineinhalb Jahre lang haben sie eine umfassende Ausbildung durchlaufen. Angefangen vom Aussäen bis hin zur Produktion des eigenen Saatgutes. Der ganze Kreislauf. Wir haben die Frauen auch dazu angeregt, eigene Pflanzen in kleinen Töpfen aufzuziehen, um auch zu Hause etwas ernten zu können. Außerdem haben sie gelernt, wie sie die Produkte am besten weiterverarbeiten, präsentieren und verkaufen können. Und dann haben sie ihren eigenen Verein gegründet.""

Frauen gründen einen eigenen Verein (Philipp Lemmerich)Frauen bei der Vereinsgründung (Philipp Lemmerich)Über zwei Jahre lang hat Aicha Krombi die Frauen beim Aufbau des Gartens begleitet. Während dieser Zeit habe sich auch in der Gemeinde viel verändert. Besonders froh ist sie über das gestiegene Gemeinschaftsgefühl unter den Frauen. Denn obwohl sie Nachbarinnen sind, kannten sich viele vorher gar nicht.

"Ich bin wirklich stolz auf die Frauen, denn der Zusammenhalt unter ihnen ist stark gewachsen. Wir haben die Ausbildung bei ihnen zu Hause gemacht. Einmal bei Frau X, am nächsten Tag bei Frau Y. Das wäre sonst undenkbar, denn niemand würde freiwillig über 20 Gäste einladen. Man muss sie ja verköstigen. Aber die Frauen haben immer etwas vorbereitet. Und das war sehr solidarisch. Durch diese Treffen und die Ausbildung sind die sozialen Beziehungen gewachsen und sogar Freundschaften entstanden - unter den Frauen, aber auch unter den Familien."

Ouled Ahmed ist eines der ärmeren Dörfer am Rand von Casablanca. Menschen ziehen aus der Stadt hierher, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. So hat sich die Einwohnerzahl von Ouled Ahmed in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Geschätzte 23.000 Menschen leben hier mittlerweile. Alle größeren Städte Marokkos haben mit der hohen Zuwanderung zu kämpfen. Aufgrund des Wohnungsmangels haben sich rund um die Städte solche halboffizielle Siedlungen gebildet. Weil die Verantwortlichen die Kontrolle über die Viertel verloren haben, werden die Siedlungen nun im ganzen Land geräumt und durch neue Wohnblöcke ersetzt. Auch Ouled Ahmed sei davon bedroht, berichtet Fouad Amraoui. Er ist Professor an der Universität von Casablanca und betreut die neue Pflanzenkläranlage im Gemeinschaftsgarten. Die Menschen in Ouled Ahmed hätten ihre Grundstücke teilweise schon vor 15 Jahren gekauft und Häuser aus Stein und Beton selbst gebaut. Doch der Kauf wurde oft nicht im Grundbuch eingetragen. Und so können viele Bewohner keinen Anspruch erheben, wenn das Gebiet jetzt bebaut werden soll. Amraoui weiß, wie schnell die Neubauten vielerorts aus dem Boden sprießen. Er wünscht sich mehr Unterstützung für so innovative Projekte wie den Gemeinschaftsgarten.

"”Wir sind ziemlich enttäuscht von den Verantwortlichen, die Casablanca verwalten. Wir laden sie oft ein unser Projekt anzuschauen, doch sie kommen fast nie. Sie haben viele akute Probleme, die sie lösen müssen - wie eben auch die Elendsviertel, die sie abreißen wollen. Für sie ist unser Projekt ein Luxusding, aber keine dringende Angelegenheit von heute. Also liegt es an uns. Denn erst wenn sie die Vorteile solch eines des Gartens kennen, werden sie sich für uns engagieren.”"

Weltzeit

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