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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.08.2010

Klaus Töpfer: Kein Durchbruch zu erwarten

Ehemaliger Leiter des UN-Umweltprogramms UNEP zum Klimagipfel in Cancún

Klaus Töpfer vor dem Klimaforschungsinstitut "Institute for Advanced Sustainability Studies" in Potsdam (AP)
Klaus Töpfer vor dem Klimaforschungsinstitut "Institute for Advanced Sustainability Studies" in Potsdam (AP)

Eine rechtlich verbindliche Regelung sei auch beim Klimagipfel im mexikanischen Cancún Ende des Jahres eher unwahrscheinlich, sagt Klaus Töpfer. Man dürfe dies jedoch nicht als Scheitern, sondern müsse es als Verpflichtung zum Handeln begreifen. In dieser Woche tagt eine Vorbereitungskonferenz in Bonn.

Christopher Ricke: In Kopenhagen konnte die Welt nicht gerettet werden, vielleicht klappt es ja in Cancún? Ende November kommt die Weltklimakonferenz zusammen und in dieser Woche tagt eine Vorbereitungskonferenz in Bonn. Wie kann es gelingen, den weltweiten Temperaturanstieg zu bremsen, wenn es mit der verbindlichen Verabredung, die eigentlich für Kopenhagen geplant war, so gar nicht klappen will? Muss man vielleicht doch vor der eigenen Tür erst einmal kehren, bevor man den anderen Vorschriften macht? Klaus Töpfer ist der ehemalige Leiter des UN-Umweltprogramms UNEP, er sitzt heute im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Guten Morgen, Herr Töpfer!

Klaus Töpfer: Einen schönen guten Morgen!

Ricke: Erkennen Sie denn nach den Vorbereitungskonferenzen mit dem Blick auf Cancún schon eine Tendenz?

Töpfer: Ja ich glaube, es ist ganz eindeutig zu erwarten, dass eine solche rechtlich verbindliche Regelung auch in Cancún nicht erreicht wird. Ich glaube, man muss dies auch nicht nur als Scheitern kennzeichnen, sondern als eine Verpflichtung zum Handeln. Sicher ist richtig, zu verhandeln, aber dieses Verhandeln darf nicht das eigene Handeln ersetzen aus zwei wichtigen Gründen: Erstens, es ist dringend notwendig, den sich beschleunigenden Anstieg der Klimagase nun wirklich abzubremsen, alles daran zu setzen, dass ursächlich gegen den Klimawandel gehandelt wird. Und zweitens, dass man alles daran setzt, solche Energien zu entwickeln und zu nutzen. Und hier sind ja in vielen Bereichen schon sehr weite Entwicklungen und werden auch genutzt, die auch ohne fossile Energieträger die wirtschaftliche Stabilität gewährleisten. Die Katastrophe im Golf hat uns glaube ich noch mal wie ein Fanal klargemacht, dass die Zeit billigen Öls vorbei ist, dass dies in der Zukunft noch stärker bewusst werden wird in einer Welt, die an Bevölkerung zunimmt und die Armut überwinden will und dafür Energie braucht. Also, aus ökologischen und ökonomischen Gründen ist es zwingend notwendig, zu handeln, Technologien voranzubringen und nicht darauf zu warten, dass andere, dass auch solche, die ganz andere Rahmenbedingungen haben als wir, ebenfalls handeln. Der wirtschaftliche Erfolg wird zeigen, dass andere mitgehen, viele Erfahrungen gerade auch in China zeigen mir das sehr deutlich.

Ricke: Das große Dilemma in Kopenhagen war ja, dass man sich international nicht verständigen kann. Wenn Sie sagen, in Cancún wird das möglicherweise auch nicht klappen, wer ist es denn, der dann handeln muss? Sind es Sie und ich als Personen, ist es die Bundesrepublik Deutschland, ist es Europa?

Töpfer: Ganz sicherlich muss das bei Ihnen und bei mir und anderen in Deutschland, in Europa anfangen. Es ist immer das individuelle Handeln, das mit eingefordert werden kann und auch soll, und auch dort, im individuellen Bereich zeigt sich ja, dass das ökologisch Notwendige, Zwingende auch ökonomisch richtig ist. Energie wird auf Sicht eben nicht billiger, sondern sie wird auf Sicht sehr wahrscheinlich teurer. Wir sind abhängig von Importen, von fossilen Energieträgern, also von Kohle, Mineralöl und Gas. Es ist individuell gut, dort zu handeln und sich dort entsprechend auch ökologisch richtig zu verhalten und damit auch ökonomisch sinnvoll zu sein. Zweitens, es muss natürlich auf staatlicher Ebene dies ergänzt und unterstützt werden, und das bedeutet in Europa stets, dass der nationale Staat als Mitglied der Europäischen Union auch sein Handlungsprogramm überzeugend in Brüssel einbringt. Wir sehen diese Diskussion, wir sehen, dass Umweltminister vorangehen, das ist notwendig, das ist richtig, wiederum auch aus der ökonomischen Logik heraus gar nicht anders zu bewerten. Und drittens, es muss immer weiter daran gearbeitet werden, Partnerschaften zu entwickeln. Nehmen Sie die Partnerschaft mit den großen Schwellenländern, mit Indien, mit China, aber auch mit Brasilien, mit Südafrika und anderen. Hier zeigt sich, dass ein großes Interesse daran besteht, ganz eigenes Interesse dieser Länder, eine wie Sie es sagen, kohlenstoffarme wirtschaftliche Entwicklung zu bekommen, eine Low Carbon Economy. Dies ist weit mehr als nur ein Schlagwort, ich bin viel, viel in China und ich weiß, dass dieses Ziel einer kohlenstoffarmen Energieversorgung zwingend ist für ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen – und das sind 18 mal so viel wie in Deutschland – wirtschaftliche Stabilität und wirtschaftliches Wachstum erhalten und weitertreiben will, weil es Armut überwinden und weil es Perspektiven für dieses große Land erarbeiten muss.

Ricke: Es ist ja schön, wenn wie Sie sagen Umweltminister vorangehen, nur es wäre natürlich noch schöner, wenn die Wirtschaftsminister oder vielleicht sogar die Regierungschefs mitgingen. Kehren wir mal vor der eigenen Tür, schauen wir mal nach Deutschland: Ich habe schon den Eindruck, dass die Bundesregierung beim Thema Klimaschutz ein wenig an Strahlkraft verloren hat?

Töpfer: Ja, die Ergebnisse und vor allen Dingen die Bewertung, die Analyse von Kopenhagen hat natürlich sehr viele na ja negative Signale mitgebracht, die es in einer Zeit, in der andere wirklich sehr wichtige und sehr dramatische Krisen auch mit zu bewältigen waren – denken Sie an die große Wirtschafts- und Finanzkrise, deren Konsequenzen noch nicht vorüber sind. Und deswegen sage ich auch immer und immer wieder, wir müssen eben diese beiden Krisen mit einer Klappe schlagen, wir müssen auf der einen Seite die wirtschaftliche Situation stabilisieren, Arbeitsplätze für die Zukunft erhalten und neue zukunftsfähige schaffen. Und die finden Sie in solchen ökologisch in besonderer Weise ausgezeichneten technologischen Fortentwicklungen im Energiebereich, aber auch im gesamten Rohstoffbereich, auch im gesamten Bereich sonstiger umweltbelastenden Konsequenzen oder Engpässe. Denken Sie an die Frage von Wasser, um nur das eine zu nennen, denken Sie dabei weiterhin über die Notwendigkeit für bald neun Milliarden Menschen auf dieser Welt, hinreichend Nahrungsmittel zu erzeugen.

Ricke: Cancún wird eine große Konferenz mit möglicherweise keinem großen Abschluss, also mit der Forderung an das individuelle, an das nationale Handeln. Darum noch einmal die Frage: Glauben Sie, dass das im Kanzleramt so ausreichend gehört wird?

Töpfer: Ich glaube schon. Sie müssen ja auch mal in die deutsche Wirtschaft hineinhören: Gut, da gibt es die offiziellen Verlautbarungen von Verbänden und einzelnen Unternehmen, dass man nicht vorangehen könne. Wissen Sie, die gesamte Geschichte der nun wirklich in der Welt beachteten deutschen Umweltpolitik bestand darin, dass man vorangegangen ist, dass man dadurch technologische Fortschritte erreicht hat. Denken Sie an solche einfachen Dinge wie die Rauchgasentschwefelung von Kraftwerken, denken Sie an den Prozess, der schwer genug war, um einen Drei-Wege-Katalysator in allen Autos durchzusetzen, auch da war man in vielen Teilen der Wirtschaft zunächst sehr, sehr skeptisch, dass wir vorangehen. Und am Ende hat sich gezeigt, dass diese sogenannten Alleingänge die entscheidenden Voraussetzungen waren, den Exportweltmeister Deutschland weiter zu erhalten. Wer auf alle anderen wartet, kann nicht davon ausgehen, dass diejenigen, die den Weltmeister auch im wirtschaftlichen Bereich abgeben wollen, diese sich auf Dauer erhalten wollen. Nur wer vorangeht, wer die neuen Chancen einer Welt, wie ich bereits sagte, mit bald neun Milliarden, nutzen will, der muss heute fragen, wo sind die Engpässe, wie lösen wir das besser als andere? Und das gilt ganz genau so für die Energieversorgung im Angebotsbereich, also auch mit neuen Energiequellen, und in der Nachfrage, also einer bedeutend gesteigerten Energieeffizienz. Beides geht Hand in Hand und diese Chance darf sich Deutschland nicht entgehen lassen.

Ricke: Klaus Töpfer, der ehemalige Leiter des UN-Umweltprogramms UNEP. Vielen Dank, Herr Töpfer!

Töpfer: Ich danke Ihnen auch herzlich!

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