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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.12.2011

Klassischer Chorgesang für die Synagoge

Das 1. Louis Lewandowski-Festival in Berlin

Von Jonathan Scheiner

Nils Busch-Petersen, Organisator des Louis-Lewandowski-Festivals (picture alliance / dpa)
Nils Busch-Petersen, Organisator des Louis-Lewandowski-Festivals (picture alliance / dpa)

Der Komponist Louis Lewandowski verband jüdische Traditionen mit romantisch-klassischen Elementen. Er kam mit zwölf Jahren von Posten nach Berlin, mit 19 wurde er Chordirigent in der hiesigen jüdischen Gemeinde. Acht Chöre aus aller Welt führen seine Musik auf.

Ein mehrtägiges Festival, bei dem acht Chöre aus der ganzen Welt die Synagogenmusik Louis Lewandowskis aufführen – das klingt wie ein finanzielles Vabanque-Spiel. 300 Sänger wurden nach Berlin eingeladen, damit die Musik des größten deutschen Synagogenkomponisten zum Klingen gebracht wird. Nicht nur in den Synagogen wird gesungen, sondern auch in verschiedenen Kirchen.

Der Organisator, der sich diese Mammutaufgabe aufgebürdet hat, heißt Nils Busch-Petersen. Von Beruf ist er Geschäftsführer der Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Zugleich ist er der Vereinsvorstand der "Freunde und Förderer des Synagogal Ensemble Berlin". Ein rastlos beschäftigter Mann, der im Trubel des 11. Deutschen Handelskongresses noch ein wenig Zeit gefunden hat, Auskunft über das Lewandowski-Festival zu geben:

"Unser Förderverein kümmert sich seit Jahren darum, dass Lewandowskis Musik, seine vertonte Liturgie außerhalb der Synagoge bekannter wird. Dazu gehört natürlich auch, dass man sich erkundigt, oh, wo gibt es noch Chöre, die Ähnliches machen. Wir haben zu Jahresbeginn zunächst einmal alle uns bekannten Chöre angeschrieben, um zu sehen, ob es überhaupt ein Interesse gibt. Das Echo war dann sehr stark. So haben sich sehr schnell sieben Chöre angemeldet und ein achter noch dazu. Und den neunten und den zehnten mussten wir dann schon wieder ausladen. Das gab viel Tränen. Aber das hätte einfach unsere Möglichkeiten und unsere Kapazitäten und vor allem unser kleines Budget gesprengt."

Doch nicht nur die finanziellen Mittel waren zu organisieren. Zunächst gab es ganz alltägliche Probleme. Zum Beispiel das Problem mit dem Schabbes. Die Konzerte finden zwischen Freitag und Sonntag statt. Da aber am Sabbat keine Konzerte in Synagogen stattfinden dürfen, wurden ein paar Veranstaltungen kurzerhand in Kirchen verlegt. Das hat auch ganz praktische Gründe, denn im Gegensatz zu den meisten Konzertsälen stehen in Kirchen auch Orgeln zur Verfügung, um die Chöre zu begleiten. Den größten Aufwand verlangte das Abschlusskonzert in der Synagoge Rykestraße. Alle Chöre dürfen nur zwei Stücke singen. Doch das allein dauert schon zweieinhalb Stunden:

"Ja, wir werden mindestens so intensiv wie das Singen in den Stunden vor dem Abschlusskonzert auch das Plätzerücken üben müssen, denn es muss ja laufen, rauf runter, während der Anmoderation muss sich leise rauschend der Saal außen einmal drehen. Wir werden also die Chöre in die äußeren Bereiche unterhalb des Balkons setzen und dann bewegen die sich quasi in einem Kreislauf. Nach jedem Auftritt steht ein Chor auf und setzt sich ein paar Plätze weiter und weiter und weiter. Ein bisschen – wie passend – wie die Reise nach Jerusalem. Nur dass keine Stühle weggenommen werden."

Eingeladen wurden Chöre aus der ganzen Welt. Zum Beispiel der "Johannesburg Jewish Male Choir", der "Synagogenchor Zürich" oder "Les Polyphonies Hébraïques de Strasbourg". Und neben Gästen aus Boston, Toronto und Jerusalem tritt auch das "Synagogal Ensemble Berlin" auf. Das klingt nach einem Heimspiel.

Der Chor unter der Leitung der Organistin Regina Yantian besteht aus acht Sängerinnen und Sängern, die den Berliner Opern- und Rundfunkchören angehören oder freiberuflich als Solisten tätig sind. Keine Laientruppe also, die Regina Yantian da über viele Jahre an die Musik Lewandowskis herangeführt hat:

"Die Orgel ist ja eher ein begleitendes Instrument bei Lewandowski, die hat selten eine exponierte Funktion. Aber an Jom Kippur hat sie dann doch mal besondere Aufgaben. Und er hat wunderschöne Chorstücke auskomponiert, wo man nur Männerchor hat oder im Mittelteil, wo sich der Mittelteil schön entfalten kann und dann wird das wieder so schön aufgebaut in ein großes Finale mit Frauenstimmen dazu – wunderschön."

Das "Synagogal Ensemble Berlin" ist der einzige Profi-Chor, der jeden Sabbatabend und -morgen, sowie an allen jüdischen Feiertagen die Liturgie von Louis Lewandowski zum Klingen bringt. Und nicht nur das: Das Ensemble hat Lewandowskis "Liturgie der hohen Feiertage" auch schon für eine CD eingesungen. Auf einer weiteren, gerade eben erschienenen CD sind auch die beiden Stücke enthalten, die das Ensemble beim Festival aufführen wird:

"Wir machen mein Lieblings-Männerchorstück von der Neujahrsliturgie, das heißt "Sacharti Lach", Und dann die Feiertags-Keduscha, da kann man alles zeigen das ist einfach eines der besten Stücke, um Lewandowski vorzuführen."

Vor der Schoah hat Louis Lewandowski eine zentrale Rolle in der Synagogenmusik gespielt. Lewandowskis Liederbücher "Kol Rinnah” und "Toda We’simra” sind Standardwerke nicht nur für das liberale Judentum. Doch sein übriges Oeuvre ist nicht unumstritten, wie der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov betont:

"Lewandowski ist sowohl als Mensch als auch als Musiker eine sehr ambivalente Erscheinung. Es gibt Teile seines musikalischen Werkes, die sehr eng mit der jüdischen Tradition verbunden sind. Und es gibt andere Teile, wo der Einfluss der Tradition fast gar nicht spürbar ist, dafür aber der Einfluss der deutschen romantischen Musik und vor allem natürlich von Mendelssohn."

Lewandowski wurde 1865 zum Königlichen Musikdirektor ernannt. 1890 ernannte ihn die Akademie der Künste – deren erstes jüdisches Mitglied er war - sogar zum Professor. So galt Lewandowski lange Zeit als Paradebeispiel deutsch-jüdischer Assimilation:

"Lewandowski. war der wichtigste Komponist des liberalen deutschen Judentums. Nach der Schoa war das jüdische Leben natürlich komplett anders. Die deutschen Juden, die überlebt hatten, waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Deutschland. Und die Juden, die nach dem Krieg in Deutschland lebten, waren vor allem die Überlebenden aus den KZ’s, also zumeist polnische Juden, Juden aus Osteuropa, die eine ganz andere musikalische Tradition kannten. Der große Teil der Musik, die in den Synagogen in Deutschland nach dem Krieg gesungen wurde, das war dann nicht mehr Lewandowski. Bis auf einige Ausnahmen wie Berlin. Nach dem Krieg ist das zu einer Art Pflegestätte für Lewandowskis Musik geworden."

Dorthin kehren Lewandowskis Kompositionen nun beim Chorfestival zurück. Und noch eine weitere gute Nachricht gibt es: Die Finanzierung für das nächste Festival ist bereits gesichert. Da dürfen dann noch andere Chöre Lewandowskis Musik am Ort ihrer Entstehung zum Klingen bringen.

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