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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 23.04.2013

Klang aus Bildern

Rekonstruktion von alten Grammophon-Aufnahmen

Von Arndt Peltner

Normalerweise muss die Platte vorhanden sein, um Musik zu spielen. Patrick Feaster kann aus Bildern Töne machen. (Stock.XCHNG / Daniela Lenarcic)
Normalerweise muss die Platte vorhanden sein, um Musik zu spielen. Patrick Feaster kann aus Bildern Töne machen. (Stock.XCHNG / Daniela Lenarcic)

Das Wort Klangbild bekommt in diesen Tagen eine ganz neue Bedeutung. Der Musikethnologe Patrick Feaster aus den USA hat eine Technik entwickelt, um aus einem Bild eine Tonspur zu kreieren. Feaster hat es so geschafft, alte Grammophon-Aufnahmen, die es physisch nicht mehr gibt, zum Klingen zu bringen.

Es rauscht, es knarzt und erst mal hört man gar nichts. Dann ganz leise eine männliche Stimme, die die Ballade "Der Handschuh” von Friedrich Schiller liest. Man muss genau hinhören, aber dann hört man einen Mann das Gedicht vortragen.

Ganz klar, es handelt sich bei dieser Aufnahme um eine alte Grammophon Aufnahme. Eine sehr alte, um ganz genau zu sein. Entstanden in den Anfangstagen des Grammophon-Zeitalters, um 1890. Noch bevor diese neue Technik kommerzialisiert wurde. Doch was das Beeindruckende bei diesem Hörbeispiel ist: Es gibt diese Platte überhaupt nicht mehr. Und dennoch, die Stimme, die man hier hört, ist die des Deutsch-Amerikaners Emil Berliner, dem Erfinder des Grammophons.

Patrick Feaster ist Musikethnologe an der Indiana University in Bloomington. Vor kurzem hat er ein Buch veröffentlicht "Pictures of Sound”, Bilder des Klangs. Alte Klänge faszinieren ihn und er ist in Bloomington am richtigen Platz. An der dortigen Universität hat man über eine halbe Million Sounddokumente - Platten, Film- und Videoaufnahmen – angesammelt, die zum Teil bis ins Jahr 1893 zurück reichen. Ein Schatz für Historiker und doch, Patrick Feaster hat dem noch einen drauf gesetzt:

"Für eine Präsentation habe ich in unserem Uni-Archiv in einem alten Magazin, das 'Über Land und Meer' hieß, nach einem Bild von Thomas Edisons Aufnahmestudio gesucht. In der Inhaltsangabe fiel mir ein Artikel über das Grammophon auf. Ich dachte mir, den schau ich mir lieber mal an, und tatsächlich, da war die Gravur von 'Der Handschuh' abgebildet."

Also die Abbildung einer alten Schallplatte von 1889. Einer Platte, die schon lange nicht mehr existierte. Patrick Feaster hat es geschafft, aus dieser Abbildung echten Klang werden zu lassen.

Schon vorher hatte Patrick Feaster die Technik entwickelt, aus einem Bild einen Ton entstehen zu lassen. Allerdings nur für normale Wellenformen, also die gängige grafische Darstellung eines Audiosignals:

"Wir wussten nicht, wie wir eine Spirale abspielen sollten. Wir konnten gerade Linien abspielen, aber eben keine Spiralen wie auf einer Platte. Ein paar Jahre dauerte es, bis ich die Technik entwickelte, wie man eine Spirale in einem Grafikprogramm zu einer geraden Linie konvertiert."

Vom Bild zum Ton

Der Erfinder des Grammophons, Emil Berliner (picture alliance / dpa / Fotoreport Deutsche Grammophon)Der Erfinder des Grammophons, Emil Berliner (picture alliance / dpa / Fotoreport Deutsche Grammophon)Copy and Paste - Schritt für Schritt vergrößerte er erst die Abbildung der Rille, kopierte es und setzte alles in einem Computerprogramm zusammen. Daraus entstand dann das bekannte Bild einer Audio-Wellenform, die er in ein Audio-Schnittprogramm übertrug. Ein zeitaufwendiges Unterfangen. Für die Handschuh-Aufnahme brauchte er mehrere Tage. Doch am Ende hörte er Emil Berliner, den Erfinder des Grammophons in einer Aufnahme von 1889:

"Und sobald ich konnte, scannte ich es ein und spielte es. Was sich herausstellte war, dass diese der Aufnahme vom November 1889 sehr ähnlich war. Aber einige Umstände deuteten darauf hin, dass sie sogar noch älter war. Wir können also davon ausgehen, dass das hier die älteste Grammophon-Aufnahme ist, die wir heute hören können.

Es klingt genau so, als ob er heute in ein Mikrofon sprechen und wir es abspielen würden. Das ist seine Stimme, ganz klar. Soweit ich weiß, ist das die älteste Aufnahme eines vorgetragenen Gedichtes in deutscher Sprache."

Patrick Feaster ist nun auf der Suche nach weiteren alten Bildern von Grammphonplatten, die es nicht mehr gibt. Die Library of Congress ist ein guter Ansatzpunkt, denn dort wurde er schon vorher fündig:

"Die Qualität des Bildes bestimmt die Qualität des Sounds, den wir gewinnen können."

Emil Berliner hatte vor der Markteinführung des Grammophons einige Platten für seine Erfindung besprochen. Quasi als Demonstration der neuen Technik. Er sang darauf. Und Berliner spielte sogar mit der Geschwindigkeit der Aufnahmen.

Patrick Feaster betont, dass diese Klangbilder nicht die ältesten Sprachaufnahmen sind. Aber es sind die ältesten, die jemals auf einer Grammophonplatte festgehalten wurden.

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