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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.08.2015

Kita-Alltag in MecklenburgDie Lärm-Ampel steht auf Rot

Von Silke Hasselmann

Ausschnitt einer Lärmampel, die in Kindergärten und Schulen den Geräuschpegel sichtbar macht.Rotes Licht an der Ampel bedeutet: Es ist lauter als 85 Dezibel, also lauter als im Straßenverkehr. Aufgenommen am 06.03.2009 im Kindergarten in Kirchheim bei Erfurt. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)
Ausschnitt einer Lärmampel: Rotes Licht bedeutet, es ist lauter als 85 Dezibel. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)

Die Befragung von Erziehern und Sozialarbeitern zum Schlichtungsergebnis endet. Sind sie zufrieden mit 2,4 bis 4 Prozent Gehaltserhöhung? Gefordert war eine Höhergruppierung, die aber die Kita-Arbeit nicht hergebe, meinen Kommunen. Wir machen den Praxistest vor Ort.

Crivitz in Westmecklenburg zählt rund 4.500 Einwohner und zwei Kindertagesstätten, darunter "Uns Lütten". Der zweigeschossige Plattenbau war zu DDR-Zeiten für rund 160 Lütte gedacht. Derzeit sind 204 Kinder angemeldet, und üblicherweise klingt es jeden Morgen um sieben Uhr bereits so.

Doch da geht noch mehr. Das zeige sich ab 10 Uhr, wenn auch die letzten Kinder gebracht worden sind, erzählt Ilke Prochnow mit Verweis auf die sogenannte Lärmampel. Sie betreut üblicherweise eine Gruppe mit sechs Kleinstkindern – also unter zwei Jahren:

"Wir haben so ein Messgerät, aber das zeigt ja nur an, ist es sehr laut oder leise. Meistens ist es immer rot. Und man hat gesagt, dass dieser Lärm im Kindergarten dem eines Presslufthammers entspricht. Aber wir können ja nicht mit Ohrenschützern rumrennen."

Auch wenige Kinder können Krach machen

Das hat Ilke Prochnow auch an diesem Tag nicht getan, an dem sie Spätdienst hatte. Im Gegenteil: Sie fühle sich zurzeit nicht annähernd so erschlagen wie sonst, erzählt sie. Denn wegen der Ferien in Mecklenburg-Vorpommern nähmen viele Eltern auch ihre Jüngsten für einige Zeit aus Krippe und Kindergarten. Das dämpfe den dortigen Geräuschpegel erheblich. Wobei: Auch relativ wenige Kinder können reichlich Krach machen, vor allem, wenn Sturm, Gewitter oder allzu starker Regen sie dauerhaft in den Zimmern halten. Dieser Arbeitstag, der für Ilke Prochnow um 10 Uhr begann, sah zunächst durchaus danach aus. Doch Glück gehabt. Und Mecklenburger sind ja nicht aus Zucker, sagt sie:

"Heute bin ich erst bei den Kindergartenkindern gewesen, da ich als Springer arbeite. Wir haben uns dann also doch die Regensachen angezogen und die Kinder sich eine Stunde auf dem Spielplatz austoben lassen. Tja, dann bin ich um 11 Uhr in die Krippe gewechselt. Dort habe ich mit den Kleinkindern mittaggegessen, habe sie unterstützt beim Essen, sie zum Schlafen fertiggemacht. Bis circa 14 Uhr Mittagsruhe gehalten. Dann Kaffeezeit. Tja, und wenn ich meinen Spätdienst beende, ist meine Aufgabe zu gucken, dass auf dem Spielplatz alles in Ordnung ist, dass die Spielsachen aufgeräumt sind, dass die Fenster geschlossen sind. Und dann kann auch ich in den verdienten Feierabend gehen."

Sieben von 24 Kolleginnen machen Notbetrieb

Um 18:30 Uhr ist es soweit und Ilke Prochnow findet, dass sie einen Arbeitstag ohne Besonderheiten hinter sich gebracht hat. Was sie schon groß erzählen könne, fragt sie lachend zurück. Gut, nur sieben der insgesamt 24 Kolleginnen hielten den Notbetrieb aufrecht, denn der Rest sei in den Betriebsferien. Um diese Zeit von Ende Juli bis Mitte August gut zu planen, mussten die Eltern ihre Betreuungswünsche bereits im März angeben. Weil das Leben aber nicht immer so gut planbar sei, suche die Chefin immer noch Möglichkeiten, zu helfen. So sei eine Familie erst jetzt hergezogen. Der einjährige Sohn soll ab September in Vollzeit betreut werden. Ob er jetzt schon zur Eingewöhnung kommen könne? Er kann und kam zu Ilke Prochnow.

"Ja, seit gestern ist ein Eingewöhnungskind in der Krippe. Der hat sich eigentlich relativ schnell hier wohlgefühlt. Heute durfte er schon mal Mittagessen hier. Auch das wird in dieser Zeit mit angeboten."

Und wie war der Tag sonst?

"Ja, er läuft ein bisschen lockerer ab. Es ist keine stramme Beschäftigungszeit, sondern man geht ein bisschen relaxter in den Tag hinein. Sicherlich fängt man an, dem einen oder anderen auch etwas Neues beizubringen. Es ist nicht so, dass die Kinder allein gelassen sind. Wir versuchen schon, ein bisschen Beschäftigung zu machen, aber eben nicht so speziell. Also keine Farbgestaltung, kein Basteln und solche Sachen."

Die Entwicklung der Kinder unterstützen

Lernfortschritte kann man auf anderen Gebieten beobachten. So habe ein Kindergartenkind den Eltern beim Abholen stolz den Trick demonstriert, den es heute von einer Kollegin gelernt hatte. Frage: Wie kommt man ohne lästige Wurstelei in die Jacke? Genau: Erst die Kapuze auf den Kopf setzen und dann in die Ärmel pieken! Hat geklappt und Frau Prochnow freut sich. Sie sagt, auch sie habe immer den Anspruch:

"...dass ich den Kindern helfe, selbständig zu werden. Vor allem beim Anziehen. Also Schuhe, ne, dass man sagt, man muss den Daumen reinhängen in den Hacken, damit die Schuhe nicht runtertritt. Man hat jetzt für diese Dinge auch Zeit, sie den Kindern geduldig zu zeigen und beizubringen" Frage: "Und haben Sie den Eindruck, dass das dann auch eher fruchtet?" "Wenn man dauerhaft dabei sein würde, ja. Nun habe ich das Glück, dass ich nächste Woche schon wieder auch in den Urlaub darf." (lacht)

18:30 Uhr. Der Spielplatz ist in Ordnung, das letzte Kind für heute verabschiedet. Die Türen der Kita "Uns Lütten", die Ilke Prochnow jetzt schließt, wird sie am nächsten Morgen kurz vor 6 Uhr wieder öffnen. Dann hat sie Frühdienst.

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