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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.04.2013

Kirchenvertreter müssen sich "einmischen in Dinge, die unrecht sind"

Ehemaliger Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche über zivilen Ungehorsam

Christian Führer im Gespräch mit Nana Brink

Der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Kirchenvertreter sollten Widerstand gegen Demokratieverachtung leisten, ist Christian Führer überzeugt. Dazu gehöre auch der Protest gegen Neonazis, so der evangelische Pfarrer im Ruhestand anlässlich des Prozessbeginns gegen den Jenaer Studentenpfarrer Lothar König.

Nana Brink: Heute um neun Uhr, also in zwei Stunden, beginnt in Dresden der Prozess gegen den Jenaer Studentenpfarrer Lothar König. Er wird beschuldigt, im Februar 2011 bei der Großdemonstration und bei einem Aufmarsch von Rechtsradikalen in Dresden zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen zu haben. Und bevor wir über diesen Prozess und die Diskussionen sprechen, die er ausgelöst hat und immer noch auslöst, rollt Hilde Weeg den Fall noch mal auf (MP3-Audio).

Heute nun also beginnt der Prozess, die juristische Klärung steht noch aus. Aber der Fall berührt eine grundsätzliche Frage in unserem Rechtsstaat: Wie weit darf man gehen bei Demonstrationen gegen Neonazis? Darüber habe ich mit Christian Führer gesprochen, lange Pfarrer an der Leipziger Nicolaikirche, bekannt durch seinen Widerstand in der DDR. Wie weit würde er gehen?

Christian Führer: Ja, ich denke, es ist zunächst einmal wichtig, was für Demonstrationen stattfinden. Und wenn sie von Menschen veranstaltet werden, die menschenverachtende, gewaltverherrlichende und geschichtsfälschende Anschauungen, wie zum Beispiel die Neonazis, öffentlich auf die Straße tragen, dann muss Widerstand geleistet werden. Natürlich ohne Gewalt an Menschen und Sachen.

Brink: Und wo ist dann der Punkt erreicht, wo Sie sich auch außerhalb des Rechts stellen würden, oder würden sie das tun?

Führer: Zunächst mal ist immer eine ganz schwierige Situation, in die die Polizei gerät in der Demokratie. Eine Art verzweifelte Lage, demokratisch angemeldete Demonstrationen von Menschen, die die Demokratie gewaltsam beseitigen wollen, schützen zu müssen. Solange diese Gruppierungen nicht verboten sind, genießen sie den Schutz der Demokratie, das muss man anerkennen. Wohin das führen kann allerdings, das hat Deutschland 1933 erlebt, also muss auch das Widerstandsrecht gebührend geschützt werden. Der Schutz angemeldeter Demonstrationen ist legal, der Widerstand gegen Demokratie und menschenverachtende Demonstranten ist legitim und christlich. Und insofern muss ich sagen, ist dieser Widerstand zu leisten von Menschen, die Jesus ernst nehmen und die die Demokratie schützen wollen.

Brink: Aber trotzdem noch mal die Frage, es ist ja immer ein Unterschied auch zwischen legitim und legal.

Führer: Also legal sind angemeldete Demonstrationen von Gruppen und Gruppierungen, die nicht verboten sind. Und wenn sie menschenverachtende, geschichtsfälschende und demokratiefeindliche Gedanken propagieren öffentlich, dann ist der Widerstand dagegen geboten und legitim.

Brink: Damit das nicht so auf dieser theoretischen Ebene bleibt, mal ein ganz praktisches Beispiel, das Sie wahrscheinlich auch schon erlebt haben. Viele haben das auch schon erlebt, die auf solchen Demonstrationen sind: Die Polizei stellt sich zwischen die beiden, also zwischen die Neonazis und diejenigen, die dagegen demonstrieren. Und es fliegen Steine vonseiten derjenigen, die gegen die Neonazis demonstrieren. Was machen Sie in so einer Situation?

Führer: Also das lehne ich grundsätzlich ab, da ist für mich auch die Grenze überschritten, wenn die Autonomen sich vermummen und Steine werfen. Das ist für mich ein völlig unakzeptables Verhalten. Wir wollen denen ins Auge schauen und wollen mit unserem Protest, ihnen den also deutlich auch ins Gesicht sagen. Und Gewaltanwendungen sind niemals ein Mittel von Argumenten gewesen, die überzeugen nicht, sondern verhärten nur die Situation.

Brink: Aber muss ein Pfarrer sich dann im Zweifelsfall in einer sehr kritischen Situation dann auch vor die Polizei stellen?

Führer: Ja, das ist richtig. Man muss sagen: Leute, das ist der falsche Weg. Die Polizei kann nichts dafür, die führt ihren von der Demokratie aufgetragenen Auftrag durch, und die können jetzt nicht attackiert werden mit Gewalt. Aber wir können unseren Protest durch lautstarke Worte, Plakate und so weiter über die Polizei hinweg denen, an die diese Worte gerichtet sind, ausdrücken.

Brink: Sie haben es erwähnt ganz am Anfang unseres Gespräches, dass diese Organisationen, viele von ihnen verboten gehören. Aber jetzt mal umgedreht, müssten Sie nicht eigentlich auch dafür auf die Straße gehen, dass Neonazis im Gewand der NPD zum Beispiel, also eine nicht verbotene Partei, dass die auch demonstrieren dürfen in diesem Rechtsstaat?

Führer: Ja, das habe ich ja mit meiner Meinung zur Polizei gesagt, dass die das ganz richtig machen, das ist der Auftrag. Und eine nicht verbotene Organisation hat das Recht, ihre Kundgebungen durchzuführen. Das ist ein demokratieverbrieftes Recht. Aber wir müssen aufpassen, was da auf der Straße gesagt und getan wird. Und in Deutschland, wo wir erlebt haben, wie die Nationalsozialisten die Demokratie lächerlich gemacht und abgeschafft haben unter dem Deckmantel und dem Schutz der Demokratie, das darf in Deutschland nicht ein zweites Mal passieren. Und menschenfeindliche, unchristliche und nationalsozialistische Gedanken, da wissen wir ja, was die hervorgebracht haben im Zweiten Weltkrieg. Da müssen wir widersprechen, und diesen Widerspruch auch deutlich machen.

Brink: Sie waren ja lange Zeit im Widerstand in der DDR, gerade im Rahmen der Nicolaikirche. Jetzt gucken wir uns den Fall in Jena an, des Jenaer Studentenpfarrers Lothar König. Spüren Sie da so etwas wie eine besondere Verantwortung auch von Pfarrern, sich Dingen, die nicht gut laufen in dieser Gesellschaft, zu widersetzen?

Führer: Ja, natürlich, das ist unser Auftrag. Wir haben nicht zu fragen, was angenehm ist und wie wir möglichst mit dem Rücken an der Wand irgendwie gut durchkommen. Sondern wir haben zu fragen, was würde Jesus dazu sagen, und danach zu entscheiden. Und da müssen wir uns einmischen, müssen uns einmischen in Dinge, die unrecht sind, die menschenschädigend sind, die eine Gefahr sind für das Zusammenleben der Menschen. Das ist ein gebotener Auftrag, den wir haben, da dürfen wir es uns nicht entziehen, sondern müssen uns einmischen.

Brink: Christian Führer, lange Pfarrer an der Leipziger Nicolaikirche. Schönen Dank für das Gespräch!

Führer: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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