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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.08.2015

Kirche und Judentum"Das Alte Testament war die Bibel des Jesus von Nazareth"

Christoph Markschies im Gespräch mit Kirsten Dietrich

Der evangelische Theologe Christoph Markschies (dpa / picture alliance / Hannibal Hanschke)
Der evangelische Theologe Christoph Markschies (dpa / picture alliance / Hannibal Hanschke)

Der Dialog der Religionen ist geprägt von großen Verwerfungen. Das Verhältnis von Juden und Christen ist dafür das Paradebeispiel. Christoph Markschies, Leiter des Instituts Kirche und Judentum, will dieses Verhältnis neu gestalten.

Kirsten Dietrich: Die Vielfalt der Religionen – auch wenn lange Nächte sie feiern, die Praxis sieht oft anders aus. Dialog ist nicht unmöglich, aber oft schwierig. Vor allem bei Religionen, die eng verwandt sind und sich eigentlich nahestehen müssten – das Verhältnis von Juden und Christen ist sicher das Paradebeispiel für ein solch nahes und schwieriges Verhältnis. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der direkten Herkunft ihrer Religion vom Judentum haben Christen im Lauf der letzten 2000 Jahre immer wieder versucht, sich als Überlegene abzugrenzen – oft mit schrecklichen Folgen für Juden und Jüdinnen. Seit der Katastrophe der Shoa mehren sich auch in den christlichen Kirchen die Versuche, dieses Verhältnis auf andere Füße zu stellen: christliche Schuld anzuerkennen und nach gemeinsamen Wurzeln zu fragen. Einer dieser Versuche ist das Institut Kirche und Judentum: gegründet vor 55 Jahren, 1960, von der Berliner evangelischen Kirche, inzwischen Teil der theologischen Fakultät an der Berliner Humboldt-Universität – und immer wieder Ort eines schwierigen Dialogs. Das Institut hat seit Mai einen neuen Leiter, Christoph Markschies, Professor für Kirchengeschichte. Ich habe ihn gefragt, was ihn an diesem Amt gereizt hat.

Christoph Markschies: Es gibt bestimmte Situationen im Leben einer Fakultät, einer Landeskirche und einer Person, da darf man nicht danach fragen, ob man noch genügend Zeit für eine Aufgabe hat, sondern da ist es einfach notwendig, dass die übernommen wird, und es ist eine Situation entstanden, in der wichtig war, dass sich Landeskirche und Berliner theologische Fakultät zum Institut Kirche und Judentum bekennen, und da ich selbst viel mit Jerusalem zu tun habe, dort studiert habe, mich mit antikem Judentum beschäftigte, habe ich mich der Anfrage, die an mich gerichtet wurde, dieses Institut zu übernehmen, nicht verschlossen und arbeite nun etwas mehr, aber ich tue es gern.

Streben nach einem neuen Verhältnis zwischen Christentum und Judentum

Dietrich: Sie sagen, die Situation war kritisch. Das Institut besteht ja seit über 50 Jahren, ist ganz eng verbunden mit dem Namen Peter von der Osten-Sacken, ein Berliner Neutestamentler, der das über 30 Jahre geleitet hat und seit seinem Rücktritt aus Altersgründen, na ja, hindümpeln ist jetzt ein bisschen gemein gesagt, aber es fehlt so die charismatische Persönlichkeit, die sich damit verknüpft. Was ist da passiert, warum ist dieses Institut so in Vergessenheit geraten?

Markschies: Ich glaube nicht, dass das nur an Personen liegt, das liegt sicher auch an den Zeitumständen. Nach 1945 hat es in den christlichen Kirchen viele Menschen gegeben, die, verzweifelt über das, was kulminiert war im Nationalsozialismus, ein neues Verhältnis zwischen Christentum und Judentum erreichen wollten, und Peter von der Osten-Sacken war zweifelsohne und ist eine solche charismatische Gestalt. Und dieser Gründungsaufbruch der Verzweiflung, aber auch der Freude über den möglichen Neubeginn, der klingt natürlich ab, wenn man kein Teilnehmer dieser unmittelbaren Nachkriegsgeneration ist. Ich hoffe aber, dass wir wieder mit genau demselben Elan, den Peter von der Osten-Sacken immer aufgebracht hat und auch aufgebracht hat, dieses Institut nun in eine neue Zeit und in neue Umstände führen werden.

Dietrich: Eine Zeit lang hatte man ja das Gefühl, es ist eigentlich im Dialog schon gesagt oder geforscht, was nötig ist, um das Verhältnis zwischen Christen und Juden auf eine neue Spur zu bringen, jetzt geht es einfach nur drum, dass man das akzeptiert. Nun ist an der Berliner Humboldt-Universität seit einigen Monaten eine Debatte zu dem Thema geführt worden, wo man auch eigentlich dachte, da ist schon alles zu gesagt worden, das muss man jetzt nicht noch mal neu anfangen. Es geht darum, welchen Stellenwert das – aus christlicher Perspektive – das Alte Testament, die hebräische Bibel für Christen hat. Der Professor für Dogmatik, Notger Slenczka, sagt, das Alte Testament muss man nicht unbedingt aus der Bibel rausstreichen, aber man sollte doch sagen, dass es für Christen nicht unbedingt heilsnotwendig sei, weil ja nichts von Jesus drin stehe.

Kein Wackeln und schon gar kein Zurückweichen

Markschies: Ich habe die Leitung des Instituts Kirche und Judentum sicher auch deswegen mit übernommen, weil mir daran lag, dass aus der Mitte Berlins auch ein Zeichen dafür gesetzt wird, dass das Alte Testament, die hebräische Bibel, ein integraler Teil der christlichen Bibel ist. Man muss sich ja immer klar machen – dazu muss man gar kein Christenmensch sein –, Jesus von Nazareths Bibel ist die Bibel, die wir Altes Testament nennen. Er lebt aus dieser Bibel und er weist das Christentum an diese Bibel – es ist seine Bibel –, er weist das Christentum an den Gott dieser Bibel. Schon deswegen kann das Alte Testament kein zweitrangiges nachgeordnetes Buch sein. Ich habe lange Zeit auch gedacht, das ist eine im Christentum geklärte Frage, dass wir – Wolfgang Huber hat einmal den schönen Satz geprägt – nicht eine erstklassige und eine zweitklassige Bibel haben, als sei das Alte Testament eine zweitklassige Bibel, sondern eine Bibel, die als Ganze in zwei Teilen erstklassig ist. Ich habe über lange Zeit gedacht, das ist eine der vielen entschiedenen Fragen.

Ich habe einmal den Satz geprägt, wir diskutieren ja auch nicht über die Frage, ob die Erde vielleicht doch eine Scheibe ist, aber es ist offenkundig so, dass Dinge, die eigentlich klar sind, immer wieder einer neuen Generation, auch von Theologiestudierenden, klar gemacht werden müssen. Wer nicht in diesem Dialog aufgewachsen ist, wer beispielsweise wenig Menschen aus dem Judentum kennt, wer noch nie in Israel war, wer noch nie mit einer Synagogengemeinde zusammen bestimmte Feste gefeiert hat, der kennt alle diese Dinge nicht. Also die Ergebnisse des jüdisch-christlichen Dialogs sind, man kann vielleicht sagen, keine sichere Bank, die für alle Zeiten gelten, sondern das sind Dinge, die sich jede Generation neu erschließen muss, und ich sehe ein bisschen meine Aufgabe darin, dabei mitzuhelfen, und dafür spielt dieser Berliner Streit um das Alte Testament eine Rolle. Mir ist deutlicher geworden, hier musst du dich engagieren, hier musst du Schwerpunkte setzen, an dieser Stelle darf es kein Wackeln und schon gar kein Zurückweichen der christlichen Kirchen geben.

Dietrich: Der Streit um den Stellenwert des Alten Testaments für Christen und Christinnen ist so ein Beispiel für eine Serie von Auseinandersetzungen, Irritationen, die vor allen Dingen auf jüdischer Seite so den Eindruck erwecken, eben das, was eigentlich schon geklärt schien, wird von den Kirchen jetzt wieder neu auf den Tisch gebracht. Ein Punkt ist zum Beispiel der Umgang mit den sogenannten messianischen Juden, also Gläubigen, die sich selber als Juden verstehen, aber dabei an Jesus als den von Gott verheißenen Messias glauben. Und diese messianischen Juden, die werden in Teilen der evangelischen Kirche sehr offensiv umworben. Beim letzten Kirchentag in Stuttgart vor knapp drei Monaten gab es zum Beispiel einen großen Streit darum, in welchem Umfang die nun teilnehmen dürfen oder nicht. Können Sie den Wunsch verstehen von jüdischer Seite, sich von diesen messianischen Juden zu distanzieren?

Markschies: Ich kann sehr gut verstehen, dass jüdische Gemeinden sehr aufmerksam mustern, ob das, was zwischen Judentum und Christentum besprochen wurde und in Erklärungen und Grundordnungen deutscher Landeskirchen festgehalten wurde, noch gilt oder verändert ist. Ich wähle ein Beispiel: Früher, vor 1945, war man der Auffassung, der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, ist gekündigt und an seine Stelle ist ein neuer Bund mit dem Christentum getreten. Wenn man biblische Schriften aufmerksam liest, merkt man, das steht da gar nicht, sondern dort steht, dass die Heiden mit hinein genommen sind in den ungekündigten Bund. Dass eine jüdische Gemeinde tief irritiert reagiert, wenn solche Dinge wieder infrage gestellt werden oder aus Unkenntnis nicht gewusst werden, das kann ich gut verstehen. Dass eine jüdische Gemeinde merkwürdig darauf reagiert, wenn zwischen Judentum und Christentum, also zwischen dem Bekenntnis zu Jesus Christus als den Messias für die Heiden und der Erwartung, wir wissen noch nicht genau, wer der Messias Gottes ist, wenn also zwischen Judentum und Christentum so eine merkwürdige graue Zwischenkategorie geschaffen wird, da würde ich mich, glaube ich, als jüdischer Mensch auch wundern.

Ein neues Nachdenken über Christentum

Dietrich: Das Institut Kirche und Judentum veranstaltet regelmäßig Sommeruniversitäten, und diesem Jahr ist das Thema der Messias. Geht es eigentlich darum, das Konzept des Messias, alles, was mit diesem Titel verbunden ist, neu zu beleben oder das eher ein bisschen zu entschärfen auch?

Markschies: Zunächst mal muss man sagen, Messias steht – daran kann ja gar kein Zweifel sein – zwischen Judentum und Christentum, gehört zu den Themen, über die geredet werden muss. Als ich in Jerusalem studierte, lebte Schalom Ben-Chorin noch, ein aus München stammender deutscher Jude, der ganz lange schon in Jerusalem lebte. Und der sagte immer, der Unterschied zwischen Judentum und Christentum ist, die Christen glauben zu wissen, dass Jesus von Nazareth der Messias war, ich bin mir unsicher, und dann hat er die wunderschöne Aussage formuliert, man kann ja nicht wissen, ob ich als Jude vielleicht dann nach meinem Leben feststellen werde, dass er doch der Messias war. Das ist aber natürlich eine für einen Juden sehr weitgehende Aussage, bei der man merkt, dass Schalom Ben-Chorin schon lange im Gespräch mit christlichen Theologinnen und Theologen und vielen Laien gewesen ist.

Uns geht es nicht da drum, irgendetwas wiederzubeleben oder gar das Gegenteil, sondern die Aufgabe des Instituts Kirche und Judentum ist zunächst mal einfach Information. Wir haben sehr viele Anmeldungen nicht nur von Studierenden, sondern auch von Menschen hier aus der Region und sogar darüber hinaus, die sich einfach informieren möchten – was gab es für Vorstellungen vom Messias zur Zeit als das Neue Testament entstand, zur Zeit Jesu von Nazareth, und wie kann man in diese Pluralität der Vorstellungen vom Messias die Vorstellung derer, die dann Christen geworden sind, einzeichnen. Das Institut Kirche und Judentum informiert zunächst einmal, weil wir fest davon überzeugt sind, ein neues Verhältnis zwischen Judentum und Christentum setzt gute Kenntnisse voraus.

Dietrich: Gemeinsam streiten über das, was Juden und Christen wichtig ist – ich sprach mit Christoph Markschies, Professor für Kirchengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und kommissarischer Leiter des Instituts Kirche und Judentum. Die Sommeruniversität "Der Messias im christlich-jüdischen Gespräch" beginnt am Dienstag, viele Vorträge sind öffentlich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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