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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.05.2012

Kirche im Gespräch

Was ist aus dem Dialog-Angebot der katholischen Bischöfe geworden?

Von Gernot Facius

Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch (AP)
Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch (AP)

Beim Katholikentag in Mannheim muss sich zeigen, ob die Kirche aus den Missbrauchsskandalen der vergangenen Jahre gelernt hat, ob sie den angekündigten "neuen Aufbruch" auch tatsächlich schafft. Sonst wird der Ungehorsam gegen die Amtskirche weiter zunehmen.

Wer wollte sich dieser Erkenntnis verschließen: Ohne die Erschütterungen durch die Welle der Missbrauchskandale gäbe es in der katholischen Kirche in Deutschland keinen Dialogprozess zwischen Bischöfen und Laien über den so genannten Reformstau. Im Jahr 2010 sind mehr als 180 000 Katholiken aus der Kirche ausgetreten, so viele wie lange nicht mehr. Im Juli 2011 begann in Mannheim mit dem Segen des Episkopats das Nachdenken über einen "neuen Aufbruch". Der Katholikentag vom 16. bis 20. Mai am selben Ort ist eine wichtige Etappe auf dem Weg aus der Krise.

In Mannheim muss sich zeigen, ob aus reiner Aufbruchs-Rhetorik eine Aufbruchs-Stimmung wird, die die bleierne Zeit beendet. Es gibt eine starke Strömung, die sich darin genügt, Spiritualität und innerkirchliches Leben zu pflegen, das Schrumpfen der Kirche als unausweichlich hinzunehmen und sich auf den "heiligen Rest" zu beschränken. Gegen diese Wagenburg-Mentalität begehrt der Reformflügel auf. Er sorgt sich um die kirchliche Anschlussfähigkeit an die säkulare Gesellschaft, ohne gleich einer Angleichung an die Welt das Wort zu reden.

Dass dabei die alten Reizthemen – Zölibat, Sexualmoral, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene – wieder aufs Tapet kommen, dass angesichts des Priestermangels über neue Wege des Zugangs zum Amt diskutiert wird, liegt nahe. Hier versuchen die Bischöfe abzublocken. Sie heben die geistliche Dimension des Katholikentages wie des gesamten Dialogprozesses hervor. Ihr Vorsitzender, Robert Zollitsch, hat inhaltliche Leitplanken aufgestellt – auch um die Zögerlichen für das Projekt zu gewinnen.

Einige Bischöfe sind nur allzu schnell geneigt, "Gotteskrise" und "Kirchenkrise", Glaubensfragen und Strukturprobleme gegeneinander auszuspielen. Und sie reagieren ungehalten, ja harsch auf die Forderungen nach einem Diakonat der Frau, obwohl das Zentralkomitee der deutschen Katholiken dieses Thema bewusst von der Frage der Priesterweihe für Frauen getrennt hat, die von Johannes Paul II. klar mit Nein entschieden worden war. Selbst ein so konzilianter Oberhirte wie Erzbischof Zollitsch sieht hier Positionen aufgebaut, die den Dialog erschweren. Zwar habe es in der frühen Kirche ein Diakonat der Frau gegeben – aber in einer anderen Form als dem der Männer. Theologische Fragen, warnt Zollitsch, ließen sich nicht einfach mit einer politischen Deklaration lösen.

Trotz dieser Intervention ist die Debatte nicht beendet, man hat eher den Eindruck, dass sie erst richtig beginnt. Von Österreich schwappt eine Pfarrerinitiative nach Deutschland über, die offen zum "Ungehorsam" gegenüber der Kirchenleitung aufruft. Sie hat die Themen Frauendiakonat und Priesterweihe für Frauen auf ihrer Agenda. Ihr Gründer, Helmut Schüller, will sie während eines "Alternativprogramms" des Mannheimer Christentreffens vorstellen. Die Ungeduldigen unter den Reformwilligen werden sich ermuntert fühlen, noch energischer aufzutreten. Zumal der Vatikan es gegenüber den Rebellen im Priesterrock bei eher sanften Ermahnungen belassen hat.

Soviel scheint sicher: Beim Katholikentag in Mannheim wird der Riss, der durch die Kirche geht, nicht gekittet werden können; dazu braucht es Jahre. "Wir sind", hat ZdK-Präsident Alois Glück bedauert, "von einer guten Diskussionskultur weit entfernt." Nicht jeder progressiv anmutende Reformvorschlag ist schon ein Indiz für eine neue Los-von-Rom-Bewegung oder eine schleichende Protestantisierung der katholischen Kirche.

Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, die unterschiedlichen Lager würden sich an das Wort des Konzilspapstes Johannes XXIII. erinnern: "Aus dem Zusammenprall verschiedener Meinungen strömt immer neues Licht."

Gernot Facius, Journalist, geb. 1942 im Sudetenland, viele Jahre bei der Tageszeitung DIE WELT, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur, u. a. verantwortlich für das Ressort "Religion und Gesellschaft" und die Meinungsseite, verheiratet, fünf Kinder. Autor der WELT-Gruppe.

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