Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.09.2013

Kids von heute

Stefanie de Velasco: "Tigermilch", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 280 Seiten

Die Protagonistinnen in de Velascos Buch können zwar Schwarz und Weiß, aber nicht Gut und Böse unterscheiden. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Die Protagonistinnen in de Velascos Buch können zwar Schwarz und Weiß, aber nicht Gut und Böse unterscheiden. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Autorin Stefanie de Velasco erzählt in ihrem Buch "Tigermilch" die Geschichte zweier Mädchen jenseits der umsorgten Mittelschicht. Nachts, als sie herumziehen, werden sie Zeugen eines Ehrenmords. Der Roman ist nah dran an der realen städtischen Gegenwart und ihren Problemen. Ein gelungener literarischer Wurf.

Die Geschichte der 14-jährigen Nini und ihrer gleichaltrigen Freundin Jameelah beginnt als Sommerferienspaß und endet mit einer Tragödie. Das Debüt der 35-jährigen Stefanie de Velasco ist ein Porträt einer auf sich gestellten Jugend jenseits der umsorgten Mittelschicht. Einer Jugend, die sich allein durch Bilderfluten und Werbeblockbuster durchfinden muss, die zwar Schwarz und Weiß, Eierlikör und Mariacron, nicht aber Gut und Böse unterscheiden kann und nicht mehr einzuschätzen vermag, wann der Spaß aufhört und in Brutalität umschlägt. Wo sind die Grenzen zwischen Realität oder Fiktion? Was ist eigentlich die Realität?

Es ist der Sommer, in dem die Freundinnen beschließen, erwachsen zu sein, weil sie sich ihre scharfen Klamotten selbst kaufen, die Schoko-Müllermilch ins Klo kippen und mit einer Mischung aus Milch, Mariacron und Saft ersetzen. Das Gebräu nennen sie Tigermilch. So vorbereitet gehen sie auf ihre Streifzüge. Zu Hause liegt Ninis Mutter depressiv auf dem Sofa, Jameelahs Mutter arbeitet im Krankenhaus und bekommt Briefe von der Behörde. Jameelah ahnt, dass nichts Gutes drin steht. Aber wichtiger ist, dass sie sich in Lucas verliebt hat, ein Bürgersöhnchen, der nicht recht will und irgendwie verführt werden muss.

Der Roman zeigt, was geschieht, wenn die Grenzen verschwimmen und das Bild zu flackern beginnt. Denn nachts im kleinen Park beobachten die beiden Freundinnen, wie in Tariks Hand ein Messer aufblitzt und Jasna aufstöhnend zu Boden "knallt". Später nimmt Amir, Tariks minderjähriger Bruder, die Schuld auf sich. Das ist Familienehre, kulturelle Differenz. Nini und Jameelah sind uneins, wie sie sich verhalten sollen, ob sie zur Polizei gehen sollen oder nicht. Sie verstehen, was sie sehen, und sie verstehen es nicht. So stehen sie da, wo sie sowieso sind: zwischen den Kulturen. Und sie sehen den Abgrund und den Ernst. Seit sie den Mord mitangesehen haben, hat sich ihr Blick auf die Welt verschoben, "als würde man ständig schielen".

Stefanie de Velasco gelingt es, den Bruch zu zeigen zwischen dem skrupellosen Spiel mit den geklauten Sachen und den sexgeilen Männern, denen sie sich verkaufen und den unausgegorenen Empfindungen in ihrem Innern. Diese dreisten, ohne brauchbare Vorbilder und ohne Rückhalt aufwachsenden Mädchen sind, wie Mädchen immer waren: in ihrem Innern zart, schüchtern, sehnsüchtig und wild-romantisch.

Nini, die Ich-Erzählerin, nimmt kein Blatt vor den Mund. Stefanie de Velasco, die im Rheinland aufgewachsen ist und Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft studiert hat, gibt ihr eine große Beobachtungsgabe und Sinn für Situationskomik, zwischen Altklugheit und naiver Direktheit. Ihr Jugendjargon ist nicht mit Szeneausdrücken "verziert", der Erzählton ist vereinnahmend und eindringlich. "Tigermilch", die Geschichte aus der Zone zwischen Realität und Fiktion, ist zeitanalytische Erkenntnis. Nah an der realen städtischen Gegenwart und ihren Problemen, ein gelungener literarischer Wurf.

Besprochen von Verena Auffermann

Stefanie de Velasco: Tigermilch
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
280 Seiten, 16,99 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur