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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.06.2009

Keine Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit

Kulturpolitischer Bildungskongress in Berlin

Von Michael Schornstheimer

 Neue Wache in Berlin (AP)
Neue Wache in Berlin (AP)

Gibt es ein neues Interesse an der Geschichte? Oder nimmt das Desinteresse an der Historie gerade unter jungen Leuten zu? - Wie Kulturpolitik Geschichte und Erinnerung in Zukunft aufgreifen soll, darum geht es beim fünften Kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin unter dem Motto "kultur. macht. geschichte – geschichte. macht. kultur".

"Es gibt ein erkennbar neues Interesse an der Geschichte." Das behaupten jedenfalls die Veranstalter in ihrer Einladung. Aber ist dieses Interesse wirklich neu? Als erster Redner zerpflückte Bundestagspräsident Norbert Lammert schon zum Auftakt die Grundannahmen der Konferenz: Als "Marketing Kalauer" bezeichnete er die griffige Formulierung "Zukunft braucht Erinnerung".

"Ich bin da nicht so sicher und schon gar nicht bin ich sicher, ob sich daraus ein Bedeutungsgewinn für die Historie herleiten lässt. Ich finde jedenfalls kritische, manchmal auch klagende Hinweise der Historiker jedenfalls nachvollziehbar, dass sich auch und gerade unter Berücksichtigung der großen Ausstellungen und Ereignisse die Geschichtswissenschaft in einer auf Emotionen setzenden Eventkultur längst in der Defensive befindet. Der Historiker Christian Meier hat das mal sehr plastisch formuliert: Die Geschichtswissenschaft finde sich zunehmend in der Rolle eines Fremdenführers für Menschen, die in Ausstellungen zwar eine Zeitreise unternehmen, ohne dabei aber historische Zusammenhänge erkennen und einen Sinn für Geschichte entwickeln zu können oder zu wollen. Der Historiker, so Christian Meiers pessimistischer Ausblick, würde zum Bikini-Verkäufer am FKK-Strand."

Erinnerungskultur verlange kritische Distanz und historisches Wissen, so Lammert. Und das habe nicht unbedingt zugenommen. Jedenfalls nicht, wenn man Umfragen glaubt, die das historische Wissen von Schulkindern testen. So hielten jedenfalls immer noch einige den früheren SED-Chef Walter Ulbricht für einen oppositionellen Liedermacher. Auch die Medien bekamen von Lammert die Leviten gelesen: Denn dass sich das ungarischen Parlament im November 2007 für die Vertreibung von Deutschen offiziell entschuldigt hat, sei von der deutschen Medienlandschaft ignoriert worden.

Ob Zukunft Erinnerung braucht, da ist sich auch der Historiker Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam nicht sicher. Noch im Friedensschluss aus dem Dreißigjährigen Krieg hieß es in gedrechseltem Latein "Zukunft braucht vergessen". Derzeit befinden wir uns in einem tiefgreifender Wechsel der "Vergangenheitsverhandlung", der unsere Denkstile völlig umkrempelt, stellte Sabrow fest. Ein Prozess, der allerdings schwer zu beschreiben sei, weil uns der notwendige zeitliche Abstand fehlt.

"Das Opfer hat den Helden als historische Orientierungsgröße abgelöst. Nicht der Held steht mehr im Mittelpunkt unserer Geschichtskultur, sondern das Opfer und sein Leiden. Nicht die Heldentaten des Arminius im Teuteburger Wald, über Luther in Worms und Bismarck in Versaille bewegen uns, sondern die historischen Verletzungen, die Menschen erlitten und die Menschen verursacht haben. Unsere Gedenkstätten sind nicht mehr der Kyffhäuser, das deutschen Ecke oder das Denkmal von Tannenberg, sondern Buchenwald und Dachau, die deutschen Grenzanlagen und die Neue Wache in Berlin. Der Paradigmenwechsel von der von historischen Heroisierung zu der historischen Viktimisierung, er ist kein deutscher, er ist ein europäischer, präziser ein okzidentaler Trend."

Die Sensibilisierung für die Opfer kann allerdings auch merkwürdige Blüten treiben. In dem Eichinger-Film "Der Untergang" sieht Sabrow sogar den Diktator als Opfer stilisiert, der sich von seinen Generälen verraten fühlt. Und der viel strapazierte Begriff von der "Aufarbeitung der Vergangenheit" enthalte ein "Heilungsversprechen", das aus der individualpsychologischen Trauma-Therapie stammt, aber nicht auf Gesellschaften übertragen werden könne.

Während in Deutschland mit einigem Recht von einem "Boom der Erinnerungsorte und Gedenkstätten" gesprochen werden kann, gibt es in Russland nur ein einziges Museum, das an den Archipel Gulag erinnert, weit weg von Moskau, am östlichen Rand Europas, so die Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa:

"Alles was sich auflehnt gegen das Regime ist eigentlich gefährlich. Dran soll nicht erinnert werden. Und in diese Ecke kommt dann alles rein. Auch die Bolschewiken zum Teil, dann zwar liegt Lenin im Mausoleum, aber eindeutig verliert er jetzt in russischen Augen gegen Stalin. Stalin hat wieder gewonnen, das ist eindeutig, weil Stalin eigentlich verkörpert den Pathos und Mythos der neuen russischen Erinnerung. Und in diese Erinnerung passt die Geschichte des Widerstands gegen die Diktatur nicht hinein."

Kritisch zum fünften Kulturpolitischen Bundeskongress in Berlin äußerte sich auch ein Historiker der jüngeren Generation: Wulf Kansteiner, Professor in New York und derzeit in Jena, sprach polemisch von der "Jet-Set-Erinnerung kinderloser Leute", die ausblendeten, dass die derzeit heranwachsenden Generationen in Deutschland sich wenig oder kaum für Zeitgeschichte interessierten. Zumindest nicht die zahlenmäßig starke Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit "Migrationshintergrund".

"Wenn man das aus dieser Perspektive sieht, aus der Perspektive zukünftiger Erinnerungsbedürfnisse, dann ist das, was hier produziert wird, geht völlig an diesen Bedürfnissen vorbei. Da muss man einsehen und verstehen, dass Nationalsozialismus und SED und auch 68 für diese Generation völlig belanglos ist. Und man muss anfangen von dieser Belanglosigkeit, man muss sie annehmen, man muss sie auch demokratisch respektieren und der Clou an der Sache, deshalb hab ich eben das 'kinderlos' benutzt, dass diese Generation, diese Menschen sind sehr viele, es sind genau die ärmeren Schichten, die Migrationsschichten, die viel mehr Kinder haben, und das sind genau die Menschen, denen wir eigentlich zuarbeiten müssten, und das passiert hier meiner Ansicht nach nicht."

Morgen beschäftigt sich der Kongress mit den "Mühen der Ebene" - In verschiedenen Foren geht es um die Vermittlungsarbeit von Museen, Archiven und Bibliotheken. Die "Faszination des Alten" steht auf dem Programm und die Pop-Musik.

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