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Nachspiel | Beitrag vom 14.02.2016

KampfsportKonfrontation mit dem Gegner

Von Elmar Krämer

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Edin Marschall, Leiter von Gorilla-MMA in Berlin (Deutschlandradio / Elmar Krämer)
Edin Marschall, Leiter von Gorilla-MMA in Berlin (Deutschlandradio / Elmar Krämer)

Von jeher versucht der Mensch, die eigene Angst zu überwinden, um sich im Ernstfall wehren zu können. Kampfsportschulen gibt es inzwischen an jeder Ecke. Die Angebote dort sind vielfältig. Welches Selbstbild verfolgen die Aktiven: Kämpfen sie, um kämpfen zu können? Oder ist da mehr?

Kontra K: "Wenn der Kampf losgeht, passiert eigentlich nicht mehr viel, dann ist man einfach wieder drin in dem, was man gelernt hat – nicht in allem, was man gelernt hat, man sagt so 60 Prozent kann man dann noch abrufen, von dem was man gelernt hat, aber davor passiert sehr viel."

Max Diehn ist Boxer, Boxtrainer und Musiker. Vor zwei Jahren trat er noch bei den Berliner Meisterschaften an. Wegen seiner Musik-Karriere steigt er nun nicht bei Turnieren in den Ring. Jetzt konzentriert er sich auf das Training und betreut andere bei Wettkämpfen. Als "Kontra K" hat er sich einen Namen in der Rapmusikszene gemacht. Seine Texte fallen aus dem Rahmen – immer wieder geht es um Kampfsport:

Musik Kontra K "Kampfgeist 2": "Auf zur nächsten Einheit: Sport frei! Meine Art zu denken, zu atmen, zu leben, zu kämpfen, allein der Ehrgeiz überschreitet Grenzen, Disziplin ein Wille wie Granit, tötet alle deine Schwächen – Sport frei."

Eine alte, abgenutzte Schulsporthalle in Berlin-Schöneberg. An den Wänden hängen Sandsäcke. In der Mitte der Halle sind zwei Männer beim Pratzentraining, einer Schlag- und Reaktionschulung. Einer der beiden ist Kontra K: Blonde Haare, Tätowierungen von den Händen bis zum Hals, muskelbepackt. In seinen Videos zeigt er sich gern in den typischen Posen eines Gangster-Rappers, aber auch in denen eines Kampfsportlers. Gerade ist er von einem Videodreh in den USA zurück – der Jetlag steckt ihm noch in den Knochen, aber das Training lässt er sich dennoch nicht nehmen. Das Boxen sei ein wichtiger Faktor in seinem Leben, der ihn erdet, so sagt er – und der viele Boxer auch vor Dummheiten und Selbstüberschätzung schützt.

Kontra K: "Wo man denkt, hier, ich bin der Löwe im Dschungel, wo man eigentlich noch ein Kätzchen ist und das sieht man halt hier beim Boxen und man lernt dann auch, dass es immer einen gibt... du weißt nie, wer wirklich besser ist. Man sollte nie einen unterschätzen. Und das lernt man hier beim Boxen und deswegen kommt auch der Respekt und das Ausgepowertsein. Wenn du hier wirklich Training mitmachst, dann bist du auch zu kaputt, um noch was zu machen. Und wenn du weißt, was du kannst, dann tut es dir auch leid, anderen, die es nicht können, weh zu tun."

Gerade beim Boxen trifft man oft auf Leute, die gefährlich aussehen und das im Ring wohl auch sind, aber eben nur im Ring. Wer sich außerhalb des Rings prügelt, wird gesperrt. Welche Rolle spielt Angst?

Kontra K: "Man lernt, wenn man das erste Mal in den Ring geht, was es heißt, Angst zu haben.  Wer sagt, er hat keine Angst, der lügt einfach nur ganz dreist. Atmo: Komm, eine Rechte... Take weiter: Eigentlich sind alle immer aufgeregt vorher, weil man stellt sich halt dem Kampf Mann gegen Mann. Du hast nicht deine Mannschaft, auf die man sich verlassen kannst. Du weißt nur, du hast deinen Trainer, der sagt, du bist so weit, mach dir nicht in die Hosen jetzt zeig, was du kannst, du wolltest das und dann muss man da rein und dann sieht man es. Dann sieht man halt, wenn der andere besser ist, dann muss man alles geben und man sieht auch am Ende, ob man alles gegeben hat. Mit Herz kämpfen ist einfach wichtig."

"Der Kampf wird weit entfernt von allen Zeugen gewonnen - im Verborgenen, im Gym, lange bevor ich im Rampenlicht tanze.""Kontra K" hat sich einen Namen in der Rapmusikszene gemacht. Seine Texte fallen aus dem Rahmen – immer wieder geht es um Kampfsport. (Deutschlandradio / Elmar Krämer)"Kontra K" hat sich einen Namen in der Rapmusikszene gemacht. Seine Texte fallen aus dem Rahmen – immer wieder geht es um Kampfsport. (Deutschlandradio / Elmar Krämer)Der Kampf im Ring ist nichts für hohlköpfige Schläger – auch wenn dieses Vorurteil immer noch weit verbreitet ist, ein Vorurteil, dem sich wohl alle Kampfsportarten ausgesetzt sehen.

In den 70er-Jahren wurden die sogenannten Eastern in der Filmwelt immer beliebter. Darin sind spektakulär choreographierte Kampfszenen zu sehen, die das Genre prägen. Durch diese Filme wurden Kampfsportler, allen voran Bruce Lee, zu Helden der Medien. Und auch die asiatischen Kampfkünste rückten ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

"You have to train your reflexes so when you want it, it's there!" (Bruce Lee)

Der Mythos der Unbesiegbarkeit machte die Runde. Reflexhaft würde jeder Angriff zunichte gemacht, tödlich die Handkantenschläge, denen auch Dachziegel, Bretter und Steine nicht standhalten.

Dr. Bernd Hartlieb hat den 6. Dan, einen hohen Meistergürtel im Karate. Er ist einer der Pioniere des Sports in Berlin und erinnert sich gut an diese Zeit:

"Karate war angeblich eine Kampfart, die unbesiegbar macht. Und das habe ich damals als ungeheuer schön empfunden und wollte natürlich auch unbesiegbar werden. Dass das nicht stimmt, hab ich im Laufe der Jahre mitbekommen, aber man wird etwas sicherer."

Auch für Dr. Axel Binhack aus Frankfurt am Main, der im Deutschen Karate-Verband die Karatelehrer-Ausbildung leitet, waren diese Filme die Initialzündung:

"Ich hab Mitte der 70er Jahre einen Bruce Lee-Film angeschaut und hab gedacht, das ist ja fantastisch, dass musst Du unbedingt lernen. - Warum? Was war es, was Sie daran gereizt hat? - Ja, die Schnelligkeit der Bewegungen, das Kämpferische, das Exotische, das war so eine Mischung."

Boxen war bekannt, doch plötzlich wurden auch die Beine eingesetzt. Akrobatische Tritte aus Drehungen und Sprüngen, Bewegungen, die dem westlichen Zweikampfverständnis neue Impulse hinzufügten.

Axel Binhack ist Schüler, als er sich entschließt, mit Karate anzufangen. Eigentlich würde er lieber Kung-Fu machen, so wie Bruce Lee, aber das wird zu der Zeit in seiner Gegend nicht angeboten:

"Als ich angefangen habe war ich so 16/17, war im Leichtathletik-Verein, was ich damals wirklich sehr gerne gemacht habe und hab dann zu Hause verkündet, dass ich jetzt Karate machen möchte und das hatte überhaupt keinen guten Ruf: Was, so eine Schlägersache willst du machen? Das machen doch nur irgendwelche Halbweltleute, irgendwelche Verbrecher – also das war ein ganz schlechter Ruf damals."

Das hat sich längst geändert, Karate ist in Schulen und Universitäten beliebt, es gibt eine große Wettkampfszene. Alle zwei Jahre werden Weltmeisterschaften ausgetragen und es gibt Bestrebungen diesen Kampfsport zur Olympischen Sportart zu erklären.

Viele Eltern schicken mittlerweile ihre Kinder zum Karate, damit sie Körperkontrolle, Respekt und auch Selbstverteidigungstechniken erlernen.

Für die meisten Menschen, die mit dem Kampfsport anfangen, ist zunächst die Selbstverteidigung der ausschlaggebende Faktor. Wer würde nicht gern so kämpfen können, wie die Helden in den Filmen, wer wäre nicht gern jeder Situation gewachsen und könnte jedem Gegner adäquat begegnen?

Auch bei Bernd Hartlieb waren es die Filme, die den Ausschlag gaben, sich mit den asiatischen Kampfkünsten zu beschäftigen – die Filme und natürlich auch der Wunsch, sich selbst verteidigen zu können:

"Da hatte ich eine ganz persönliche Erfahrung, ein zwei Jahre, bevor ich mit Karate angefangen habe, ein dummes Erlebnis auf der Straße hatte und da hatte ich mir gesagt, das soll mir nicht noch mal passieren und aus dem Grunde wollte ich Kampfsport betreiben."

Rund 50 Jahre später steht der 69-Jährige immer noch mehrfach in der Woche im weißen Karate-Anzug in der Halle und trainiert, oder gibt Unterricht in klassischem Shotokan-Karate. Der Grund ist längst nicht mehr der Wunsch, sich verteidigen zu können, auch, wenn er es jetzt wohl könnte.

"Das letzte Ziel des Karate-Do liegt nicht in Sieg oder Niederlage, sondern in der Vervollkommnung des Charakters des Ausübenden."

Dieses etwas pathetisch klingende Zitat von Gichin Funakoshi, dem Begründer des modernen Karate, trifft den Kern dessen, was auf die meisten Kampfsportler der unterschiedlichsten Stilrichtungen zutrifft. Das bestätigt auch Axel Binhack, der vor knapp 20 Jahren über das "Phänomen des Kampfes in Sport und Gesellschaft" promovierte.

Wer sich so lange mit einer traditionellen Kampfkunst beschäftigt, lernt nicht nur, sich  effektiv zu verteidigen. Er wird auf dem Weg meist auch charakterlich geprägt.

"Es ist ein Eintauchen in eine Bewegungskultur. Da gibt es dann also noch sehr viel mehr zu entdecken, ohne den Selbstverteidigungsaspekt zu vernachlässigen. - Können Sie dieses Eintauchen beschreiben? - Man kommt natürlich, wenn man eine traditionelle Kampfkunst betreibt aus dem asiatischen Raum, welche auch immer, in Kontakt mit den dortigen Vermittlungsformen der Kampfkunst, den Trainingsformen, einer gewissen Etikette, die im weitesten Sinne ethische Einbettung der Kampfkunst in ein bestimmtes Setting, in ein bestimmtes Reglement, hat Kontakt mit einer bestimmten Form der Höflichkeit, des Respekts voreinander. Und das alles führt dann früher oder später zu einer intensiveren Beschäftigung damit."

Schon beim Betreten des Dojo, japanisch für Übungsraum, verbeugt sich der Karateka, ebenso vor und nach jeder Partnerübung. Das ist nicht nur eine traditionelle Formalität. Ziel im Training ist es z.B., dem Gegenüber mit voller Kraft bis kurz vor das Gesicht zu schlagen oder zu treten. Würde man das ohne Schützer mit vollem Kontakt tun, käme es zu schweren Verletzungen. Deshalb wird der Gegner auch eher als Partner gesehen.

"Diejenigen, mit denen man gemeinsam trainiert, das sind erst mal diejenigen, mit denen man das Interesse an der Kampfkunst teilt, die da den gemeinsamen Weg gehen und die sind zunächst einmal Partner. Man geht sozusagen mit ihnen einen Vertrag ein, das wird durch die Verbeugung ausgedrückt: Ich vertraue dir, dass du meine Unversehrtheit schützt und ebenso nehme ich das von dir an."

Tradition wird in allen drei Trainingsformen des Karate großgeschrieben: Dem Kihon, dem Kumite und der Kata. Beim Kihon, dem Grundschultraining, stehen die Schüler in zwei Reihen vor dem Trainer und üben auf Kommando Schläge und Tritte, Abwehrtechniken und Schrittfolgen. Im Kumite werden die Techniken mit dem Partner geübt, bis hin zum Freien Kampf.

Karate erreicht seine Bewegungsperfektion in der Kata, einer Art Formenlauf.

In Filmen steht "Der Gute" meist irgendwo am Strand, auf einem Berg oder in einer Halle und schlägt und tritt in festgelegter Reihenfolge in einer oft tänzerisch anmutenden Choreografie in die Luft. 25 dieser Bewegungsformen gibt es im klassischen Shotokan-Karate. Und auch wenn es in der Kata auf den ersten Blick um präzise Techniken, Konzentration, Kraft, Timing, Spannung und Entspannung geht - sie ist auch eine kämpferische Auseinandersetzung.

Viele Bewegungen in einer Kata sind Selbstverteidigungstechniken, die im Wett-kampf strikt verboten sind, erklärt Guido Wallmann, mehrfacher Deutscher Kata-Meister und Landestrainer in Berlin.

"Die Kata kommt ja auch aus einer Zeit, wo man, wenn man gekämpft hat, nur um Leben und Tod gekämpft hat, und deshalb sind da auch viele Techniken drin, die in der heutigen Zeit keine Verwendung mehr haben, Gott sei Dank, sondern aus der Zeit kam, wo es halt wirklich auf dem Schlachtfeld um Leben und Tod ging. Fingerstiche in die Augen, Tritte in den Unterleib, all die Dinge sind beim sportlichen Wettkampf verboten, aber die kommen in den Kata vor, weil es da um realistische Selbstverteidigung geht."

Der Karateka muss also ganz genau wissen, was hinter den Techniken steckt, die er in der Kata in die Luft macht.

"Abgesehen davon, dass eine Kata konditionell anstrengend ist. Das Anstrengende ist eigentlich der dauerhafte Willen sich immer wieder zu perfektionieren und zu hinterfragen und stetig danach zu suchen, seine Techniken und sein Karate zu verbessern und die Kata ist da ein guter Gradmesser."

Die Kata ist für viele Karateka eine der größten Herausforderungen in ihrem Sport. In Anfängerkursen hingegen gibt es immer wieder Leute, denen dieser stilisierte Kampf und die starren Regeln des Karate zu militärisch anmuten. Ihnen ist die Tradition zu verstaubt, deshalb hören sie auch schnell wieder auf. Für Schlägertypen ist auch diese Art des Kampfsports nichts – sie verlieren meist nach wenigen Stunden die Lust.

"Nur durch ständige Übung lernt ein Mensch seine Schwächen kennen. Derjenige, der sich ihrer bewusst ist, wird sich selbst in jeder Situation beherrschen." (Gichin Funakoshi)

1999 kam ein Film in die Kinos, der, wie damals in den 70er-Jahren die Eastern, die kämpferische Auseinandersetzung in den Mittelpunkt stellte. Das aber viel schonungsloser und brutaler. Im "Fight Club" treffen sich Männer in zwielichtigen Kellern, um sich unter einem rudimentären Regelwerk brutal zu prügeln.

Aus Fightclub (Hörbuch): "Im Fightclub ist niemand das, was er in der realen Welt ist. Der Mensch, der ich im Fight-Club bin, ist nicht der, den mein Chef kennt. Nach einem Abend im Fightclub spielt sich alles in der realen Welt gedämpft ab – nichts kann dich ankotzen."

In der Berichterstattung wurde der Film ambivalent bewertet. Von einem "visuell atemberaubendem Szenario um Zivilisationskrüppel, die sich in einem Befreiungsakt ihre Gesichter zu Brei schlagen" wurde da u.a. gesprochen.

Die Kampfszenen: Anscheinend ohne Technik und Regeln – brutal, abstoßend. Dennoch steckte auch dahinter die Frage: Wer ist der vollendete Kämpfer? Eine Frage, die immer wieder auch die Kampfsportwelt beschäftigt und die mittlerweile auch im sportlichen Wettkampf gestellt wird – beim sogenannten MMA/ Mixt Martial Arts, einer Kombination mehrerer Kampfsportarten. Edin Marschall, Leiter von Gorilla-MMA in Berlin, und Michael "Gonzo" Behrendt, Leiter der Kampfsportschule Köpenick:

"MMA ist ein Kampfsport, der, wenn man es super vereinfacht, die ringenden Systeme und die schlagenden Systeme vereint. Take Marschall: Steht für Mixt Martial Arts - heißt im Prinzip, dass man aus verschiedenen Kampfsportarten Techniken genommen hat und zusammengeführt hat und somit ein neues System hat, das alle Techniken erlaubt, die es im Kampfsport gibt. Die Idee dahinter war zu vergleichen, welcher Kampfsport am effektivsten ist."

"Nimm an, was nützlich ist. Lass weg, was unnütz ist. Und füge das hinzu, was dein Eigenes ist." (Bruce Lee)

Michael "Gonzo" Behrend ist ehemaliger Personenschützer und Ausbilder und seit Jahrzehnten Kampfsporttrainer. Bei der Frage nach dem effektivsten System erinnert er sich an einen legendären Vergleichskampf, der im Januar 1972 stattfand:

"Also es gibt ja aus den 70ern die große Frage: Der Boxer gegen den Ringer, wer würde gewinnen? Da gibt es ja auch diesen unglaublich schlechten Kampf zwischen dem Inoki und dem Muhammed Ali. Das ist total schön, der Ringer legt sich hin und sagt: Komm! Und der Boxer sagt Nee – komm du doch! Weil natürlich keiner auf dem Feld des anderen kämpfen möchte – das macht in der Situation total Sinn. Aber das MMA stellt diese Frage nicht mehr, ob der Boxer oder der Ringer besser ist, sondern es stellt die Frage, wer der komplettere Kämpfer ist, weil jeder jederzeit die Möglichkeit hat, den Kampf dorthin zu verlagern, wo er sich sicher fühlt."

Michael "Gonzo" Behrend fühlt sich schon seit frühester Kindheit im Kampfsport wohl. Er hat Dan-Grade, also schwarze Gürtel in unterschiedlichen Stilen – das ist ihm aber nicht wichtig. Mixt Martial Arts / MMA war für ihn eine logische Konsequenz aus seinen Wettkampferfahrungen:

"Ich komme aus dem Judo. Mir ist das oft aufgefallen bei den Box- und bei den Kickboxkämpfen, dass ich mich an den Gegner geklammert habe und ich manchmal gedacht habe: So, jetzt einen Hüftwurf, er steht so schön drauf und das durfte ich aber nicht, das macht man ja auch nicht. Im MMA kann ich sozusagen meine Stärken ausspielen, es gibt kein technisches Limit."

MMA ist eine Kampfsportart, die derzeit in den Medien viel Beachtung findet und die, wie anfangs die asiatischen Stile auch, auf viele Menschen abstoßend wirkt.

"Brutalität liegt im Auge des Betrachters, Boxen ist nicht weniger brutal, Kickboxen auch nicht. Man tritt Leuten mit dem Fuß gegen den Kopf – das ist moralisch verwerflich, solange, bis beide dem zustimmen. Das sind Leute, die sind trainiert, da wird keiner reingezwungen. Die wollen."

Die Turniere finden in einem achteckigen Käfig statt – das wirkt martialisch und erinnert an Gladiatorenkämpfe:

"Ich kann dieses Gitter, Kämpferschutzgitter nennen wir das heute, benutzen um Techniken auszuführen, das kann ich benutzen um aufzustehen. Früher hat man es benutzt, um den Gegner am Boden zu halten. Jetzt haben die aber herausgefunden, wie man den Käfig nutzt, um aufzustehen – und das ist immer so ein Spiel, der eine denkt sich das aus, der nächste kontert das und denkt sich was Neues aus und den Käfig mitbenutzen ist halt eine schöne Sache. Behrend: Das ist schon ein sehr spezieller Sound, wenn so eine Cage-Tür zugeht – da klappt einiges an Mentalität zusammen."

Grundsätzlich wird bei den Kampfpaarungen sehr genau darauf geachtet, dass beide Kämpfer ein ähnliches Niveau haben – offensichtliche Aufbaukämpfe wie im Profi-Boxen gibt es nicht.

"Man macht sich vor seinem Gegner nackt, da kann man nichts mehr vortäuschen, das ist alles echt."

In dem Käfig befinden sich die Athleten und der Ringrichter, gekämpft wird bei Profis 3 mal 5 Minuten, bei Amateuren 2x5 Minuten - und die können sehr lang sein. Und auch oder gerade hier ist der Kampf immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Angst:

"Nur Idioten haben vor nichts Angst. Edin Marschall: Die Angst die ist eine gute Sache. Also ich denke, bei gesunden Menschen ist die immer vorhanden, egal, wie oft man das gemacht hat, egal, wie oft man kämpft. Das ist auch gut so, denn dann achtet man ein bisschen mehr auf sich. Das ist auch ein wichtiger und großer Bestandteil davon. Und ich würde Leuten, die sagen, dass sie keine Angst haben unterstellen, dass sie lügen und wenn sie nicht lügen, würde ich sie zu einem Arzt schicken (lacht). Zwischenfrage, welche Rolle spielt Wut? Marschall: Für uns? Überhaupt keine, also gibt es nicht. Wir hassen unsere Gegner nicht, wir hassen auch die Welt nicht, wir lieben einfach nur, was wir tun, und wir verstehen uns auch mit unseren Gegnern.  Also natürlich, wir kämpfen, aber hinterher ist alles schön."

Es gibt Tritte und Schläge wie bei Karate und Boxen oder Kickboxen, Würfe und Bodenkampf wie beim Judo oder Ringen, Hebel und Würgetechniken wie beispielsweise beim Jiu Jitsu.

(Training): "Hände zusammen, die andere Hand mit rüber und mit der Schulter in den Hals drücken – und abklopfen, wenn es weh tut..."

Im Training werden die Techniken der unterschiedlichen Kampfstile geübt. Im Wettkampf müssen sie schnell abrufbar sein, um effektiv auf den Gegner reagieren zu können.

"Es sieht aus wie eine wilde Keilerei, aber es ist ein Sport für Gentlemen."

Dennoch ist auf den ersten Blick offensichtlich: Bei Wettkämpfen fließt Blut. Cuts, also Platzwunden kommen häufiger vor als z.B. beim Boxen. Die Handschuhe beim MMA sind weniger gepolstert und härter – und deren Wirkung damit unmittelbarer.

"Die sorgen aber auch dafür, dass der Kampf bei schweren Treffern sofort zu Ende ist, was beim Kickboxen oder Boxen z.B. nicht der Fall ist. Die Polsterung verhindert zwar die Oberflächenverletzung, also Cuts und was auch immer, keine Frage, sie verhindert aber nicht den Impact im Gehirn, d.h. der Boxer nimmt davon eine ganze Menge. Der MMA-Kämpfer ist nach dem zweiten, dritten, vierten Volltreffer nicht mehr kampffähig, d.h. entweder der Referee geht dazwischen, oder das Handtuch fliegt, oder er gibt den Kampf auf."

Die Kämpfe sind aber nicht vorbei, wenn einer der Kontrahenten auf dem Boden liegt – im Gegenteil. Oft sitzt ein Kämpfer auf dem Anderen und schlägt auf ihn ein. Das stößt die Öffentlichkeit ab. Es kultiviert einen Tabubruch – auch ein Grund, warum derartige Kämpfe im deutschen Fernsehen nicht übertragen werden. Anders ist das in Amerika, wo sie längst beliebter als Boxübertragungen sind.

"Auf den ersten Blick wirkt das natürlich brutal. Was die Leute überwiegend stört ist, dass es erlaubt ist, am Boden zu schlagen. Sieht auch schlimm aus erst mal, aber wenn man selber da liegt und der andere versucht einen zu treffen -  da passiert nicht viel. Die meisten Schläge werden geblockt. Wenn der andere am Boden sich – und wenn es nur zwei drei Sekunden sind- nicht wirklich verteidigt, dann wird es halt abgebrochen und solange ich sehen kann, dass der was macht, passiert dem auch nichts. KO's passieren fast immer im Stand, nicht am Boden."

Wer in den Käfig geht, der muss zuvor sehr lange und sehr intensiv trainiert haben. Die Bewegungen und Techniken, die Kampfmethoden: Distanzkampf, Clinch und Bodenkampf, das sogenannte Grappling. Und: Es gibt komplizierte Regeln, nach denen gekämpft wird.

"Es ist nicht mit Wut und Hass verbunden, es ist einfach ein Sport. Also man versucht die Leute soweit es geht zu schützen – im Profibereich ist das eine andere Sache. Bei uns: Wir wollen ja alle den nächsten Tag zur Arbeit, zur Uni, zur Schule, wir müssen uns hier nicht verletzen, das muss nicht sein."

Nur die wenigsten, die zum Training kommen, treten auch bei Wettkämpfen an und gehen in den Käfig. Für die meisten ist es ein hartes und konditionell anstrengendes Training, in dem man mit voller Konzentration dabei sein muss. Das ist bei allen Kampfsportarten so, egal ob beim MMA, beim Karate oder beim Boxen, da sind sich die Kämpfer einig.

Irgendwann wird das Kämpfen zu einem integrativen Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Natürlich gibt es wie in allen Bereichen des Lebens auch in Kampfsportkreisen schwarze Schafe, die ihr Können missbrauchen, aber in der Regel lassen Kampfsportler ihre Energie im Training oder im Wettkampf.

"Das ist einfach eine stetige Herausforderung. Kontra K: Es ist der Ehrgeiz, seinen Körper an die Grenze zu bringen und das verbindet uns alle. Marschall: Die Leute, die bei uns trainieren sind alle recht entspannt, die gehen nicht auf die Straße und suchen sich jemanden, mit dem sie kämpfen können, das können sie hier bei uns im Training machen oder bei den Kämpfen. Behrendt: Ein Kampfsport ist ein Sport wie jeder andere, nur dass es nicht um Zeiten und Weiten geht, sondern um Punkte und Dominanz. Hartlieb: Das sind einfach Leute, die sich gerne bewegen, wir haben eine ähnliche Einstellung zum Leben und deshalb können wir sehr locker miteinander umgehen und trotzdem sehr ernsthaft trainieren."

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