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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.12.2010

Kampf für die Schöpfung

Amazonasbischof Kräutler erhält Alternativen Nobelpreis 2010

Von Klaus Hart

Der Amazonas zeigt sich mit versandeten Ufern. (AP Archiv)
Der Amazonas zeigt sich mit versandeten Ufern. (AP Archiv)

Der österreichische Bischof Erwin Kräutler, der zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut gehört und seit 1965 in Brasiliens Amazonasregion wirkt, erhält den Alternativen Nobelpreis 2010. Er bekommt die Auszeichnung für seinen energischen Kampf zur Bewahrung der Schöpfung, der Amazonasnatur und für das Überleben der Indianer.

"Ohne Rücksicht auf Verluste - wenn wer im Wege ist, dann muss der weg. Die kennen da keine Grenzen. Und wenn’s notwendig ist, wird einfach Mord und Totschlag verübt."

Bischof Kräutler weiß, dass sich Deutsche und Österreicher schwerlich seinen Alltag, seine Seelsorgearbeit vorstellen können. Sein Leben böte überreichlich Stoff für einen spannungsgeladenen Film. Zur Diktaturzeit schlägt ihn Brasiliens Militärpolizei bei einer Protestaktion zusammen. 1987, schon während der Demokratie, überlebt er schwerverletzt einen als Autounfall inszenierten Mordanschlag. Ein Lastwagen rast in sein Auto, tötet den neben ihm sitzenden italienischen Priester.

Einer der Männer im LKW beklagt kurz nach dem Anschlag, dass man den Falschen liquidiert habe - der Fall wird nie aufgeklärt, niemand wird bestraft. 1996 wird Kräutlers Mitarbeiter und Ordensbruder Hubert Mattler just in dem Moment erschossen, als er im Hause des Bischofs grade auf dessen Stuhl sitzt.

2005 tötet man Kräutlers enge Mitarbeiterin, die nordamerikanische Urwaldmissionarin Dorothy Stang – das Kopfgeld auf den Bischof wurde laut Polizeiangaben inzwischen auf fast 400.000 Euro erhöht – von einem kriminellen Syndikat aus Farmern und Holzfirmen, wie die Kirche betont. Ausgerechnet in seinem Bistum, der Prälatur Xingú, flächenmäßig fast so groß wie ganz Deutschland, will die Regierung mit staatlichen und privaten Investoren bis 2015 das Wasserkraftwerk Belo Monte errichten, den drittgrößten Stausee der Erde entstehen lassen. Kräutler kämpft gemeinsam mit den betroffenen Indianerstämmen gegen das Projekt.

"Es handelt sich um eine Mafia, um eine Gruppe von Spekulanten, die von heute auf morgen reich werden will. Wenn man gegen die Ausbeutung von Amazonien ist, wenn ich sage, das ist Raub, das ist skrupellose Ausbeutung von Amazonien, wenn ich gegen diese skrupellose Holzschlägerei bin, bin ich natürlich gegen diese Leute, die sich davon wahnsinnige Summen erwarten. Es geht nur ums Geld von denen.

Das Volk wurde nicht unterrichtet, was da läuft und was da vorgesehen ist. Man hat uns praktisch angelogen. Und darum bin ich eigentlich auf die Barrikaden gegangen, weil das gegen die Menschenrechte ist. Wenn in Amazonien was schief läuft, läuft auf der Welt was schief.

Wenn Amazonien zugrundegeht, da hat die ganze Welt buchstäblich das Nachsehen. Das möchte ich in Europa auch immer klar sagen, Leute, diese Folgen, die Konsequenzen der Zerstörung Amazoniens, die machen nicht halt an der deutschen oder österreichischen Grenze. Das ist nicht einfach emotional geladen, sondern es gibt ja wissenschaftliche Studien. Wenn wir die indigenen Völker hier verteidigen, verteidigen wir ihren Lebensraum."

Selten trifft man Kräutler am Bischofssitz der Stadt Altamira an - meist ist er in seinem riesigen Bistum unterwegs und beobachtet, dass trotz aller schönen offiziellen Versprechungen aus Brasilia die Amazonasvernichtung in erschreckendem Tempo weitergeht.

"Komme grade aus Tucamá – Orilandia – habe die Gegend gekannt, als es noch tropischer Regenwald war. Heute ist das alles kahl, dass nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Vegetation da ist. Der Rest ist Steppe, zum Teil sogar verlassen. Es wird ja nicht wieder aufgeforstet. Als Bischof – ich weiß, ich bin ein Rufer in der Wüste. Wie Sie genauso als Journalist einer sind.

Doch wir müssen die Leute immer wieder drauf aufmerksam machen, daß wir in diesem Zusammenhang tatsächlich alle in einem Boot sitzen. Jedesmal, wenn ich drüben einen Vortrag halte, kommt am Schluss die Frage, was können wir tun. Klar ist es schwierig, für den kleinen Mann, die kleine Frau da in der Welt was zu bewegen. Allerdings können sie Projekte unterstützen, die sich tatsächlich einsetzen für den tropischen Regenwald."

Als befreiungstheologischer Bischof ist Kräutler den brasilianischen Autoritäten sehr unbequem. Denn er fordert auch, gegen alltägliche Folter, Todesschwadronen, Sklavenarbeit und sexuelle Ausbeutung von Kindern gemäß den Gesetzen vorzugehen. Auch dürften nicht länger Frauen in total überfüllte Männerzellen gesperrt werden. Als der Indianerpriester Vicente Canias aus Spanien im Auftrag von Großgrundbesitzern ermordet wird, kommt es erst 19 Jahre später zum Prozess - Freispruch für die Angeklagten.

Bischof Kräutler ist empört, dass man ihn unter Polizeischutz stellt, doch Hunderte von Geistlichen, kirchlichen Menschenrechtsaktivisten, die genauso Morddrohungen erhalten, bekommen diesen Schutz nicht. Missionarin Dorothy Stang in der Urwaldsiedlung Anapu hatte man vor dem Attentat jahrelang bedroht, selbst die Autoritäten in Brasilia wussten dies.

Auf die Verleihung des Alternativen Nobelpreises reagiert Kräutler natürlich sehr emotional: "Ich nehme die Auszeichnung stellvertretend für alle unterdrückten und ausgebeuteten Menschen an, die uns Schwester und Bruder sind. Vielen Dank und Gottes Segen für diese internationale Solidarität im Geiste wie im Herzen." Für ihn ist sie Ansporn, weiter für seine christlichen Ideale zu kämpfen.

"Die gegen mich sind, die setzen auf Psychoterror, die meinen, ich werd dann das Handtuch werfen. Aber das werden sie nicht erreichen. Ich werd trotzdem nicht aufgeben. Meine Motivation ist eine andere. Da weiß ich, dass der liebe Gott mich stark macht."

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