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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.01.2012

Kammann: Abschrift von Wulffs Anruf sollte veröffentlicht werden

Grimme-Geschäftsführer Kammann vermutet, dass Medien strafrechtliche Konsequenzen ausschließen wollen

Uwe Kammann im Gespräch mit Joachim Scholl

Kammann: Punkt zur Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht Wulffs ist erreicht.
Kammann: Punkt zur Veröffentlichung der Mailbox-Nachricht Wulffs ist erreicht. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Das öffentliche Interesse sei inzwischen so groß ist, dass die Mailbox-Abschrift veröffentlicht werden müsse, sagt Uwe Kammann vom Grimme Institut für Medienkultur und Kommunikationspolitik. Eine Hetzjagd auf Wulff könne man den Medien nicht vorwerfen, dieser sei dagegen "unwürdig" mit dem Fall umgegangen.

Joachim Scholl: Knapp 40 Zeilen sind es, knapp 40 Zeilen werden heute vom "Spiegel" zitiert aus dem Wortlaut jener Auslassungen, die Christian Wulff am 12. Dezember auf der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann hinterließ. Seit Anfang Januar wissen wir erst davon, aber durch andere Medien. Zunächst wenige Informationen, jetzt werden es immer mehr. Was wird hier eigentlich für ein merkwürdiges mediales Spiel gestellt, fragen wir uns und jetzt Uwe Kammann, er leitet das Grimme-Institut in Marl. Guten Tag, Herr Kammann!

Uwe Kammann: Guten Tag!

Scholl: Solch einen Trumpf bekommt man wohl nur selten zugespielt, wie es der "Bild"-Zeitung geschah: Ein Bundespräsident spricht eine Philippika auf eine Mailbox und was gesagt wurde und wie es gemeint war, eventuell, vielleicht, beherrscht auf Wochen die Öffentlichkeit. Führt die "Bild"-Zeitung die Medien damit - und schließlich auch uns - wie am Nasenring durch die Manege und wir folgen brav?

Kammann: Nein, das denke ich nicht. Also, derjenige, der einen Nasenring sozusagen als Provokation gesetzt hat, war der Präsident selber, indem er diese - wie viele ja sagen - Dreistigkeit besessen hat und Dummheit oder Naivität, einen solchen Einschüchterungsanruf auf die Mailbox zu sprechen. Das ist, glaube ich, wirklich ein ungeheuerlicher Vorgang. Und damit wurde dieses Faustpfand, was es ja ist, sicher gratis ins Haus geliefert.

Dass eine Boulevardzeitung dies dann nutzt, das kann man ihr wahrscheinlich nicht verübeln, das gehört zu ihrer Praxis. Insofern, man muss den Ausgangspunkt betrachten. Klar ist inzwischen, dass "Bild" mit diesem Faustpfand etwas hat, mit dem man ständig neu arbeiten kann: Gerade indem man selber sagt, wir geben das nicht preis, solange es keine Einwilligung gibt, wird natürlich eine Reaktion an anderer Stelle provoziert. Das ist dann ein Spiel über Bande, das wird sehr raffiniert gespielt, aber ...

Scholl: ... ja, aber was, aber warum denn eigentlich immer, was ist der Hintergrund, was glauben Sie?

Kammann: Also, das größte Gut, das man heute in der Mediengesellschaft haben kann und was man ja beanspruchen will, ist Aufmerksamkeit. Das ist natürlich ein Fall, der "Bild" praktisch rund um die Uhr zitierfähig macht. Es wird immer wieder rekurriert auf diesen Vorgang. Also, derjenige, der als Presseorgan als Erster diesen Fall veröffentlicht hatte und dann über eine solche Möglichkeit verfügt, also dieses Instrument der Mailbox-Nachricht, hat damit natürlich etwas in der Hand: Er kann das immer wieder anheizen, er wird immer wieder Schlagzeilen provozieren, er wird Nachahmer finden, er wird zur Diskussion anstacheln. Das ist ja auch der Fall, wir sehen das ja, dass auch in den kritischen Blogger-Szenen überall "Bild" jetzt als Mitakteur im Mittelpunkt steht. Das ist natürlich das Beste, was einer Zeitung passieren kann.

Scholl: Man kann das Prozedere ja vor allem an jenem Abend demonstrieren, Herr Kammann, als Christian Wulff im Fernsehen war. Dort sagte er in Sachen Mailbox auf die Frage, er habe lediglich um Verschiebung der Berichterstattung gebeten. Kaum eine Stunde später nach dem Interview war Nikolaus Blome, der stellvertretende Chefredakteur von "Bild", im Deutschlandfunk zu hören mit seiner Einschätzung, dass man bei "Bild" eine ganz andere Wahrnehmung des Anrufs hatte. Und auf dieses Statement wiederum bezog sich dann wiederum die gesamte Berichterstattung des nächsten Tages, der O-Ton lief sogar in der "tagesschau". Und die "Bild"-Zeitung hätte aber die Möglichkeit gehabt zu sagen, der Bundespräsident hat recht gehabt, der hat nämlich um Verschiebung gebeten. - Wie haben Sie denn das empfunden, Herr Kammann, das ist doch nicht mehr sauber, oder?

Kammann: Ja, es ist in diesem Grenzbereich, wo man natürlich versucht, diese Aufmerksamkeit für sich zu nutzen. Herr Blome hat das ja etwas abgeschwächt und hat gesagt, es ist eine Geschmacksfrage, wie man das beurteilt. Es geht ja oft wirklich um Nuancen, man sagt das eine und meint das andere und kann das im Unterton, vielleicht auch in einer geschickten Wortwahl, rhetorisch, ironisch, wie auch immer abwandeln und damit etwas insinuieren.

Also, wenn man die Passagen, die nun bekannt sind, so liest und sich vergegenwärtigt, finde ich, kann beides der Fall sein. Es ist wohl eindeutig, Herr Leyendecker, das ist einer der guten Rechercheure, der hat gesagt, der Bundespräsident hat nicht direkt die Unwahrheit gesagt, es ging nicht um eine komplette Unterbindung, aber aus dem Gesamtzusammenhang kann man natürlich schließen, dass es schon eine Einschüchterung gewesen ist.

Und das wird ja nun auch im Augenblick vielfältig erörtert in der Presse, weil ja jedem schon so etwas passiert ist, wenn er mit Amtsträgern spricht, dass an einer Stelle sozusagen versucht wird, Einfluss zu nehmen. Und das kann man geschickter machen oder ungeschickt, in diesem Falle ist es ja offensichtlich sehr, sehr ungeschickt geschehen. Aber alleine, dass eine Auslegungszone entsteht, zeigt natürlich: So ganz eindeutig ist das eine oder andere nicht zu behaupten.

Scholl: Interessanterweise verlässt sich die "Bild"-Zeitung dann auch auf Kollegen und zitiert sie. Heute etwa dokumentiert das Blatt ein Interview, das Hans Leyendecker - Sie erwähnten ihn gerade, der Chef-Rechercheur der "Süddeutschen Zeitung" - mit dem Westdeutschen Rundfunk führte.- Das muss man sich jetzt auch mal auf der Zunge zergehen lassen! Also, die "Bild"-Zeitung druckt ein Interview des Kollegen Leyendecker von der "Süddeutschen" mit dem Westdeutschen Rundfunk und dort wird dann auch die Frage gestellt: Wie lange kann sich denn Christian Wulff noch halten? Das heißt also, die "Bild" druckt die Frage, die aber nicht von ihr stammt, weil sie sich selbst nicht traut?

Kammann: Nein, dies ist natürlich viel raffinierter! Wenn ich Instanzen heranziehe, die in der großen Öffentlichkeit als zweifelsfrei seriös und kritisch und in einem bestimmten Lagerdenken auch eher linksliberal verortet werden, dann zeigt das einfach eine Großzügigkeit oder zeigt, bitte schön, wir können uns auch darauf verlassen, wir bewegen uns da auf derselben Ebene.

Man lebt sozusagen mit auf Kredit der anderen. Ich sage, das ist wirklich hoch raffiniert, entspricht aber sicherlich sozusagen genau dieser Praxis, die man dort strategisch mit ausgedacht hat. Es ist ein großes Spiel über Bande, in dem ja viele miteinander verquickt sind. Und die einzelnen Strecken und die Stoßrichtungen sind gar nicht so genau auseinanderzuhalten. Insofern ist das jetzt zu einem großen Gesamtfall eigentlich geworden, weil jeder an irgendeiner Stelle profitiert; auch diejenigen, die sehr zurückhaltend vielleicht sind, im Augenblick auch mit ihren Rückfolgerungen eher ein bisschen vorsichtig sind, können natürlich sagen, an der und der Stelle muss ich das zitieren, einfach um das gesamte Meinungsbild, das öffentlich im Augenblick unterwegs ist, wiederzugeben. Also insofern, es ist fast ein Selbstgänger, der dort erzeugt worden ist.

Scholl: Die "Bild"-Zeitung und ihr Herrschaftswissen in der Causa Wulff. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Uwe Kammann vom Grimme-Institut. - Zugespitzt gesagt, sieht es doch jetzt so aus, Herr Kammann: Täglich lauern alle auf die Verlautbarung der "Bild"-Zeitung, als wären es Bulletins aus dem Bundespräsidialamt, und die Frage ist ja: Warum spielen da die anderen Großen, also der "Spiegel", die "FAZ" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" vor allem, anscheinend so willig mit?

Kammann: Ja, ich glaube nicht allein, dass sie jetzt mitspielen. Das ist natürlich für jeden ein gehöriger Gegenstand. Also, wenn der Präsident in dieser Form fehlbar ist und wenn er die moralische Instanz nicht mehr verkörpern kann, als die er natürlich auch gewählt worden ist, dann ist es völlig klar, dass darüber in intensiver Form öffentlich diskutiert wird. Dann kann man auch gar nicht um diese einzelnen Fakten herum sich drücken und sagen, nur weil eine bestimmte Zeitung, die ich nicht so mag, es veröffentlicht hat, muss ich das mit äußerst spitzen Fingern anfassen.

Nein, es ist ein großer öffentlicher Fall geworden, der auch, denke ich, schon eine hohe symbolische Wirkung hat für unser gesellschaftliches Zusammenleben und über die Art, wie wir repräsentiert werden wollen und wie wir uns selber auch verstehen. Insofern ist es völlig klar, dass das ein großer Medienfall geworden ist. Und weil jetzt zusätzlich noch die Medien sich in ihrem Instrumentarium sozusagen stellvertretend verletzt fühlen, indem man einschüchtert und indem droht, ist es auch klar, dass sie noch mal besonders kritisch nachfragen.

Und insofern, glaube ich, kann man nicht sagen, dass das jetzt eine Art von Hetzjagd ist. Das ist ja an manchen Stellen schon geäußert worden. Heute Morgen hörte ich eine Sendung im Westdeutschen Rundfunk, nein, es war, Entschuldigung, es war im Deutschlandfunk, wo auch wieder einige Hörer sagten, nein, das können wir so gar nicht mehr mit ansehen und lesen, wir wollen das nicht, das ist unwürdig.

Nein, unwürdig ist eher der Fall, wie Wulff mit diesem Vorgang umgeht, dass er eben scheibchenweise sozusagen auflauert. Also, eins wäre natürlich gut: Dass dieser Wortlaut des Anrufes eigentlich integral veröffentlicht würde. Ich denke, es wäre auch möglich. Also, alleine nach dem Pressekodex und seinen Richtlinien kann, auch wenn Privates und Persönlichkeitsrechte berührt werden, etwas veröffentlicht werden, wenn das öffentliche Interesse ausreichend groß ist.

Scholl: Aber Herr Kammann, diese Abschrift dieses Interviews, das ist ja auch deutlich jetzt geworden durch die "Spiegel"-Veröffentlichung heute, die liegt in den Redaktionen. Warum macht das denn keiner?

Kammann: Ja, das ist für mich auch eine Frage. Ich glaube, der Punkt wäre erreicht, wo man es tun sollte, auch tun müsste, weil eben das öffentliche Interesse jetzt so groß ist und man wirklich sagt, ich will alle Nuancen sehen, damit ich sie dann beurteilen kann und damit ich sagen kann, auf welche Waagschale lege ich was? War es also ein sozusagen Verschiebungswunsch oder war es eben der Unterbindungswunsch? Das, glaube ich, wäre möglich.

Aber es ist natürlich möglicherweise ein strafrechtlicher Gesichtspunkt mit zu berücksichtigen, auch da kann man sagen, man darf das tun, eine solche Veröffentlichung, wenn das öffentliche Interesse überragend ist, aber gleichwohl bleibt es natürlich ein Bereich, den man auch dann von einem Richter beurteilt sehen könnte. Und da gibt es vielleicht noch die Scheu. Also, ich glaube, es ist nicht Feigheit an dieser Stelle, sondern es ist noch mal die Abwägung aller Rahmenbedingungen, unter denen man, ohne sozusagen dann auch direkt betroffen zu sein, also das heißt, strafrechtlich bewertet zu werden, dies tun kann.

Scholl: Neulich hat ja in unserem Programm der Kollege Friedrich Küppersbusch von einer unguten Troika gesprochen und damit die Allianz von "Bild", "FAZ" und "Spiegel" gemeint. Er meinte, das sei nicht gut für unsere Demokratie, für unsere mediale Landschaft, wenn die drei sich einig seien - was ja früher völlig undenkbar war. Wie sehen Sie das?

Kammann: Ja, das klingt natürlich so, als ob man eine Absprache vermuten müsste oder als ob Küppersbusch wüsste, dass die drei sich sozusagen wie Ölkonzerne, um Preise festzulegen, sich treffen, um zu sagen, wir machen das jetzt so und so, wir verbünden uns und setzen dann die gemeinsame publizistische Macht ein.

Ich glaube, so naiv wäre dort auch keiner, dass drei exponierte Presseorgane auch exponiert sich an dieser Stelle zeigen. Das halte ich für nicht so sehr verwunderlich, vor allen Dingen, weil natürlich man auch gegen den Stachel löcken kann, weil man sozusagen das vermeintliche Lagerdenken aufgeben kann und überraschend an anderen Stellen zu lesen und zu hören ist.

Nein, also, eine solche Verschwörung im Sinne, wir machen jetzt jemanden fertig und profitieren davon, weil wir die meiste Aufmerksamkeit auf uns ziehen, das glaube ich nicht. Das ist eine Unterstellung von Küppersbusch. - Das macht natürlich auch wiederum Sinn, dann kann ich sagen, ah, ich habe jetzt so eine These in die Welt gesetzt, da werden die andere mal drauf anspringen vielleicht, aber ich glaube, damit geht er zu weit.

Scholl: Christian Wulff, die "Bild"-Zeitung und die Medien, das war Uwe Kammann vom Grimme-Institut. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Kammann!

Kammann: Gerne, Herr Scholl!

Scholl: Und diese Frage, ob jenes Telefonat jetzt nicht doch mal in voller Länge veröffentlicht werden soll - Herr Kammann hat sich dafür ausgesprochen -, diese Frage stellen wir Ihnen nachher auch noch in unserer "Debatte" in knapp einer halben Stunde.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.