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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2012

Kaleidoskop von Stimmen

Miroslav Penkov: "Wenn Giraffen fliegen", Blessing-Verlag, München 2012, 320 Seiten

Penkovs Protagonisten müssen sich zum Beispiel zwischen Kommunismus und EU zurechtfinden. (AP Archiv)
Penkovs Protagonisten müssen sich zum Beispiel zwischen Kommunismus und EU zurechtfinden. (AP Archiv)

Mit 18 Jahren wanderte Miroslav Penkov aus Bulgarien in die USA aus und erhielt dort eine Professur, bevor er dreißig wurde. Mit 25 Jahren gewann er seinen ersten Literaturpreis. In seinem Buch "Wenn Giraffen fliegen"geht es um junge Leute, die sich in neuen Lebensumständen zurechtfinden müssen.

Es liest sich wie die klassische Tellerwäschergeschichte: Der 1982 in Bulgarien geborene Miroslav Penkov wanderte mit 18 Jahren in die USA aus, sieben Jahre später gewann er mit Kurzgeschichten seinen ersten Literaturpreis und erhielt in Texas eine Professur für Creative Writing. Inzwischen gibt Penkov die angesehene Zeitschrift "American Literary Review" heraus. "Wenn Giraffen fliegen" ist sein erstes Buch und erscheint gleichzeitig in einem Dutzend Sprachen.

In den acht Geschichten, die einerseits in Bulgarien, andererseits in den USA angesiedelt sind, geht es vor allem um junge Leute, die sich in vollkommen neuen Lebensumständen zurechtzufinden haben: zwischen den Überbleibseln des Kommunismus und den Segnungen der Europäischen Union, der ersten Liebe, dem Verlust von Freunden und der Gewissheit, irgendwo dazuzugehören, der Sehnsucht nach Glück und dem Schiffbruch kühner Hoffnungen. Gemeinsam ist diesen Geschichten das ausgeprägte Talent des Autors, selbst im scheinbar Banalen das geradezu lachhaft Absurde aufzuspüren, das allen Ideologien anhaftet.

Da brechen zwei arbeitslose Jugendliche in eine Kirche ein, um das goldene Kreuz zu stehlen, und treffen dabei auf einen Penner, der mit einem Schlag ihr Herz rührt. Oder da entspinnt sich über Jahre eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann (Ost) und seiner Cousine (West), die den politischen Verhältnissen ein Schnippchen schlagen, aber am Ende dann doch nicht füreinander bestimmt sind. Oder da ersteigert ein in die USA ausgewanderter Student nach langen brieflichen Disputen mit seinem stalinistischen Großvater bei "ebay" ein Versöhnungsgeschenk für dessen Dorfmuseum: Lenins einbalsamierten Leichnam.

Mit großer Empathie für seine durchweg gegen das Scheitern ankämpfenden Figuren fängt Miroslav Penkov ein ganzes Kaleidoskop von unterschiedlichsten Stimmen ein: vom alten, Anfang des vergangenen Jahrhunderts geborenen Mann, der die Liebesbriefe eines Fremden an seine Frau entdeckt, über den betrunkenen Hooligan, der kurz nach der Wende Amok läuft, bis zum bestens situierten Emigranten, der mit seiner japanischen Freundin für einen bizarren Kurzbesuch in sein bulgarisches Heimatdorf zurückkehrt.

In teils lyrischen, teils Hemingwayhaft knapp geschilderten Episoden erweckt Penkov die Szenerie des alten Bulgarien zum Leben, waldige Hügel, ein scheinbar beschauliches Leben auf dem Lande, in dem die Schatten der osmanisch bis kommunistischen Epoche noch überall gegenwärtig sind. Man spürt die Absicht des Autors, die verlorene Heimat erinnernd heraufzubeschwören.

Doch der Gefahr der Idyllisierung, der falschen Romantik begegnet er mit einem untrüglichen Sinn für das Komische in der Tragik, selbst wenn es sich um die pointierte Gewitztheit einer vom Schlaganfall gelähmten Großmutter handelt. Ein gelungenes Debüt voller zart-boshafter Kabinettstücke darüber, wie man sich in einer aus den Fugen geratenen Welt der Vergangenheit entledigt - ohne ihr je zu entkommen.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Miroslav Penkov: Wenn Giraffen fliegen
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller
Blessing-Verlag, München 2012
320 Seiten, 19,95 Euro

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