Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit | Beitrag vom 26.01.2017

Kafkas "Schloss" in MünchenK. ist allein gegen den Herdentrieb

Von Christoph Leibold

Beitrag hören
(Arno Declair/Münchner Volkstheater)
Die Schauspieler (von links) Mara Widmann, Silas Breiding, Jakob Geßner in Nicolas Charauxs Inszenierung von "Das Schloss" (Arno Declair/Münchner Volkstheater)

Am Münchner Volkstheater hat sich der junge französische Regisseur Nicolas Charaux an einer Bühnenadaption von Franz Kafkas Roman "Das Schloss" versucht. Mit Erfolg, findet unser Kritiker.

K.  - wie so oft bei Kafka, bleibt die Hauptfigur namenlos, ein Buchstabe genügt - K. also kommt als Fremder in ein Dorf. Und wird fremd bleiben. Der örtliche Schlossherr hat ihn als Landvermesser bestellt, der Zutritt ins Schloss aber bleibt K. ebenso verwehrt wie die Aufnahme in die Dorfgemeinschaft.

In Nicolas Charaux' Inszenierung bilden diese geschlossene Gesellschaft acht Schauspieler (vier Frauen und vier Männer) in zottligen Pelzmänteln, die sich wie Tiere dem Herdentrieb folgend gegen K. zusammenrotten. Wer dazu gehört und wer draußen bleiben muss, entscheidet sich willkürlich. Jede oder jeder wird mal als K. aus der Gruppe ausgesondert.

Kafka wird nicht komplett entschlüsselt

Nicolas Charaux versucht  Kafkas "Schloss" nicht komplett aufzuschlüsseln. Das ist gut so. Denn so wie das Schloss im Roman für K. versperrt bleibt, sperren sich Kafkas Texte gegen eindeutige Lesarten. Wer sich festlegt, verengt den Blick und hat schon verloren.

Ebenso gut wie die Erzählung über das aktuelle brennende Thema Ab- und Ausgrenzung steckt in Charaux' Inszenierung eine Daseins-Metapher menschlichen Lebens und Strebens in seiner ganzen Vergeblichkeit, und vieles mehr. Und vor allem: Kafka ist bei Charaux nicht nur unheimlich, sondern auch unheimlich komisch. Eine Qualität, die andere Kafka-Adaptionen im Theater allzu oft vermissen lassen.

Mehr zum Thema:

Lars Noréns "Dämonen" in München - Sadomasochistische Grabenkämpfe
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 17.04.2016)

Nicolas Charaux' Inszenierung am Berliner Ensemble - Schwindender Ideenreichtum
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 11.02.2016)

Georg Trakl - Ein Dichterleben nüchtern nachbuchstabiert(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 15.08.2014)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsZeit läuft - Lesen im Digitalen Zeitalter
e-Book neben einem Buch (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Der "SZ" ist aufgefallen, dass Texte im Internet immer öfter mit der geschätzten Lesedauer angepriesen werden. Und Tablets und Lesegeräte erfassen, wie oft "umgeblättert" wird. Bei so viel Analyse empfiehlt der Autor, einfach mal ohne Zeitdruck wieder ein gutes Buch zu lesen. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

"Oresteia" am Theater BaselViel gewagt und noch mehr gewonnen
Die Oper "Orestie" am Theater Basel (Theater Basel/Foto: Sandra Then)

Das Theater Basel hat die Oper "Oresteia" des Komponisten Jannis Xenakis neu entdeckt und erzählt die antike Geschichte sehr sachlich auf verschiedenen Ebenen. Die Figuren-Konstellationen sind streng und stark, die Musik rhythmisch strukturiert und die Chöre extrem kraftvoll.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur