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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.12.2014

Junge ErwachseneAuf der Suche nach Sinn und Arbeit

Die Generation der um die 30-Jährigen lebt mit unsicheren Arbeitsverhältnissen

Von Thilo Schmidt

Ein verliebtes Paar genießt in Mainz am Rheinufer das sonnige Wetter und küssen sich auf der Uferpromenade. (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Auch für die Generation Y dreht sich das Leben nicht nur um Liebe und Freizeit. (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Die Generation Y ist gut ausgebildet, kreativ und anpassungsfähig. Trotzdem sind unsichere Arbeitsverhältnisse und prekäre Lebenssituationen für die heute um die 30-Jährigen keine Seltenheit - selbst Personalberater glaube nicht mehr daran, dass dieses System noch lange gut geht.

Müller: "Ich melde mich jetzt hier erst mal arbeitssuchend, das telefonische ist schon gelaufen … ich wollte eigentlich nicht noch einmal hier her wieder zurückkommen, das ist jetzt schon sehr frustrierend … Ja, es ist jetzt nicht ein leichter Weg, irgendwie, weil man ja denkt: Jetzt ist man wieder hier, wo man eigentlich nicht noch mal hinwollte. Nicht besonders schön."

Hofert: "Es wird ja immer zitiert, dass das Durchschnittseinkommen bei Akademikern über dem aller anderen Abschlüsse liegt, es wird auch immer gesagt, die Akademiker-Arbeitslosigkeit sei die geringste, mein Argument ist immer: Das ist halt die Vergangenheit."

Zaborowski: "Ich glaub halt schon, dass Wirtschaft unser neuer Götze geworden ist, die Religion abgelöst hat, oder vielleicht: Wirtschaft ist unsere Religion geworden, und ich glaube einfach, dass die Unternehmer gefordert sind, sich an ihre eigene Verantwortung zu packen für die Gesellschaft, und zu sagen: Ich hab hier Macht, auch durch mein Geld, durch die Produkte, durch die Arbeitsplätze, die ich anbiete, und diese Macht muss ich auch positiv nutzen. Und das ist ne Frage der Selbstverantwortung."

Es geht um Sicherheit und Geborgenheit

Es geht hier um Menschen, die Sicherheit wollen, Geborgenheit. Nicht, weil es ihnen an Freunden, an Familie, an Partnerschaft mangelt. Sondern weil sie mit Unsicherheiten leben, die es für vorangegangene Generationen in der Form nicht gab. Es geht um materielle Sicherheit. Berufliche Heimat.

Müller: "Nee, das existiert nicht mehr. Also heutzutage ist es so, dass das Risiko, wenn man sich selbstständig macht, eigentlich genau dasselbe ist, wie wenn man Angestellter ist. Man weiß nie, was morgen passiert. Heut ist nichts mehr beständig. Man bekommt ja immer nur befristete Arbeitsverträge, man macht Jobs über die Zeitarbeitsfirma, sozusagen. Und so hast du das nicht erwartet, als du aus dem Studium rausgekommen bist. Du bist ja mit Motivation reingegangen, mit Idealismus. Dir war bewusst, dass du viel arbeiten wirst, aber du hast auch gehofft, dass du was zurückbekommst, auf der anderen Seite. Und das ist halt nicht der Fall. Heute steht halt auf der anderen Seite nichts."

Volk: "Und das ist letztendlich eine Geschichte des Kapitalismus, dessen Opfer wir auch sind … Und ich hoffe, und ich glaube, dass es immer sichtbarer wird, dass das das Übel ist, und dass wir da ran müssen, also dass es eine wirtschaftliche Entwicklung gibt, die unabhängig von der menschlichen Entwicklung läuft und eigentlich gegen den Menschen läuft."

Eine Bevölkerungsgruppe spürt das besonders deutlich:  Die Menschen aus der "Generation Y", einer ursprünglich soziologischen Kennzeichnung der etwa in den 80er Jahren Geborenen. Generation Y, eine Jargon-Formulierung, von verschiedenster Seite um die Attribute "cool", "flexibel", "selbstbewusst" oder "unangepasst" zu einer Bewegung stilisiert.

Bund: "Ich glaube, dass es eine Werteverschiebung gibt in meiner Generation. Also die klassischen Statussymbole in der Wirtschaftswelt sind ja so klassische ökonomische Ziele. Also mehr Gehalt, einen hohen Bonus, vielleicht noch nen Firmenwagen, ein aufgeglastes Eckbüro, vielleicht, wenn man eine gewisse Ebene erreicht hat … All das ist für uns nicht mehr so wichtig. Ich sag nicht, dass es uns ganz unwichtig ist, aber es motiviert uns nicht mehr so stark wie frühere Generationen."

Kerstin Bund, Redakteurin bei der "Zeit" erzählt in einem Video des Murmann-Verlages, das auf der Videoplattform YouTube abzurufen, ist über ihr Buch "Glück schlägt Geld". Untertitel: "Generation Y – Was wir wirklich wollen".

Bund: "Ich glaube, das neue Statussymbol meiner Generation, und vielleicht auch der ganzen Gesellschaft ist eben die Selbstbestimmung, also Herr über die eigene Zeit zu sein. Das ist uns wichtiger, als sozusagen ein etwas besser bezahlter Job, der keine Freude bringt. Und keine Freiheiten gibt."

Haben wir ein Luxusproblem?

Generation Y – was wir wirklich wollen. Aus der Buchbeschreibung des Verlages: "Die Generation der um die 30-Jährigen verlangt eine neue Arbeitswelt. Jetzt. Denn es ist höchste Zeit!". Aber was hat die Generation Y überhaupt? Reden wir gerade über ein Luxusproblem? Wird die Generation Y vielleicht immer aus der Perspektive derer beschrieben, deren Grundbedürfnis an Sicherheit  bereits befriedigt ist und die nur anders leben oder ihre Arbeit anders organisieren wollen? Aus einer Perspektive der Sorglosigkeit heraus? Was ist mit dem Rest? Unzählige Bücher und Zeitungsartikel über die Generation Y sind geschrieben worden. Mit Titeln wie "Spaß, Selbstverwirklichung und Yoga" oder "Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken". Hier heißt es: "Die Generation verändert die Unternehmen",  dort fragt man: "Wollen die auch arbeiten?"

"Ja, ich bin Svenja Hofert,  ich arbeite seit anderthalb Jahrzehnten im Bereich, ja nennen Sie es Karriereberatung, Karrierecoaching, im Auftrag von Firmen, die zum Beispiel Mitarbeiter entlassen wollen, müssen, sollen, und so weiter, und im Auftrag von Privatpersonen."

Svenja Hofert erzählt andere Geschichten aus der Generation Y. Sie lernt Menschen kennen, deren Geschichten zwar auch in der Zeitung stehen, aber nicht im Feuilleton, sondern im Wirtschaftsteil. "Outplacement" nennen es Unternehmen, wenn sie ihre Mitarbeiter loswerden wollen. Und sie darum zu Svenja Hofert schicken. Im ungünstigsten Fall, sagt sie, um ihr schlechtes Gewissen zu besänftigen. Und im besten Fall, weil sie wirklich ein Interesse am Wohlergehen ihrer Mitarbeiter haben, die sie aber nun mal leider zuvor rausgeworfen haben.

Für Svenja Hofert ist sie widerlegt, die Mär von der ach so kreativen, flexiblen und mobilen Generation Y.

"Was aber stimmt ist natürlich, dass dadurch so ne Haltung erzeugt wird, ja, du musst aushalten, auch bei wirklich miesen abzockenden Ausbeuterbuden, sag ich jetzt mal, weil du findest draußen eh nichts. Das gibt es. Und diese Haltung ist natürlich vor allem bei denen etwas stärker ausgeprägt, die nicht den idealen Lebenslauf haben. Und das ist der Normalfall."

Unternehmen gehen in Risikovermeidung

Manche ihrer Klienten sind bereits zum dritten Mal "outgeplaced" worden. Und dürfen zum dritten Mal bei ihr Platz nehmen. Und natürlich weiß sie von der Wirklichkeit, die ihre arbeitssuchenden Klienten erwartet.

"Natürlich gehen Unternehmen in die Risikovermeidung. Das heißt, sie versuchen möglichst viel auf nicht feste Stellen auszulagern, also sprich Zeitarbeit. Das führt zu ner Zweiklassengesellschaft – wenn jemand im gleichen Unternehmen den gleichen Job mit Zeitarbeit und ohne Zeitarbeit macht, ist das erste und zweite Klasse, und das wirkt sich einfach auf die Psyche aus."

Auf der Suche. Nach dem Sinn dieser entgrenzten Arbeitswelt. Und nach Arbeit, die Sicherheit bietet und die es erlaubt, Pläne zu machen für das Leben. Was für ihre Eltern selbstverständlich schien, ist für sie Luxus. Die zunehmende Realität: Unbezahlte Praktika, unbefristete Stellen und mittlerweile zunehmend Zeitarbeit auch bei Akademikern. Und das alles nicht nur in der Privatwirtschaft.

"Das Stück hab ich mir selbst ausgedacht, das spiel ich seit meinem zwölften Lebensjahr, und ich spiel’ s immer anders. Und es spiegelt immer meine aktuelle Stimmung wieder. Und hier höre ich, dass ich durchaus ein wenig aufgeregt war …"

Sabine Volk, 36 Jahre alt, wohnt mit ihrer Tochter in einer Zwei-Raum-Wohnung in Potsdam. Als ältestes von vier Geschwistern in Oberbayern aufgewachsen. Prägende Erlebnisse: Tschernobyl, der Mauerfall  - und Trennung und Scheidung der Eltern, die sie als Teenager erlebte. Sabine studierte Politikwissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft, ist fasziniert von Philosophen wie Adorno, Sartre oder Jean Améry und engagierten Intellektuellen wie Heiner Müller oder Thomas Brasch.

"Ich fand die Universität sehr frei, ich hab verschiedene Unis kennengelernt, ich war in München, in Heidelberg, in Straßburg, in Potsdam, und an der FU Berlin, und Potsdam fand ich sehr aufgeschlossen. Ist ne junge Uni, ich fand das sehr interessant, ich hatte viele ostdeutsche Profs und Dozentinnen, die noch Verträge verhandelt haben, feste Verträge verhandelt haben. Und die dann ausnahmsweise dort noch lehren durften. Und von denen habe ich unglaublich vieles gelernt, was andere, glaube ich, nicht gelernt haben, die nicht an so einer Uni waren, mit so einer Geschichte."

Lehre macht arm

Sabine hat Lehraufträge an der Uni Potsdam angenommen. Lehraufträge, deren ursprünglicher Sinn es ist, das Lehrangebot an den Unis durch Experten aus der beruflichen Praxis zu ergänzen. Und mit denen heute immer mehr die Basisangebote der Studienfächer abgedeckt werden – denn sie sind wesentlich billiger als angestellte Lehrkräfte. Für Sabine Volk war schnell klar: Lehre macht arm. Mit einem Mitstreiter gründet Sabine die Initiative "Intelligenzija Moving". Ziel ist – kurzfristig: Die Situation der Lehrbeauftragten und die anderer prekär Beschäftigter zu verbessern. Langfristig: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse in adäquat bezahlte feste Stellen zu überführen.

"Und ich hab da realisiert, dass es prekär ist, überhaupt Lehrbeauftragter zu sein, und ich hab dann zu Micha gesagt: Wir müssen was tun, wir können das nicht so lassen, wie es ist. Und dann haben wir uns dem Namen für die Initiative überlegt, und über Nacht habe ich die Homepage sozusagen erstellt, und dann ging‘ s los."

Es dauerte nicht lange, und die Medienöffentlichkeit Deutschlands interessierte sich für die "Intelligenzija Moving". Sabine gab Interviews für den Spiegel, die Zeit, in der 3Sat Kulturzeit, sprach in Deutschlandfunk und Deutschlandradio. Und rechnete vor, womit ein Lehrbeauftragter rechnen muss.

"Wir haben des Öfteren in der Universität öffentlich gesprochen, und haben auch mal öffentlich vorgerechnet, wie wenig Geld wir in der Stunde verdienen bei der Belastung, die wir haben … unbezahlt in den Jüdischen Studien, und in der Germanistik haben wir ein bisschen über 500 Euro pro Semester bekommen, einmalig. Es war dann so, dass ich eben 60 Studierende, glaub ich, im ersten Kurs hatte, und 40 Hausarbeiten korrigieren musste, ne Hausarbeit war 12 bis 15 Seiten lang, und das kann sich glaub ich jeder leicht ausrechnen, wie lang ich da sitze, wenn ich das gründlich angucken will und womöglich dann auch noch Beratung geben möchte, weil die Studierenden ein Feedback wollen, und auch wissen wollen, was können sie noch besser machen oder was war vor allem auch gut an dem, was sie da erarbeitet haben. Ja, und wir haben uns dann mal den Stundenlohn ausgerechnet, ich weiß es ehrlichgesagt gar nicht mehr, ich müsste noch mal nachschauen."

94.000 Lehrbeauftragte gibt es nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Deutschland – doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. Einen Tarifvertrag gibt es nicht, Krankengeld erhalten sie nicht, ihr Arbeitsverhältnis ist jederzeit kündbar. Ohnehin werden sie für jedes Semester neu angeheuert.  Als Freiberufler müssen sie für ihre Sozialversicherung selbst sorgen.

"Und so hab ich realisiert, wie prekär die Situation ist, ich selber hab dann auch Angst bekommen, weil ich gemerkt hab, dass das wenig Sicherheit bietet für mein Kind, ich hab mich auch ganz oft selbst befragt, inwiefern das für mich schmeichelhaft ist, Lehrende zu sein, und ich also praktisch mein Ego damit füttere, das zu tun, wo ich doch kein Geld damit verdiene, und die Frage ist eben auch, ob ich nicht ersetzbar bin, ja? Also wenn ich’s nicht mach, macht’s jemand anderes, machen‘ s viele andere, die auch sich händeringend um einen Lehrauftrag beworben haben, und denen ich ja auch den Platz dann weggenommen hab. Und deswegen hab ich dann auch nach drei Lehraufträgen entschieden, den vierten Lehrauftrag zurückzugeben, den ich schon erhalten hatte …"

Sabine hat einmal gesagt: "Wenn es jemanden gibt, der uns zermürben will, dann macht er seinen Job gut".

"Und damit ist gemeint, dass der Druck, der aufgebaut wird, die Angst davor, zum Sozialfall zu werden, zum Sozialschmarotzer zu werden, in Anführungszeichen, dass der extrem ist und krank macht."

Den Angehörigen der Generation Y, der auch Sabine angehört, sagt man nach, flexibel und kreativ zu sein, jede Herausforderung anzunehmen, sich alle Optionen offenzuhalten. Sie sind gut gebildet, sozial vernetzt und immer online. Damit sind sie für das Leben in Unsicherheit ideal vorbereitet, anders wollen sie es ja auch gar nicht. Sie sind Freiberufler, Selbständige, machen Zeitarbeit, und an unbefristete Beschäftigungsverhältnisse können sie sich kaum noch erinnern. Und weil die Generation Y auch mit Anglizismen vertraut ist, nennt sie sich gerne auch mal "Generation Why". Soweit das Klischee.

"Ich bin eben da bei diesem Unternehmen über ne Zeitarbeitsfirma beschäftigt gewesen, und normalerweise wäre mein Vertrag auf jeden Fall bis Ende des Jahres gegangen, das wurde mir auch immer so gesagt, und Verlängerung war lediglich ne Formalie. Also es wurde immer so gesagt, ja, du wirst dann auch verlängert, mach dir keine Sorgen, dass passt so. Und das war circa vor zwei Wochen, hat mich dann meine Zeitarbeitsfirma auf Arbeit angerufen, und hat gesagt, erst mal unter so nem Vorwand, dass sie mir vielleicht ne neue Stelle irgendwie vermitteln können, und in nem Beisatz ist dann gefallen, und ja übrigens, unser Kunde, ja übrigens Brands 4 Friends, die haben den Auftrag für Sie bei uns gekündigt."

Auseinandersetzung mit dem alten Arbeitgeber

Franziska Müller, Germanistin, 28 Jahre alt. Texterin und Produkt-Redakteurin bei brands4friends, einem Shopping-Portal, 2010 für 150 Millionen Euro von Ebay übernommen. Dort angestellt worden über eine Zeitarbeitsfirma. Eigentlich sollte ihr Einsatz dort noch bis Ende des Jahres gehen, auch eine Verlängerung des Vertrages und eine Übernahme in ein reguläres Arbeitsverhältnis wurden ihr immer wieder in Aussicht gestellt, sagt Franziska. Und dann die Kündigung Ende September, nach der ihr noch drei Wochen im Unternehmen bleiben.

"Ich bin natürlich erstmal geschockt gewesen, aus allen Wolken gefallen, weil ich auch nicht wusste … es wurde in nem Nebensatz gesagt: Ich hab immer meinen Job gut gemacht, ich wusste nicht warum. Ich kannte keine Gründe. Ich hab ja dort ein Jahr gearbeitet. Und ich bin einfach davon ausgegangen: Ja okay. Man kennt sich, man arbeitet dort lange, man arbeitet gut, das wär das Minimum gewesen, dass man aufeinander zugeht, und sagt: Wir suchen den offenen Dialog, und wir sagen dir einfach: Es sind ökonomische Gründe. Oder du musst das und das verändern. Aber nichts. Kommunikation gleich null."

Franziska bittet ihre Vorgesetzten vergeblich um eine Erklärung. Schreibt dann eine Mail an den Chef von brands4friends, der ihr empfiehlt, noch mal ihren direkten Vorgesetzten anzusprechen.

"Und dann bin ich eben runter gegangen, und hab genau das umgesetzt, was er gesagt hat. Ich bin auf den zugegangen, ich hab dann noch mal ne E-Mail geschrieben, ich werde jetzt zum 15. Oktober sozusagen meinen Einsatz beenden, mir hat niemand was gesagt, was mich sehr wundert, und ich es nur fair fände, wenn er sich einfach mal einige Minuten Zeit nimmt für das Gespräch. Das war meine E-Mail, dann bin ich in die Mittagspause gegangen, und dann bin ich wiedergekommen, und hab einen Anruf bekommen von meiner Zeitarbeitsfirma. Und die Zeitarbeitsfirma hat mir gesagt, ja Brands4friends hat sich gerade vor 45 Minuten bei uns gemeldet, ihr Einsatz endet mit dem heutigen Tag. Also war das quasi die Antwort auf meine E-Mail. So hab ich das wahrgenommen."

E-Mail an den Chef von brands4friends. Frage:

"Ist es richtig, dass Frau Franziska Müller, die bei Ihnen über eine Zeitarbeitsfirma beschäftigt war, ohne Begründung entlassen wurde – also auch, ohne ihr eine Verfehlung als Begründung für diese Kündigung zu benennen?"

Die Antwort kommt von der Pressestelle:

"Im Laufe des Jahres 2014 haben die zuständigen Führungskräfte bei brands4friends mindestens drei persönliche Gespräche mit Franziska Müller geführt, in denen sie zum Ausdruck gebracht haben, dass und auch begründet haben, warum brand4friends mit der Arbeitsleistung von Franziska Müller nicht zufrieden war. In dieser mehrfach erklärten Unzufriedenheit begründet sich auch die vorzeitige Beendigung des Zeitarbeitsverhältnisses mit Frau Franziska Müller."

Missbrauch von Zeitarbeit?

Damit konfrontiert, reagiert Franziska, um es milde auszudrücken, überrascht. Ihr liegt sogar ein Arbeitszeugnis von 31.10. vor, das bescheinigt, dass sie alle übertragenen Aufgaben stets zur vollsten und uneingeschränkten Zufriedenheit erledigt habe.

Im Jahr 2003 wurde der Missbrauch der Zeitarbeit, deren Zweck eigentlich darin bestand, Auftragsspitzen durch kurzfristiges Personal überbrücken zu können, erheblich erleichtert: Durch die Streichung mehrerer Schutzklauseln, unter anderem die maximale Beschäftigungsdauer von zwei Jahren. Es war die rot-grüne Regierung, die im Namen der Deregulierung auf diesem Wege ganze Berufszweige verramschte. Mittlerweile werden selbst Zeitungsvolontäre auf Zeitarbeitsbasis eingestellt.

" … und was dann noch passiert ist: Ich hab dann, als ich unten durch die Räume des Lagers gegangen bin – meine Chefin war eigentlich den ganzen Tag nicht am Platz, und das hat mich gewundert. Und dann geh ich durch die Räume des Lagers, und dann seh ich dort, dass dort parallel eine neue Texterin eingearbeitet wird. Damit ich davon keine Notiz nehme?!? Also … Ich versteh diese Unternehmenspolitik nicht, und nicht bei so nem großen Unternehmen wie Ebay. Und das find ich halt schon krass. Ne?"

Zum gleichen Zeitpunkt, an dem Franziska vom fristlosen Ende ihres Einsatzes erfährt, wird also bereits die neue Kollegin eingearbeitet – im Lager. 

Frage an brands4friends:

"Und ist es überdies richtig, dass noch an Frau Müllers letztem Arbeitstag eine weitere Texterin, die möglicherweise auch als Nachfolgerin von Frau Müller fungiert hätte, im Lager (sic!) in ihre Arbeit eingewiesen wurde?"

Antwort: "Der Bereich den Sie als "Lager" bezeichnen, ist Teil des Produktionsbereichs von brands4friends. Hier werden die Verkaufsaktionen von brands4friends vorbereitet und Musterkollektionen, die für die Vorbereitung der Verkaufsaktionen benötigt werden, gelagert. Es gibt in diesem Bereich aber ebenso administrative Arbeitsplätze, die mit dem gleichen Büroinventar ausgestattet sind, wie es in allen anderen Räumlichkeiten von brands4friends auch zu finden ist. Es ist entsprechend auch möglich, dass hier neue Mitarbeiter eingearbeitet werden."

"Henrik Zaborowski ist mein Name, ich bin 42 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, das sind so die harten Fakten, seit 2001 in der Personalberatung, oder Recruiting-Branche beruflich unterwegs, privat eher in einem gemeindlichen Umfeld, sozial engagiert, und ansonsten wenig Hobbies, ein bisschen Tennis spielen, und mich um meine Familie kümmern. "

Henrik Zaborowski sitzt im Konferenzraum eines seiner Kunden in Köln. Aus der klassischen Personalberatung hat er sich zurückgezogen.

"Na ja, stimmt nicht ganz, also klassische Personalkarriere hab ich so nie gemacht, also ich war ja immer Dienstleister, und ausgestiegen bin ich nach ner Station als festangestellter Recruiter, weil ich, oder wir beide dann, also mein Chef und ich, dann gemerkt haben, naja, ich bin schon eher so ein Freigeist, und brauch so meine Freiheiten, und hab dann entschieden, mich selbständig zu machen."

Henrik Zaborowski und Franziska Müller kennen sich. Als sie sich vor zwei Jahren – vor ihrer Arbeit bei brands4friends – bei einer renommierten Unternehmensberatung  bewarb, gelangte sie in die Endrunde, nachdem sie in den vorigen Runden alle Tests bestanden hatte. Einer der Recruiter auf der anderen Seite des Tisches: Henrik Zaborowski. Franziska bekam den Job nicht. Weil sie Germanistik studiert hatte, nicht BWL.

"Naja, ich glaub bei Franziska, damals war ich ja selber dabei, sie war ja kurz davor, ein Angebot zu kriegen, und dann hat der Arbeitgeber, der potentielle Arbeitgeber, dann irgendwie gesagt, ääh, aber das ist schon ein bisschen komisch, da studiert jemand so ein komisches Studium, und sagt dann, ich will in die Wirtschaft, und in die Beratung, und hätte sie das nicht vorher wissen können, und warum hat sie nichts anständiges studiert? Das ist mir zu unsicher. Das war damals die Argumentation. Also hier fehlte schlicht und ergreifend die Risikobereitschaft, beziehungsweise es gab halt andere, die halt das richtige Studium in Anführungsstrichen mitbrachten.

Ob die den Job am Ende besser machen können, das ist ja durchs Studium gar nicht bewiesen. Aber ich bin halt erst mal auf der sicheren Seite, und muss mir nicht von irgendwelchen Kollegen anhören: Ja warum stellst du auch so einen Geisteswissenschaftler ein? Das war doch klar dass das in die Hose geht. Hättest du gleich nen BWLer genommen oder einen Wirtschaftsingenieur, dann wärst du auf der sicheren Seite gewesen."

Haben bestimmte Charaktere per se schlechtere Chancen auf gute Jobs? Dressieren wir uns, mit Hilfe der auf ganzer Breite verschulten Hochschullandschaft, Ja-Sager und Rechenmaschinen heran?

Alles Querdenker?

Man sagt der Generation Y nach, dass sie konventionelle Denkmuster in Frage stellt. Unwahrscheinlichem nachspürt. Nicht alles als gegeben hinnimmt. Der Suchbegriff "Wir suchen Querdenker" bei Google erzeugt 166.000 Treffer. Aber wer will sie wirklich haben, die vielleicht wertvolleren oder effektiveren – oder einfach bereichernden Arbeitskräfte? Die naturgemäß auch immer schwieriger zu integrieren sind in ein etabliertes Arbeitsumfeld?

"Jaja. Der Effekt ist, du erlebst es ja bei der Konzern- und Strategieberatung, die ja teilweise nur von bestimmten Zieluniversitäten rekrutieren, und Studiengängen, und das ist halt extrem Mainstream. Und es gibt durchaus ja auch Stimmen aus den Branchen, gerade auch aus der Strategieberatung, die sagen, das können wir uns so nicht leisten, weil wir ticken irgendwie alle gleich. Und das ist nicht mehr kreativ, und da entsteht kein Widerspruch. Und dann holt man sich mal den ein oder anderen Exoten da rein, ja, aber der reißt natürlich im Großen und Ganzen auch nichts.

Und tatsächlich muss man sagen, es wird irgendwann zu einseitig. Auch bei den Konzernen. Wobei Konzerne ja auch wiederum aufgrund ihres Systems so gestrickt sind: Man muss auch ein gewisser Typ sein, um da Karriere zu machen. Und die, die dieser Typ sind, die wollen da ja auch rein.  Die würden sich in so nem chaotischen Startup auch gar nicht wohlfühlen. Aber am Ende des Tages fürs Unternehmen müsste man wahrscheinlich sagen, das Risiko, zu Mainstream zu sein, und nicht mehr rechts und links gucken zu können, ist schon relativ groß. Aber noch scheint’s ja zu funktionieren. "

Zaborowski räumt mit Legenden auf, die sich um die Generation Y ranken. Dazu hat er zu viel gesehen und selbst erlebt, und nicht nur verschwurbelte "Neon"-Artikel zum Thema gelesen.

"Wir erzählen einfach viel Blödsinn. Also im Sinne von 'Heey, die Welt hat auf dich gewartet, und der Arbeitsmarkt, und überhaupt, und alle freuen sich, wenn du kommst', das ist alles Quatsch. Und das gilt übrigens auch nicht nur für die Generation Y, sondern das gilt auch für den Mittvierziger, oder gerade für den … es gibt jetzt Institutionen, die sich um die Zielgruppe 45 plus kümmern. Ja? Wo ich sag: Wie krank ist das denn? Also vor zehn Jahren haben wir gesagt: Wenn du 55 bist, dann kriegst du keinen Job mehr. Jetzt reden wir davon, wenn du 45 bist, und auf der anderen Seite reden wir über Fachkräftemangel. Also irgendwas stimmt da nicht. Und da krieg ich schon Einblicke. Und ich krieg das Grauen, wenn sich Menschen hinstellen und sagen: Ja, du musst halt nur wollen. Und: Du musst halt nur mehr Gas geben, oder sowas. Nein, das ist einfach Schwachsinn."

Henrik Zaborowski hat einen eigenen Blog zum Thema. Und bloggt dort zum Beispiel: "Warum unsere Personalauswahl nichts taugt – und Brüche die neuen Geraden sind".

"Ich erinner mich, da hab ich einen Artikel geschrieben, da hab ich mich auf einen Artikel in … ich glaub der "Zeit" war‘ s, oder … über Psychopathen in der Wirtschaft. Und dann rief mich einer an, tatsächlich auch ein guter Bekannter von mir, der sagte: Henrik, ich hab diesen Artikel gelesen, und dann den Artikel von der Zeit, oder die Welt, oder was es war, mir sind die Augen aufgegangen, ich habe jahrelang nicht verstanden, warum meine Vorgesetzten so handeln, wie sie handeln. Weil das eigentlich jeglichem normalen Menschenverstand widersprach. Oder eben auch: Ich glaube einfach, wenn du arbeitslos bist, oder auf Jobsuche, du wirst ganz schnell gedisst. Es wird ganz schnell mit dem Finger auf dich gezeigt: "Hey, du hast noch keinen Job, du machst da irgendwas falsch, da stimmt was bei dir nicht, und so was", und dann genau das eben auch zu sagen, und zu sagen: Leute, an Euch liegt’s nicht, es liegt eher an den Unternehmen und Personalabteilungen, die nicht in der Lage sind, Menschen zu sehen, sondern nur Lebensläufe, das hilft vielen schon, das ist so."

"Die Arbeitsmarktreformen des letzten Jahrzehnts haben flexiblere Beschäfti­gungsmöglichkeiten eröffnet. Damit gehen Chancen einher, aber auch Risiken. So ist der Beschäftigungsan­stieg der letzten Jahre von einer Zunahme flexibler beziehungsweise "atypischer" Beschäftigungsverhältnisse begleitet", schreibt die Agentur für Arbeit in ihrer Broschüre "Gute Bildung, gute Chancen". "Hierzu zählen Teilzeitverträge, Minijobs, befristete Beschäftigung und Zeitar­beitsverhältnisse. Auch am Arbeits­markt für Akademiker ist diese Entwick­lung zu beobachten, spielt aber eine vergleichsweise nachgeordnete Rolle. "

Dienstleistungen werden ausgelagert - ein Trend?

Ein Prozent aller Akademiker ist über Zeitarbeit beschäftigt. Über 20 Prozent haben befristete Verträge. Und vier Prozent halten sich ausschließlich mit einem Mini-Job über Wasser. Während die Arbeitslosigkeit im letzten Jahr insgesamt nur um zwei Prozent gestiegen ist, ist die akademische Arbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum um 13 Prozent gestiegen, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Der Trend, dass Unternehmen Dienstleistungen – auch akademischer Natur – zunehmend auslagern, schafft mehr akademische Freiberufler, Selbständige und Scheinselbständige, die gar nicht erfasst sind.

Frage: "Ist es richtig, dass b4f einen nicht unerheblichen Anteil seiner Arbeitsplätze von Zeitarbeitsfirmen besetzen lässt? Wenn ja: Mit welcher Motivation?"

Antwort von Brands4friends: "Der Anteil an Arbeitsplätzen bei brands4friends, die durch Mitarbeiter aus Zeitarbeitsfirmen besetzt sind, liegt im einstelligen Prozentbereich. Aus unserer Sicht ist es daher nicht gerechtfertigt, von einem "nicht unerheblichen Anteil" zu sprechen.

Zeitarbeitskräfte werden bei brands4friends eingesetzt, um Ressourcenengpässe  auszugleichen, die beispielsweise durch Elternzeiten, Sabbaticals oder längere krankheitsbedingte Abwesenheiten von Kollegen im Team entstehen. Ebenso greift brands4friends bei ausgewählten zeitlich befristeten Projekten auf die Unterstützung von Zeitarbeitskräften zurück. Wir haben feste Verträge mit seriösen Zeitarbeitsfirmen. Ausschlaggebend bei der Auswahl der Arbeitskräfte ist deren Qualifikation."

Berlin-Charlottenburg. Agentur für Arbeit, die Anlaufstelle für arbeitslose Akademiker. Dass die Arbeitsagentur für Akademiker nur wenig tun kann, ist ein offenes Geheimnis. Franziska muss hier stempeln gehen, damit sie Arbeitslosengeld bekommt.

"… das war jetzt eigentlich alles. Ich hab mich jetzt erstmal nur gemeldet, wie gesagt, der Termin ist klar, mit dem Arbeitsvermittler, und die zwei Bescheinigungen, um letztendlich dann das Geld zu bekommen, muss ich jetzt erst mal noch von meinen zwei alten Arbeitgebern zurückgeschickt bekommen. Das heißt, du hast jetzt auch ne geldliche Lücke? Genau, definitiv. Solange das eben jetzt dauert. Dort müssen bestimmte Formulare ausgefüllt werden, und eh das dann bei mir ist, dauert es ja wieder, dann melde ich das hier, also ich geh nicht davon aus, dass ich vor Ende November hier einen Termin überhaupt habe. Geschweige denn das Geld im November bekomme. Wie machst du das, wie überbrückst du das? Mit Ersparnissen, gegebenenfalls komm ich auch auf meine Eltern zurück …"

Franziska wird sich weiter bewerben. Bundesweit. Wird womöglich Berlin verlassen müssen. Aber sie sei ja ach so flexibel, die Generation Y. Und die Meister im Improvisieren seien die Ypsiloner auch. Am Ende des Tages aber zählen die marketing-lastigen Phrasen der Werbetexter und Feuilletonisten nicht, sondern, woher das Geld für die Miete kommt.

"Ich steh jetzt an demselben Punkt wie vor nem Jahr schon wieder. Dass ich eigentlich nichts geschafft hab in dem Jahr, und alles, was ich wollte, wie gesagt, eben mal ne Wohnung, und nicht in ner WG zu wohnen, aber das könnt ich ja jetzt alles gar nicht mehr bezahlen! Weil ich einfach die Sicherheit nicht hab, dass ich diesen Job behalten kann. Und das werd ich in Zukunft auch nicht machen können, weil ja wieder jetzt erstmal meine Probezeit kommt. Dann weiß man nicht, wie es danach weitergeht. Also es kann heutzutage so schnell vorbei sein, man kann nichts planen. Man kann nichts mehr planen."

Hofert: "Also es sind viele Sachen, die sind nicht stimmig. Und deswegen sehe ich das auch so, ja Man müsste einiges neu denken. Also Revolution? Also ich bin zu angepasst für Revolution. Und ich glaube, um ne Revolution anzuzetteln muss es den Leuten schlechter gehen, das ist ja bekannt … "

Mehr zum Thema

Generation Y - Spaß an der Arbeit
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Generation Y - Heimliche Revolutionäre oder Angepasste?
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 27.09.2014)

Studie über die Generation Y - 12 Millionen stille Weltverbesserer
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 27.08.2014)

Autor Oliver Jeges - Der "Generation Maybe" auf der Spur
(Deutschlandfunk, Corso, 24.03.2014)

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