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Jung: Blutdiamanten waren für Krieg in Sierra Leone "alles entscheidend"

Expertin hofft auf Aussage gegen Liberias Ex-Präsidenten Charles Taylor

Anne Jung im Gespräch mit Dieter Kassel

Liberias Präsident Charles Taylor
Liberias Präsident Charles Taylor (AP)

Liberias Ex-Präsident Charles Taylor wird beschuldigt, systematisch mit sogenannten Blutdiamanten gehandelt zu haben. Er widerspricht diesem Vorwurf zwar, doch Naomi Campbell kann den Warlord mit ihrer Aussage vor dem Sondergericht zu Fall bringen. Ein wichtiger Schritt hin zu einer Verurteilung, glaubt Anne Jung von medico international.

Dieter Kassel: Naomi Campbell und die schwierige Frage nach den Blutdiamanten - heute wird sie diese Fragen wohl beantworten müssen vor dem Sondertribunal für Sierra Leone in Den Haag. In unserem Studio in Frankfurt begrüße ich jetzt Anne Jung, sie ist Campaignerin bei medico international und beschäftigt sich bei dieser Nichtregierungsorganisation schon seit vielen, vielen Jahren mit dem Thema Konfliktdiamanten. Schönen guten Tag, Frau Jung!

Anne Jung: Ich grüße Sie!

Kassel: Glauben Sie denn, dass die Campbell tatsächlich diesen Diamanten bekommen hat?

Jung: Ich glaube das ganz sicher. Mia Farrow als Kronzeugin ist ja bekannt dafür, dass sie sich in vielerlei Hinsicht gegen Menschenrechtsverletzungen eingesetzt hat in den vergangenen Jahren. Sie ist mit dem Supermodel befreundet und hätte überhaupt keinen Grund, das zu behaupten, wenn das nicht der Wahrheit entsprechen würde.

Kassel: Ist es denn für den Verlauf dieses Prozesses gegen Charles Taylor wirklich so entscheidend, ob er ihr den Diamanten geschenkt hat oder nicht?

Jung: Es scheint so zu sein. Ich kann das natürlich nur aus einer Menschenrechtsperspektive beurteilen, nicht aus einer juristischen. Vor Gericht zählen die zahllosen Studien, die Nichtregierungsorganisationen verfasst haben, wo der Handel genau analysiert wird, nichts. Man braucht Menschen, die bezeugen, dass Charles Taylor Diamanten in der Hand hatte. Und nun war er ja selber so unvorsichtig, mit großer Brüskierung vor dem Gericht in Den Haag zu behaupten, er, Charles Taylor, habe niemals einen Diamanten in der Hand gehalten. Wenn Naomi Campbell durch diese Geschichte das Gegenteil beweisen könnte, wäre das schon ein wichtiger Schritt auf dem Weg einer Verurteilung auch dieses Kriegsverbrechers.

Kassel: Müsste man nicht auch daraus schließen, wenn er nun wirklich einen Rohdiamanten einfach so irgendeiner schönen Frau schenkt, die ihn an einem Abend beeindruckt hat, vielleicht auch schon vorher im Fernsehen, müsste man daraus nicht auch schließen, dass er offenbar Zugang zu einer wirklich großen Menge dieser Diamanten hatte?

Jung: Also davon geht ja das Gericht oder die Anklage vor dem Gericht in Den Haag ganz sicher aus. Er wird ja beschuldigt, systematisch mit diesen Steinen gehandelt zu haben. Und wenn man sich den Kriegsverlauf anguckt, der genau im Osten Sierra Leones begonnen hat, wo die Truppen aus seinem Land, Liberia, rüberkamen, dort junge Leute rekrutierten, dann sieht man, dass das genau die Region war, in der die Diamanten zu finden sind. Kono ist die diamantenreichste Region des Landes, der Handel oder auch die Abbaubedingungen waren damals nicht streng kontrolliert, und so hatte er leichten Zugang dazu und hat dort eben Menschen versklaven können, um dort für ihn, für seinen Krieg, für den Krieg der Rebellen in Sierra Leone die Diamanten auch abzubauen.

Kassel: Wie wichtig waren denn diese Blutdiamanten oder Konfliktdiamanten, wie man sie offiziell nennt, für diesen Krieg?

Jung: In diesem Krieg in Sierra Leone, Liberia - die beiden Kriege sind ja nicht so ganz eng voneinander zu trennen, wie man an dem aktuellen Fall sehen kann - waren sie alles entscheidend. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo verschiedene Kriegsparteien noch Zugang hatten zu Öl, wie in Angola beispielsweise, oder zu vielen anderen Rohstoffen, wie im Kongo, war es hier so, dass alle Kriegsparteien den Krieg durch die Diamanten finanziert haben. Und man kann jetzt rückblickend sehen aufgrund von guten Untersuchungen zu diesem Konflikt, dass er nicht in dieser Länge und vor allen Dingen auch nicht in dieser Grausamkeit hätte geführt werden können, wenn es die Diamanten nicht gegeben hätte, und natürlich auch, wenn es nicht die Abnehmer für die Diamanten im Norden der Welt gegeben hätte.

Kassel: Wie ist die Lage denn jetzt? Inzwischen gibt es ja ein internationales Abkommen, auch gerade die Arbeit von NGO's wie auch der Ihren hat ja durchaus etwas verändert. Ist die Zeit des Handels mit Blutdiamanten vorbei?

Jung: Sie ist nicht vorbei. Glücklicherweise - und auch die positiven Sachen müssen hier erwähnt werden - sind die virulenten Kriege, die ich jetzt erwähnt habe, inzwischen zum Ende gekommen, aber gleichzeitig ist es so, dass in einigen afrikanischen Ländern wie in Simbabwe gerade neue Konflikte um Diamanten beginnen. Und leider war es so, dass auch in Sierra Leone das Ende des Krieges nicht die Konfliktdiamanten in Friedensdiamanten umgewandelt hat. Ganz im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen in den Minen, davon konnte ich mich selbst auch bei meiner Reise nach Sierra Leone überzeugen, sind sklavenähnlich, die sozialen Zerrüttungen sind sehr massiv und die Diamantenregion ist die ärmste Region in ganz Sierra Leone. Und dieses Land gehört ja ohnehin schon zu einem der ärmsten Länder des Planeten.

Kassel: Was heißt denn sklavenähnlich, wie arbeiten denn die Leute in diesen Minen?

Jung: Wir haben Interviews gemacht mit Menschen, die in den Diamantenminen arbeiten. Sie sind dort in der Regel sieben Tage die Woche, stehen, ohne mit gutem Gerät ausgerüstet zu sein, zum Teil bis zum Bauchnabel in diesen feuchten Gruben und graben dort mit bloßen Händen oder mit einfachem Werkzeug nach den Steinen. Als wir sie gefragt haben, wie denn ihre Entlohnung aussieht, berichteten sie, dass viele von ihnen oftmals nicht mehr als eine Schale Reis pro Tag bekommen oder, wenn sie Glück haben, auch mal einen Dollar pro Tag.

Minenarbeiter suchen nach Diamanten in einer Diamantenmine in Koidu in Sierra LeoneMinenarbeiter in Sierra Leone suchen nach Diamanten (AP)Ihnen wird immer versprochen: Wenn sie eines Tages den einen großen Stein finden, werden sie daran beteiligt. Leider sind die Minen inzwischen, was die oberflächliche Schürfung anbelangt, so abgegrast, dass die Hoffnung da nicht sehr groß ist. Und als ich sie gefragt habe, wann sie denn so das letzte Mal einen nennenswerten Stein gefunden haben, war es entweder schon viele Jahre her, einige berichteten sogar, dass sie noch nie einen wirklich großen Diamanten gefunden haben.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur mit Anne Jung von der Nichtregierungsorganisation medico international über sogenannte Konfliktdiamanten. Sie haben schon erwähnt, man muss auch über das Positive reden. Das Positive ist aber doch unter anderem auch das sogenannte Kimberley-Abkommen, in dem zumindest ein bisschen was geregelt wurde. Was regelt denn dieser Vertrag?

Jung: Der Vertrag ist ja aufgrund von Nichtregierungsorganisationen wie auch medico zustande gekommen. Dort haben sich Regierungen, Diamantenfirmen und Nichtregierungsorganisationen zusammengesetzt, um den Handel mit den sogenannten Konfliktdiamanten zu regeln. Das heißt also, es wird dort festgelegt, dass der Handel mit den Diamanten an den Grenzen zu Europa oder in andere Länder besser kontrolliert wird. Bestimmte Länder, die sich im Krieg befinden, wo nach wie vor Rebellenorganisationen durch den Handel mit Konfliktdiamanten ihren Krieg finanzieren, dürfen nicht Mitglied sein beim Kimberly-Prozess, und so versucht man eben auch, Zwischenhändler und die letztendlichen Käufer an den Börsen in Antwerpen, in Tel Aviv und anderen Ländern dazu zu bringen, nur noch sogenannte saubere Steine abzunehmen.

Kassel: Diese Abnehmer setzen sich aber doch im Grunde genommen trotz dieses Abkommens keinerlei Gefahr aus, wenn sie Steine abnehmen, die erkennbar nicht sauber sind?

Jung: Das ist richtig. Also es gibt einen moralischen Druck, es gibt keinen wirklich politischen oder juristischen Druck. Beim Kimberley-Zertifizierungssystem handelt es sich nicht im engeren Sinne um ein juristisches Abkommen, sondern um ein Selbstverpflichtungsabkommen, und diesem Abkommen ist immer vorausgesetzt der gute Wille aller Menschen, die daran beteiligt sind. Und dazu gehören natürlich letztendlich auch die Juweliere. Das heißt also, wir als Nichtregierungsorgansation, aber auch nicht die Aktiven im Kimberley-Prozess können sicher sein, dass ein Juwelier, der ja häufig auch die günstigeren Steine aus Konfliktdiamanten angeboten bekommt, diesen Handel ausschlägt aus moralischen Gründen.

Das ist recht schwer zu kontrollieren, zumal die Steine ja, wenn sie dann beispielsweise in Antwerpen landen, häufig eine Odyssee hinter sich haben über verschiedene afrikanische Nachbarländer, wo häufig auch nicht sicher ist, ob es sich hier nicht um zu Beispiel gefälschte Zertifikate handelt. Das ist alles eine sehr komplizierte Angelegenheit und man kann leider jetzt schon sagen, dass der Handel mit Konfliktdiamanten, auch wenn er drastisch zurückgegangen ist, niemals ganz beendet werden kann. Das ist schlichtweg unmöglich.

Kassel: Sagt Anne Jung, die sich unter anderem mit dem Thema Konfliktdiamanten seit langer, langer Zeit beschäftigt für medico international. Mit ihr haben wir im Deutschlandradio Kultur gesprochen, weil heute das berühmte Model Naomi Campbell aussagen muss in Den Haag vor dem Sondertribunal für Sierra Leone und erklären muss, ob der dort angeklagte ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor ihr tatsächlich einen Blutdiamanten geschenkt hat. Frau Jung, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Jung: Sehr gerne!

Link: Informationen von medico international zu Konfliktdiamanten und Kimberley-Prozess



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