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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 02.09.2009

"Julie & Julia"

Hans-Ulrich Pönack über eine Koch-Komödie aus den USA

Die Komödie "Julie & Julia" der Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron handelt von zwei amerikanischen Frauen, die in unterschiedlichen Epochen ihre Landsleute zum genussvollen Kochen bringen wollen - die eine mit Kochbüchern, die andere mit einem Blog im Internet.

USA 2009, Regie: Nora Ephron, Darsteller: Amy Adams, Meryl Streep, Stanley Tucci, Chris Messina, Linda Emond, ohne Altersbeschränkung, 123 Minuten

Sie ist sowohl als hervorragende Drehbuch-Autorin bekannt (zum Beispiel für die Mike-Nichols-Filme "Silkwood" und "Sodbrennen, 1983 und1986; vor allem für "Harry und Sally" von Rob Reiner, 1989) wie auch als exzellente Komödien-Regisseurin ("Schlaflos in Seattle", 1993 und "E-Mail für Dich", 1998), während ihre letzte Chose, "Verliebt in eine Hexe" (2005) mit Nicole Kidman, eher dürftig ausfiel. Hier nun aber erweist sich Norah Ephron erneut in komödiantischer Hochform. Mit einer exzellenten und ausgesprochen schmackhaften Koch-Komödie. Was aber nicht verwundert, spielt doch die einzigartige, die (fast) immer großartige, die wunderbare Meryl Streep eine der beiden Hauptrollen.

Für die zweifache "Oscar"-Preisträgerin ("Kramer gegen Kramer", Nebendarstellerin, 1979; "Sophies Entscheidung", Hauptdarstellerin, 1982) winkt die nunmehr schon 16. "Oscar"-Nominierung. Doch nicht sie steht hier zunächst im Blickpunkt, sondern Amy Adams (bekannt aus "Nachts im Museum 2"; "Glaubensfrage", neben Meryl Streep; "Verwünscht") als Julie Powell. Die wird bald 30 und fällt in ein emotionales Loch. Sie hat einen blöden Job (als Angestellte in einem städtischen Großraumbüro), die Ehe mit ihrem knuffigen Ehemann Chris (Chris Messina) scheint irgendwie festgefahren, also muss endlich neuer Schwung her.

Also kommt die New Yorkerin auf die Idee, einen Internet-Blog über die französische Küche zu starten. Dabei knöpft sie sich das ebenso umfangreiche wie legendäre Kochbuch von Julia Child vor, das die engagierte Hobbyköchin vor rund fünf Jahrzehnten verfasste. Und stellt sich die Aufgabe, sämtliche dort beschriebenen 524 Rezepte innerhalb eines Jahres nachzukochen und die Erfahrungen dabei weltweit online kundzutun. Geplant, getan. Das leidenschaftliche Abenteuer Küche nimmt seinen amüsanten Lauf.

Stichwort: Zwei hochinteressante Frauen, aber auch, immer mitschwingend, zwei gesellschaftspolitisch mit einwirkende Zeitebenen: Die französischen Aufbaujahre nach dem Zweiten Weltkrieg plus die amerikanische Hochphase der McCarthy-Ära (die der Julia-Ehemann Paul zu verkraften hat) parallel zu den inneren wie äußeren Aufbauarbeiten nach den Terror-Anschlägen am 11. September 2001 in New York.

"Julie & Julia" basiert auf zwei Buch-Bestsellern der amerikanischen Koch-Literatur. Zum einen wurden die Memoiren von Julia Child (1912 – 2004) verwandt, "My Life in France", deren englischsprachiges Kochbuch über die französische Küche seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts als Standardwerk für dienstbotenlose Hausfrauen gilt ("Mastering the Art of French Cooking"). Zum anderen beruft sich die Komödie auf Julie Powells Blog, der vor einigen Jahren die Internet-Gemeinde faszinierte und schließlich zum Erfolgsbuch "Julie and Julia: My Year of Cooking Dangerously" führte.

Nora Ephron erzählt die authentischen Koch- wie Menschen-Geschichten der beiden Frauen in parallel montierten Handlungsfäden nach. Julia Child (die wieder wunderbare Meryl Streep), Gattin eines US-Botschaftsangestellten in Paris, fühlt sich in der französischen Metropole gegen Ende der 40er-Jahre ziemlich leer. Auf langweilige Empfänge und ebensolchen Beschäftigungskursen für Diplomatenfrauen hat die hochgewachsene, schrille wie neugierige Lady keine Lust. Und so beginnt die lebensfrohe, umtriebige Kalifornierin, sich für die einheimische Kochkunst zu interessieren. Und gibt ihrem Leben einen immensen, außerplanmäßigen und zunehmend erfolgreicheren Schwung. Der sie schließlich zur exzentrischen Autorin werden lässt und sogar ins Fernsehen führt, wo sie eine erfolgreiche TV-Kochshow präsentiert: Julia Child revolutioniert(e) die amerikanische Kochkultur.

2002 startet Julie Powell ihr engagiertes Online-Projekt. Und blüht dabei zunehmend auf. Die Herdplatte als Erfüllungsmoment. Plötzlich hat ihr eingefahrenes Leben wieder einen Sinn. Selbst wenn sie dabei - ganz und gar ungern - Hummer töten, Enten entbeinen und glitschige Eier futtern muss. Obwohl sich ihre Lebenswege niemals kreuzen, werden Julia & Julie zu Seelenverwandten, die durch das Kochen neues Selbstbewusstsein tanken. Weil: Beide sind mit einer unbändigen Willens- beziehungsweise Wollenskraft ausgestattet. Während Julia zur spirituellen Mentorin für Julie wird.

Zwei Frauen, zwei Zeitebenen - eine Leidenschaft. Diese Doppelgeschichte funktioniert prächtig, weil die beiden Hauptakteurinnen phantastisch mitspielen. Amy Adams sprüht nur so vor Zweifel, Kessheit, Drang. Ein sympathischer weiblicher Charmebolzen. Und Meryl Streep? Eben noch in Latzhosen Abba-Songs singend ("Mama Mia!"), jetzt bewundernswert als herrlich affektiert auftretende, dabei mit brennender Sopran-Stimme tönende 50er-Jahre-Furie; das ist wieder die ganz hohe Kunst der köstlichen Schauspielerei. Wie sie hier so simpel auftritt, das wirkt natürlich-amüsant, überrumpelnd, verblüffend, herrlich dauer-kicherig - also sehr klug-unterhaltsam. Eine Appetit machende Spitzen-Performance! Denn: Wie sie als Julia Child ihre Landsleute weg von Dosenlebensmitteln, Tiefkühl- und Fertiggerichten wegführt hin zu frischen, geschmackvollen Zutaten, die man mit Spaß und Freude(n) zubereitet, entpuppt sich zunehmend auch als unangestrengte Metapher für eine bessere Lebenseinstellung.

Eine köstliche Interpretation einer einzigartigen Frau. Meryl Streep bleibt spielerisch, also mimisch wie körpersprachlich, der Olymp der Schauspielkunst, ist erneut ein darstellerisches Großereignis. Motto: Einfach zusehen und sich erstklassig bei und mit ihr wohlfühlen. Was für ein Genie! Wenn sie nur den Finger bewegt, die Augenbrauen hochzieht oder zu diesem ungewöhnlichen Sprechton ansetzt, verfällt man ihr. Wobei sie aber auch dem Kerl an ihrer Seite genügend spielerischen Luftraum lässt: Stanley Tucci, mit dem sie ja schon neulich in "Der Teufel trägt Prada" hantierte, hat als ihr Filmgatte genügend spannende Präsentationsflächen und zeigt sich als sympathischer Begleiter und Stichwortgeber. Genuss pur, in jeder kulinarischen Hinsicht, bietet "Julie & Julia". Ein Spitzen-Spaß, in den man allerdings nicht sehr hungrig reingehen sollte…

Filmhomepage: "Julie & Julia"

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