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Tonart | Beitrag vom 11.11.2015

Julia Lezhneva Klänge, die unter die Haut gehen

Von Ulrike Henningsen

(picture alliance / dpa / Zsolt Szigetvary)
Die russische Soporanistin Julia Lezhneva (picture alliance / dpa / Zsolt Szigetvary)

2010 hatte sie ihren internationalen Durchbruch: Da war Julia Lezhneva gerade einmal 20 Jahre jung. Jetzt ist die neue Einspielung "Händel" erschienen. Die Sopranistin zeigt dabei ihre ganze Virtuosität. Mühelos wirbelt sie durch die Koloraturen.

"Ich habe das Gefühl, dass ich alles von Giovanni gelernt habe und davon, ihm beim Arbeiten mit dem Orchester zuzusehen und zu hören. Jedes Mal, wenn ich zum Orchester komme, um mit ihnen zu proben, zu spielen, fühlt es sich vollkommen neu an. Sie spielen so wundervoll - nicht einfach nur perfekt in jedem Detail - sie musizieren so unglaublich inspirierend. Schon allein beim Zuhören ist das großartig. Wenn sie ihre Einleitung zu meinem Stück spielen, bin ich manchmal so fasziniert davon, dass es mir schwerfällt, mit meiner Melodie zu beginnen."

"Jedes Mal ist es auch wieder unterschiedlich. Der Klang hat eine Tiefe, ist immer inspiriert von etwas das einfach in der Luft liegt. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll ... Es ist mehr, als einfach nur Musik zu machen. Das ist wirklich sehr besonders."

Julia Lezhneva und die Musiker von "Il Giardino Armonico" haben geistliche und weltliche Vokalmusik von Georg Friedrich Händel eingespielt. Kantate, Oper, Motette, Oratorium – die Gattungen sind vielfältig. Bis auf den Bonus-Track kommen die Stücke aus einer besonderen Lebensphase des Komponisten. Im Alter von einundzwanzig Jahren ging Händel – wie viele seiner Kollegen damals – nach Italien.

"Für mich ist es eine große Freude, mich mit dieser Periode auseinanderzusetzen, in der Händel zum ersten Mal allein auf Reisen war. Er war etwa so alt wie ich - ich bin nur etwas älter als er damals war, aber ich kann sehr gut verstehen, wie es ihm in dieser Zeit ergangen sein muss. Ich kann mir gut vorstellen, wie es sich für ihn angefühlt haben muss, die Chance zu bekommen, all diese großen Musiker kennenzulernen, und sie live beim Musizieren zu erleben. Das muss ihn ganz unglaublich inspiriert haben. Manche dieser Einflüsse findet man in seinen Arien zum Beispiel in der Arie "Per da pregio" mit der Solovioline. Das klingt nach Corelli-Sound."

Italienischer Einfluss ist unverkennbar

Der italienische Einfluss auf die Musik ist unverkennbar. Und genauso inspiriert wie Händel Anfang des 18. Jahrhunderts wahrscheinlich war, fühlte sich Julia Lezhneva bei der Aufnahme der CD.

"Als Russin bin ich natürlich absolut keine Italienerin, aber wenn ich italienische Musik aufführe, und vor allem, wenn ich das mit italienischen Musikern tue – und dann auch noch in Italien – wir haben das in Cremona aufgenommen einer wundervollen italienischen Stadt – dann ist man so inspiriert."

"Es ist nicht mehr so wichtig, woher du kommst, wenn du die Musik liebst, weil du dann komplett in einer anderen Welt bist. Man ist eingeschlossen in einem kleinen Universum innerhalb dieses Prozesses. Man wird zu einem Instrument, das den Klang mit kreiert - den Klang dieser großartigen Musik, die wir aufführen wollen. Du musst versuchen, während dieses Prozesses ganz deiner Vorstellungskraft zu folgen und deinem Instinkt."

Damit schafft Julia Lezhneva berührende Momente: Arien, in denen die Zeit still zu stehen scheint und Klänge, die unter die Haut gehen. So wie in "Lascia la spina" aus dem Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Desinganno" , dessen Melodie heute besser bekannt ist als Arie "Lascia ch'io pianga" aus der Oper "Rinaldo". Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts untersagte ein päpstlicher Bann Opernaufführungen. Viele Komponisten umgingen diesen, indem sie Oratorien wie Opern anlegten. Im Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Desinganno" wird Belleza, die Schönheit von Piacere, dem Vergnügen dazu verführt den Pfad der Tugend zu verlassen. Auch die Arie "Un pensiero nemico di pace" stammt aus diesem Werk.

Julia Lezhneva zeigt in Arien wie diesen ihre beeindruckende Virtuosität. Scheinbar mühelos wirbelt sie durch die Koloraturen - unabhängig von Tempo und Tonart, ohne dass ihre Interpretation dabei zur Showeinlage wird. Der Umgang mit Artikulation, Phrasierung und Vibrato ist fein und differenziert. Dass die Sängerin dabei von Il Giardino Armonico und Giovanni Antonini so tief inspiriert wird, ist deutlich spürbar und überträgt sich auf beglückende Weise beim Hören.

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