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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.03.2016

Jürgen Flimm über Nikolaus Harnoncourt"Groß und klug und ein bisschen furchteinflößend"

Jürgen Flimm im Gespräch mit Dieter Kassel

Der Dirigent Nikolaus Hanoncourt bei einem Interview in Wien 2014 (dpa / picture alliance / Herbert P. Oczeret)
Der Dirigent Nikolaus Hanoncourt bei einem Interview in Wien 2014 (dpa / picture alliance / Herbert P. Oczeret)

Der Regisseur und Intendant der Berliner Staatsoper, Jürgen Flimm, hat den verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt als "großen Mann" gewürdigt. Er habe ihn sehr verehrt und werde ihn sehr vermissen, sagte Flimm.

Im Deutschlandradio Kultur sagte Flimm, Harnoncourt sei "groß und klug und ein bisschen furchteinflößend" gewesen, als er ihn kennenlernte. Er sei damals, vor über 20 Jahren, auf eine "große Gestalt" getroffen, "die wir alle verehrten". Mit seiner Konzentration auf die historische Aufführungspraxis habe Harnoncourt eine "Revolution" angezettelt.

Er habe sich auf jedes Gespräch mit Harnoncourt gefreut, weil jedes Gespräch voller Leidenschaft gewesen sei, sagte Flimm, der oft dem österreichischen Dirigenten zusammengearbeitet hat. So habe ihm Harnoncourt einmal zwanzig Minuten während einer Pause erklärt, warum es bei Mozart so wenig Trompeteneinsätze gebe. Diese Gespräche werde er "wahnsinnig vermissen", betonte Flimm.


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Einer der berühmtesten und einflussreichsten Dirigenten der Musikgeschichte hat erst im vergangenen Dezember seinen offiziellen Rückzug aus der Öffentlichkeit erklärt: Nikolaus Harnoncourt hat damals mitgeteilt, es fehle ihm die Kraft, weiter als Dirigent zu arbeiten, weiter als Musiker aufzutreten, und in der Tat blieb ihm leider danach nicht mehr viel Zeit.

Am Samstag ist Nikolaus Harnoncourt gestorben, gestern wurde das öffentlich bekannt. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens hat Harnoncourt immer wieder mit dem Regisseur Jürgen Flimm zusammen gearbeitet, in Amsterdam, sehr viel in Zürich, in Salzburg und auch an anderen Orten. Deshalb wollen wir mit Jürgen Flimm, jetzt Intendant der Berliner Staatsoper, jetzt ein paar Erinnerungen teilen an Harnoncourt. Schönen guten Morgen, Herr Flimm!

Jürgen Flimm: Schönen guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Harnoncourt erinnern?

Ein wunderbarer, alter Pfarrhof als Heimstätte

Flimm: Das war bei ihm zu Hause. Er hatte mich angefragt, ob ich mit ihm "Cosi fan tutte" machen wollte in Amsterdam. Ich hatte vorher in Salzburg "Der Bauer als Millionär" von Raimund gemacht, und das hat er gesehen, und das hat ihm so gut gefallen, dass er dachte, mit dem Jungen musst du mal was zu tun kriegen. Dann bin ich zu ihm gefahren, in seinen wunderbaren alten Pfarrhof in Sankt Georgen bei Salzburg, und da saß er dann und war groß und klug, auch ein bisschen furchteinflößend, muss ich sagen.

Kassel: Das klingt – was ich mir bei Ihnen schwer vorstellen kann – das klingt jetzt ein bisschen so, als seien Sie in dem Moment auch ein bisschen eingeschüchtert gewesen.

Flimm: Ja, das war ich auch, weil er damals schon vor 20 Jahren so eine – ach, schon länger her als 20 Jahre – so eine große Gestalt war, die wir alle verehrten, weil er diese Revolution angezettelt hat. Eine völlig neue Betrachtung von der Alten Musik, und dann hat er seine Reise fortgesetzt, und das war dann auch Mozart, und es ging immer weiter: Bruckner, Schubert, Schumann. Er hat dann immer wieder darauf hingewiesen, wie genau man sich mit den Ursprüngen dieser Musik beschäftigen muss, dass man sich nicht auf die Schlamperei der Tradition, der vermeintlichen Tradition einlassen darf.

Kassel: Ein bisschen eingeschüchtert haben Sie schon zugegeben. Nehmen wir es mal sachlicher: sehr, sehr großer Respekt am Anfang bei Ihnen vor diesem Dirigenten. Ist daraus im Laufe dieser sehr, sehr häufigen Zusammenarbeit wirklich eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe geworden?

"Harnoncourt hat mir wahnsinnig imponiert"

Flimm: Na ja, jeder hat seinen Bereich gehabt. Ich kann mich nie auf die Augenhöhe eines Musikers begeben, weil ich da zu wenig von verstehe. Ich bin selber kein Musiker. Ich habe mal dilettiert in Klavierspielen, aber das ist nicht der Rede wert.

Dann ist man natürlich immer erstaunt, wie viel aus der Gegenseite oder aus der freundschaftlichen Seite dann noch herauskommt an Wissen, auch an Wissen, das über die Musik hinausgeht, an kunstgeschichtlichem Wissen. Das war einer der großen Verdienste von Harnoncourt, dass er diese Barockmusik, als er begann in den Fifties, in andere Zusammenhänge gesetzt hat. Es war nicht nur irgendein Gefiedel, sondern er hat gesagt, wo kommt das her, was ist das, wie mag das geklungen haben, sicherlich nicht so wie heute. Das hat mir immer wahnsinnig imponiert.

Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt (Ernst Wukits/AFP)Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt (Ernst Wukits/AFP)

Kassel: Ich erinnere mich da an eine Szene, und das ist wirklich im wörtlichen Sinne eine Szene, aus Ihrer Inszenierung von Henry Purcells "King Arthur" in Salzburg, das war – ich bin da immer so schlecht – 2004, glaube ich, also rund zehn Jahre …

Flimm: Ja, mag sein.

Kassel: Wir sind da beide gleich bei Jahreszahlen! Sagen wir gut zehn Jahre, in Salzburg. Da gab es eine Szene, da treten Pinguine auf die Bühne, also als Pinguine verkleidete Menschen, und im Laufe dieser Szene wird dem Dirigenten Harnoncourt eine Mütze aufgesetzt, eine Pudelmütze. Das heißt, auf eine gewisse Art und Weise wird er dann natürlich Teil der Inszenierung, Ihrer Inszenierung, wurde aber dann in meinen Augen doch nicht, weil er völlig ungerührt einfach weiterdirigiert.

Nach der Pinguinszene kam das Liebeslied

Flimm: Ja, diese Pinguinszene spielt im Winter, und dann kommt ein großer Liebessong, und dann wird der Winter weggesungen, und dann ist die Liebe da. Ich habe dann gesagt, ich meine, ihr müsst doch auf frieren da, die Musiker von seinem Concentus. Das geht ja nicht, da haben wir denen Schals verteilt und Mützen verteilt, und die haben dann freudig mitgemacht.

Nikolaus war für solche Scherze immer sehr, sehr zugänglich. Er hat dann, als dieses große Liebeslied kam, die Mütze auch wieder ausgezogen. Natürlich, was soll er machen, er muss ja dirigieren! Da kann er sich nicht mit der Mütze beschäftigen! Wir haben auch mal gemacht, dass er in einer Uniform eines französischen Militärmusikers dirigiert hat und ähnliche Sachen. Also da war er immer dabei.

Kassel: Das heißt aber auch so ein bisschen, vorhin haben Sie gesagt, jeder spielt da seine Rolle, jeder hat seine Aufgabe, Sie inszenieren, er dirigiert, ist für die Musik zuständig. Ganz so ist es doch sicherlich nicht gewesen, Sie haben sich sicher bei den Vorbereitungen auch sozusagen gegenseitig ein bisschen ins Handwerk gegriffen, sage ich mal.

"Ich habe viel gelernt von ihm"

Flimm: Ja, ja, ich war oft dann da draußen und habe viel mit ihm gearbeitet an Partituren, und er hat mir dann Sachen gezeigt, gesagt, hier, siehst du, das war bisher immer falsch gespielt worden, und dann habe ich viel gelernt. Dann haben wir natürlich auch über die szenische Realisation gesprochen, auch sehr lange und sehr intensiv immer, und er hat auch seine Meinungen dazugegeben.

Auch in den Proben, wenn ich dann gearbeitet habe und er saß dabei, hat er manches Mal gesagt … Ich habe gesagt, na, wie gefällt es dir denn. Hat er gesagt, das kannst du besser! Habe ich gesagt, aber was kann ich besser, sage mir, was ich besser kann! Da sagt er, das weiß ich nicht! Ich weiß nur, dass du es besser kannst! Und so gab es dann solche wirklich sehr lustigen und schönen Situationen.

Kassel: Hatte er meistens recht, konnten Sie es am Ende besser?

Flimm: Er hatte immer recht! Das war das Unangenehme an der Sache! Er hatte wirklich immer, immer recht!

Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper, zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper, zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Kassel: Zum Schluss: Es wird jetzt ganz viel darüber geschrieben und geredet, was wir musikalisch vermissen werden nach dem Tod von Harnoncourt. Ich möchte Sie deshalb lieber fragen, Herr Flimm, was werden Sie jetzt, wo er jetzt von uns gegangen ist, menschlich am meisten vermissen?

Jedes Gespräch war voller Leidenschaft

Flimm: Das ist ganz schwer zu sagen, weil … Das war ein ganz großer Mann, und ich war mit ihm über die Jahre dann doch sehr befreundet und habe mich immer über jedes Gespräch mit ihm gefreut, weil jedes Gespräch voller Leidenschaft war für die Musik, also für das, was sein Leben auf eine Weise erfüllt hat, wie man es sich kaum vorstellen kann.

Wenn man in seinen Pfarrhof reinkam, da war ein großer Raum, und das war seine Schreinerei, und da hat er dann früher als junger Mann auch seine Instrumente nachgebaut. Also die Musik war das Zentrum, er war im Zentrum, und das war sein Zentrum.

Diese Gespräche, die man dann hatte, die werde ich wahnsinnig vermissen, muss ich sagen, das war immer ganz toll. Er war jedes Mal eine Bereicherung, ich habe jedes Mal von ihm gelernt. Auch in den Pausen der Proben habe ich ihn dann ausgefragt, und dann hatte er bereitwillig und fröhlich Antwort gegeben. Die Frage, warum gibt es bei Mozart so wenig Trompeteneinsatz – das war eine Frage, die mich immer interessiert hat –, und dann hat er geredet, und die 20 Minuten der Pause waren dann für mich eine völlig erfüllte musikalische Nachhilfestunde oder Vorhilfestunde. Also er wird mir wahnsinnig fehlen, muss ich sagen.

Kassel: Nicht nur Ihnen sicherlich, aber ich danke Ihnen sehr, dass Sie das alles mit uns geteilt haben. Jürgen Flimm war das, Intendant der Berliner Staatsoper und Regisseur, der oft mit Nikolaus Harnoncourt zusammengearbeitet hat. Ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Flimm: Bitte schön, gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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