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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.12.2015

Jüdisch-muslimisches Projekt Modedesign und Synagogenführung

Von Igal Avidan

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, Berlin. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
In der Neuen Synagoge in Berlin bietet Rabbiner Daniel Alper Führungen an (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Jüdische Freiwillige bieten im Rahmen eines Berliner Begegnungsprojektes muslimischen Kindern kostenlos Bildungsaktivitäten an – und bekämpfen nebenbei antijüdische Vorurteile.

Ein unscheinbares Wohnhaus im Berliner Problemkiez Rollberg im Stadtteil Nord-Neukölln. 80 Prozent der Jugendlichen hier sind Kinder von Migranten, die meisten Muslime. An der Eingangstür klebt ein Flyer des Vereins "Shalom Rollberg" mit dessen Credo: "Wir glauben an ein friedliches Miteinander!" Daneben hängt ein Zeitungsartikel mit dem Titel "Islam – was ist das?"

Die Verbindung zwischen dem hebräischen Grußwort "Shalom" und dem Islam stellt die Israelin Hagar Levin her. Vor drei Jahren kam sie zum Neuköllner Förderverein "Morus 14" als Freiwillige eines deutsch-israelischen Austauschprogramms. Seit seiner Gründung 2003 engagierte der Verein deutsche Ehrenamtliche. Vereinsvorsitzende Marianne Johannsen wollte aber mit einer Ausländerin dem verschlossenen Kiez "die Vielfältigkeit des Lebens bringen", wie sie sagt. Aber ausgerechnet eine Israelin?

"Es war uns klar: Wir wollten jemand haben aus dem Ausland, weil das ist das Problem dieser Kinder hier überhaupt. Die sind ja, auch wenn sie in Berlin geboren sind, noch gar nicht aus ihrem Kiez gekommen."

Für Hagar Levin war die Begegnung mit den Kindern und ihren Eltern ebenfalls eine Begegnung mit einer anderen Welt:

"Also ich habe Nahost an der Uni studiert, also Geschichte... aber niemals mit Leuten gesprochen, nur in Büchern so gelesen – über Irak, über Syrien, über Ägypten. Und hier in Berlin-Neukölln habe ich Leute aus dem Nahen Osten getroffen."

Kostenlose Bildungsaktivitäten

Die Tochter einer irakischstämmigen Mutter und eines deutschstämmigen Vaters wurde anfangs mit antijüdischen Vorurteilen konfrontiert.

"'Jude' ist zum Beispiel ein Schimpfwort in der Schule... In ‚Morus' hören wir das nicht so oft. Es gibt ganz viele Familien, die am Anfang mit mir gar nicht gesprochen haben. Zum Beispiel, viele Kinder, es war sehr schwer für sie zu glauben, dass ich jüdisch bin. Sie haben gesagt, ‚Wirklich? Bist Du sicher, dass Du Jüdin bist? Das war so, dass sie nicht glaubten, dass Juden wie ganz normale Personen aussehen."

Levin und Duhem von Shalom Rollberg. (Deutschlandradio / Igal Avidan)Levin und Duhem von Shalom Rollberg. (Deutschlandradio / Igal Avidan)

Während ihres Praktikums unterrichtete Hagar Levin Englisch und koordinierte die Arbeit der über 100 Freiwilligen, die jeweils einem Kind bei den Hausaufgaben helfen, ihm zugleich ein Vorbild sind und ein Fenster zur Welt öffnen. Vereinsvorsitzende Marianne Johannsen:

"Und nachdem Hagar hier angekommen war, etwas ein Vierteljahr später hat ein palästinensischer Vater sich bei Hagar bedankt dafür, dass sie seinem Sohn Englisch-Unterricht gibt. Und was kann schöner sein als so ein Erlebnis? Und das ist Integration!"

Allmählich gewann Hagar Levin durch ihr ansteckendes Lächeln und ihre Offenheit das Vertrauen derjenigen Eltern, für die die Bildung ihrer Kinder an erster Stelle steht. Denn am Ende ihres Praktikums gründete sie für den Verein Morus14 das Projekt "Shalom Rollberg". Dieses ermöglicht muslimischen Kindern Begegnungen mit Juden, die ihnen kostenlos Bildungsaktivitäten anbieten. Inzwischen hat Hagar Levin fünf ehrenamtliche jüdische Mitstreiter gewonnen, die insgesamt 130 Kinder betreuen.

"Englischgruppe, Kunstgruppe, Theatergruppe, Sportgruppe und Modedesignkurs: Die Modedesigngruppe ist von einer israelischen Modedesignerin geleitet und in der Gruppe sind junge Mädchen – die Familien kommen aus dem Libanon, aus Algerien, aus Marokko, aus der Türkei...."

Gefahr der Radikalisierung stets vor Augen

Die 14-jährige Sara el-Jaziri ist seit fünf Jahren hier. Ihre Mutter kommt aus Syrien, ihr Vater aus dem Irak.

"Es gefällt mir dort... Ich habe Nachhilfeunterricht und ich gehe in eine Englischgruppe. Mir ist das sehr wichtig und höchstwahrscheinlich auch anderen Kindern, die Hilfe brauchen und das vielleicht nicht wirklich finanzieren können."

Sara el-Jaziri, die ein Kopftuch trägt, ist von der Israelin Hagar Levin begeistert:

"Sehr nett, eine sehr tolle Schülerhelferin!"

Gilles Duhem, Mitbegründer und Geschäftsführer des Fördervereins "Morus14", hat die Gefahr der Radikalisierung junger Muslime stets vor Augen. Der gebürtige Franzose pendelt ständig zwischen Berlin und Paris, wo er eine Woche im Monat arbeitet, um über die Runden zu kommen. Nur wenige Stunden vor den Terroranschlägen besuchte er seinen Vater, der nur 600 Meter vom Konzertsaal Bataclan entfernt wohnt.

"Ich denke, wenn ich Opfer eines Anschlags bin, kurz bevor ich sterbe, werde ich denken: Ich habe nicht nur diskutiert, ich habe es versucht, ich habe was getan."

Zum Beispiel die Kinder im Rollbergkiez vor Islamisten zu warnen, sie von der Straße zu holen und durch regelmäßige Führungen mit Rabbiner Daniel Alper in der Neuen Synagoge der antisemitischen Propaganda entgegen zu wirken.

Das Projekt ist finanziell akut gefährdet

Hagar Levin: "Jugendliche erzählen uns, dass sie sind auf der Straße angesprochen von verschiedenen Gruppen... Islamisten, die zum Beispiel eine Facebook-Seite haben und sie zeigen das den Kindern und machen Fotos mit ihnen. Unsere Freiwilligen versuchen immer zusammen mit den Kindern zu lesen und darüber zu sprechen, wie viele Dinge da... gegen Juden, gegen Schwulen zum Beispiel."

Aber die gute Arbeit des Vereins und besonders das jüdisch-muslimische Projekt sind finanziell akut gefährdet. Geld vom Bezirk Neukölln, von der Stadt Berlin oder vom Staat erhält er nicht. Duhem:

"Geld will keiner geben. Alle finden das ganz toll; keiner will zahlen! Und der Staat noch am allerwenigsten. Also, wir sind total darauf angewiesen, dass Stiftungen, private Menschen, von denen wir Gott sei Dank eine ganze Menge haben, Vermietungen unseres Gemeinschaftshauses an Privatpersonen , dass es uns bisher ermöglicht hat, immer einigermaßen über die Runden zu kommen. Aber unser Projekt ist alle vier, fünf Monate akut bedroht! Und es ist unklar, ob es uns noch im März gibt! Und das interessiert niemand."

Auf der Webseite des Vereins Morus 14 finden sich mehr Informationen zum Projekt Shalom Rollberg.

 

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