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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.03.2009

Journalist: Wir haben viel "vermasselt"

Beque Cufaj zieht zehn Jahre nach dem Kosovo-Krieg Bilanz

Beque Cufaj im Gespräch mit Britta Bürger

Kosovaren zeigen im Februar 2008 in Pristina die neue Nationalfahne des Kosovo. (AP)
Kosovaren zeigen im Februar 2008 in Pristina die neue Nationalfahne des Kosovo. (AP)

Was die Sicherheit anbetrifft, sei sehr viel erreicht worden, räumt Beque Cufaj, deutscher Journalist mit kosovarischen Wurzeln, über die Situation im Kosovo ein. Dass der erhoffte Aufschwung auch ein Jahr nach der Unabhängigkeit ausbleibe, läge an Fehlern sowohl des Kosovo als auch der internationalen Gemeinschaft.

Britta Bürger: Wie geht es dem Kosovo heute – zehn Jahre nach Kriegsbeginn und ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung von Serbien? Wie leben die Menschen heute - miteinander, nebeneinander oder kämpfen sie im Alltag auch weiterhin gegeneinander. Darüber habe ich vor der Sendung mit dem Schriftsteller und Journalisten Beqe Cufaj besprochen. Er hat in der Hauptstadt Pristina albanische Literatur- und Sprachwissenschaft studiert und lebt seit 1995 in Deutschland, hat den Krieg also von hier aus verfolgt. Er hat ihn schreibend analysiert und sich in den Nachkriegsjahren intensiv für den Wiederaufbau des Kosovo engagiert. Ich habe mit Beqe Cufaj in Stuttgart gesprochen.

Beqe Cufaj: Guten Tag nach Berlin!

Bürger: Heute vor zehn Jahren haben die Luftangriffe der NATO begonnen. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Cufaj: Es sind tatsächlich zehn Jahre vergangen, und man kann nicht sagen, dass da nicht die Emotionen genau heute hochkommen. Ich antworte ganz direkt: mit großer Sorge, aber auch mit Erleichterung, so habe ich damals die NATO-Angriffe erlebt. Ich hatte natürlich den Vorteil, dass ich von hier aus das beobachten konnte, aber mit großer Sorge, weil ich auch von Familien, Verwandten bis zu Freunden – und wenn ich Freund sage, dann meine ich nicht nur kosovarische Freunde, sondern auch serbische Freunde, die in Belgrad natürlich waren. Und der Vorteil lag auch daran, dass ich das durchs Schreiben irgendwie doch aufgearbeitet habe. Wenn ich zehn Jahre danach schaue, das, was man Nachkriegszeit nennen muss, doch nicht so schnell vorangekommen ist in diesem Bereich von Wiederaufbau und vom Leben, vom Leben miteinander. Heute haben wir die Lage, dass es doch nebeneinander gelebt wird.

Bürger: Direkt nach dem Krieg haben Sie gesagt, das Kosovo wird nun unter dem Schutz der Friedenstruppen zu sich selbst finden. Was ist davon geschehen?

Cufaj: Kosovo hat zu sich selbst gefunden, vor einem Jahr ist die Unabhängigkeit erklärt worden, und die ist auch anerkannt worden von den meisten EU-Staaten und von Amerika. 1999 waren fast eine Million Menschen vertrieben worden von Militärs und vor allem Paramilitärs von Belgrad aus. Was ich allerdings betonen muss, ist, dass wir von diesem Nachkriegsleben auch viel vermasselt haben. Und zwar, wenn ich vermasselt sage, dann meine ich das auch vom kosovarischen, aber auch von dem internationalen Engagement her, dass es doch nicht einen sehr schnellen Aufschwung gegeben hat. Im militärischen Bereich Sicherheitsaspekte ist doch viel erreicht worden. Wo es allerdings hakt, ist wirklich in diesem Verwaltungsbereich, wo sehr viel Arbeit nötig ist.

Bürger: Lassen Sie uns noch mal direkt auf das Leben – das Nachkriegsleben haben Sie es ja eben genannt – zurückkommen. Wie wird der Krieg, wie werden die Traumata des Krieges überhaupt aufgearbeitet?

Cufaj: Das ist schwer zu sagen. Ich meine, die Tatsache, dass das westliche Engagement und vor allem dieser militärischer Aspekt damals eine Art von Trauma sogar selbst für die Europäer war und vor allem für Deutschland, spricht ja dafür, dass man da wirklich nachdenken muss, inwieweit man sich engagieren soll. Aber, wie gesagt am Anfang des Gesprächs, es war notwendig. Das hat ein Habermas damals eine "humanitäre Intervention" genannt. Es gab auch Ressentiments, und es gibt immer noch diese Ressentiments, nicht nur von dem deutschen, sondern vom gesamteuropäischen Flügel sozusagen, dass das ein Verständnis gegen das Völkerrecht war.

Bürger: Aber innerhalb der Gesellschaft?

Cufaj: Wissen Sie, im Kosovo selbst heute gibt es drei bis vier internationale Facetten, internationale Engagements. Es gibt die UNO, es gibt die EU, es gibt die OSZE und es gibt die NATO. Und ich brauche Ihnen gar nicht zu sagen, der beliebteste Bereich von diesem internationalen Engagement ist natürlich die NATO. Und die wird auch bleiben, weil die NATO hat ja damals dafür gesorgt, dass fast eine Million Menschen innerhalb von drei Monaten zurückgekehrt sind in ihre Heimat, obwohl sie zerstört war. Und das ist, wenn man es von der anderen Seite, jetzt von dieser, unserer gesellschaftlichen Seite sieht, ist fast ein Wunder.

Bürger: Sie haben vorhin gesagt, die Menschen leben heute im Nachkriegsland Kosovo, der Republik Kosovo, doch eher nebeneinander. Was meinen Sie damit, was vermissen Sie?

Cufaj: Das sind die Wunden vom Krieg. Ich meine, ich brauche Ihnen gar nicht zu erzählen, wie es manchmal schief zwischen Deutschland und Polen geht. Und genauso ist es auch auf dem Balkan. Natürlich ist das Ausmaß des Konfliktes nicht vergleichbar mit dem, was im Zweiten Weltkrieg hier in diesem Teil Europas passiert ist, aber andererseits muss man doch sagen, dass die Konflikte da erst seit zehn Jahren, militärisch zumindest, geschrumpft worden sind, dass die Lage entschärft worden ist und dass die Wunden aber doch da sind. Und die Wunden nutzen vor allem die Politiker heutzutage, um zu überleben. Natürlich weiß zum Beispiel Belgrad, dass Kosovo für immer und ewig verloren ist, aber da es dort zum Beispiel eine Krise gibt, braucht man ein wenig Mitrovica, geteilte Stadt, um Konflikte zu schüren, um dortige Serben ein wenig zu schüren, um mit diesen ethnischen, interethnischen Spannungen weiterzumachen. Und genauso ist es auch in Pristina bei der Kosovo-Regierung, die natürlich dann auch ein wenig ihre extremistischen Kräfte vorantreibt, um die desolate, katastrophale Wirtschaftslage zu verstecken. Jetzt, zehn Jahre danach, stelle ich mir natürlich die Frage: Wie war es eigentlich in Westeuropa 1955? Es war genauso schlimm, es gab genauso Schattenwirtschaft. Aber – und das ist der Riesenunterschied – es gab auch einen Funken von Hoffnung, dass es vorangeht. Und diese Zeichen fehlen auf dem Balkan. Das heißt, es gibt nicht diese Art von Frankreich-Deutschland-Annäherungsversuche. Und da habe ich den Eindruck, dass der Westen versagt, dass die Politiker gezwungen werden müssen, die politischen Klassen in Serbien, im Kosovo, in Bosnien, gezwungen werden müssen, das tatsächliche Modell vom Europa 1955 zu übernehmen.

Bürger: Heute vor zehn Jahren hat der Kosovo-Krieg begonnen, vor einem Jahr ist die Republik Kosovo unabhängig geworden. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Schriftsteller und Journalisten Beqe Cufaj. Das Kosovo hat ja mittlerweile eine extrem junge Bevölkerung. Was für ein Selbstverständnis haben die jungen Kosovaren? Ist das eine Generation, die den Aufbau des Landes aktiv betreibt?

Cufaj: Ich würde das nicht behaupten, aus einem einfachen Grund: Es hat neun Jahre lang gedauert mit der UNO-Verwaltung, und die haben nicht so viel geleistet. Die zwei Bereiche, wo die UNO total versagt hat im Kosovo, sind die Justiz- und die Wirtschaftsbereiche. Die Tatsache, dass wir es mit der höchsten Natalitätsrate in Europa und mit dem ärmsten Staat Europas zu tun haben, spricht ja dafür, dass die Leute dort eigentlich, nach der Unabhängigkeit vor allem, keine großen Hoffnungen haben. Und die Statistiken sprechen dafür, dass viele von diesen Leuten ihre Zukunft im Ausland und vor allem in Westeuropa sehen. In dem Bereich also fehlt mir sehr viel auch westliche Klugheit, dass man die Politiker zwingt, dass dort wirklich die Perspektive für die Jugend vor allem vorankommt, weil das ist natürlich eine Masse, die sehr, sehr gefährlich sein kann für die Zukunft.

Bürger: Sie sind, Herr Cufaj, unter anderem Vorsitzender der Europäischen Initiative Kosovo, einer Gruppe von Exilanten, die in Pristina zum Beispiel eine europäische Bibliothek aufgebaut haben, eine Zeitschrift gegründet haben, mit dem Ziel, das Land auch intellektuell aufzubauen. Und Sie haben versucht, positive Erfahrungen, die Sie in Deutschland gemacht haben, im Kosovo einzubringen, Stichwort Bürgerbeteiligung oder auch Kampf gegen Korruption. Sind Sie dort eigentlich eher auf Mauern oder auch auf offene Türen gestoßen?

Cufaj: Da stößt man überall auf Freundlichkeit, aber da sieht man, dass es dort irgendwie an allem fehlt, und da muss man sich manchmal fragen, wenn man Bücher dorthin schickt und es gibt hungrige junge Männer und Studentinnen und Studenten, die großes Interesse haben, da muss man sich natürlich fragen, ob es sich lohnt, wenn du gleichzeitig siehst, dass es dort auch andere Nöte gibt. Aber im Prinzip ist das Echo sehr groß und es fehlt an so was. Also an was es fehlt, vor allem in diesem gesellschaftlichen Bereich, ist, dass es nicht diese neue Mentalität gibt. Die Tatsache, dass ein Steuerzahler dort seine Steuern nicht regelmäßig bezahlt, die Stromrechnungen nicht regelmäßig bezahlt, spricht dafür, dass diese Leute eigentlich noch nicht dieses Staatsbewusstsein haben. Und das ist zu erklären natürlich mit der Tatsache, dass der Staat als solcher immer der Feind war. Das war der serbische Staat, und dann kam der UN-Mixstaat, der natürlich viel chaotisch war. Und jetzt kommt der kosovarische Staat, der Kosovo-Staat, und die Leute brauchen diesen Wechsel. Meiner Meinung nach braucht man doch noch ein paar Jahre, bis es zu diesem Mentalitätswechsel kommt.

Bürger: Heute vor zehn Jahren begann der Kosovo-Krieg. Seit einem Jahr ist Kosovo unabhängig. Doch der Schriftsteller und Journalist Beqe Cufaj vermisst einen Mentalitätswechsel der Bevölkerung. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Cufaj.

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