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Fazit | Beitrag vom 22.02.2017

John Bock in der Berlinischen Galerie"Das Scheitern ist eine unterbewertete Sichtweise"

Von Simone Reber

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John Bock in seiner Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
John Bock in seiner Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Ausgestopfte Socken, zerbrochene Eierschalen, Knetpuppen, Viehtränken, Fischgräten: John Bocks Ausstellung "Im Moloch der Wesenspräsenz" lädt ein zum Flanieren durch einen Chaos-Kosmos. Am Ende sind alle Sinne wach.

Rechts dreht sich ein Topflappen über einem schwarzen Lederstiefel. Links liegt eine Steinskulptur am Boden mit dem Kopf in einem Pappkarton. Kaum haben die Besucher die Ausstellungshalle betreten, werden sie verschlungen von John Bocks Chaos-Kosmos aus Splatter-Movies und grotesk verzerrten Mythen.

An einem kleinen Kiosk sollen Toast Hawaii mit Schmelzkäse überbacken werden, die Mahlzeit kultivierter Spießigkeit. Mit seiner Haartolle und dem schwarz-weißen Hemd sieht der Künstler aus wie ein Country-Sänger. Viel zu nett, um unheimliche Geschöpfe zu erschaffen, wie die Triebkreatur.

"Dieser Vorhang wird nur manchmal geöffnet für eine halbe Sekunde und dann sieht man diese Triebkreatur darum molcheln. Da in der Ecke ist sie jetzt. Sie ist sehr dunkel, sehr beharrt und schwarz. Das Thema dieser Ausstellung ist Freakshow, man flaniert hier durch und an jeder Ecke passiert etwas, eine überbordende Handlung und Aktion und Sprache und Schlagzeug spielt da. Und alles wird fragmentarisch wahrgenommen, und man flaniert und vergisst sich in dem Übermaß und verliert sich als Person und wird in dieser Masse aufgenommen und durchgespült und das ist ganz schön mit einem Toast in der Hand, oder?"

"Der Moloch wurde dunkler und matschiger"

Rational betrachtet zeigt John Bock Installationen und Filmarbeiten aus den letzten zehn Jahren mit den dazu gehörigen Requisiten. Chronologisch lässt sich dieses Künstleruniversum allerdings nicht lesen, man muss eintauchen in den Moloch und ihn körperlich erfahren.

"Moloch ist eigentlich der Raum, der dunkle Raum, entweder steigst Du auf aus dieser Gruft und strebst Richtung Licht, Richtung Wesenspräsenz und versuchst, da Dein Heil zu finden, oder Du gräbst Dich noch tiefer rein und Du baust vielleicht noch ein Moloch und noch ein Moloch und so baust Du Dir ein kleines Stadtsystem wie so ein Untergrundsystem und eröffnest da eine neue Gesellschaft, z.B. eine Ur-Ultra-Used-Society."

"Hat sich der Moloch verändert im Lauf der zehn Jahre?"

"Oh ja, er wurde dunkler und matschiger, aber dadurch auch verwinkelter oder amorph verwinkelter. Es wirkt sich auf so eine Art Murmeln aus. Ich glaube das Murmeln verstärkt sich in einem Moloch, das Erotische, zwischen Lippe und Ohr, das Zuflüstern, da entsteht eine Erotik, wenn sich der Mund dem Ohr nähert. Auch noch der Klang der Sprache verändert sich, weil das Murmeln einige Wörter verschluckt oder man hört es nicht. Und die Zunge kann sich wirklich zu einem Bajonett stülpen."

Mit seiner wundervollen Ausstellung "Im Moloch der Wesenspräsenz" packt John Bock die Besucher bei ihren Eingeweiden, und das häufig im Wortsinn. In einem Auto, dem die Kühlerhaube abgesägt wurde, hängt eine Kette mit Würsten wie Gedärm.

Noch mitten im Aufbau für die Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Noch mitten im Aufbau für die Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

John Bock ist der frohgemute Erbe des französischen Dramatikers Antonin Artaud mit seinem Theater der Grausamkeit und des amerikanischen Performers Paul McCarthy mit seiner Kunst der Körperlichkeit.

"Es gibt die Innerei und Außerei. Die Außerei ist die Gesellschaft und die Innerei hat man in sich. Und die Haut über der Innerei ist halt der Mensch und das ist das Thema, wie sich das kleine Wesen in dieser Gesellschaft herummüht oder herumwurschtelt und da seine Ideale oder Ziele oder Lusteinheiten abholt, also auch das Scheitern und das Schwächeln."

"Aber warum soll ich mir das Scheitern abholen?"

"Das Scheitern? Ah ja, das ist eine gute Frage. Das Scheitern ist irgendwie eine unterbewertete Sichtweise. Keiner will Scheitern, jeder scheitert. Jeder covert es, aber Scheitern hat eine ästhetische Qualität. Jeder gute Schauspieler scheitert und ist super. Wenn Du live auftrittst und Du machst einen Fehler, freut sich das Publikum, nicht wegen der Schadenfreude, sondern sie sehen, wow, der macht auch Fehler, wir gehören zusammen."

"Durchs Chaos flanierend hat sich das Denken neu geordnet"

John Bocks Moloch ist eine Aufmerksamkeitsmaschinerie. Mal werden die Sinne zart angestupst durch das winzige Geräusch einer Plastiktüte, die sich gequält dreht. Mal werden die Nerven grell gezerrt. Aber die ausgestopften Socken, zerbrochenen Eierschalen, Knetpuppen, Viehtränken, Fischgräten lassen immer auch ein kleines Stückchen der menschlichen Gestalt erkennen. Am Ende des Rundgangs sind alle Sinne wach. Durchs Chaos flanierend hat sich das Denken neu geordnet.

"Das Flanieren ist immer gut, wenn man flaniert und sich treiben lässt und die Sonne einem ins Molkeminmind grinst und dann spuckt so ein bisschen das Mainbraindrain Elastizitäten aus, dann landet das oft so in Frühlingsgefühle. Man hat auch leichte Gedanken, dann schätzt man wirklich eine Eierschale und eine Socke."

So wirkt der Weg durchs Gedärm erstaunlich erfrischend. Denn John Bocks "Moloch der Wesenspräsenz" vermittelt die schwierigste Kunst und den größten Spaß. Am Ende kann jeder über sich selbst lachen.

Info: Die Ausstellung "Im Moloch der Wesenspräsenz" von John Bock ist vom 24.02. bis 21.08.2017 in der Berlinischen Galerie zu sehen.


Unser Kollege Korbinian Frenzel hat John Bock beim Aufbau seiner Ausstellung in der Berlinischen Galerie besucht. Sehen Sie hier ein paar Impressionen:

John Bock from Deutschlandradio Kultur on Vimeo.

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