Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
 

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.09.2014

Johanneum HomburgMissbrauchsopfer beklagen mangelnde Aufarbeitung

Für den Orden und die Schule ist das Thema offenbar erledigt

Von Tonia Koch

Bernd Held von der Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg, aufgenommen am Freitag (27.01.2012) während einer Pressekonferenz. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)
Bernd Held von der Initiative Ehemaliger kritisiert, dass die Verantwortlichen des Ordens den Missbrauchsskandal aussitzen. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)

Ab Mitte der 70er-Jahre wurden im Internat des Homburger Johanneums Schüler missbraucht. Zwei geständige Patres konnten wegen Verjährung nicht mehr belangt werden. Die Opfer beklagen, dass Orden und Schule sich nicht mehr mit dem Thema beschäftigen wollen.

Vor gut einem Jahr ist eine Mediation zwischen den Hiltruper Missionaren und der Initiative Ehemaliger des Johanneums im saarländischen Homburg gescheitert. Seitdem ist es ruhig geworden um die öffentlich gewordenen Missbrauchsfälle. Und seitdem habe sich für die Betroffenen nichts zum Besseren gewendet, sagt der Sprecher der Initiative Bernd Held:

"Es ist gar nix passiert, gar nix. Ich habe lediglich den Eindruck, dass die Verantwortlichen des Ordens sich jetzt wieder zurücklehnen und denken: Hm, hat doch funktioniert. Weil, für sie ist das Thema erledigt."

Die Verbrechen an den Schülern sind ab Mitte der 1970er-Jahre im inzwischen geschlossenen Internat des Gymnasiums begangen worden. Zwei nach öffentlichem Druck schließlich geständige Patres, konnten strafrechtlich nicht mehr belangt werden, weil ihre Taten verjährt waren. Die Leitung der Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu hatte lange gebraucht, hinter den Brüdern aus den eigenen Reihen auch die Täter zu sehen. Schließlich verständigte sich der Orden auf die Sprachregelung, dass die Übergriffe von zwei Einzeltätern begangen und zu verantworten seien.

Kein Thema mehr, signalisiert die Ordensleitung der Hiltruper in einer E-Mail, Zitat:

"Die Missbrauchsfälle am Johanneum sind, soweit es die Seite des Ordens angeht, aufgearbeitet."

Die Opfer fordern intensivere Aufarbeitung

Das sehen die Betroffenen ganz anders. Noch einmal Bernd Held:

"Aus meiner Sicht bedeutet Aufarbeitung, dass ich als Orden nachforsche, wie konnte das passieren. Ich muss dazu stehen, dass in meiner Institution das passiert ist und muss dann gucken, warum konnte das so systemisch, so groß angelegt passieren und warum ist das angeblich niemandem aufgefallen. Aber das wird ja nicht gemacht. Sie gehen einfach davon aus, es meldet sich ein Betroffener, er macht das plausibel, er stellt diesen Antrag, er kriegt das Geld, Fall erledigt, aufgearbeitet. Das ist keine Aufarbeitung."

Die von der katholischen Kirche verabschiedeten Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsopfern setzt der Orden um. An der vom Trierer Bischof Ackermann in Auftrag gegeben Ursachenforschung beteiligen sich die Hiltruper Missionare jedoch nicht Sie sind damit in guter Gesellschaft mit andern Ordensgemeinschaften. Bernd Held hat nichts anderes erwartet:

"Es hat mich wütend gemacht, dass sie das Thema als erledigt ansehen. Ich finde es beschämend, sie haben sich da billig frei gekauft. Enttäuschen können diese Leute mich nicht, das können die gar nicht mehr, weil, enttäuscht kann man nur sein, wenn man Hoffnung hat. Aber bei denen habe ich keine Hoffnung, dass sie sich irgendwann noch einmal besinnen. Denen ist nicht daran gelegen, das Ganze aufzuarbeiten, da würde zu viel in die Öffentlichkeit gelangen und dieses Aussitzen hat lange funktioniert und für die restlichen Jahre - so ihre Hoffnung - wird es auch noch funktionieren."

Keine Stellungnahme des Rektors

Neben dem Orden muss auch die Schule mit dem, was geschehen ist, umgehen. Doch sie stellt sich taub. Der Rektor des Homburger Johanneums antwortet weder auf mündlich noch auf schriftlich gestellte Anfragen. Auch der Schulverein lehnt ein Gespräch ohne jegliche Begründung ab. In einer E-Mail heißt es, Zitat:

"Wie im letzten Jahr möchte ich, auch in Absprache mit den Mitgliedern des geschäftsführenden Vorstandes des Johanneum Schulverein und Freundeskreis e. V., kein Interview geben."

Die Sprachlosigkeit der Schule und ihrer Gliederungen löst bei Thomas Sartingen ein Achselzucken aus. Sartingen betreut im Bistum Speyer unter anderem die Schulen. Das Bistum unterstützt das katholische Gymnasium in Homburg jährlich mit einer halben Million Euro. Bischof Karl-Heinz Wiesemann sei jedoch nicht in der Position, der Schule Offenheit zu verordnen. Allerdings dürfe aus dem Schweigen der Schulverantwortlichen nicht der Schluss gezogen werden, das Johanneum tabuisiere das Thema Missbrauch, argumentiert Sartingen:

"Die Schule sucht das Gespräch mit denen, die neu dahin kommen, um sie auf dieses Stück Geschichte aufmerksam zu machen und um als Konsequenz ganz deutlich zu sagen, wir haben Verantwortung für Kinder und Jugendliche und qualifizieren unser Personal entsprechend. Stichwort Präventionsordnung und Präventionsschulung. Von daher glaube ich schon, dass die Schule zu ihrer Geschichte steht und dass sie die Verantwortung wahrnimmt, nämlich zu sagen, wir müssen gucken, dass so etwas nicht mehr stattfindet."

Das Homburger Johanneum sei eine der ersten Schulen im Bistum gewesen, die sich offen gezeigt hätten für Präventionsmaßnahmen. Aber, die alleinige Konzentration auf das Hier und Jetzt reicht den Betroffenen nicht. Bernd Held:

"Prävention ist ganz wichtig, aber es ist nicht das einzig Wichtige. Man muss auch an die denken, denen es damals passiert ist, die darf man nicht aus dem Blick verlieren."

Das Thema wird auf der Schulhomepage ausgespart

Es mangelt an sichtbaren Zeichen. Anlässlich der 50-Jahrfeier des Johanneums vor ein paar Monaten, habe der Speyrer Bischof selbstverständlich das Thema Missbrauch angesprochen, versichert Sartingen. In der Zusammenfassung der Ereignisse, die auf der Homepage der Schule nachzulesen sind, wird das Thema jedoch ausgespart. Ob bewusst oder unbewusst, lässt sich nicht klären. Wie auch immer. Nach Angaben des saarländischen Kultusministeriums sind die Anmeldezahlen in diesem Jahr in die Höhe geschnellt. Darin spiegele sich Wertschätzung für die Arbeit der Schule wider, glaubt Sartingen:

"Die Schule macht einen guten Job."

Vertreter des Ordens sind auch nach wie vor im Schulbetrieb eingegliedert. In der Ausgabe März/April der Hiltruper Hefte, einer Publikation des Ordens, schildert die Ordensleitung, Pater Martin Kleer, das augenblickliche Engagement der Kirchenmänner im Umfeld des Johanneums.

Zitat: "Im Johanneum übernimmt ein Bruder hausmeisterliche Tätigkeiten und zwei Patres sind für die Jugendgruppen tätig."

Sie betreuten die KSJ, die katholische studierende Jugend und die Pfadfinder. Ein Schwerpunkt liege dabei auf Verwaltungsaufgaben, teilt der Anwalt des Ordens mit. 

Mehr zum Thema:

Kloster Ettal - Keine neuen Fünftklässler im Internat
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 26.09.2014)

Zweifel am Willen zur Aufklärung
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 15.03.2013)

Länderreport

Der Nazi-WestwallWildkatzen und Militärmuseen
Eine Panzersperre aus Beton des ehemaligen Westwalls (picture alliance/dpa/Foto: Horst Ossinger)

Hitlers "Westwall" war eine 630 Kilometer lange, kilometertiefe Bunker-Landschaft mit unterirdischen Stollen und Panzerhöckern. Vier Bundesländer teilen sich heute die Relikte − allenthalben wird über das sperrige Erbe und Geschichtsklitterung gestritten.Mehr

Pflegekräfte aus OsteuropaWa(h)re Engel
Viele mobile Pflegedienste sind am Markt tätig und bieten ihre Leistungen an. (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)

In Osteuropa gibt es nicht genügend Jobs, und in Deutschland fehlen Pflegekräfte. Deshalb kommen viele Frauen aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland, um alte Leute zu versorgen. Entstanden ist dadurch ein System der Ausbeutung. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur