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Buchkritik | Beitrag vom 11.02.2016

Joan Sales: "Flüchtiger Glanz"Am Ende ist der Krieg verloren

Von Maike Albath

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Rotspanische Kavalleristen kehren nach einem erfolgreichen Aufklärungsritt in ihre Stellung zurück (1936). Auf den drei Pferden sitzen zwei Männer und eine Frau.  (picture alliance / dpa / dpa)
Rotspanische Kavalleristen kehren nach einem erfolgreichen Aufklärungsritt in ihre Stellung zurück (1936). Auf den drei Pferden sitzen zwei Männer und eine Frau. (picture alliance / dpa / dpa)

Der Schriftsteller und Dichter Joan Sales beleuchtet im seinem Buch "Flüchtiger Glanz" die Grauzonen des Spanischen Bürgerkriegs. In weiten Strecken ist das Werk ein Briefroman - der die alten Seilschaften zwischen Adel, Großbürgertum, Kirche schildert.

So quälend, zermürbend und sinnlos der Kampf gegen Francos Guardia civil auch sein mag – er beschert den Helden in Joan Sales' epischem Bürgerkriegspanorama "Flüchtiger Glanz" eine ungeheure Intensität. Es herrsche ein gieriger Durst nach Glanz, schildert der ernüchterte Lluís seine Seelenlage. Der katalanische Schriftsteller Joan Sales, als Sohn einer bürgerlichen Familie 1912 in Barcelona geboren, Anhänger des katalanischen Nationalismus, kannte diese Art der Sinnstiftung, denn er war selbst Bürgerkriegsveteran und nach Francos Sieg 1939 ins Exil nach Frankreich und später nach Mexiko gegangen. 1948 kehrte er nach Barcelona zurück, arbeitete als Korrektor, Schriftsetzer, Lektor und Übersetzer für verschiedene Verlage, entdeckte eine Reihe katalanischer Autoren und begann schließlich, seine zentrale Lebenserfahrung zum Gegenstand eines Romans zu machen. Zuerst von der Zensurbehörde des Franco-Regimes verboten, erweiterte Sales "Flüchtiger Glanz" noch einmal, bis es 1956 in einer ersten Fassung erscheinen konnte und über den Umweg der französischen Übersetzung in den späten 60er Jahren den Status eines Klassikers der katalanischen Literatur erlangte.

"Flüchtiger Glanz" ist über weite Strecken ein Briefroman, der die Geschehnisse zwischen 1936 und 1939 aus drei verschiedenen Perspektiven schildert. Als erster ergreift besagter Lluís das Wort, Neffe eines Nudelfabrikanten und Jurist, der in Aragonien an der "toten Front" landet. Seine Aufzeichnungen, die mit Daten versehen sind, richten sich an seinen Bruder Ramón, dem er erschüttert von Klosterschändungen und sinnloser Zerstörung berichtet. Seine Frau Trini, Tochter eines Anarchisten, ist mit dem gemeinsamen Sohn in Barcelona zurückgeblieben. Zwischendurch kreuzt sein Jugendfreund Juli auf, ein Charismatiker und die schillerndste Figur des Ensembles, der einen bitteren Pragmatismus an den Tag legt und dennoch ein tiefes Gespür für menschliche Belange besitzt.

Mal kolloquial, mal derb, mal philosophisch

Bei Lluís wechseln Langeweile und Zweifel an seiner Bestimmung mit großen Naturerlebnissen und einer – nur ersehnten – Liebesgeschichte mit einer verwitweten Schlossherrin, deren Mann von den Anarchisten ermordet wurde. Später sind es Kampfhandlungen mit zahlreichen Toten, die ihm ein neues Empfinden für das Leben vermitteln. Der zweite Teil setzt sich aus Briefen zusammen, die die einsame Trini an Juli schreibt. Ausgerechnet im Verborgenen zelebrierte katholische Messen vermitteln ihr eine Teilhabe an der Wirklichkeit. Sie lässt sich schließlich sogar taufen. Im dritten Teil des Romans tritt ein weiterer Kamerad von Lluís und Juli als Ich-Erzähler in Aktion: Der Priesterseminarist Cruells, der mit zwanzigjährigem Abstand seine ernüchternde Version der Geschehnisse liefert. Die alten Seilschaften zwischen Adel, Großbürgertum, Kirche und Militär haben das Land längst wieder in der Hand.

Die Qualität von "Flüchtiger Glanz" besteht weniger in der Erzählweise, die eher konventionell ist und mal kolloquial, mal derb, mal philosophisch daher kommt, sondern vor allem darin, dass hier die Grauzone des Bürgerkriegs ausgeleuchtet wird. Anders als Orwell in "Mein Katalonien" oder "Hemingway in Wem" die Stunde schlägt ist Sales jede Idealisierung fremd. Es herrschen Chaos, Gewalt und Selbstermächtigung, Ideologien zerschleißen sich. Dass ausgerechnet der Katholizismus einen Lichtblick bietet, bleibt fragwürdig, aber gerade in seiner Zerrissenheit entfaltet "Flüchtiger Glanz" etwas Faszinierendes. Der Originaltitel nimmt ein Shakespeare-Zitat auf: "the uncertain glory of an April day ". Am Ende ist der Krieg verloren, sind die privaten Pläne gescheitert und der Glanz verloschen. Nur die Erinnerung hat ihn bewahrt.

Joan Sales: "Flüchtiger Glanz"
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt
Carl Hanser Verlag, München 2015
570 Seiten, 26,00 Euro

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