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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.04.2013

Jenseits von Folklore-Kitsch

Mehr als bunte Röcke und feurige Musik: Wie sich Roma-Künstler emazipieren

André J. Raatzsch im Gespräch mit Joachim Scholl

Flamenco-Tänzerinnen auf dem Campus in Cottbus, Februar 2013 (picture alliance / ZB / Oliver Mehlis)
Flamenco-Tänzerinnen auf dem Campus in Cottbus, Februar 2013 (picture alliance / ZB / Oliver Mehlis)

Ein Vorbild für Roma-Künstler sieht André J. Raatzsch in der Black-Culture-Bewegung in den USA, deren Protagonisten heute in der internationalen Kunstwelt etabliert seien. Raatzsch ist Mitinitiator der Kulturreihe "Romanistan - Crossing Spaces in Europe" in Berlin.

Joachim Scholl: Am kommenden Montag ist der weltweite Tag der Roma, und morgen schon beginnt in Berlin ein weitgespanntes Festival zur Kunst und Kultur der Roma. Organisiert von der Initiative Romanistan - Crossing Spaces in Europe, die sich seit 2011 dafür einsetzt, dass man bei Roma-Künstlern und -Künstlerinnen zunächst auf die individuelle Kunst blickt und dann erst nach der Herkunft fragt, und ob sie eine Rolle spielt. Im Studio ist jetzt André Raatzsch, Künstler, Kunsttheoretiker und einer der künstlerischen Leiter des Programms. Guten Morgen, Herr Raatzsch!

André J. Raatzsch: Guten Morgen!

Scholl: Thank you for flying Romanistan wird es am Schluss im Mai auf einer großen internationalen Konferenz heißen. Wo waren wir denn dann überall, wo liegt denn dieses Romanistan?

Raatzsch: Romanistan liegt eigentlich, wenn ich so ein bisschen lyrisch das sagen darf, es liegt in unseren Herzen. Als Land, als physische Plattform, können wir das natürlich nicht vorstellen, was wir alle ganz genau wissen, die Roma haben ja kein Land, keinen Staat, aber das bedeutet nicht, dass die nicht in Europa sich wohlfühlen möchten, und dass die nicht hier ihren Platz schon längst gefunden haben. Man muss nur ein bisschen in die Herzen reinschauen, und dann kann man das sehen.

Scholl: Wenn von kultureller Identität und Kunst der Roma gesprochen wird, dann ist man ganz schnell bei Folklore, bunten Gewändern, romantisierender Exotik – wo kommen diese Stereotypen eigentlich her?

Raatzsch: Ich denke, dass sie sind Wahrheiten und auch Halbwahrheiten. Es verändert sich ständig wie selbst die Kultur in Europa. Wir können auch nicht behaupten, dass deutsche Kultur nur aus Wurst, Bier und so was besteht. Und so können wir das auch nicht behaupten, dass die Roma-Kultur nur aus bunten Röcken, feuriger Musik und so ähnliche Sachen besteht.

Wir müssen das ganz genau schauen, dass seit den 70er-Jahren in Europa schon mehrere Kulturbewegungen, emanzipatorische Bewegungen, stattgefunden haben mit mehr oder weniger Bewusstsein in Europa. Es gibt weltweit Roma-Literaten, Roma-Theater, die nicht nur die Roma darstellen, sondern ganz Europa in dem Spiegel zeigen.

Scholl: Über zehn Millionen Sinti und Roma leben in Europa. Kann man hier überhaupt von einer kulturellen Identität sprechen?

Raatzsch: Eine kulturelle Identität – also ich kann jetzt von meiner eigenen Erfahrung sprechen –, das ist immer geprägt von den Regionen, wo man aufwächst, wo man lebt, wo man – auch wieder lyrisch gesagt – sterben möchte, wo man die Kinder aufwachsen sehen möchte und wo man sich wohlfühlen möchte.

Ich komme aus Ungarn, und ich fühle mich auch als Ungar zu Hause. Und ich möchte mich zu Hause fühlen. ich mache mir Sorgen jetzt auch, was mit dem Land passiert, nicht nur über Roma, sondern über ganz Ungarn. Und ganz einfach gesagt, ich habe mehrere Identitäten, und ich freue mich darüber.

Scholl: Erzählen Sie uns davon, von diesen Identitäten, André Raatzsch. Also, Sie stammen aus Ungarn, haben Sie schon erwähnt, haben in Budapest und in Berlin Kunst studiert, was hat Sie denn geprägt, geformt, auch gerade in Bezug auf die Kunst, als Künstler?

Raatzsch: Meine Identität ist von mehrfachen Kulturen geprägt. Mein Vater ist Deutscher – ich bin auch in Deutschland geboren –, durch meinen Vater habe ich ganz viel gelernt, also wie man über Literatur, über Goethe, überhaupt das lesen kann, lesen soll, das hat mein Vater auch mir beigebracht. Von meiner Mutter, die eine Romni ist, habe ich gelernt, wie man zum Beispiel einfache Konflikte in Familien löst, aber das ist nicht, weil sie Romni ist, das ist, weil sie meine Mutter ist. In meiner künstlerischen Arbeit kommt das natürlich auch vor – ich hatte eine sehr schöne Kindheit, und in dem Kunststudium habe ich auch ganz viel Reflexionen, künstlerische Reflexionen über meine Mutter, über meinen Vater gewidmet.

Heute aber, als unsere Gesellschaft von verschiedenen Nachrichten, verschiedenen Themen geprägt wird, wo die Roma auch als neu Zugewanderte, als – wie soll ich sagen – Migranten vorkommen, muss ich natürlich auch meine eigene künstlerische Arbeit in diese Richtung anpassen, und ich möchte das auch.

Scholl: Wie begegnet man Ihnen denn in der Welt der Kunst, Herr Raatzsch? Sind Sie jetzt erst mal nur der Künstler André Raatzsch, oder immer der Roma-Künstler?

Raatzsch: Sehr schöne Frage: Also zu einem Konferenzbeitrag habe ich Folgendes geschrieben: Eigentlich, meine Ethnizität, meine Herkunft – in diesem Fall die Roma-Herkunft und nicht die deutsche – kommt ganz selten an dem Flughafen vor. Warum? Ich nehme meinen Pass, ich zeige das, das ist ein deutscher Pass, da steht: Nationalität Deutsch. Damit ist es vorbei. Der Flughafen ist eigentlich ein sehr interessanter Ort, gerade deswegen, weil – na ja, dort fragt keiner: Herr Raatzsch, sind Sie ein Roma? Nein, die möchten meinen Pass.

Und das ist sehr interessant, weil eigentlich in der realen Welt, was ich mir so vorstelle, ich möchte erstens durch meine Arbeit anerkannt werden, was ich mit meinen 35 Jahren erreichen konnte, was ich beitragen konnte, nicht nur zur Roma-Kultur, nicht nur zur deutschen Kultur, sondern zu unserer ganzen europäischen Landschaft. Und ich denke, das hat auch Sinn, mich als André Raatzsch in der ersten Reihe zu schauen, was hat er gemacht. Nehmen wir diesen Pass, was steht drin? Der hat Bildhauerei studiert, der hat in Berlin Art in Kontext studiert, hat in Schulen gearbeitet, zurzeit beschäftigt er sich mit kultureller Bildung in Berlin, wie geht es den Kindern hier. Und darunter steht auch: Arbeit mit den Roma, die schon seit Jahrhunderten hier leben oder auch die jetzt gerade ankommen.

Scholl: Romanistan, ein Symposion zur Kunst und Kultur der Roma – Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit einem der künstlerischen Leiter, André Raatzsch. Wie begegnen Sie denn nun den Klischees, Herr Raatzsch? Was Sie anstreben, auch durch Romanistan, ist ja eine Deexotisierung der Kunst von Roma-Künstlern und -Künstlerinnen, also sie aus dieser Kitschecke rausholen. Wie gehen Sie das an?

Raatzsch: Die Frage kommt sehr häufig vor, seit fünf Jahren schon. Zu meiner Person: Meine Antwort ist immer, eigentlich, dieser Prozess, Emanzipation, der Deexotisierung, was, wie Sie sehen, ein sehr schweres Wort ist für mich, die prägen bei mir nur eines - das zu zeigen, wozu ich, wozu meine Kollegen fähig sind. Darunter verstehe ich Kollegen auch mit türkischem oder kurdischem Hintergrund, auch aus Ungarn, auch aus New York. Darunter verstehe ich auch Folgendes: Wenn ich schaue, was in der Welt passiert ist, zum Beispiel bei dem Projekt The Roma Image Studio, nehme ich mir das Beispiel vom Harlem Studio Museum …

Scholl: Das ist die Ausstellung, die Sie selbst kuratiert haben für die Symposion?

Raatzsch: Genau, das ist die Ausstellung, die ich jetzt kuratiere, und wo ich auch selbst als Künstler teilnehme, wo ich nicht auf Neuem basiere. Ich nehme einfach nur, was schon passiert ist, in diesem Fall in Harlem. Was ist dort passiert? Black Culture, die Bewegung, das Movement von den 20er-Jahren, die haben eigentlich alles schon vorgeschrieben für uns, was wir selbst machen müssen, um zu dieser Emanzipation beizutragen. Und das ist ganz einfach, wir müssen unsere künstlerische Arbeit einfach geben, und wir müssen das kommunizieren.

Scholl: Sie sprechen in diesem Zusammenhang, André Raatzsch, von Zwangsfolklorisierung. Wie entkommt man denn der?

Raatzsch: Die Antwort ist erst mal einfach, aber im nächsten Moment sehr komplex. Bei allen Nationen gibt es eine Folklore. Diese Folklore wird durch Institutionen wie Museen, Galerien, Kultureinrichtungen, Bildungseinrichtungen geprägt, weitergeführt, neu formuliert, neu kommuniziert. Im Fall von Roma passiert diese ganze Bewegung, dieser ganze Wechsel erst seit den 70er-Jahren.

Und wir müssen das auch ganz genau sehen, dass diese Bewegung ist sehr langsam. Warum? Weil die Roma selbst als Minderheit nur sehr wenige Instrumente, Institutionen haben, die das ganz genau bestimmen können, langfristig pflegen können und kommunizieren. Und ich denke, wir leben jetzt in einem Zeitalter, wo wir das – also ich persönlich selbst – dazu beitragen kann, das mitwirken kann und das ansprechen kann. Und ich denke, in der Zukunft wird sich auch in der Roma-Kultur Folklore, zeitgenössische Kunst und regionale Kunst, lokale Kunst einfach trennen.

Scholl: Ist es nicht aber auch ein Etikett, das einen schützen, mit dem man eventuell sogar werben kann, seht her, hier kommt die Kunst einer diskriminierten Minderheit, aber da dürft ihr definitiv nicht dagegen sein?

Raatzsch: Jetzt lache ich ein bisschen, da kommen folgende Begriffe in meinem Kopf vor: Ethnobusiness, Ethnomarketing. Ehrlich gesagt, einerseits, man wäre dumm, wenn man das nicht nutzen würde, andererseits, wie man das nutzt, das ist wichtig, was man damit erreicht, was man damit kaputt macht. Wie kann man das so gestalten, dass die Emanzipationsprozesse, dass die Protagonisten, die als Roma hier teilnehmen und teilnehmen möchten, später das erreichen können, was zum Beispiel in den USA bei der Black Culture passiert ist, dass die anerkannt sind heute, in internationaler Kunstwelt etabliert sind.

Scholl: Bei Ihnen persönlich dafür alles Gute, für die Ausstellung, André Raatzsch, und natürlich auch für das gesamte Programm von Romanistan. Crossing Spaces in Europe. Morgen beginnt das Symposion in Berlin mit zahlreichen Veranstaltungen bis in den Mai hinein, schön, dass Sie da waren, André Raatzsch, vielen Dank!

Raatzsch: Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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